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Rückblicke auf das Jabr 1912.
II. Ausl a n d.
Der Krieg ist der Baker aller Dinge, singt der
alte Griechendichter Homer. Der Krieg sollte aber
auch der Baker von Erfahrungen und Erkenntnissen
sein. So müßten die kriegerischen Ereignisse des
Jahres 1012, in deren Mittelpunkt als leidender
Teil die Türkei stand und noch steht, bei jedem
Urteilsfähigen das jndenseindliche Märchen von dem
internationalen politisch e n Znsammenliang der
Inden endgiltig als solches festgestellt haben. Sowohl
in dem t ü r k i s ch - i t a l i e n i s eh e n K r i e g e um
Tripolis nnd Chrenaika, der durch Friedeusschlnß be¬
endet wurde, wie in dem gegenwärtig noch nicht abge¬
schlossenen B a l k a n k r i e g e haben ans beiden Seiten
die Juden der kriegführenden Länder voll ihre Pflicht
getan ohne Rücksicht ans ihre Glaubensgenossen im
feindlichen Lager. Um ihres türkischen Patriotismus
willen haben die Inden v 0 n Saloniki die
schwersten Berfolgnngen der siegreichen griechischen
Soldateska erduldet und die offiziellen Bertreter der
Iudenschast v 0 n A t h e n waren dagegen be¬
müht, die Sympathien ihrer Glaubensgenossen in
der eroberten Stadt für ihr griechisches Baterland zu
gewinnen. In Konstantinopel wie in Sofia, in
Belgrad wie in Rom haben die nncktlichen und geist¬
lichen Führer der einheimischen Juden die Organi¬
sation einer opfervollen Liebestätigkeit für die im
Feldlager stehenden Söhne des Baterlandes, für ihre
Kranken, Berwundeten und notleidenden Angehöri¬
gen erfolgreich in die Hand genommen, während die
junge militärpflichtige jüdische Mannschaft in der
Feldschlacht heldenmütig ihre Pflicht tat. Erst wenn
es galt, den Gefangenen ihr schweres Los zu mil¬
dern, die Berwundeten zu pflegen, die Kranken zu
heilen, kam die jüdische religiöse Zusammen¬
gehörigkeit in unterschiedloser charitativer Tätigkeit
gegen (Glaubensgenossen bei Freund nnd Feind zur
Erscheinung. Und ebenso haben die Juden der
neutralen Staaten durch Bermittelung ihrer
großen Organisationen, wie der Alliance, des Hilfs¬
vereins usw., die Wunden, welche die Kriegsfurie
geschlagen, unparteiisch auf allen Seiten nach Kräften
zu mildern gesucht.
Die territorialen Verschiebungen im Länderbesitz,
welche die beiden Kriege des abgelanfenen Jahres
zum Teil schon herbeigeführt haben, zum Teil noch
herbeiführen werden, beeinflussen im Wesentlichen
das Schicksal unserer davon betroffenen Glaubens¬
genossen nicht ungünstig. Die unter dem türkischen
Szepter verbleibenden toerden — auch in Palä¬
stina — das milde nnd v ohlwolleude Regiment der
osrnanischen Sultane behalten, sofern nur die Zen¬
tralgewalt des Reiches stark genug bleibt, namentlich
in der unruhigen Periode nach dem Friedensschluß,
jndenseindliche Elemente in Schach zu halten. Die
Juden der von Bulgarien und Serbien er¬
oberten türkischen (Gebietsteile brauchen keine Be¬
sorgnis zu hegen, ungünstiger gestellt zu toerden als
ihre mit ihrer Behandlung durchaus zufriedenen
Glaubensgenossen in den bisherigen Grenzen der
beiden flavischen Balkanstaaten. Rur die etwaigen
neuen jüdischen Untertanen (Griechenlands sind
von Befürchtungen wegen einer künftigen Verschlech¬
terung ihres Lotes nicht frei, besonders soweit dies
das ovn Inden dicht bewohnte Saloniki betrifft,
tvo starke wirtschaftliche Interessengegensätze zwischen
Inden und Griechen in Betracht kommen.
Im Gegensatz hierzu sehen die unter italie-
uische Herrschaft gelangten früheren jüdischen
Untertanen der Türkei in Tripolis mit Sicherheit
einer Aera wirtschaftlichen und geistigen Gedeihens
entgegen, zu deren Einleitung Koryphäen der Juden-
heit Italiens gegenwärtig sich auf einer Studien¬
reise in den eroberten nordafrikanischen Provinzen
befinden.
In R n m ä n i e n hat sich gegen Jahresschlnß
plötzlich, im Gegensatz zu -der bisher dort beobachteten
Judenpolitik, ein Stimmuugsumschwung zu unseren
Gunsten gezeigt. Wie weit der Grund dafür zu
suchen ist in einer ernsten Richtungsänderung oder
nur in augenblicklichen taktischen Rücksichten auf
erhoffte Gebietserweiterungen in der türkischen
Dobrudscha und ans mögliche damit in Verbindung
stehende unbequeme Erörterungen der Großmächte
über die bisherige rumänische Ausführung der Be¬
stimmungen des Berliner Vertrages über die Juden,
muß man abwarten.
Bon den europäischen Großmächten wird sicher¬
lich Rußland feine Stimme nicht zugunsten der
Juden erheben, die es in seinem eigenen Lande noch
immer auf die brutalste und rechtswidrigste Weise
knechtet und verfolgt, gestärkt durch die reaktionäre
Gestaltung der neuen Duma. Der in großem Ma߬
stabe betriebene Wahlrechtsraub an den Juden, die
massenhaften Judenausweisungen außerhalb des
Ansiedlungsrayons, die Prozentnorm für jüdische
Schüler au höheren russischen Bildungsanstalten und
nicht zum wenigsten die Justizkorruption in der
Kiewer Ritualmordasfäre sind dafür hinlängliche
Beweise.
Durch die Mächtegruppierung find Frankreich
und England mit Rußland enger liiert. Die
russische Judenpolitik hat daher in gewisser Weise
auch auf diese beiden Staaten, in denen bisher die
Juden die gerechteste Behandlung erfuhren, etwas
abgefärbt. Der Besuch der englischen Parlamentarier
in Rußland, von welchem sich die jüdischen Parlamen¬
tarier Englands in Hinblick auf die Judenpolitik
Rußlands ansschließen mußten, die Ablehnung des
englischen Ministers der auswärtigen Angelegenheiten
S i r E d w a r d Gr e y, den jüdischen Notabeln seines
Landes eine Audienz bei seinem russischen Kollegen
S a s s a n 0 f f während dessen Besuches in London
behufs Rücksprache über die russische Judenpolitik zu
vermitteln, nnd schließlich seine schroffe Ablehnung
dl r berechtigten jüdischen Forderung, in der russischen
Paß frage für englische Juden irgend einen ernstlichen
Schritt in Petersburg zu unternehmen, find hinläng¬
liche Symptome des russischen Einflusses in der
Tripleentente.
Auch in F r a n k r e i ch , das ja zu dieser Mächte¬
gruppe gehört, hat der Minister des Auswärtigen
P 0 i n c a r e in der russischen Paßfrage dieselbe
Haltung eingenommen, wie Grey in England. Außer¬
dem hat sich die französische Regierung durch die
unzuverlässige Haltung ihrer militärischen Streit¬
kräfte in Marokko während der grausamen Juden-
massakres in dem Mellah von Fez sehr wenig als die
„Trägerin der Zivilisation" gezeigt, als welche sie
sich sonst immer so gern vor aller Welt aufspielt.
Die afrikanischen Interessen Frankreichs stehen
in stetem Widerstreit mit denen der Staaten auf der
iberischen Halbinsel, Spaniens und Portu¬
gals. Hat die auswärtige Politik Frankreichs teil¬
weise wegen seiner russischen Bundesgenossenschasr
einen kleinen Stich von Judenfeindlichkeit gehabt, so
haben sich im Gegensatz hierzu und zu ihrer histori¬
schen Vergangenheit Spanien und Portugal neuer¬
dings sehr judenfreundlich geriert. Ostentativ hat
Spanien während des Balkankrieges das Protektorat
über die spaniolisch sprechenden Juden der Türkei
beansprucht und Portugal setzte sein Liebeswerben
für eine jüdische Besiedlung Angolas fort.
In Oe st-erreich -Ungarn hat sich die wirt-
schastliche Krise der galizischen Juden zu einer großen
Kalamität ausgewachsen, ohne daß es bisher gelungen
ist, die staatlichen Instanzen zu einer ausgiebigen
Hilfsaktion zu veranlassen.
In den Bereinigten Staaten von
Amerika hat die Präsidentenwahl Wilsons bei
den Juden gewisse Besorgnisse hinsichtlich der künfti¬
gen Behandlung der jüdischen Einwanderung wach-
gernfen. Wilsons Erklärungen in dieser Hinsicht^
lauteten einstweilen ebenso beruhigend wie diejenigen,
welche er in Bezug auf die Kündigung des rnssisch-
amerikanischen Handelsvertrages bis zu befriedige^
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