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Israelitisches Familienblatt.
Nr. 1.
haben unsere christlichen Mitbürge/ in Könitz und in
den infieirten Rachbargebieten darunter gelitten. Denn
weit mehr Ehiusten als Juden haben infolge der Wieder¬
belebung des absebenliebeu Blnttnarchens rn Zuchthäuser
Und (stefängniffe wandern oder andere Strafen erlerden
müsien, weit mehr Einiuen als Inden haben durch
jenes Dtäniu'u Selurdeu au ikrer Seele gelitten, vorn
^ Geiste gar nicktt zu reden.
v Vu Inlereste de-? llllilm!andes alio mehr als in
,i unserer indttcknn (neburlS- und ('ilanbensgenosten
^rnsären wir non Kerzen. daß im neuen Jahre und
In allen folgenden i:: denlillw'r Sprache und rm deutschen
gel'orl tverden möge davon, daß
um ö hristenblrrt zu rituellen Zpoecken
man aber nichts mehr so davon
im lehrten Jahre geschehen, wird es
dar derartige Behauptungen niebt
uitt Rechtswegen als Beschimpsung
:. Religion, als eine demagogische Ruf'
iltt! ätigkeiten gegen friedliche Bürger
'andern auch, daß jeder gebildete
.-? ' ine patriotische Pflicht anneht, jeden
bla chen etwa in einer gesetzlich nicht
'rm ui verbreiten, als eine gröbliche Be-
deutschen Volkes zurückzuweisen, ja nach
lebten Jahre gemachten, so überaus
' nngen, als eine Gesabr für den Landes-
frieden u be'.impfen und den Bosennchtern, die das
giftige ttnlra t säen, mit derselben Energie entgegen?
zutreren, m der er einem Schurken entgegentreten
tvürde. von ?em er tveiß, daß er absichtlich Penbaeillen
Verl", eitel.
Senn eeftartig hat im pause der Zweiten das Blut?
marehen eb verbreitet und verheerend gewirkt. 'Roch
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RtarebenS vom Ritualmord.
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Die „Gekränkten."
Rn der vorigen 'Rümmer batten wir an dieser
Stelle von der 'Rufregung Rottz genommen, die die
Rntisemitenblälter wegen eines vom Darmstädter Amts
gerichl gefällten Urtheils scheinbar ergriffen bat. In
dem Urtbeil war nämlich der Satz enthalten, daß „die
Juden es erfahrungsgemäß mit dem lende durchgängig
sehr genau nehmen." Das widerspricht natürlich dem
antisemitischen Rechtskodex, der die gegentheilige Auf?
iaffung predigen muß, weil es das politische Geschäft
der Antisemiten so erfordert. Wir haben unsere Meinung
über den Fall bereits geäußert. Inzwischen giebt es
doch nicht umsonst im hessischen Landtage einen Anti¬
semiten und er würde den Zweck seines Mandats ver¬
fehlen, wenn er mchl im Landtag sein Geschrei darüber
erhöbe. Der Abg. Köhler, eine der lustigsten Personen
der hessischen ?. Kammer, hat denn auch eine Inter¬
pellation an den Iustizminisler wegen des „unerhörten"
Falles eingebracht und die Affäre wird somit auch
ihre parlamentarische Erörterung und Aufklärung finden.
Herr Köhler aber wird hoffentlich etwas enttäuscht
werden, denn die Leute, die den Eid der Juden für
unnderwerthig erklären, also der (Gerechtigkeit völlig
bar scheinen, find in keinem Falle legitimirt, als be¬
rufene Vertreter angeblicher la^^uo justitiae, (verletzter
Gerechtigkeit) sich aufzuspielen. Wie die Aufklärung
aber auch lauten möge, wir mochten schon heule keinen
Zweifel lassen, daß nach dem Standpunkt unseres
Recknsbewußtseins, die Wendung eines jeden Eides
lediglich nach der Persönlichkeit und der persönlichen Ehren¬
haftigkeit des den Eid leistenden bemessen lverdeil
sollte und daß die Konfession dabei völlig außer Ansatz
bleiben kann. Wenn dagegen von den Antisemiten ihre
Auffassung von der Minderwerldigkeit des jüdischen
Eides in einem Prozeß geltend gemacht wird, so bat
der Richter unseres Erachtens niebt nur das Recht,
sondern die Pflicht, Derartiges mit aller Schärfe zurück-
uuveisen, und man wird annehmen, daß dies auch
im vorliegenden Fall allein gemeint war.
Antisemitismus auf hoher See.
Der brutale antisemitische Exeeß gegen den
Wiener Glaubensgenossen Leo Glücf auf dem Dampfer
„Sao Paolo" der Hamburg Südamerikanischen
Schiffahrtsgesellschaft, der, wie schon mitgetheilt,
zur Verurtheilung der beiden betheiligten Personen,
der Geschäftsreisenden Dtto Kuhle und Paul Haase
geführt hat, hat auch eine Nebenerscheinung gezeitigt,
die ivir, wenn wir nicht unsere publizistische Pflicht
als Drgan für die Interessen des Judenthums ver¬
letzen wollen, nicht mit Stillschweigen übergehen können.
Als Bertheidiger der des antisemitischen Ereesses Be¬
schuldigten fungirte nämlieb auch ein jüdischer An¬
walt nitd zwar Herr Dr. W assermann Hamburg.
Wir können, so ungern )vir es thiln und so leid es
uns thut, doch nicht mnhin, dieses Verhalten eines
jüdischen Anwaltes, der, wie wir zu wissen glauben,
den jüdischen Angelegenheiten seiner Vaterstadt mannig
faches Interesse sonst bekundet hat, als uns unver¬
ständlich und unrichtig zu bezeichnen. Unsere jüdischen
Mitbürger werden es mit uns aufs Lebhafteste be¬
dauern, daß sich ein jüdischer Anwalt bereit gefunden
hat, in einer Anklage so ausgeprägt antisemitischen
Eharakters, in einer Angelegenheit, in der ein Glaubens¬
genosse Sühne verlangt für ein so schreiendes Unrecht,
das gegen ihn als Juden verübt worden ist und in
der nicht er allein, sondern die (Glaubensgemeinschaft,
der er angehört, mit getroffen werden sollte, die Ver-
theidigung der Angeklagten zu übernehmen. Ueber
Empfindungen läßt sich im Allgemeinen nicht streiten,
aber in diesem Falle hätte unseres Erachtens Herr
Dr. Wassermann die Vertheidigung irgend einem christ¬
lichen Anwalt überlassen sollen. Dder hält der geehrte
Herr es mit seinem Iudenthum und seinem jüdischen
Empfinden für vereinbar, es sogar ruhig hinzunchmen,
wenn der von ihm <einem Juden) zu Vertheidigende
in öffentlicher Gerichtssitzung einem Zeugen, der
ihn belastet, replieirt, derselbe sei Jude und sage
deshalb für ibn ungünstig aus! Und einem soleben
Manne steht ein jüdischer Vertheidiger zur Seite!
Daß solches Verhalten eines Glaubensgenossen den
schärfsten Allsdruck lebhaften Bedauerns verdient, kann
keinem Zweifel unterliegen, und es gehört zil den un¬
angenehmsten aller Pflichten der jüdischen Presse, solche
Fälle aus ihren eigenen Reihen konstatiren zu müssen.
Was mag sich wohl der angeklagte Mandant des Herrn
Dr. Wassermann gedacht habend
Konfessionelle Wissenschaft.
Von dem flammenden Proteste Proseffor Mommsens
gegen die konfessionelle Färbung der Wissenschaft haben
wir s. Zt., wie sich unsere Leser erinnern werden,
Rotiz genommen. Die Frage hat ein hervorragenderes
jüdisches Interesse, als durch die schärfere Hervorkehrung
des konfessionellen Standpunktes die Freiheit der
Wisienschaft und ihrer Lehre, für welche wir Juden
allzeit auch vom religiösen Standpunkt eingetreten sind,
dadurch gefährdet wird, und weil andererseits mit dem
Eindringen konfessioneller Wissenschaft in die Hörsäle
der deutschen Hochschulen, Schüler wie Lehrer, und
insbesondere jene jüdischen Glaubens, von ver-
hängnißvollen Rachtheilen bedroht würden. Die meisten
(belehrten haben sich von jeher dagegen verwahrt, die
Wissenschaft in konfessionelle Bande schlagen zu lasten.
Es ist ostenbar kein Zufall, sondern die Folge der
herrschenden Strömung, daß auch in unserem Rachbar-
lande'Oesterreich-Ungarn zur Zeit die gleiche Frage
in den Vordergrund des allgemeinen öffentlichen Jn-
tereffes gerückt worden ist. Dort wollen die E lerikalen
in Salzburg eine konfessionelle Universität errichten.'
Die „N. Fr. Pr." hatte hierzu eine Umfrage veranstaltet
und die bedeutendsten und angesehensten Namen haben
sieb mit aller Entschiedenheit gegen den Versuch der
Konfessionalisirung der Wissenschaft gewandt. Die von
dem genannten Blatte dieser Tage veröffentlichten Gut¬
achten der Professoren H. Nothnagel,Dr. I. Schip per,
Rektor der Universität, Do. cart Meng er, Anton
Meng er, Dr. Eugen v. Pbilippowich x., stellen
sich ausnahmslos auf die Seite jener, welche den
analogen Standpunkt Mommsens einnehmen. Es ist
bezeichnend für der Zeiten Geist, der hüben und drüben
herrscht, daß heute selbst die Wisienschaft nicht mehr
davor gefeit ist, dem Rückschritt in die Zeit der Un¬
freiheit und Einengung, der Reaktion, überantwortet zu
werden. Freilich besteht die Hoffnung, daß dies nicht
gelingen werde, nicht hüben und nicht drüben!
ff
Volksstimmung.
//
Der Abg. Dr. Heim, der in der bäuerischen Kammer
den Antrag gegen die jüdischen Justizbeamten ein¬
gebracht und durchgesetzt hat, führte bekanntlich vor
Allem die „Volksstimmung" ins Gefecht, und gerade
dieses Argument fand auf der rechten Seite den meisten
Anklang. Bei dieser Gelegenheit kann es nicht ohne
Interesse sein, zu erfahren, was dieser neue Führer
des Zentrums, dem sich auch Dr. v. Daller, der frühere
Führer, unterworfen hat, als Volksstimmung bezeichnet.
Im Reichstage brachte Abg. Bebel ohne Widerspruch
zu erfahren. Folgendes vor: „Auf dem Bauerntag in
Regensburg hat Abg. Dr. Heim an Aufhetzung gegen
seine Regierung das Menschenmögliche geleistet. Herr
Heim hat dort gesagt: „Wenn die Regierung nicht
auf die Wünsche der Bauern hört, hätten die Bauern
kern Interesse mehr an der Aufrechterhaltung der Mo-
narchie". Es wurde auch ein Bild gezeigt, das in zwei
Abtheilungen den Bauernbund darstellt bei einem
Getreidezoll von 7 Mk btt Pfg. „REt Gott für König
und Vaterland!" und einem solchen von -> Mk. 5t> Pfg.
„Es lebe die Republik!" Das ist also auch „Volks-
stimmung" im Sinne des Abg. Heim. Ob der
bayerische Herr Justizminister wohl auch dieser „Volks¬
stimmung" Rechnung zu tragen geneigt sein wird?
Welkes fand am Stamm Juda.
Bilder und Skizzen aus dem modernen Iudenthum.
Bon Josef Wiener-Braunsberg.
(Schluß.)
„Ter Herr Doktor hätte sich gar nicht erst zu be.
mühen brauchen," knurrt er. Dem ist doch nicht mehr
zu Helsen. Kriegen werden Sie auch nichts. Nichts
als Aerger hat man von so 'ner Gesellschaft!"
Professor Feld hat bereits vorher mit stiller Ver¬
wunderung bemerkt, daß er in einem besseren Hause ist.
Ohne des Hauswirthes weiter zu achten, folgt er dem
ihn führenden Schutzmann in das Nebenzimmer.
Tort liegt die Leiche aus dem Teppich, wie die
Polizei sie gefunden hat. Ein schauerlicher Anblick. Die
herabgesunkene Rechte hält den Revolver noch umklammert.
Das wachsgelbe Gesicht ist wie im Hohn verzerrt. Hinter
der hochgezogenen Oberlippe sieht man die Zähne glänzen.
Das Oberhemd und der Rock sind mit Blut bedeckt.
Professor Feld hat den respektvollen Gruß des an
wesenden Polizei-Leutnants stumm erwidert, Nun hebt
er ein Augenlid des Tobten hoch. Dann richtet er sich
wieder auf und wendet sich an den Polizei-Leutnant, der
ibn, erivartungsvoll zugesehen hat.
Dazu hätte man mich freilich nicht rufen brauchen.
)er Mann ist tobt."
Schon will er sich entfernen. Da tritt ihm die
ticrsfrau entgegen. Ob der Herr Doktor nicht auch
Keinmal nach der Frau Gräfin sehen wolle? Die
^rau wäre ohnmächtig an der Thür zusammen-
l. Da die Bedienungsfrau nur während einiger
(unden käme, hätte sie, die Pvrtiersfrau, mit
^rer Tochter die Frau Gräfin in das Bett ge
^Nun liege sie mit offenen Angen da und rede irre,
mt aufgehorcht. Eine Gräfin? Der Fall
Mseine ärztliche Seite hinaus zu interessiren.
Aber er hielt sich nicht mit Fragen auf, sondern folgt
der Frau in das Krankenzimmer.
Tort herrscht Halbdunkel. In einem Winkel kauert
ein kleines Mädchen und weint. Bon dem Bette her
richten sich zwei glänzende Augen starr auf den ein¬
tretenden Arzt.
Und dann spricht die Kranke. Was von ihren Lippen
kommt sind wirre, zusammenhangslose Worte. Sie
spiegeln die Erregung der Kranken über das schreckliche
Ereigniß wieder.
Bei dem Klange der Stimme ist Professor Feld be¬
troffen zusammengezuckt, und als die Portiersfrau nun
auf sein Geheiß die Lampe hebt, als ihr Schein voll
auf das angstentstellte, von reichem Goldhaar umrahmte
Antlitz fällt, hat er Mühe, einen schmerzlichen Aufschrei
zu unterdrücken.
Er hat sie erkannt, Adah, die Geliebte seiner Jugend!
Jetzt iveiß er, wo er ist — — — •— —
Als der Professor nach einer Viertelstunde bleich und
sich nur mühsam fassend aus dem Krankenzimmer tritt,
ist die kleine Eva an seiner Seite.
Draußen erwartet ihn ungeduldig der Hausivirth.
Er hat inzwischen erfahren, wer der herbeigeholte Doktor ist.
„Vor dem Hause hält der Krankenwagen," sagt er.
„Der Herr Polizei-Leutnant hat ihn für alle Fälle für
den Grafen kommen lassen. Der braucht ihn nun nicht,
aber meinen der Herr Professor nicht, daß es am besten
wäre, ivenn wir die Gräfin nach einem Krankenhause
schaffen? Hier behalte ich sie auf keinen Fall. Wer
sollte sie auch pflegen? Und die Miethe haben die Leute
bis auf den heutigen Tag auch noch nicht bezahlt. Die
Kleine/" er deutete auf Eva, die sich zitternd an den
Professor schmiegt, „bringt man wohl am besten morgen
in ^inem Waisenhause unter."
Er
Professor Feld krampst sich das Herz in der Brust
zusammen. So also sieht das Glück aus, das Adah an
der Seite ihres adeligen Gemahls gefunden!
„Die KLanke bleibt hier!" sagt er dann aber in
bestimmten Tone. „Ich habe mit der Portiersfrau ge¬
sprochen. Bis zum völligen Anbruch des Tages bleibt
sie bei der Kranken. Ueberdies bin ich in einer Stunde
wieder hier. Das kleine Mädchen nehme ich vorläufig
mit mir in meine Wohnung."
Der Hauswirth reißt vor Erstaunen die Augen
weit auf.
„Warum so viele Umstände, Herr Professor? Wenn
die Leute auch einen vornehmen Namen haben, der Herr
Professor bekommen von der Gräfin keinen Pff"'K,.
Die Leute haben ja selbst nicht das Sattessen
Professor Feld fühlt sich unangenehm berühr
wünscht dem Gespräche ein Ende zu machen. j
„Das lassen Sie gefälligst meine Sorge \dfj
bleibt bei dem, was ich gesagt habe. Morgen
eine Krankenschwester her. Im Uebrigen komu^ch für
Alles, auch für Ihre Miethe, auf!" J
Kopfschüttelnd blickt der Hauswirth dem/"" ^er
Kleinen davongehenden Arzte nach.
„Da sieht man's wieder, was ein Nan
brummt er vor sich hin. „Wenn er sich mg". er nur
nicht in seiner Berechnung auf die reichen r Qn ®* etl
schneidet."
Frau Holle schüttelt ihre Betten. Sff weich
gleiten die großen, iveißeu Flocken auf w, 1 e lieber.
Man feiert Channka, das Fest deE? e ®'
wie ein Schein von Freudenkerzen durchs ^
Zimmer, in welchem Adah, nach lanM,""stH^
ersten Male außerhalb des Bettes, W 1 ^
wärmenden Ofens in einem Sessel sitzt«'
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