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-K-i I e s ch u r n n. --S-
Nr. 1.
so wenden wir uns denn, dieser Lehre entsprechend, umflorten Blickes
von dem frischen Grabhügel ub, >der die Hülle Jellineks birgt, mit
ptm Gelöbnis, zu wirken ini Geiste des Entschlafenen, zu leben und
Mu kämpfen für Israel und seine Lehre, aber auch mit dem Gelöbnis
der Treue gegen das Andenken des großen Toten, das gesegnet
sein wird, weil es ein' gesegnetes ist. -
Nachdem dev vielgefeierte Großmeister infolge eines Un¬
wohlseins zweimal feine fFreitag-Abend-Vorträge hatte aus-
- fetzen müssen, betrat am 22. Dezember zur allgemeinen
Freude von neuem und nun zur tiefen Betrüßnis aller
Verehrer des Entschlafenen zum letztenmal die Kanzel, um
über den totkranken Jakob zu sprechen. Der Gedankengang
dieser Rede war nach der „Neuzeit" folgender: Im letzten
Abschnitte dös ersten Thorabuches finden wir Jakob- den
dritten Patriarchen, auf dem Krankenlager. Der Hochbetagte
fühlt, daß seine Lage 'gezählt seien und ihrem Abläufe
nahen. Er würde^ ruhig- ergeben aus dem Leben scheiden,
wenn ihm nicht die Unverträglichkeit seiner Söhne das
Gemüt belasten würde. Zwar war sein Auge vom Alter
umnachtet und vermochte die Gesichtszüge derselben nicht zu
erkennen, aber welcher- Väter trägt nicht die Bjldcr seiner
Kinder im Herzen tkef -eingcprägt und uiunMischbar in
seiner Erinnerung? Vor dem Erlöschen seines Lebens will
- er die Söhne in seiner Umgebung wissen. Er ruft sie zu¬
sammen, erteilt ihnen aber auch zugleich einen nachdrucks¬
vollen Wink, daß sic fortan in Eintracht, friedlich und ver¬
träglich zusammenleben sollen, da sie doch alle die gleiche
Herkunft haben, Kinder eines Vaters, daher Brüder sind.
Sein Ruf geschah nämlich mit den Worten: „Versammelt
Mich, vereinigt euch, Söhne Jakobs, horcht auf Israel, euren
' Väter!" Wohlerwogen nennt sich Jakob auch Israel;
deEin diesem Namen ruht die Lebensaufgabe, die Be¬
stimmung, der Beruf aller seiner Sprossen ans Erden.
Israel heißt Go t t e skämp fe r; für Gott, für Erkenntnis
der Wahrheit, des Rechts und der Menschenliebe zu .kämpfen
und zu streiten, zu-tragen und zu dulden —' dazu sind die
Sohne des Patriarch«' erkoren worden. Darum sMen sie
sich immer als Brüder fühlen, in der Einheit ihre^Stärke
suchen und finden. Eine lange Zukunft dehnt sich vor ihüen
aus.und harret ihrer. „Bedenket daher, was euch begegnen
kann in später« Tagen!" sprach der sterbende Vater. Ei»
mal wird ja hoch jene Zeit erscheinen, wo die Völkerstämme
aus Nacht und Finsternis dem Lichte nachwändeln werden,
dem Lichte, das ihnen aus "der Mitte Israels erglänzt und
erstrahlt. Darum sollen die Söhne Jäkobs alle vereint und
verbrüdert. sein, alle, die Jakob ihren Vater nennen, die
sich zu Israel bekennen. Nachdem der scheidende Patriarch
mit dem lichtlosen leiblichen Aizge, aber mit dem lichtvollen
Hellen Geistesblicke so zu der Gesamtheit der Söhne ge¬
sprochen, läßt er Dieselben einzeln in seiner Phantasie an
'sich vvrüberziehrn. Er tadelt Simon und Levi ob ihrer
Gewaltthätigkeit, die mit dem Geiste Israels nnvereinbar
ist. Er wünscht, daß sein Name mit ihrer Unduldsamkeit,
mit ihrem ungösiüwen Treiben nicht verknüpt werde. Üeber-
zeugungen dürfen niemals und niemand anfgedrüngt werden,
die Erkenntnis muß dem Lichte gleichen, das sauft und milde
erscheint und das Dunkel erhellt. — Kor dem verlöschenden
Geiste Jakobs erscheint darauf Jehuda. ES ist dies der
Königsstamm, -von dem Kron^ntrüger, wie David und
.Salomo, Propheten" und Dichter-' erblüMn. Bei «ieseM
Stamme verweilt er gerne länger, ihn überschüttet er mit
dem Füllhorn der reichsten Segnungen. — „Nun folgen
zwei Stämme, bei denen wir länger verweilen wollen. Es
sind dies die Stämme Jsaschar und Sebustm. - Diese bilden,
kaufmännisch ausgedrückt, eine Firma; aber eine Firma,
die^den Israeliten aurk Zeiten zum Ruhme gereicht, die
den stets lebendigen, flüssigen Geist Israels glänzend be¬
kundet: „Sebulun wohnt-an des Meeres Hafen", er beladet
und belastet Schiffe, sendet Waren nach fernen Gebieten,
treibt lebhaften Handel, steht mit Sidon, der reichsten und
blühendsten Handelsstadt jener Zeit, im regsten Vetkehr.
Indes dieser Stamm reichen Gewinn erzielt, Glücksgüter
und Schätze erwirbt, vergißt er jedoch nicht deS Bruder-
ftammes Jsaschar, der in stiller Zurückgezogenheit nach.
Geistesschätzen ringt, der sich die Pflege der Wissenschaft,
der Weisheit und Erkenntnis zur Lebensaufgabe stellt. „Bon
Jsaschar entstammen die Schriftgelehrten", singt Debora in
ihrem Heldenliede. Für diesen Forscher- und Denkerstamm
Jsaschar sorgte liebreich und wohlwollend Sßbulun. Von
seinem erworbenen Überflüsse, von den Erdenschätzen Sebu-
luns ward Jsa s ch ar 'bedacht und mit allen Erfordernissen
sattsam verseyeMso daß dieser unaebeugt, jeder Kümmernis
enthoben, sich seinen, höhern StrebeKwidmen konnte. Darum
sprach Moses in seinem letzten Segen:. „Freuet dich Sebulun
bei deinem Auszüge, Jsaschar in'veiuen Zelrenl" Daher
hatten si ch d iese beiden StämM auch schon in der Wüste
nicht geringer Auszeichnungen' -ü erfreuen. Das erste und
oberste aller Lager war das des Königsstammes Jehuda;
seine Nachbarn waren Jsaschar und Seblllun. Zu ihrer
Bezeichnung diente eine blaue Fahne, die Farbe des Him¬
mels und der himmlischen Wissenschaft Minderte Israel
dann weiter, so zog wieder allen voran der Königsstamm
Jehuda, ihm schloffen sich Jsaschar und Sebulun an. ßo
war es zu allen Zeiten in Israel. Die Lehrer der Weis¬
heit, die Träger der Thora, genossen Achtung und Ver¬
ehrung, und jeder von Gott mit Besitztum Gesegnete be-
eiferte sich, dieselben zu stützen- und vor Mangel zu schützen.
Darum konnte Israel trotz hundeHjähriger Bedrückungen
nicht versumpfen und sein Geist sich nicht abstnmpfen. Im
finstern Mittecalter erhoben sich auch in Wien Zelte der
jüdischen Lehre. Bon den „Weisen Wiens" sind in alten
Schriftwerken rühmliche Denkmäler erhalten geblieben. Diese
Zeit soll und muß wiederkehren. In diesem Winter hat
sich ein folgenreiches Ereignis in der Gemeinde Wiens voll¬
zogen, ein Rabbiner-Seminar wurde ins Leben gerufen, an
dem wissensdurstigc Jünglinge die Befähigung zu Volks-,
bildnern anstreben. Die Leitung desselben ist einem Manne
mit Wissensfülle, Rednergabe 'und Begeisterung für sein
heitigcs Amt ausgerüstet^ anvertraut. Die Gründer und
Erhalter dieser heilschaffenden Anstalt find hochherzige, opfer¬
freudige Männer, denen das Erblühen der GotteSlehre am
Herzen liegt. Nun gilt es noch, Rat und Mittel zu schaffen,
daß auch die Schüler und KtMr der Not und des Mangels,
enthoben seien. Dies sind wir dem Ruhme-Israels, der
Ehre der Wiener Gemeinde und ihrer Vergangenheit schuldig.
Dazu ruft uns, seine Kinder, der Patriarch/Jakob auf;
denn unser Vater Jaköb ist nicht gestorben und seine mah¬
nende Stimme ist nicht verhallt. „Vereinigt buch! Ver¬
sammelt euch!" ruft er^, nähret und stützet die lernbegierigen
Jünglinge, wie Sebulun den Bruderstamm Jsaschar ver¬
pflegt und erhalten hat, wofür, er reich gesegnet ward.
''' ^ / . -D. Löwy, Prediger.
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