Seite 672.
Israelitische Wochenschrift.
Nr. 47.
„Aber für ein Mädchen schickt sich das ewige Streiten nicht."
Ihr Gesicht, das eben noch finster genug geblickt hatte, wurde
sanfter, ihre großen, blauen Kinderaugen schweiften träumerisch
über den See. „Hier ist es zu schön", sagte sie leise, „hier
könnte ich alles Traurige vergessen!"
„Dann komme oft herüber zu mir", bat Alfred herzlich,
„wir wollen gute Freundschaft halten."
„Gern will ich das. Ich habe noch nie einen Freund
besessen; du wärest wirklich ein Freund!" Sie ergriff seine
dargebotene Hand und schüttelte sie ehrlich.
„Aber laß uns unsere Freundschaft vor Jedermann als
tiefstes Geheimnis bewahren!"
„Als tiefstes Geheimnis", beteuerte Postel entzückt.
Alfred sprang begeistert auf, zerrte eine der Schiebladen
des Tisches auf, nahm einen der Dolche heraus und schwang
ihn vor Postels Gesicht: „Schwöre auf mein Schwert", rief
er wild, „schwöre!" Er kreuzte Postels Hände über dem
Dolch: „schwöre es mir nach!" sprach er dumpf:
„Bei dem Feuer der Wacht —
Bei den Fischen im Meer —
Bei den Sternen der Nacht
Ich schwör'! Ich schwör'!"
Hingerissen sprach Posthuma mit aller Andacht, die die
Situation erheischte, den erhabenen Vers anstandslos nach.
„Du behältst aber gut!"
„Ja", sagte Postel, „ich lerne sehr leicht, es fliegt mir
alles an."
„Und ich", — Alfred warf ernüchtert den Dolch bei
Seite und ließ sich unmutig auf den Divan fallen — „ich
lerne furchtbar schwer; das ist eben das Unglück meines Lebens.
Meine Ellern, mein Bruder, mein Lehrer, alle halten sie mich
für ganz dumm und unbegabt!"
„Da kennen sie dich aber schlecht!" rief Postel empört.
„Ach leider! Ich habe immer sehr mäßige Zensuren und
bin so zurück. Denke dir, ich bin schon elf und habe noch
nicht mal Quintanerreife." Es glitzerte verdächtig in seinen
Augen.
„Wo haperts denn?" fragte Postel, ihm zutraulich näher
rückend.
„Zuerst Latein! Ich begreife nicht, wozu braucht ein
Offizier, der ich doch einmal werde, Latein zu verstehen? Und
dann Geschichte! Gräulich ist's! Wie soll ein einzelner Mensch
sich alle Kriege merken, die von Anfang der Welt an geführt
wurden? Das Schlimmste ist und bleibt aber der deutsche
Aufsatz! Wenn ich König wäre, den Mann, der den deutschen
Aufsatz erfunden hat, ließ ich in's Gefängnis werfen!"
„Deutsche Aufsätze mache ich gar nicht ungern. Ich
schmiere einfach hin, was mir gerade durch den Kopf geht,
dann schreibt mein Lehrer darunter: „Etwas flüchtig, aber sonst
im ganzen gut."
„Du Glückliche! Und erst diese verwünschten Gedichte!"
„Gedichte seh' ich mir zweimal an, dann kann ich sie.
Wenn's hoch kommt, lege ich mir des Abends das Buch unter
mein Kopfkissen."
„Ja", brummte Alfred, „ich könnte mir eine ganze
Bibliothek unterlegen, es hälfe mir nichts. Bis morgen soll
ich „die Bürgschaft" hersagen, ich weiß noch nicht ein Wort."
„O!" rief Postel eifrig, „das wollen wir bald haben.
Fang mal an!"
„Ich habe den Schiller nicht zur Hand.. ."
„Macht nichts, ich helfe dir ein.
Zu Dionys dem Tyrannen — los!"
Sie deklamierte sehr dramatisch, mit Feuer und Pathos,
erklärte und dozierte wie ein alter Professor. Alfred mußte
mit, ob er wollte oder nicht. Nach dreiviertel Stunden rief
er vergnügt: „Sie hat es mir wirklich eingepaukt, ich glaube,
jetzt sitzt's."
„Siehst du! Denke daran, daß dieses Gedicht von der
Freundschaft handelt, von einer großen, treuen Freundschaft",
sprach Postel emphatisch, „wir wollen auch, so wie Möros
und sein Freund, Einer für den Andern das Leben hingeben."
„Abgemacht. Das wollen wir."
„Sieh dir's nur heut Abend noch mal an", mahnte Postel.
„Verlaß dich darauf", erwiderte der Graf mit schönem,
männlichen Ernst, „ich werde weder das Gedicht, noch unsere
Freundschaft vergessen. Und nun will ich dich wieder hinüber¬
rudern, ich muß dir noch meine Vogelsprenkel und meine
Schaukel zeigen!"
Die Sonne war schon im Untergehen, als sich die neuen
Freunde sehr schwer und sehr ungern trennten. Alfred zeigte
Postel, wie die von dem Stahl'schen Garten aus gar nicht zu
merkende Oeffnung des Zaunes durch einen Griff an einer
versteckten Stelle bewerkstelligt werde und ließ abermals
beteuern
„bei dem Feuer der Wacht",
„bei den Fischen im- Meer",
dieses Geheimnis^ weder Mensch noch Tier zu verraten.
„Wirst du wiederkommen?"
„Gewiß", nickte Posthuma, „morgen früh um sieben, eine
Stunde, ehe ich zur Schule gehe".
Alfred nahm aus einer Tasche eine kleine, silberne Pfeife
an langer, goldener Kette. „Schön. Hier hast du meine
Jndianerpfeife, ich werde pfeilschnell, wie der schwarze
Stelle sein, wenn ich dich das Signal geben höre: Dreimäc^.
und einmal kurz hugh!"
Ein Rest von Vernunft, der in Posthumas romantischem
Kopf noch glimmte, hieß sie, wenigstens die goldene Kette
zurückweisen: „Weißt du, deine Frau Mutter könnte dich nach
ihr fragen."
(Fortsetzung folgt.)
Brief- und Fragekaften.
Herrn I. L. in B. Selbstverständlich heißt es: „Von
dem der Bruch mehr ehrt als die Befolgung," nicht: „der
Brauch." — I. Ch. in L. Ist in der Tat nur versehentlich
fortgeblieben. — Anonymus. Wer nicht den Mut hat, sich | /
zu seiner Meinung zu bekennen, der hat auch nicht das Recht, } /
eine Meinung zu äußern. ! j
- / \
Geschäftliche Mitteilung. \
Die Liebe geht durch den Magen. Das mag ja etwas vor- \
wunderlich klingen, aber vorurteilslose Hausfrauen werden dem
Ausspruch eine gewisse Berechtigung nicht absprechen. Sie müssen !
bestätigen, daß durch Maggi's bewährte Suppen- und Speisen-
Würze bei manchem Mittagessen die gefährdete Gemütlichkeit >
aufrecht erhalten wurde, wenn die Suppe etwas „fad" geraten
war Maggi's Suppen- und Speisen-Würze kräftigt und ver¬
feinert den Geschmack schwacher Suppen, Saucen, Gemüse, Salate •
u. s w. in unvergleichlicher Weise bei sparsamster Verwendung. i I er
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Verantwortlich für den redaktionellen Teil: M. A. Klausner,
für den Inseratenteil: Arthur Scholem in Berlin.' j
Druck und Verlag von Arthur Scholem, Berlin 0., Roßstraße 3.