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Friedens sind dem wohllöblichen Senat „lästig". An¬
statt aber nun die antisemitischen Korporationen für
ihre Provokationen zu strafen und dadurch Ruhe zu
erzwingen, beseitigt der Senat die alleinstehende jüdische
Verbindung. Ist das nicht die Geschichte vom Wolf
und dem Lamm ins 20. Jahrhundert übertragen? Mit
Recht meint die „Franks. Ztg.", dieser Standpunkt
stehe auf einer Höhe mit der Logik jenes Richtcrs, von
dem Chamisio erzählt, daß er den Juden zum Ersatz
des ihm (dem Juden) eingeworfenen Fensters ver-
urtheilte, weil der Stein nicht ins Fenster, sondern an
seinen Kopf geflogen wäre, wenn er diesen nicht zurück¬
gezogen hätte. Dadurch, daß er seinen Kopf dem
Steinwurf entzogen habe, sei der Stein in die Scheibe
gegangen, also durch seine, des Juden, Schuld. —
Man darf wirklich nur hoffen, daß die Entscheidung
des Senats im badischen Landtage zur Sprache ge¬
bracht werde^ und daß das Ministerium, welches den
Rekurs der „Badenia" auf Grund eines Berichtes des
Senats abgelehnt hat, Gelegenheit finde, sich über die
Angelegenheit eingehender zu informiren. Wir er¬
warten, daß den betheiligten jüdischen Studenten Mittel
und Wege hierzu sich bieten.
Eia jiidischrr Oberbürgermeister?
Der Oberbürgermeister von Posen, Herr Witting,
tritt in die Direktion der Nationalbank in Berlin ein
und legt sein Oberbürgermeisteramt der Stadt Posen
nieder, trotzdem, wie sicher verlautete, die Regierung
den Wunsch hegte, ihn seiner Stellung erhalten zu
sehen. Nun meldet der Telegraph, daß als sein Nach¬
folger im Oberbürgermeister-Amt der bisherige Stadt-
verordneten-Vorsteher Herr Justizrath Dr. Lewinsky
in Aussicht genommen sei. Wenn sich diese Nachricht
bestätigte und die Zustimmung der Regierung zu einer
etwaigen Wahl zu erwarten wäre, so wäre dies der
erste Fall, daß ein Jude in Preußen Oberbürgermeister
würde. Wir wiffen nicht, ob sich Justizrath Dr. Lewinsky
nach der eminent schwierigen Stellung, die der Ober¬
bürgermeister einer Stadt, wie Posen, zweifellos hat,
besonderes Verlangen hegt, wir wiffen auch nicht, ob
seine etwaige Wahl durch die Stadtvertretung, die
nach der preußischen Städteordnung erforderliche königl.
Sanktion erhalten würde, in jedem Falle aber wäre
schon die Thatsache, daß ein Jude für die erste Stelle
einer großen Stadtverwaltung ernstlich in Frage kommt,
in unseren Tagen ein erfreuliches Zeichen der Zeit.
Wir möchten bei Gelegenheit dieser Meldung, die wir
nur unter aller Reserve übernehmen, aber doch daran
erinnern, daß auch Herr Oberbürgermeister Witting
ursprünglich jüdischen Geblüts und ein Bruder des
gleichfalls zum Christenthum übergetretenen Schrift¬
stellers Maximilian Harden ist.
Plumpe Erfindung.
Obwohl „Sommerhitze" in diesem regenfeuchten
Jahre nur selten zu verzeichnen gewesen, ist die Fabri¬
kation von Hundstagsgeschichten keineswegs zurückge¬
gangen. Die Siebengescheidten der „Staatsbürgerztg."
besitzen „Phantasie" und „Hitze" genug, um diesen
„dankbaren" Stoff selbst im Herbstnebel und Winter-
Eis zu produziren. So hat das biedere Organ dieser
Tage, die den Stempel plumper Erfindung an der
Stim tragende Mär ihren Lesern aufgetischt, daß man
unter Ausnützung hoher Verbindungen sich bemüht hätte.
JSraeWsche^ F«nitteMM.
Vertretern der jüdischen Gemeinde Berlins beim
König von Italien bei dessen jüngster Anwesenheit
in Berlin eine Audienz zu erwirken!" mit diesem Ver¬
suche aber sei man abgeblitzt! Dieses Geschichtchen
gab natürlich der gesammten gesinnungSgenössischen
Kollegenschaft der „Staatsbürgerztg." Gelegenheit zu
die tiefgründigsten Stilübungen in ihrem Schmäh-Jargon.
Wie wir, für jeden halbwegs Verständigen konstatiren
können, ist an der Sache natürlich nichts wahr. Weder
von den „Vertretern der jüdischen Gemeinde" noch
von irgend einer sonstigen jüdischen Korporation oder
Privatperson ist eine Audienz beim König Victor
Emanuel nachgesucht worden. Allein die „Ente" flatterte,
und es mag dem Pücklerorgan vielleicht die Hoffnung
vorgeschwebt haben, damit ihrem lieben Publikum
den Beweis erbracht zu haben, daß der Souverän, der
den Juden Ottolenghi zu seinem Kriegsminister ernannte,
mit den „bösen" Juden Berlins nichts zu schaffen haben
möchte Eine solche Spekulation ist zwar der „Intelligenz"
ihres Leserkreises nicht grade schmeichelhaft, allein in
der Einschätzung der Intelligenz ihrer Getreuen muß
uns die „Staatsbürgerztg." als kompetenter gelten, wie
unser Urtheil.
Sefinnungsmchsel oder Theater?
Der Deutschnationale Handlungsgehilfen-Verband,
der bekanntlich zu seinem Leiter den Führer der Ham¬
burger Antisemiten Herrn Schack hat und in seinem
Statut eine Bestimmung (§ 3, Abs. 6) hat, der zufolge
„Juden und sich in einem bewußten Gegensatz zum
Deutschthum befindende Angehörige anderer Nationen
keinerlei Mitgliedsrechte erwerben können", hat, wie
man uns aus Beuthen mittheilt, dieser Tage in ganz eigen¬
artiger Weise seine Agitation dortselbst betrieben, die
es rechtfertigt, wenn man die Frage aufwirft, ob es
sich dabei um einen Gesinnungswechsel oder um einen
neuen Geschäftstric oder Theatercoup handelt. „Zu
einem am 6. d. M. in Beuthen abgehaltenen Vergnügen
der dortigen Ortsgruppe wurden, so theilt man uns
mit, auch mehrere jüdische junge Kaufleute schriftlich
und auch durch den Vorsitzenden - in amtlicher Form
mündlich mit der ausdrücklichen Bemerkung eingeladen,
daß der Verein keineswegs antisemitische Ten¬
denzen verfolgt und gern dieses beweisen möchte.
In der That wurde den jungen jüdischen Kaufleuten,
die der Einladung folgten- ein herrliches Fest bereitet
und auch nicht eine Spur von Antisemitismus war zu
merken. Selbst in der Festrede und im Programm
war keine Spur irgend eines antijüdischen Hauches zu
spüren." Soweit die Mittheilung aus Beuthen. Wir
aber möchten die vertrauensseligen jüdischen jungen
Kaufleute darauf Hinweisen, daß sie gut gethan hätten,
dem Herrn Vorsitzenden, der sie so freundlich einlud,
den § 2 der Verbandsstatuten in Erinnerung zu bringen
und ihm anheim zu gehen, wenn er den vollgiltigen
Beweis der Abkehr vom Antisemitismus erbringen
wolle, die Beseitigung dieser Bestimmung zunächst
einmal zu bewirken. Es ist aber mehr wie belustigend
zu sehen, in Beuthen haranguirt man jüdische junge
Kaufleute, in Berlin singt man bei Pücklerfesten in der
Bockbrauerei? Wo also wandelt man auf den Wegen
der Principientreue, in Beuthen oder Berlin? oder gilt
der Ausschlußparagraph für die Juden in Oberschlesien
nicht, sondern nur für das übrige Deutschland. Glück¬
liches Beuthen, sahst Du einen Gesinnungswechsel oder
Theater?
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Sie Ginmeth»«- der jüv. Arketter-Kol*»ie
in Meißensee. 8. Berlin.
In würdiger und feierlicher Weise wurde die
Einweihung der Jüdischen Arbeiter-Kolonie
und des Asyls in Weißensee unter zahl¬
reicher Betheiligung der Gemeindebehörden und der
Mitglieder der hiesigen Gemeinde vollzogen. In der
Synagoge des Asyls hielt zunächst Herr Bergel eine
zu Herzen gehende religiöse Ansprache an die Kolonisten.
Die eigentliche Feier leitete alsdann nach einem Chor¬
gesang im oberen Saale der Vorsitzende des Deutsch-
Israelitischen Gemeindebundes, Herr Professor Dr.
Martin Philippson, ein. Er gedachte in warmen
Worten des verstorbenen OberamtmanneS Ludwig
Meyer, welcher das große Terrain der Kolonie dem
Bunde überwiesen hat, und des ebenfalls verstorbenen
geistigen Begründers des Asyls, Herrn Eugen Rosen¬
stiel, und sprach seinen Dank allen Gebern und
Spendern aus, vor allem der Jewish Colonisation
Association, die 150000 Mark zum Aufbau und zur
Errichtigung des Hauses zur Verfügung stellte, dem
Gemeindevorstande in Weißensee und dem Vorstande
der jüdischen Gemeinde. Er charakteristrte unsere Zeit
als eine sozial stark bewegte und lobte im Gegensätze
zu der herrschenden sozial - wirthschaftlichen Anschau¬
ung die Tendenz des Judenthums, welches gerade die
Schwachen auftichte und stütze. Mit Nachdruck hob
er die Vortheile der organistrten Armenpflege des
guten, gerade bei den Juden so lebhaft schlagenden
Herzens hervor, die nicht immer zu einer glücklichen
Lösung führe. Herr Maurermeister Marcus Adler,
der unermüdliche und rastlose Förderer des Asyls und
jetzige Vorsitzende des Vereins „Jüd. Arbeiter-Kolonie",
schilderte in längerer Ausführung die Entwickelung und
Einrichtung des Heims. In humoristischer Weise legte er
dar, daß das Asyl auf die Empfehlung der Kolonisten schon
starke „Kundschaft" bekommen hätte. In herzlichen
Worten dankte er den Förderern der Idee, der Stadt¬
verwaltung und den Ministerien, allen voran dankte
er ehrfurchtsvoll dem Käiser, der weitblickend den
Frieden fördere und die ehrliche Arbeit schütze, und
brachte ein von der Versammlung begeistert aufge¬
nommenes Hoch auf den Kaiser aus. In gedanken¬
reicher Rede gab dann, Herr Rabbiner Dr. Maybaum
dem Hause die religiöse Weihe. In dieser Weihe er¬
blickte der Redner die Anerkennung des Grundsatzes,
daß Religion und Sittlichkeit zusammengehören wie die
Wurzel und die Frucht des Baumes, eine Anerkennung,
die in unserer Zeit zumal nicht hoch genug geschätzt
werden könne. Alle wahre Religion müsse in der Be-
thätigung der Menschenliebe ihr Haupt- und Endziel
erkennen und dem Judenthume werde es stets zum
höchsten Ruhme gereichen, daß es diese beglückende
Lehre zuerst der Menschheit verkündet habe. Die Er¬
öffnung des Hauses sei ein Festtag der Religion, zumal
das Asyl zu den edelsten Werken der Wohlthätigkeit gehöre.
Die Menschenliebe, welche die Fürsorge als ein Mittel be¬
nutze, um die Selbsthülfe herbeizuführen, die den Armen
und Gesunkenen stütze und hebe, diese Menschenliebe
sei aus jener Herzensweisheit geboren, welche die Zu¬
kunft erwäge und in den Einzelnen die Gesammt-
heit fördere. „Ach", so ruft der Redner klagend aus,
daß wir dieses Gebot der Menschenliebe heutzutage so
oft erfüllen müssen, besonders an unseren östlichen
Glaubensbrüdern, die noch unter fremdem Recht stehen
und, durch rohe Gewalt aufgescheucht, zum Wanderstabe
„Meine Sorge ist der ganze preußische Generalstab.
Wir in Hamburg haben uns immer sehr wohl gefühlt,
auch ohne Deinen preußischen Generalstab."
„Aber ich kann doch unmöglich Moltke in Verlegen-
heit setzen."
„Warum nicht? Hat sich Moltke früher um uns
bekümmert? Laß' er sehen, wie er allein fertig wird."
Unsere Heiterkeit war nicht länger zu unterdrücken.
Drastischer als der Gedankengang wirkte die originelle
Art seines Ausdrucks, der uns im Zweifel ließ ob
sich die mütterliche Autorität scherzend oder ernsthaft
geäußert hatte. Noch recht oft haben wir diese köstliche
Mischung von Humor und Selbstspott bewundert, aber
erst am Tage der französischen Kriegserklärung sollten
wir seinen Höhepunkt kennen lernen.
Inmitten des namenlosen Jubels, welchen die Mobil¬
machung gegen Frankreich in der Brust der kriegslustigen
Soldaten erweckte, wurde der Verfasser dieser Zeilen
von seinem Kameraden Siegmund gebeten, ihn zur
mütterlichen Wohnung zu begleiten. Unsere Herzen
schlugen stürmisch, — unsere Begeisterung kannte keine
Grenzen; in dieser überwältigenden Stimmung traten
wir der ahnungslosen Matrone entgegen:
„Mutter!" begann mein Begleiter athemlos, „der
Krieg ist erklärt!"
„Siegmund, Siegmund," meinte warnend die alte Frau,
„wann wirst Du endlich mal vernünftig? Laß doch
den alten Schluß!" ?
„Nein, nein, Mutter. Es ist Krieg. Ich muß
auch mit." Ein Blick des Erstaunens blitzte auf in
den Augen der sichtlich Ueberraschten, dann rief sie in
unbeschreiblichem Tonfall:
„Du willst mit in den Krieg? Das leide ich oßer
nicht — so; nun habe ich geschworen.
„Aber Mutter! Unser Oberster Kriegsherr, der König
von Preußen hat befohlen/ Bei diesen ihre mütter¬
liche Würde bedrohenden Worten erscholl die inhalts¬
volle Frage dem bestürzten Sohne entgegen:
„Bin ich Deine Mutter — oder ist der König dorr
Preußen Deine Mutter?" — —
Der Krieg war zu Ende. Mutter W .. f hatte die
Freude erlebt, ihren lieben Siegmund, geschmückt mit
dem eisernen Kreuz, wieder gesund nnd munter in ihre
Arme zu schließen. Zwei Tage nach unserem Einzuge
fanden wir uns noch einmal bei der originellen Frau
zusammen. Nach der lebhaften Unterhaltung war ich
bemüht, die alte, noch immer unentschieden gebliebene
Frage zu erörtern. Aber die humorvolle Frau hatte
meine sorgsam verschleierte Absicht sofort bemerkt und
meinte überlegen: „Brauchen noch zu fragen! Der
König von Preußen ist nicht nur die Mutter — er ist
auch der Vater des Vaterlandes. Das können Sie gerne
Kol Aulom wiedererzählen." —
Seit vielen Jahren ruht schon die schlagfertige Frau
im kühlen Grabe; auch Siegmund, ihr getreuer Sohn
und unser lustiger Kriegskamerad ist frühzeitig eingezogen
zur großen Armee. Aber die ehrende Erinnerung an
ihn, bewahrt unsere Kompagnie bis auf den letzten
Mann. —
Mein Tempelgaug.
Es war Feiertag Abend im Frühling. Vom Süd¬
wind, der jung und verheißungsvoll duftete, umflossen,
zogen die Juden in langen dunklen Reihen in den von
tausend Lichtern erhellten Tempel. Ich glaube, hier ver-
gaßen sie den Geschichten erzählenden Frühltngsduft, dem
sie längst nicht mehr glaubten, und hoffentlich vergaßen
sie auch die Winterhärte. Vieleicht auch waren die meisten
von dem ewig langen Winter, in dem sie lebten, so
erstarrt, daß sie überhaupt kein Gefühl mehr hatten —
für Frühling oder Winter, für die Sonne am Himmel und
die Leiden Ahasvers, den sie allegemeinsam darstellten. —
Und doch wachte ihnen unbewußt in ihren Seelen die
Sehnsucht. Nur war sie tief niedergedrückt worden, und
da die Armen keine Rettung sahen, so hatten sie nach
langem Sträuben selbst ihre müde Hand dazu geboteu
und ihres Herzens Weinen tiefer, immer tiefer versenkt.
Dann hatten sie daran vergessen und suchten sich dem
Volk, in dem sie lebten, anzupassen. Doch immer blieben
sie auch äußerlich unterschieden. Ihre unterdrückte Sehn¬
sucht rächte sich, ttat ihnen frei ins Angesicht als schwerer
Leidenszug, von allen Augen zu schauen.
Uralt und schwer, wie ein Hauch Ahasvers schlägt
es mir aus der Menge entgegen. Ich fühle, die da
gehen, tragen einen Druck, eine alte, von Rost angefressene
Kette beugt sie. Sind wir nicht groß und frei? Was
sollen uns Ketten? Sollen wir uns von ihnen befrein?
Da fällt mein Blick auf den Ring an meinem Finger,
den mir die Liebe gab, und ich denke an meine Worte
beim Empfang. „Wohl mir", sprach ich damals, „du
goldenes Band, du festest mich an diese dunkle Erde,
durchleuchtest mir mit deinem Glanz mein Leben!"
Ja, wohl Euch, die Ihr verbunden seid! Ehret die Ketten,
wie Ihr die Ordnung ehrt, und find sie auch alt und
wollen kaum mehr passen! fie halten Euch!
Bewegten Herzens stieg ich die Treppe des Gottes¬
hauses hinan, langsam, damit der Staub des Lebens
Zeit hatte, an mir herunterzugleiten und die tummelnden
Gedanken sich glätteten. Ruhig wollte ich sein, um des
Tempels Licht und Frieden in mich aufnehmen zu können
um den Gesang zu verstehen, der mir im Anblick der
alten Zeromonien aus den Jahrtausenden herauftönte.
Den Gesang der toten Greise, die im Tempel zu Jerusalem
einstmals ihre Psalmen sangen, und ich höre sie wieder
fingen, höre sie beten, und sie rufen mir zu: „Suche
nicht, das haben wir! das haben wir!"MUnd mit