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29. Dezember 1939
JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU
Seite 7
Das geistige Erbe des deutsche
Von Prof. Julius Guttmann (Jerusalem)
jn Film aus
dem dunkelsten
Altertum“
(Schluss)
Die von den ersten Forschergenerationen entwickelten
Grundauffassungen blieben für die Einzelarbeit der
nächsten Generationen bis zum Ausgang des Jahrhun¬
derts massgebend. Erst dann macht sich, wie auf dem
religiösen Gebiet, so auch hier das Bedürfnis einer Er¬
neuerung geltend. Seit dem Jahrhundertbeginn wird diese
Forderung wiederholt gestellt, doch zunächst ohne durch¬
greifenden Erfolg. Den entscheidenden Umschwung
bringt erst die Nachkriegszeit. Wie bereits erwähnt, er¬
wacht, und zwar besonders in Laienkreisen, das Verlan¬
gen, mit Hilfe der Wissenschaft wiederum ein Verhältnis
zum jüdischen Leben zu gewinnen, und zugleich findet
sich eine junge Forschergeneration, die um ein neues
Verständnis der jüdischen Vergangenheit bemüht ist.
Sie fühlt sich im Gegensatz zu jeder theologischen Ge¬
schichtsbetrachtung, liberaler wie konservativer Färbung,
und strebt nach höchster Strenge geschichtlicher Er¬
kenntnis, entnimmt freilich aber ihre Masstäbe der ge¬
wandelten jüdischen Gesamthaltung der Gegenwart und
will über ihre reine Forschungsaufgabe hinaus zugleich
wieder dieser Haltung entsprechende innere Beziehung
zu der geschichtlichen Wirklichkeit des Judentums her-
stellen. Zu einer neuen Gesamtkonzeption ist es noch
nicht gekommen, aber eine Reihe ausgezeichneter Einzel¬
leistungen zeugt für die Fruchtbarkeit und Triebkraft
der neuen Forschungsrichtung.
Jüdische Philosophie
Die beste theoretische Deutung des Judentums und
die letzte Klärung unseres Verhältnisses zu ihm aber ist
Sache der Philosophie und auch die moderne jüdi¬
sche Philosophie ist wesentlich eine Schöpfung des deut¬
schen Judentums. Mit den Mitteln der Aufklärungs¬
philosophie hatte Moses Mendelssohn eine Deutung
des Judentums unternommen. Die dreissiger und vier¬
ziger Jahre des 19. Jahrhunderts bringen eine Reihe von
Versuchen, das Judentum mit den Mitteln der deutschen
idealistischen Philosophie zu begreifen und der von den
Schöpfern dieser'- Philosophie unternommenen ;• spekula¬
tiven Rechtfertigung des Christentums eine solche des
Judentums entgegenzustellen. Der bald darauf eintre-
tende Zusammenbruch dieser ganzen Richtung des Philo-
sophierens hat die in ihren Rahmen gehende jüdische
Philosophie um ihre Wirkung gebracht. Mit unvergleich¬
lich grösserer Kraft hat dann im Ausgang des 19. Jahr¬
hunderts Hermann C o h e n die Aufgabe wieder in
Angriff genommen. Mit einer Tiefe und Originalität des
Denkens, welche die Entwicklung der deutschen Philo¬
sophie entscheidend beeinflusst hat, vereinigte sich in
ihm ein mächtiges religiöses Ethos, das ihn zu kongenia¬
lem Verständnis, vor allem der ethischen Grundkräfte
der jüdischen Prophetie befähigte. Er baute seine Deu¬
tung des Judentums mit den Mitteln der von ihm ver¬
tretenen neukantischen Philosophie auf, und setzte das
Ethos des Judentums dem ethischen Rationalismus dieser
Philosophie gleich. Aber er erfasste dabei die religiöse
Gedankenwelt des Judentums mit einer solchen Kraft
religiöser Intuition, dass seine Darstellung eine von allen
besonderen Schulvoraussetzungen unabhängige Bedeutung
gewinnt. Er hat ein Verständnis der jüdischen Glaubens¬
welt gewonnen, das über den Gegensatz der philosophi¬
schen Schulen und Richtungen hinaus ein dauernder Be¬
sitz des jüdischen Denkens sein wird.
Indessen vermochte! er einer Zeit, die sich von den
letzten Voraussetzungen seines Philosophierens abge¬
wandt hatte, den Zugang zu der jüdischen Glaubenswelt
nicht mehr zu vermitteln, und es war ein neuer Ansatz
philosophischer Arbeit notwendig, der den Weg von den
philosophischen Motiven und Impulsen der Zeit zum Ju¬
dentum zu finden -wusste. Es war eine besonders glück¬
liche Fügung, dass in der jüngeren Generation die Lösung
dieser Aufgabof unternommen wurde. Hier liegt insbe¬
sondere das geschichtliche Verdienst von Franz Ro¬
se n z w e i g. Seine letzten Intentionen haben in seinem
„Stern der Erlösung“ einen so schwierigen und künst¬
lichen Ausdruck gefunden, dass das Werk unmittelbar
nur auf einen engeren Kreis gewirkt hat und als Ganzes
sich schwerlich durchsetzen wird. Aber seine Grund¬
intention selbst, die von der gegenwärtigen Lebens¬
situation her den Lebenssinn des Judentums zu ergreifen
sucht und ihn mit stärkster Deutungskraft anschaulich
macht, hat einen starken Einfluss geübt und wird um so
stärker fortwirken, je mehr es gelingt, sie aus dem Rah¬
men seines künstlichen Systems herauszulösen und auf
ihren wesentlichen Gehalt zurückzuführen.
Ausblick
Mitten in stärkster geistiger Bewegung ist das deut¬
sche Judentum das Opfer des nationalsozialistischen Ver¬
nichtungswillens geworden. Wenn das auf der einen Seite
die Tragik seines Schicksals erhöht, so liegt darin zu¬
gleich doch auch die Gewähr dafür, dass dieses Schicksal
seinen geistigen Besitz nicht zu zerstören vermag. Nicht
nur die Schöpfungen seiner Vergangenheit werden fort-
dauem, auch die Kräfte Seiner Gegenwart werden im
jüdischen Gesamtleben weiter wirken. Sicherlich nicht
ohne tiefgehende Wandlungen, die sich aus der Verpflan¬
zung auf änderen Boden und aus der Berührung mit an¬
deren Formen jüdischen Lebens ergeben müssen. Das
gilt in erster Reihe für die Berührung mit dem östlichen
vor allem dem osteuropäischen Judentum. Die weitere
Entwicklung des Judentums, insbesondere in Erez Israel,
hängt zu gutem Teil davon ab, ob es zwischen beiden zu
einer fruchtbaren Auseinandersetzung kommt.
Ein Mittelpunkt der Karäer
Dieser Bericht, der um noch vor Kriegsausbruch zuging,
verdient jetzt erhöhtes Interesse, da das Städtchen Troki in-
zwischen (mit dem ganzen Wilna-Gebiet) an den litaui¬
schen Staat angegliedert wurde . — Red.
Im Herbst d. J. wird in der kleinen Stadt Troki, un¬
weit der polnisch-litauischen Grenze, ein einfaches kleines Mu¬
seum fertiggestellt, das alle Sammlungen und Erinnerungs¬
stücke der karaischen Gemeinden aufnehmen soll. Die
früher in Theodosia auf der Halbinsel Krim verwahrten
Denkwürdigkeiten werden hier mit den alten Urkunden und
Gerechtsamen der polnischen Karäer vereint sein, für deren
Unterbringung der polnische Staatspräsident einen kunstvollen
Schrank stiftete. Hinzu kommen viele Handschriften, Kult¬
gegenstände, Musikinstrumente und andere Zeugnisse zur
Geschichte der Karäer, über deren volkskundliche Besonder¬
heiten in der Gegenwart gleichfalls zahlreiche Exponate Aus¬
kunft geben sollen.
Troki ist ein ostpolnisches Kleinstädtchen wie viele andere,
in der malerischen Landschaft des Wilnagebiets an einem
See gelegen, in dessen Mitte eine Insel mit einer romantisch
anmutenden Burgruine von einem bedeutsamen Kapitel Welt¬
geschichte zeugt: diese Burg war vor mehr als einem halben
Jahrtausend der Sitz der Grossfürsten von Litauen, und Troki
-—deutsch wurde es Traken genannt —war der Angelpunkt der
osteuropäischen Entwicklung zwischen den Deutschordens¬
rittern im Westen, dem weiten, damals noch nicht geeinten
russischen Reich im Osten und dem jungen Polenstaat im
Süden. Dieses wehrhafte Haus baute vor mehr als 600 Jah¬
ren Grossfürst Gedimin, und hier herrschte Witold (Vyautas),
der im letzten Viertel des 14. Jahrhunderts die Juden in sein
Land rief, um Handel und Wohlstand zu fördern.
Mit ihnen kamen auch die Anhänger der karaischen
Giaubensrichtung nach Troki, die sich schon im 9. Jahrhundert
vom Judentum getrennt hatten, da sie die talmudischen Vor¬
schriften grundsätzlich ablehnten und ihre Lehre nur auf
die Bibel, insbesondere den Pentateuch stützten. Nach ihrer
eigenen Überlieferung stammen sie von einem Soldatenvolk
ab, nach der Sage von jenen Chazaren, die einst geschlossen
zum Judentum übertraten. Ihre Kultsprache ist das Hebräi¬
sche in orientalischer Aussprache, untereinander sprechen
sie ein gutes und gepflegtes ( Polnisch, hur die ältere Gene¬
ration bann noch tatarisch.' Der Sitz ihres obersten „Cha-
cham“ ist Wilna; er ist ein sehr gelehrter Herr, der früher
Dozent in Petersburg und Erzieher am Hof von Teheran war
und über persisch-polnische KulturBeziehungen interessante
Studien veröffentlichte. Gegenwärtig mag es in der ganzen
Weit etwa 10.000 Karäer geben, die Gemeinden von Troki und
Wilna sind die stärksten.
Seit langem legen sie Wert darauf, nicht für Juden ge¬
halten zu werden, und völkisch sind sie es auch nicht. Ihre
Lehre ist aber aus dem Judentum hervorgegangen und,
stimmt auch heute noch in allen theologischen Grundfragen
mit ihm überein.
Die Zeitung „Republi¬
kaner“ in Mulhouse (Ei¬
sass), vom 24. November
1939, bringt unter dieser
Überschrift eine Darstel¬
lung, die wie folgt be¬
ginnt:
„Unsere Leser finden
an anderer Stelle unseres
Blattes die grausamen
Bestimmungen, welche
für den Zusammentrieb
der deutschen, öster¬
reichischen, polnischen,
böhmischen und mähri¬
schen Juden in das
Lubliner Reservat von
der Reichsleitung heraus¬
gegeben wurden.
Damit beginnt sich ein
Geschichtsakt abzurollen,
der den unmenschlichsten
Taten finsteren Barba¬
rentums aller Zeiten wür¬
dig gleichgestellt werden
kann.
Mit einem Sack, einem
Brotbeutel, einem Köf-
f erchen, mit einem Mund¬
vorrat für drei Tage und
einem Kapital von lächer¬
licher Geringfügigkeit
machen sie sich auf die
Reise nach dem okku¬
pierten Teil Polens, wo
der zukünftige Ghetto¬
staat errichtet werden
soll.
Nicht ein Staat, in wel¬
chem die Juden nach
ihren Gesetzen und Ge¬
bräuchen leben können,
wie ihn die Zioni3ten in
Palästina mit eiser¬
nem Fleiss und muster¬
gültigem Organisations¬
talent geschaffen haben,
sondern eine Hölle der
Zwangsarbeit.
Nach den unzähligen
Perioden der Gefangen¬
schaft, der Verschlep¬
pung, der Verfolgung und
der Busse für Ver¬
brechen, die man ihnen
fälschlicherweise aufbür¬
dete,. kommt jetzt die
ihnen durch das Hit¬
lersystem auferlegte
Zwangsarbeit in der Re¬
servation. Da die Eisen¬
bahnen nicht funktionie¬
ren, sind die Landstrassen
in der Richtung Lublin
bereits von verzweifelten
und hungernden Juden
angefüllt...“
Von Franz Werfel er¬
schien ein neuer Roman
„Der veruntreute Him¬
mel“ im Verlag Bermann-
Fischer Stockholm. Es
ist die Geschichte einer
katholischen Magd von
schlichter Frömmigkeit,
die ein der heutigen ra¬
tionalisierten Welt ab¬
handen gekommenes Le¬
bensgefühl repräsentiert.
Dass dieser Glaube aus
unserer Mitte gewichen
ist, das ist nach Werfel
der tiefe Grund unserer
jetzigen Not und der po¬
litischen Verirrungen der
Zeit; die Erzählung gibt
dem Dichter Gelegenheit,
auch ein Bild des ver¬
sinkenden Österreich er¬
stehen zu lassen,