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Allgemeine Israelitische Wochenschrift.
Nr. 51.
aufzustellen, das Schächten auf eine bestimmte Anzahl Vieh
zu beschränken. Es habe sich aber als zweckmäßig ergeben,
die Frage einstweilen nicht weiter zu verfolgen. Das zu
schächtende und vor dem Schächten niedexzuwersende Vieh
solle nach bestimmten Anordnungen behandelt werden, um
mögliche Tierquälereien zu verhindern. Die Versammlung
erklärte sich damit einverstanden, daß diese Maßregeln alsbald
getroffen werden. — „Einstweilen" ist somit von dem Versuche
Abstand genommen, in Aachen auf einem Umwege das Schächt-
verbot einzuführen. Die jüdische Gemeinde in Aachen wird
dafür zu sorgen wissen, daß auch wiederholte Versuche eines
Eingriffs in die freie Befolgung religiöser Satzungen vergeb¬
lich bleiben.
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(Das ist ganz was anders!) Die „Kreuzzeitung" läßt
sich aus Petersburg folgendes berichten:
„Die Klagen gewisser Bevölkerungsgruppen und dementsprechend
auch einer Anzahl Zeitungen, daß die einheimischen Russen von
den „Fremden" in ihrem Erwerbe geschädigt und zurückgedrängt
werden, sind nicht neu. Auffallend aber ist es, daß dieselben Be¬
schwerden jetzt auch aus dem neu erworbenen chinesischen Gebiete,
aus Port Arthur und Talienwan ertönen. Dort sollen, wenn die
Berichte gewisser Blätter die Wahrheit melden, Engländer, Deutsche
und zum Teil auch Juden, sich in größerer Zahl niedergelassen und
den Handel hauptsächlich in ihre Hand genommen haben, was die
Russen natürlich sehr unangenehm empfinden. An und für sich
haben solche Klagen nicht viel zu bedeuten, solange sie nur in den
Spalten der Zeitungen bleiben. Aber in der Regel ist damit die
Aufforderung an die Regierung verbunden, besondere Maßregeln
gegen die „Fremden", zum Schutze der Russen zu ergreifen. Und
die Negierung erfüllt diese Wünsche häufig genug."
Das klingt keineswegs wie eine Zustimmung zu dem in
Rußland üblichen Verhalten gegen Fremde; im Gegenteil kann
man daraus eine Mißbilligung des Verfahrens hören, sowohl
in Betreff derer, die „besondere Maßregeln gegen die Fremden
zum Schutze der Russen" verlangen, wie in Betreff der russi¬
schen Regierung, die diese Wünsche „häufig genug erfüllt".
Wie aber steht es in Deutschland? Hier werden die „Fremden"
— auch wo politische Gründe gar nicht in Frage kommen —
schlankweg ausgewiesen, und die „Kreuzzeitung" weiß daran
nichts auszusetzen.
Wie war die Antwort Junker Alexanders?
Ja, Bauer, das ist ganz was anders!
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(Kleine Scherze). Wir haben in der vorigen Nummer
dieses Blattes mitgeteilt, daß aus der Tagesordnung der zum
2. Januar nach Tilsit einberufenen Konferenz der jüdischen
Religionslehrer Ostpreußens ein Vortrag des Herrn Rabbiner
Dr. Munk-Königsberg über die Frage steht: „Ist es zweck¬
mäßig, die Aufmerksamkeit der Schuljugend auf die gegen
den Glauben, besonders den jüdischen Glauben gerichteten
Angriffe zu lenken?" Die „Kreuzzeitung" bemerkt hierzu:
„Da Angriffe gegen den jüdischen Glauben von keiner Seite
her gerichtet worden sind, auch nicht von antisemitischen Kreisen
aus, welche die Juden lediglich als Rasse bekämpfen, und selbst
nicht von den Sozialdemokraten, so erscheint die Frage, die der
Königsberger Rabbiner auszuwerfen für zweckmäßig findet, nicht
berechtigt. Allem Anschein nach E man nur auf eine Stärkung
des jüdischen RaLionalgefühls schon bei der. Jugend hinwirken."
Angesichts des jüngsten Antrages im deutschen Reichs¬
tage gegen das Schächten gehört eine selbst bei Antisemiten
ungewöhnliche Wahrheitsscheu zu der Behauptung, daß „An¬
griffe gegen den jüdischen Glauben von keiner Seite her
gerichtet worden sind". Doch von dem Bekenntnis der
„Kreuzzeitung", die mitsamt der konservativen Partei von
den Brosamen Stahl - Schlesingers lebt, zum Rassen¬
antisemitismus soll gebührend Notiz genommen werden. Herr
Kropatschek, der Nachfolger des Freiherrn von Hammerstein,
fühlt sich wahrscheinlich schon durch seinen tschechischen Namen
als Urteutone und Raffengermane. Was aber wird sein
Freund Stöcker zu der Abwendung von der Judenmission
sagen? Was wird man dazu an der Stelle sagen, die, un¬
widersprochenen Gerüchten zufolge, das ganze Maß ihres
Interesses an jüdischen Dingen nicht über Judentaufen hinaus
auszudehnenvermag? — JmUebrigen wollen wir es Niemandem
wehren, unser religiöses Gefühl Stammesgesühl zu nennen.
Das sind billige Scherze, zu denen nichts als Unwissenheit
gehört.
(Algerische Zustände.) Ein Staatsstreich in Algier! so
heißt es in der antisemitischen Presse. Ein Staatsstreich ist
es nicht, wohl aber ein antisemitischer Krach: Der neue
Bürgermeister Max Regis ward von dem Polizeipräfekten
auf einen Monat seines Amtes entsetzt; er hatte in öffent¬
licher Versammlung sich vermessen, den Statthalter Laferriere,
gleich dessen Vorgänger Lepine, zum Abzüge auszusordern.
Der Statthalter bestätigte den Beschluß, und der Minister
des Innern dehnte dazu noch die Amtsentsetzung auf drei
Monate aus. Darauf große Entrüstung im Stadtrat. Max
reichte sofort seine Entlassung ein; Maueranschläge verkündeten
das große Ereignis, den Staatsstreich des heuchlerischen
Laferriere gegen den Stolz Algiers, den geliebten Max;
antijüdische Banden durchzogen die Straßen und warfen
einige „jüdische" Fenster ein, kurzum, die Lage sah so drohend
aus, daß die Truppen in den Kasernen zum sofortigen Ein¬
greifen bereit gehalten und eine Abteilung Gendarmen aus
Blidah nach Algier gezogen wurde. So kommt denn die
erste „ruhmreiche" Bürgermeisterschaft Max Regis' schnell zum
Ende; die erste: denn gesetzt, die Dinge gehen ihren richtigen
Gang, was allerdings höchst unwahrscheinlich ist, so wird
Max nach drei Monaten einstimmig wiedergewählt werden,
und der Tanz beginnt von neuem. Die Juden hat er trotz
seiner kurzen Wirksamkeit redlich geschunden, hat den jüdischen
Zeitungsverkäusern das Straßenverkaufsrecht genommen, den
Kaffeehäusern das Ausstellen der Schenktische aus den Bürger¬
steigen untersagt, die Kutscher aus bestimmte Plätze beschränkt,
den Ruf „Nieder mit den Juden" für berechtigt erklärt, und
es ruhig geschehen lassen, wenn von Christen, die bei Juden
kaufen, Photographien angesertigt wurden, um. sie an den
Pranger zu stellen. Der Polizeipräsekt, der den Absetzungs¬
beschluß erließ, war offenbar ein kluger Mann; er war vorher
um seine Versetzung eingekommen und wird sofort durch den
früheren Präsekten Lutuid ersetzt werden, und wenn Laferriere
die Wahl hätte, würde er sein Beispiel sofort befolgen, denn
Algier ist für ihn eine Hölle und wird es für alle anständigen,
gesitteten Menschen bleiben, so lange die französische Re-