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Emin Pascha,
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Emin Paschet.
Ein Beispiel, das wie wenig andere geeignet
ist, die Vorurteile zu widerlegen, die man so häufig
gegen die Juden vorträgt, daß es ihnen nämlich an
Üneigennützigkeit, Opferfähigkeit, Selbstlosigkeit
hei wissenschaftlichen Forschungen, an persön¬
lichem Mut und wahrer Vaterlandsliebe fehle,
bietet Emin Pascha, der zwar in der Fachliteratur
als von evangelischen Eltern stammend hin¬
gestellt und auch sonst nirgendwo als Jude be¬
zeichnet wird, in Wahrheit aber ein Jude gewesen
ist. Emin Pascha hieß mit seinem bürgerlichen
Namen Eduard Schnitzer und wurde 1840 zu
Oppeln als Sohn jüdischer Eltern geboren. Als
sein Vater gestorben war, heiratete seine Mutter
in zweiter Ehe einen Christen und ließ sich und
den 6jährigen Knaben taufen. Nach Beendigung
des medizinischen Studiums ging Eduard Schnitzer
im Dienst der türkischen Regierung, die damals
deutsche Aerzte für den Orient amvarb, zuerst als
Quarantäne-Arzt nach Antivari und dann im Ge¬
folge Ismael Hakki Paschas nach Armenien,
Syrien und Arabien, überall mit ungewöhnlicher
Begabung die Landessprachen erlernend und aller¬
orten als Kundschafter, Interpret und Diplomat be¬
währt. Schnitzers wahre Interessen aber lagen
auf einem ganz anderen Gebiet. Er war von früh
auf, und das blieb er bis zu seiner letzten Stunde,
im Innersten und allem anderen voran Forscher,
ein von einem unbändigen Wissensdrang be¬
seelter, außergewöhnlich vielseitig begabter und
exakter Naturforscher, der mit der hingebenden
Liebe des wahren. Forschers von der Meteorologie
und Geologie angefangen bis zur Ethnographie
und Soziologie alles erforschte, was in den Be¬
reich seiner Sinnesorgane kam.
Von den Mißständen in der Türkei angewidert,
ließ sich Schnitzer bestimmen, eine oppositionelle
Zeitung „Die Wahrheit“ zu leiten, was natur¬
gemäß in der Türkei sehr rasch zu einem Prozeß
führte. Schnitzer wurde mit seinen Mitarbeitern
verbannt, aber ein Mann von den Beziehungen und
dem diplomatischen Geschick Schnitzers verstand
es natürlich, bald wieder in Konstantinopel auf¬
zutauchen und. erneut eine Regimentsarztstelle zu
erhalten. Abermals in einen journalistischen
Prozeß verwickelt, wurde er nunmehr für dauernd
aus dem türkischen Staatsgebiet ausgewiesen und
ging nach Khartum, wo der berühmte Gordon,
der „Held von Nanking“, Gouverneur der Aequa-
torialprovinz, einen europäischen Arzt verlangt
hatte. Schnitzer trat zum Islam über und legte
sich den Namen Emin bei: Die näheren Umstände
dieses zweiten Glaubenswechsels sind nicht näher
bekannt; aber sein letzter Reisebegleiter, der be¬
kannte Deutsch-Ostafrika-Forscher Stuhl m a n n
berichtet folgende bemerkenswerte Szene: „Als
bei einem Weingespräch der Schreiber Emins den
Glaubenswmchsel als etwas Verächtliches' hin¬
stellte, sagte Emin: ,Hören Sie auf mich, Ahmed
Mahmud! Wenn ein Mann seine Religion eines
Weibes wegen auf gibt, ist er tadelnswert; tut er es
des Geldes wegen, so ist er verächtlich; aber wenn
ihm das Messer an der Kehle sitzt, so ist er, wenn
auch nicht ganz zu rechtfertigen, so doch zu ent¬
schuldigen und zu beklagend Diese Unterhaltung
prägte sich meinem Gedächtnis fest ein, und ich
bin seitdem in meinem Innersten überzeugt ge¬
blieben, daß irgendein trauriges Geheimnis den
Uebertritt Emins zum Islam herbeigeführt hat, ein
Uebertritt, der zweifellos kein freiwilliger war und
nicht leichten Herzens geschah.“
Gordon erkannte natürlich bald die Fähig¬
keiten Emins und betraute ihn mit mehreren wich¬
tigen Missionen, darunter einer diplomatischen
Reise zu dem bekannlen König von Uganda Mtesa,
von der Emin mit solchem Erfolge zurückkehrte,
daß Gordon ihm sofort den wichtigen Posten eines
Inspektors der Regierungsmagazine anvertraute.
Daß Emin, wie es der Fall war, seine freie Zeit
mit wissenschaftlichen Untersuchungen ausfüllte,
war in den Augen des Praktikers Gordon ein
Fehler. Als Emin ihm eines Tages umfangreiche
wissenschaftliche Aufzeichnungen zuschickte, mit
der Bitte, sie der Post nach England beizulegen,
erhielt er die Sendung mit der Bemerkung zurück,
er habe ihn als Arzt und nicht als Forschungs¬
reisenden engagiert. Bald darauf wurde Gordon
zum Generalgouverneur des Sudan ernannt, und
die Leitung der Aequatorialprovinz ging in Hände
über, die den außerordentlichen Schwierigkeiten
der Verwaltung keineswegs gewachsen waren, so
daß die von Gordon mühselig organisierten Pro¬
vinzen in tiefste Verwahrlosung fielen. Von den
damaligen Zuständen im Sudan kann man sich
als Europäer nur schwer eine Vorstellung
machen. Ungeheure Gebiete wurden von einer Be¬
völkerung verschiedener einheimischer Stämme be¬
wohnt; über diese herrschten als eine Art Herren¬
schicht arabische Sklaven- und Elfenbeinhändler,
die im Gegensatz zu den in offenen Dörfern wohnen-
Samniclbl. jiirt. AVissens 8/9.