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schränke ich mich wegen Raumersparnisses nur ans die be¬
deutendsten.
Die Juden Polens sahen im Jahre 1884 zwei der
berühmtesten Künstler ihres Glaubens und der polnischen
Nation ins Grab sinke», es sind dies der vortreffliche polnisch-
jüdische Maler Alexander Lcsscr (Warschau) der auch aus
der jüdischen Geschichte gerne die Vorwürfe zu seinen genialen
Schöpfungen wählte, (Sein letztes Werk: „Die Deputation
der Juden vor dem König Casimir" blieb unvollendet), und
der in seiner Art noch bedeutendere Professor Heinrich
Redlich, unstreitig der bisher bedeutendste Kupferstecher
der Polen (zu Lask in Russisch Polen geboren), eine Zeit
lang Professor der Kupferstechkunst an der St, Petersburger
kaiserlichen Kunstakademie, zuletzt in Paris wohnend, leider
schon zu 42 Jahren in Berlin verstorben und ans dem
jüdischen Friedhof bei Weißeusee beerdigt.
Aus Oesterreich schwand im vorigen Jahre eine der
Corhphäcn des öffentlichen Lebens aus deni Reiche unserer
Glaubensgenossen, auf den jeder Jude stolz sein kann, der
Reichsrathsabgeordnete für Wien: Ignaz Kn ran da, als
Patriot und Schriststeller, als Politiker und Publizist hoch¬
verdient um Oesterreich, ich möchte ihn den „Laster
Oesterreichs" nennen. Kuranda, der 73 Jahre alt wurde,
gehörte zu all' den, noch mit Leib und Seele dem Juden-
ihum an, und war lange Jahre hindurch erster Vorstand
der riesigen Wiener Israelit, Gemeinde, Seine Adoptiv-
vaterstadl Wien veranstaltete ihm ein fürstliches Leichenbe¬
gängnis;, Cr war einer der Edelsten und Charaktervollsten
in Israel. -- Nicht unerwähnt darf ich lassen den wackeren
Adolf Ritter von Pollak-Rudin, der berühmte In¬
dustrielle, der, ein wahrer moderner Mäcenas, mit einein
Aufwande votl fast einer halben Million Gulden in Wien
das „Rudolfium", ein mit Graliswohnung und Verköstigung
verbundenes Internat für arme Polytcchniker jeder Con-
fession, grllitdete. Der Name des Wackeren wird aus ewige
Zeiten aus den Lippen Hunderter von dankbaren Studenten
schweben, — Eine Zierde des Judcnthuins von der Wiener
Universität war der im September v, I, verstorbene Prof,
Herrmann Ritter von Zeißl, aus Mähren gebürtig, der
1861, als der erste Jude an der Wiener Universität, zum
Professor ernannt, eitler der Begründer der Dermatologie
wurde, Professor von Zeißl war seit einigen Jahren in
de» Ruhestand getreten. Sein vielversprechender Sohn ist
Privatdocent an der Wiener medizinischen Fakultät, Es
seien noch genannt aus Oesterreich: Der 97jährige
Schriflstellerveteran Lazar Hvrowitz «Wien), mit seinen
jüdischen Novellen und Erzählungen gleichsam ein Vorläufer
Komperts und Lev Herzberg-Fränkel's, zugleich gewesener
Lehrer der österreichischen Erzherzogin Hermiuc im Hebräischen,
der hochbetagte mährische Landesrabbiner Abraham Placzek
(Brünn) und andere.
Aus Ungatzn nenne ich den greisen Arzt Josef Berget,
der, als erster, eine „Geschichte der Juden in Ungarn" in
deutscher Sprache verfaßte und den außerordentlichen Professor
am kgl. Polytechnikum zu Budapest vr, Wilhelm Pillicz,
dem berühmtesten O e n v l o g e n Ungarns, und auf diesem
Gebiete die erste Autorität des Landes (starb blutjung, im
Anfänge der dreißiger Jahre.)
Von belgischen Glaubensgenossen starb 1884: Josef
Oppenheim, ei» berühmter Bankier, lange Jahre
Vorsitzender des Brüsseler israelitischen Cousistoriums, eine
Zierde des belgischen Judenthums, wie es der im Jahre
früher Verstorbene Senator R, I, Bischoffsheim gewesen,
Franzosischcrseits starben: Der Oberst Abraham
August Samuel, einer der ausgezeichnetsten, hochgestellten
Offiziere der französischen Armee, eine Autorität iin Gebiete
des militärischen Fortificationswesens, zuletzt Chef des
„Burcau's für geheime militärische Information" im franzö¬
sischen Kricgsministerium, ferner den Crösus: Armand Heine,
dessen Reichthum aber mit seiner echt jüdischen Wohlthätig-
fett gleichen Schritt hielt (Paris), endlich der berühmte Hi¬
storienmaler Benjamin Ullmann, der hochangesehenen
gleichnamigen Elsässer Familie angehörend, Ritter der Ehren¬
legion, einer der bedeutendsten Künstler des historischen Faches,
dessen Ruhm die großartigen Wandmalereidn des neuen
Palais de Jusfcice in Paris, ferner seine Gemälde in
Luxemburg immerdar verkündet werden,
Italien verlor im Professor Lattes (Sohn eines
Rabbiners), einen seiner vielversprechendsten jüngeren Ge¬
lehrten (Der junge Universitätsprofessor verunglückte bei
einer kühnen Bergbesteigung in den Alpen.)
Endlich erwähne ich noch von amerikanischen
Glaubensgenossen den aus Ungarn gebürtigen berühmten
New-Aorker Rabbiner Adolf Hübsch, und den Staats¬
mann. Judah Benjamin, der in der Geschichte seines
amerikanischen Vaterlandes als Senator später als
Minister der consöderirten Südstaaten eine bedeutende
Rolle spielte, so daß er im amerikanischen Bürgerkriege
(1860—64) die rechte Hand Jeffersvns Davis genannt wurde,
und der, wenn es galt, in seinen hohen Stellungen immer
wieder für Juden und Judcnthum eintrat. Um so trauriger
mußte es wirken, als man las, daß dieser überzeugungsvolle
jüdische Exminister — nach katholischem Ritus beerdigt wurde.
Sollte Benjamin wirklich sich gegen Ende seines Lebens auf
katholische Einflüsterungen hin in Paris getauft haben? . ,
Dies bedarf jedenfalls noch einer Aufklärung und wäre eine
solche sehr erwünscht. Ich muß noch bemerken, daß der
oben erwähnte Armand Heine, ein ebenfalls guter Jude
(auf die Minirarbeit seiner katholischen Gattin!!) aus —
dem Todten bette (!!) getauft ward. Doch dergleichen
darf den Kenner der ähnlichen gar häufigen Folgen, be¬
sonders katholisch- jüdischer Mischehen nicht frappiren.
Ich schließe diese jedenfalls sehr erweiterte Todtenliste
mit dem ausdrücklichen Bemerken, daß alle hier vcrzeichneten
Berühintheiteli (mit Ausnahme des einen Armand Heine,
und auch dieser sozusagen, bis zu seinem letzten Tage) dem
Glauben ihrer Väter treu blieben. Vielleicht dürfte ich später
genug Muße finden, die Liste auch ans ausgezeichnete Ver¬
storbene jüdischer Geburt oder jüdischer Abstammung
auszudehnen. Es wäre aber ungerecht, zweier im verflossenen
Jahre ebenfalls dahingegangenen bedeutenden dänischen
Glaubensgenossen hier schließlich ganz zu vergessen, es sind
dies: Hofralh Melchior, der eine Zeit lang Mitglied des
dänischen Oberhauses war und der königl, dänische
Staatsralh Jjaac Wolf Hey mann, beides Leuchten der
Bürgertugetidcti, ans die ihre nordischen Glaubensgenossen
mit Recht stolz waren. Der greise Obcrrabiner Kopenhagens,
Prof, Wolff hielt über sie die Trauerrede.
Möge es mir gestattet sein, zu hoffen, daß die israeli¬
tische Todenlistc von diesem Jahre, von 1885, keine so lange
und Namen solch e d c l st c n Klanges enthaltende sein wird.
Budapest im Februar 1885. Prof, L, P.*)
Allerlei für den Familientisch.
Jüdische Wohkthätigkeil. In Szered (Comitat
Preßburg) starb vor einigen Wochen Leopold Akwir, und
hatte folgende letzwillige Verfügung hinterlassen: 1. Sein
ganzes Vermögen, in Höhe von 1,200,000 Fl. öst, W„ soll
an Arme, ohne Unterschied der Confessio», vertheilt werden,
und zwar sollen 2, 50,000 Fl. unter den armen Inden
Palästinas zur Bertheilung gelangen, dagegen 3) das ganze
übrige Vermögen zinstragend angelegt und die Jirteressen
jährlich den Szereder Ortsarmen, ohne Utiterschied der Con-
fession, gegeben, und 4. nach 25 Jahren das Capital selbst
unter diese Ortsarmen vertheilt werden. Man hat berechnet,
daß jeder^Arme in Szered durch dieses Vermächtniß eine
jährliche Subvention von 250 Fl, öst, W, erlangt.
*) In »origer Rr, muß es heißen: katholischer Professor
Cohuheim.