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Nr. 1. Seite 2.
der Lösung der russischen Paßfrage für ameriskmnsche
Juden abgegeben hat.
Die politische Erbschaft des Jahres 1912 gewährt
uns also im ganzen keine allzu rosigen Ausblicke in
die Zukunft.
C&
Uenüaltungsreforin
der Berliner Jüdischen Gemeinde.
Die Ablehnung des bekannten, dem Herrenhause
seiner Zeit zur Beschlußfassung unterbreiteten Gesetz¬
entwurfs, betreffend die Vermehrung der Vor¬
stands- und Repräsentanten zahl der
Berliner jüdischen Gemeinde und Anstellung
b e s o ldeter Vorstandsmitglieder hat nun-
dazu geführt, daß amtliche Stellen der Ge-
, mernde das gleiche Ziel auf anderem Wege zu errei-
* ck^en suchen. Alle Einwände der Petenten gegen jene
"" Herrenhausvorlage, die damals zur Ablehnung des
Gesetzentwurfs führten, haben an der Ueberzeugung
der maßgebenden Stellen des Gemeiudevorstandes,
daß eine Entlastung seiner Mitglieder unter allen
Umständen eintreten müsse, nichts geändert. Nachdem
die Absicht der Gemeindebehörden, eine Aenderung
der Gesetzesbestimmungen vom Jahre 1847 her-
beizusühren, vereitelt worden ist, hat man sich ent¬
schlossen, auf dem Wege der Aenderung des Ge¬
meindestatuts dem bestehenden Notstände abzu¬
helfen. Man hat im Gemeindestatut einen neuen
Paragraphen 50 a geschaffen, der die Genehmigung
des Oberpräsidenten bereits gefunden hat und der es
gestattet, einen Teil der Geschäftszweige, die bisher
von den Gemeinde Vorständen verwaltet wurden,
auf „h ö h e r e Beamte" zu übertragen. In der
letzten Repräsentantensitzung stand die Schaffung der
Stelle eines solchen höheren Beamten zur Beratung.
Sie wurde, wie aus dem Bericht au anderer Stelle
ersichtlich, in die geheime Sitzung verwiesen. Wie
wir erfahren, besteht ein Gegensatz zwischen den Mit¬
gliedern des Vorstandes und einzelnen Repräsentan¬
ten, insbesondere auch zu den: Vorsitzenden der
Repräsentantenversammluug Herrn Louis Sachs
über Charakter und Ausbau dieser neuen Gemeinde¬
beamtenstellen, hauptsächlich über die Absicht, dieser
neuen Beamtenkategorie die Gleichstellung mit
den V o r st a n d s m i t g l i e d e r n zu gewähren,
nur daß sie in den Vorstandssitzungen selbst kein
Stimmrecht haben dürseu, weil dies dem Gesetz
widersprechen würde. In der Kommission, die diese
Frage vorberaten hat, soll der Syndikus ganz offen
zugegeben haben, daß man auch in Bezug auf die
Zahl solcher Beamten an demjenigen festhalten wolle,
was seinerzeit in dem Herrenhansgesetzentwurf ver¬
langt wurde, nämlich daß von den 15 Mitgliedern
des Vorstandes wenigstens ein Drittel besoldet sein
solle. Der Erste Gemeindevorsteher, Herr I a c o b y,
soll ausdrücklich betont haben, daß die Schaffung von
solchen Stellen für höhere Beamte nur dann berech¬
tigt sei, wenn sie den Mitgliedern des Gemeindevor¬
standes gleichgestellt würden. Wenn man be¬
denkt, daß die Anzahl der von den Vorstandsmit¬
gliedern verwalteten Geschäftszweige sich auf 24
Dezernate beläuft, daß in den Vorstandssitzungen zu¬
weilen 80 und noch mehr Gegenstände zu erledigen
sind, daß also die Zeit und Arbeitskraft der Mit¬
glieder des Gemeindevorstandes nicht ausreicht, um
Israelitisches Familienblatt.
3. Januar 1913.
die nötigen Geschäfte der Gemeindeverwaltung zu
bewältigen, wird man es begreiflich finden, daß man
auf jede erlaubte Weise bestrebt ist, hierin Wandel
zu schaffen. Der hier beschrittene Weg läßt erkennen,
daß man in offiziellen Gemeindekreisen kein allzu
großes Vertrauen auf die vom Herrenhause der Re¬
gierung empfohlene weitere Prüfung der Sachlage
und auf die Vorlegung eines neuen Gesetzentwurfes
setzt, und man scheint dort nicht das Vertrauen zu
besitzen, daß'Regierung und Parlament in absehbarer
Zeit von der Notwendigkeit einer Aenderung des
Judengesetzes, selbst nur zugunsten der Berliner
Niesengemeinde, geschweige denn zugunsten derjenigen
Gemeinden, die sich der Petition der Berliner auge¬
schlossen haben, herbeizuführen.
Von seiten der Repräsentanten soll übrigens schon
in der 'vorberatenden Kommission versucht worden
sein, bcu Bedenken gegen einen überwiegenden Ein¬
fluß der besoldeten Beamten auf die Abwicklung der
Vorstandsgeschäfte wenigstens in der Weise zu be¬
gegnen, daß man den Vorsitz in den Verwaltungs-
kommissiouen den Ehrenbeamten reservieren und den
besoldeten Beamten nur die Funktion eines stellver¬
tretenden Vorsitzenden übertragen wollte. Der Vor¬
stand allerdings scheint nicht darauf eingehen zu
wollen.
C&
Generalversammlung
der Vereinigung tradMonek-gesehestrener
Raddiner Deutschlands.
Die Vereinigung traditionell-gesetzestreuer Rab¬
biner Deiltschlands hatte für den 23. und 24. Dezem¬
ber eine Generalversammlung ihrer Mitglieder nach
Berlin einberufen. Von den ca. 120 Mitgliedern
waren 61 erschienen.
Von seiten der Versammlung wurde dem Vor¬
stande der Dank ausgesprochen für die energische,
prompte und verständnisvolle Erledigung der Stel¬
lungnahme der Vereinigung zu den
Richtlinien,
die diese für den Fortbestand des gesetzestreuen
Judentums überaus bedeutsame Angelegenheit ge¬
funden hat. Es habe sich die Notwendigkeit der Ver¬
einigung vielleicht niemals so deutlich gezeigt und
habe sie selten so segensreiche Wirksamkeit entfaltet,
wie bei dieser Gelegenheit. Von mehreren Rednern
werden die verschiedenen Möglichkeiten einer Stel-
lungnahme gegen die Richtlinien erwogen. Das
Ergebnis der angeregten Debatte, die sich in der
Hauptsache auf die durch die Richtlinien geschaffene
Situation und gebotenen Aufgaben bezog, gipfelte in
den» Beschlüsse, eine Kommission, bestehend aus dem
erweiterten Vorstände zu ernennen, die sobald wie
möglich, spätestens aber in zwei Monaten, Vorschläge
ausarbeiten solle, durch welche die Oeffeutlichkeit über
die Richtlinien aufgeklärt und Mittel und Wege zu
ihrer Bekämpfung »»»»gegeben werden sollen.
Jnnehnltung der Ehegesetze.
Der Referent, Distriktsrabbiner Dr. Stein-
Schweinfurt, weist darauf hin, daß die durch die
Richtlinien sanktionierten unerlaubten Ehen eine
Stellungnahme der gesetzestreuen Rabbiner zur ge¬
bieterischen Pflicht machen. In eingehender Weise
legt er diese Notivendigkeit dar und die großen
Schwierigkeiten, die ihr begegnen, zumal da die
61 Greco und die Juden von Coledo.
Von M. Raff.
In der geistigen Entwicklung der Menschheit wirken
eine Reihe von Kräften, die man ganz äußerlich in sicht¬
bare und unsichtbare zerlegen kann. Die ersteren hat der
Materialismus bloßgelegt und als die wahren und letzten
Ursachen des Geistigen proklamieren wollen. Sein Erfolg
beweist, wie gering heute religiöse und metaphysische Erleb¬
nisse sind. Aber auch wer weniger oberflächlich die tieferen
Triebkräfte zu ergründen sucht, vernachlässigt oft zu gunsten
partieller Momente jene konstanten, ununterbrochenen, all¬
täglichen, wie sie etwa durch die lebendige Resonanz der
Frau auf den Künstler und den geistig Schaffenden vor¬
handen ist. Und noch weiter kann man sagen, daß das
bloße Dasein bestimmter Menschen als Repräsentanten
lebendiger physischer Kräfte oder Ideen für die gesamte
Kulturentwicklung von größter Wichtigkeit ist auch da, wo
es nicht zum Vorschein kommt. Der Einfluß solcher
Klassen gleicht einem unterirdischen Fluß, der still dahin¬
gleitet und nur durch die gewaltige Sehnsucht eines großen
und starken Neuerers an die Oberfläche gezogen wird und
dann den andern zur Erscheinung kommt.
Eine solche Stellung scheinen mir die Juden in der
Entwicklungsgeschichte der westeuropäischen Geistigkeit ein-
zunehmen. Ich habe in einem Artikel dieses Blattes unter
dem Titel: „Das Judenviertel in Amsterdam" an Rembrandt
einen Fall auscinandkrgesetzt, wo dieser unterirdische Ein¬
fluß handgreiflich wurde. Man nehme diesen Einfluß nicht
materiell. Nicht als ob der große Germane nur für den
einen oder den andern sehr durchgeistigten Judenkopf begeistert
gewesen wäre; nicht als ob er nur die orientalische Pracht
und die Rasse der Frauen geliebt hätte. All das war ihm
ein lebensnotwendiges Element, das nicht nur in den Stoff
seiner Kunst, sondern auch in ihren Stil übergegangen ist.
Es war ihm eine Quelle für sein Leben, eine stärkere
Resonanz seiner Unendlichkeiten schauenden Seele als die
seiner Landsleute mit ihrer bourgeoisen und photographischen
Nüchternheit. Die Pangermanisten, die Rembrandt als
Erzieher, als ihren gewaltigsten Heros hinstellen, tun Un¬
recht, Antisemiten zu sein. Vielleicht denken sie einmal
darüber nach, wie oft diese von inneren Visionen erschütterte
Seele Ruhe und Frieden im Judenviertel gefunden haben
mag, nachdem seine eigenen Landsleute ihn ruiniert hatten.
Entstanden doch gerade im Alter, in seiner höchsten Reife
eine Fülle von Bilder mit jüdischen Motiven. Und nur
ein Künstler wird ganz die Freude nachempfinden können,
mit der Rembrandt an einem jüdischen Rabbiner jene Geste
gefunden haben mag, die er seinem Evangelisten geben konnte.
An einer neuen Stelle der Kunstgeschichte scheint ein
ähnliches Phänomen vorzuliegen. Vor kurzem hat man
die Bilder El Grecos, des kretischen Toledaners entdeckt,
besser durch seine Beziehungen zur modernen Kunst neu
würdigen gelernt. Man war sich einig darin, daß der
Geist der spanischen Gegenreformation in den seelisch durch¬
glühten Bildern dieses Griechen, der von Venedig kam,
seinen ergreifendsten und umfassendsten Ausdruck gefunden
hat. In seinem neuesten Werk „Greco'oder das Geheim¬
nis von Toledo" macht nun Maurice Barrös, der bekannte
große und geistvolle Führer der Academie fran^aise,
den Versuch, die Kunst Grecos aus dem Milieu zu erklären,
das die Stadt Toledo und die umgebende Landschaft
charakterisiert. Er kommt zu dem interessanten Schluß,
daß hier eine Menschheit tätig war, deren Blut eine Zu¬
sammensetzung aus jüdisch-arabischem Semitentum und
katholischem Spaniertun» war. Und nun ist es interessant,
daß Greco, in dieses Milieu hineingesetzt, befreundet mit
den geistigeir Führern und der Aristokratie der Stadt und
des Landes seinen Wohnort im Judenviertel aufschlägt.
Bevor ich aus dem Buche von Barräs die geistvollsten
und intereffantesten Partien übersetze, in denen er sich mit
dem Judenviertel, dem Mischcbarakter der Rasse, der Eigen-
Gesetzgebnng hierin in keiner Weise unterstütze. Hätten
»vir dieselben Machtmittel wie z. B. die holländischen
Rabbiner, »vo jede Trauung von der Zustimmung des
Heimatsrabbinats abhängig sei und dieses genaue
Listen führe, so »väre der Weg »vesentlich erleichtert.
In Dentschland seien wir jedoch völlig auf die eigenen
Angaben des Bräutigams und der Braut angewiesen;
es sei selbstverständlich, daß dieses kein genügender
Schlitz sei. Vielleicht »vürde durch eine Einrichtung,
welcher Art sie auch sei, sobald diese erst publik werde,
eine Besserung sich ermöglichen lasten. Redner faßt
den Inhalt seines Vortrages in eine Reihe von
Thesen zusammen. Es solle aber angestrebt »verden,
daß die in bftfeit Thesen aufgestellten Richtlinien
möglichst nicht nur von den Mitgliedern der „Ber¬
einigung" zur Geltung gebracht »verde.
Der Cvrreferent, Distriktsrabbiner K ohn -
Ansbach, stimmt im allgemeinen de»n Referenten bei
und hofft, daß jetzt die sogenannte „Permanenz¬
kommission", die eine Vereinigung der vorhandenen
gesetzestveuen Rabbinervereine herbeiführen will, in
Aktion treten »verde. Correferellt regt an, daß die
halachische Koinmission Gutachten über die Grenze
der Anerkennungsmöglichkeit von Eheschließungen
durch die Richtlinienrabbiner abgeben solle.
Die fast zweistündige Diskussion, die sich an
die Referate knüpft, betont, daß unbedingt Maß-
nahnren erforderlich seien. Aber über deren Möglich¬
keit, über das, »vas verlangt »verden müsse, »vessen
Zeugnis maßgebend sein solle und »velches zurück¬
zuweisen sei und vieles andere gehen die Meinungen
auseinander. Eine ganze Fülle von »nündlichen und
schriftliche»» Anregungen »vird geboten und schließlich,
auf Antrag Munk-Marburg und Bamberger-
Hanau, dem Vorstande als Material übertviese»».
Als nächster Redner erhält B a m berger -
Hanau das Wort zu seinem Vortrage:
Soldatensürsorge.
In erschöpfender Weise und auf Grund eingehen¬
der Sachkenntnis, die der Referent sowohl a»»s per¬
sönlicher Erfahrung iin Militärdienst als a»»ch beson¬
ders durch jahrelange erfolgreiche Tätigkeit auf
diesem Gebiete sich allgeeignet hat, berichtet Redner
über die »vichtigste»» Fragen der religiösen Soldaten¬
fürsorge. Es handelt sich zunächst um die Gewährung
ritueller Verpflegung, Ermöglichung einer Dienst¬
beschränkung am l^Ehat und den jüdische»» Feier¬
tagen sowie in» allgemeinen um belehrende und er¬
zieherische Einwirkung in religiösem Silin. Jnter-
essailt ist hier vor allen» die Feststellung des Referen¬
ten, daß die leitenden Militärbehörden, »vie ein ge¬
schichtlicher Ueberblick beweist, sich in» allgeineinen
recht entgegenkommend in diesen Fragen zeige»» uird
daß die Hi»»dernisse oft hauptsächlich ans den» ein¬
schüchternden Verhalten der subalternen Vorgesetzten
dein neneingetretenen Rekruten gegenüber znznschrei-
ben sind und auf der vielfachen Unkenntnis der gesetz¬
lichen Lage beruhen. Diesem Uebel soll der Antrag
des Referenten abhelfen, den» jüdischen Rekruten durch
orientierende Merkblätter eine ausreichende Kenntnis
der bestehenden Vorschriften zu übermitteln mvb sie
dadurch in die Lage zu bringen, das Erreichbare zu
verlangen.
lieber
Schochtim
spricht als letzter Referent Rabbiner Dr. S i lb er¬
be r g - Schrill»n».
heit des Judentums und den Zuständen zur Zeit Greco^
befaßt, möchte ich auf den eigenartigen Parallelismus
zwischen der Innerlichkeit der Kunst Grecos zu der Rem-
brandts Hinweisen. Denn von hier aus läßt sich vielleicht
der Grund und die Art des jüdischen Einflusses n»ehr
begreifen. Es scheint, als ob beide instinktiv in der» Juden
die Träger einer Religion gefühlt haben. Die Juden,
durch die Geistigkeit ihrer Religion auch physisch bestimmt
und geformt, boten der konkreten und auf dein Auge
basierenden Kunst des Malers sowohl in Holland wie in
Spanien das Bild einer durch den Glauben organisch¬
determinierten Rasse. Und »veiter fönnen wir daraus
schließe»», wieiveit »vir jenen »vichtigen Einfluß verlieren
»Nüsse»», in dem Maße »vie »vir uns von unserer Religion
e»»tfernen. U»»d in der Tat ist der n»oder»»e Einfluß der
Juden, weit entfernt von der stillen Art unserer Väter,
lärmend, spielt in beit Zeitungen und ist nicht mehr religiös
innerlich, sonder»» »vird täglich äußerlicher, literarischer.
Immerhin kam» zum Lobe gesagt werden, daß die jüdischen
Sammler den besten Instinkt für die wirklich wertvolle
Produktion der 'Neuzeit haben und daß ihr reichlich ver¬
ausgabtes Geld den besten Kräfte»» zugute komintj Womit
ich den Snobismus »veitester Kreise nicht in Abrede stelle
Von diesen» Ausblick ins Moderne soll uns Barrtzs
wieder »ns 17. Jahrhundert u»»d zu Greco zurüct'ühren
Es heißt bei ihm:
„Man weiß seit gestern, daß El Greco »»icht weit von
Santo Tomv, mitten im Judenviertel wohnte. Diese
erngestürzten Steine beherbergte»» nacheinander den berüch¬
tigte»» Zahlineister Sa»»»uel Levy u»»d ven Zauberer Mar^ujA.
de Villen«. Die Volksphantasie durchwühlt ,»och heute ^
diese Trümmer, u„» dort die Spure,» der Schätze des
einen u,»d der teuflischen Machenschaften des a,»dern zu
entdecken. An den kleinen Bogen dieser Ruinen hat Lafond
die grauen Hügel erkannt, welche so oft die Hintergründe
auf Grecos Bildern bilden. Wenn er sich seinem Fenster
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