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Rr. 36». 1894. 23er!iit, den 51. August. ^ 3. Jahrgang.
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Tie Juden in Js-iiriilanb. U. ! cu
Tie l’iiilH'Uniil des; aoldeueii .Nplves, II - Vv»
Aemlniszeuz. '■Innulr.-S. M. ;■
Jlldendeulseli, Beil Tr. /P I- David.
Tie JndeiN'erwhniua zu i^aunersdoii.
<>iedichk. Von -stielor Gonuilicki.
Voclien^Iiroiiil. Ualeuder. ^ ÄuzeiizenT"
(fittf Aiittginig.
Der Sommer neigt "sich dem Ende zu, der Herbst nabet.,
heran; die Besucher" der .Coinme.rsris^en," die Leidenden, die
in Kurorten (Lenesnug gesucht, die Schüler, die die Ferien¬
zeit zur Erholung benützt, kehren in ihr gewohnte-) Heiin
zurück, .um mit erfrischter. Kraft die Arbeit mm neuern zu be¬
ginnen. Für uns Juden gewinnt diese Jahreszeit besonders
dadurch an.Dichtigkeit, weildie hohen Feiertage mit der be¬
ginnenden Arbeitszeit znsnuimenfallen niid laut der Devise:
„Bete nnd arbeite!" gleichsam die Einleitung derselben bilden,
wie sie denn auch in religiöser Beziehung als Beginn des
Jahres betrachtet werden. Unser Streben nach dem Bessern,
unser Luchen-nach dem 'Wege, muff welchem das iiMndnciie
und allgemeine Wohl.am nächsten zu erreichen wäre, tritt
von neuem in Erscheinung,- und es wirft sich uns in so
mancher Beziehung die Frage ans, ob wir zur Erreichung
des Zieles, welches wir vor Augen haben, die richtigen
Mittel anwenden^? '
/Unter anderem Fragen chit uns - - und mit uns haben
gar pick- diese Frage aufgeworfen - woran liegt eg, das;
unsere. Prediger so wenig Gehör fiiibenV Denn *das wird
MM-rnd bestreiten, daß es "mit der Religiosität unserer
GMbeilSgeuossen sehr gimnirts geht.' Wir müssen dies mit Be-
daRrn konstatieren, es- entspricht' jedoch der Wahrheit. Lind
nun an dem Riedergänge der Glanbeiistreue nnsere Rabbiner,
unsere Prediger, unsere Tel)rer oder unsere Gemeindevorstände
schuld?
Ohne geradewegs jemand zu beschuldigen, sprechen wir'
unsere individuelle Ueberzengung ans, das; alle die Genannten
etwas mehr oder weniger die. Schuld daran tragen, und
zwar hauptsächlich darum, iveil der Religionsunterricht nicht
intensiv genug erteilt, mit einer Rachsicht behandelt wird, die
bei keiner andern Disziplin geduldet wird. Dieser ist es zu
znfchre.iben, das; unsere Jugend nicht betet, nicht beten kann.
Das Kind, welches nebst der' vaterländischen, meistens
noch eine oder zwei fremde Lvrachen erlernt; der Schüler,
der Latein und Griechisch, oder auch Französisch und Eng¬
lisch sich zu eigen macht, vermöchte wahrhaftig das Hebräische,
die Sprache der Bibel, -der Psalmen, der begeisterten Pro
pheten mindestens insoweit zu erlernen, das; es dieselbe geläufig
lesen nnd int allgemeinen auch 'verstehen könnte, wenn von
seiten der Religionslehrer oder Schulvorstände genügendes
läewicht darauf gelegt werden wurde.
Wir glauben auch, das; die Rabbiner und Tehrer bei
ihren (Gemeinden nachbrücklichst dalstn wirken sollten, das; ans
einen intensiven Un^rricht der hebräischen Sprache und der
- Religio.NLlehre - gedrungen werde; die ehrwürdigen Harren
mögen es sich zur Ausgabe machen, dieses Ziel unablässig
auch in ihren Kanzelrede» anznstreben. In dieser Be
ziehung bedürften — nach irnserer unmaßgeblichen Ansicht
unsere Kanzelreden einer Reform. Das Wort- „Reform"
möge aber Unsere orthodoreii 'Brüder nicht erschrecken: wir
wünschen nur eine Reform in der Wahl des Stoffes. Die
-Kanzelredner nehmen den Stoff ihrer ErhürtwGbeinahe aus¬
schließlich -ans den kanonischen Schritten,/ -Ganz richtig;
denn diese Quelle ist unerschöpflich,- es soll, ja der Inhalt
der heiligen Bücher dem. Bolke geläufig gemacht werden.
Manchmal, nne an gewissen Feiertagen, wird auch ein
(hebet, wie das für die Verstorbenen, gewählt, und zwar
.mit durchweg gutem Erfolge, denn der Stoff ist dankbar
nnd geeignet Stimmung zu machen. Ließe sich nicht hieraus
. folgern, das? auch die Erörterung täglicher Gebete auf der
Kanzel einen ähnlichen günstigen Erfolg haben müßte? Würde
das Volk dadurch nicht angeregt werden, diese Gebete mit
größerer Andacht zu sprechen: Würde nicht mancher Hörer
bewögen werden,'das so erörterte Gebet, dessen Sinn ihm
erst jetzt recht erschlossen würde, als sein Gebet anzunehinen?