Zeitschrift fiit die ßffimiintfnfrii des Jodest««.
MeSst öern WeiStall: IüöiscSes LitteraturSkatt.
Verantw. Redakt.: Rl. A. Klausner,
Serliu W., Tanrnzieustr. 19 a.
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Deutschland u. Oesterreich-Ungarn 2,50MK.,
alle anderen Länder 3 — Mk.
Nr. 50. 4 Berlin,
Dezember ^900. Jahrgang IX.
Erscheint an jedem Freitag, das jüdische Litteraturblatt monatlich
einmal. Zu beziehen durch die Post, d?n Buchhandel oder
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sowie unsere Expedition nehmen Anzeigen entgegen.
Für die Redaktion bestimmte Mitteilungen erbitte ich an
die Adresse: Berlin V/., Tauenzienstr. 19 a. M. A. Klausner.
Inhalt.
Artikel: Die Politik. (Ein unfreiwilliges Geständnis. — Die
Antisemiten von Könitz. — Antisemitische Moral. — Strafantrag
gegen Graf Pückler-Kleintschirne. — Eine aufgelöste Pückler-Ver-
sammlung. — Ein Zionistenführer. — Die ewige Ver¬
jüngungskraft Israels. (Zum Chanukafest.) Von Rabbiner
Dr. B. Selig ko witz-Cöthen. — Verein israelitischer Lehrer
in Schlesien und Posen. — Literarisches: Manuel Schnitzers
„Franja, die Magd." — Wochenchronik: Wochenkalender.—
Berlin: Altenheim. — Vortrag. — Vereinsfest. — Magdeburg:
Von der Philippson-Feier. — Stolp: Ableben Raphael Wolffs.
— Frankfurt a. M.: Talmud-Thora-Verein. — Warschau:
Ein jüdisches Fürstengeschlecht. — Cherson: Rabbi Jehuda
Vehak. — London: Jüdische Arbeitsschule. — Erbschaftssteuer.
— Krippenanstalt. — Personalnachrichten und kleine Mit¬
teilungen. — Vakanzen. — Geschäftliche Mitteilung. —
Brief- und Fragekasten. — Inserate.
Die Poliiid.
(Ein unfreiwilliges Geständnis.) Ein „unterrichteter"
Korrespondent der „Neuen Bayrischen Landeszeitung" schreibt:
„Der Zar ist unrettbar verloren, denn er hat ein schleichendes
Gift erhalten. Schon wiederholt wurde in der „Landesztg." daran
erinnert, daß der Zar bei den maßgebenden Kreisen Rußlands
wegen seiner judenfreundlichen Gesinnung und seiner Rücksicht auf
das dicke englische Blut unbeliebt sei und daß diese Unbeliebtheit
noch durch diejenige überboten werde, welche die Zarewna, eine
hessische Prinzessin, die mit ihrem Gemahl und den Kindern nur
englisch spricht, im ganzen russischen Volke genieße. Wiederholt
haben wir darauf hingewiesen,. daß die Russen einen romanisch-
englisierten Kaiser auf die Dauer nicht ertragen, und daß diesem
das Schicksal des Zaren Paul, der genau vor 100 Jahren an seiner
eigenen Generalsbinde starb, in naher Aussicht stehe.
Der Zar, sagt ein russischer Edelmann, kriegt noch sein eng¬
lisches Pflaster und stirbt an den Boeren. Die Leser werden sich
an unsere Aeußerungen erinnern. Das Schicksal hat den Zaren
bald erreicht. Es ist gar kein Zweifel, daß der ohnehin nicht
nervenstarke Fürst Gift bekommen hat, gegen dessen Wirkung die
Kunst der Aerzte vergeblich sich bemühen wird. Sollte er auch
jetzt noch nicht sterben, so wird er zeitlebens an Siechtum leiden
und die Regierungsgeschäfte seinem 22 jährigen Bruder Michael
und einer Regentschaft überlassen müssen. Dann kommt wieder
ein scharfer Zug in die russische Politik."
Dem Zaren ist hiernach wegen seiner judenfreundlichen
Gesinnung Gift beigebracht worden; es folgt daraus, daß es
Judenfeinde gewesen sind, die ihm Gift beigebracht haben.
So unfreiwillig dieses Geständnis ist, wir können ihm
dennoch keinen Glauben schenken. Einem Antisemiten ist eben
unter keinen Umständen zu glauben, nicht einmal die Selbst¬
bezichtigung.
* *
/ *
(Die Antisemiten von Könitz.) Die antisemitischen Blätter
veröffentlichen nachstehenden Aufruf:
„Eine Vereinigung zur Aufklärung des Konitzer Mordes hat
sich in der Stadt Könitz gebildet. Am 11. März 1900 ist der in
blühendem Jünglingsalter stehende Gymnasiast Ernst Winter von
verruchten Mörderhänden in Könitz zu Tode gemartert worden,
und noch immer harrt die entsetzliche That der irdischen Sühne.
Die in den Tagen vom 26. Oktober bis 10. November 1900
zu Könitz stattgehabte öffentliche Schwurgerichts-Verhandlung
gegen die wegen Meineides angellagte Familie Maßloff hat ein
grelles Streiflicht in die dunkle Ingelegenheit geworfen, indem
dieser Prozeß weit über den R hmen eines einfachen Meineids-
prozeffes hinausgegangen und sic- zu einer Art von Ermittelungs¬
verfahren in der Winter'schen Mordsache gestaltet hat. Noch
erscheint es möglich, daß der geheimnisvolle Mord Aufklärung
und Sühne findet.
Diese Möglichkeit ist der selbstlosen und unermüdlichen
Thätigkeit einiger wenigen Männer zu verdanken, welche ohne
ausreichende Geldmittel, aber mit Aufbietung aller ihrer Kräfte
den Spuren des Mordes nachgegang^n sind. Die ungeheuren
Schwierigkeiten und Hindernisse, welche sich jedem Schritte zur
Entdeckung der Mörder entgegenstellen, können aber schließlich
nicht durch den Eifer und die Thatkraft Einzelner überwunden
werden.