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zehn Lullten begeistert schwärntte, ist nirgends mehr
etwas zu spüren. Nur auf den Krücken der Kon
jernativen und des Bundes der Landwirte wagen es
Antisemiten überhaupt, sich um ein Mandat zu
bewerben.
Das Zrntrum ist zwar gegenwärtig politisch
eng mir den Konservativen verbünde: und das könnte
die Zuber: gegen alle seine Kandidaten bedenklich
machen. Dennoch har das Zentrum wiederholt
Beweise gegeben, daß es in jüdischen Fragen
seinen reaktionären Buildesge nossen
keine Heeresfolge lei st et und daß es non
einem starken Gefühl für den Rechtsschutz konfessio¬
neller Minoritäten beseelt ist. Wir können zwar
nicht so weit geherr, wie ein Rabbiner W e st -
deutsch lands in einer Zuschrift an die klerikale
„Köln. Volksztg.", welcher ausführt:
„Jüdischerseits wird öfters betont, daß der Jude
sich von dem Zentrum fernhalten müsse, weil es
wiederholt schon eine Fraktion unterstützte, die den
Antisemitismus mit aller nracht fördert. Tatsache
ist nun, daß die Parteien der Linken dies Verhalten
des Zentrums als Agitationsstoff verwenden. Hierzu
werden dann noch verschiedene andere Geschichten,
die sogar den Antisemitismus der Zentrumsfraktion
beweisen sollen, zusammengelesen, ' und die leicht¬
gläubige Masse hat dann ihre Ansicht und Stellung¬
nahme zur Wahl sich augeeignet.
Hier ein klärendes Wort zu sprechen, war Sache
der geistigen Führer der jüdischen Orthodoxie
Deutschlands, der Rabbiner. Die Rabbiner sind
keine Politiker, sie geben sich mit der Politik wenig
ab. Ihnen liegt daher jede Parteileidenschaft fern.
Ihr gelegentliches Urteil über Politik gründet sich
einzig und allein ans Tatsachen, ans (Erfahrung. In
einer Versammlung aller gesetzestrenen Rabbiner
Deutschlands, die vor kurzen: in Berlin abgehalten
wurde, und die ausschließlich religiösen Charakter
trug, kam auch bei Besprechung der Schächtsrage der
Punkt zur Verhandlung, welche Partei bisher am
nachhaltigsten für die (Glaubensfreiheit der Inden,
ganz besonders für die unbehinderte Ausübung des
Schächtens eingetreten sei, welche Fraktion des
Reichstags und Landtags „es sich znnr Prinzip
machte", für die Betätigung der religiösen Insti¬
tutionen einer joden Glaubensgemeinschaft all ma߬
gebender Stelle das Wort zu erheben.
Einstimmig wurde von allen Anwesender: dem
Zentrum die volle Anerkennung für sein tapferes
Eintreten zugunsten des Judentums und seiner
Institutionell ausgesprochen. Man hob allseitig die
Verdienste des Zentrunrs hervor. Es wurde dann
darauf hingewiesen, daß jeder gesetzestrene Jude seine
Stimme für diese Partei abgeben solle."
Es gibt — das hat erst neuerdings, lvie wir
berichteten, Geh. Justizrat Fuchs in Köln ans¬
geführt — auch in der Zeiltrumspartei eine Anzahl
palic.
Bon S. Meisels.
Was bezweckt die Weltgeschichte? Karl von Rotteck
hat diese Frage treffend beantwortet. Die Geschichte
bezweckt die Erkenntnis des jetzigen und jedesmaligen
Zustandes der Erde und der Menscheil; sie ist aber
auch bestrebt, den zuküilftigeil Zustand der Welt zu
entschleiern. Denn die Vergangenheit, die die Gegen-
wart gebracht hat, trägt zugleich die Zukunft in ihrem
Schoß. Die Vergangenheit enthält den Schlüssel zur
Gegenwart uitd den Spiegel der Zukunft. Die Geschichte
ist die SuiilNle alles Geschehenen, das Kollektivbild aller
im Wandel der Zeiten auf unfern: Planeten verübten
Taten oder Untaten. Die Vergleichung des früheren
Zustandes der Menschheit mit dem gegenwärtigen kann
allein die große Frage entscheidell, ob die Menschheit in
ihrer Gesittung vor- oder rückwärts schreitet oder einen
ewig wiederkehrenden Zirkel beschreibt.
Und die Geschichte briilgt uns die traurige Lehre,
daß wir uus im allgemeinen in einem elvigen Zirkel
bewegen. Die Geschehnisse längst entschwundener
Jahre geschehen auch heute noch, und werden sich viel¬
leicht in eiirer feriveit Zukunft wieder ereignen. Goethe
hat die Welt ein ewig wiederkänendes Ungeheuer
genannt. Der Siim dieses Gleichnisses deckt sich voll¬
ständig mit dein allbekannten Ausspruch des Koheleth,
daß alles Gewesene dereinst wieder sein werde und alles
Geschehene dereinst wieder geschehen lverde llnd daß es
nichts Neues unter der Sonne gebe.
Ein Ereignis aus jüngster Zeit rechtfertigt voll¬
kommen obige Betrachtung. Man glaubt in der Tat
eine Chronik aus dem Mittelalter vor sich zu habe::,
wenn man den folgenden Zeitungsbericht vom Kriegs¬
schauplätze liest: In Djakova in Albanien ist vor den
Augen Europas und im zwanzigsten Jahrhundert eine
Israelitisches Familrenbtatt.
27. März 1913.
Politiker, welche voll den Antisemiten und ihrer
Kampfeslveise sich gar nicht unterscheiden. Diesen
kann ein Jude doch nicht seine Stimme geben, nur
weil sie sich zur Zentrumsfraktion zählen. Wir müssen
uns vielmehr die einzelnen Zentrumskandidaten
ansehen und im Zweifelsfalle durch ihre bestimmten
Annoorten aus bestimmt zu stellende Fragen er¬
mitteln, ob sie zu der Couleur der „K ö l n.
Volksztg." gehören, die nach den Traditionen
Windthorsts es sich zllm Prinzip macht, den Juden
ihr Recht nicht vorzuenthalten, oder zur Couleur
der Berliner „Germania", die mit Vorliebe
Judenhetze treibt.
Eine solche persönliche Auslese unter deit Kandi¬
daten der Rationalliberalen ist ebenfalls
angezeigt, trotzdem wir im allgemeinen die Kandi¬
daten der Linken als prinzipielle Ver¬
teidiger des Grun d satzes vor: der staats¬
bürgerlicher: G l e i ch b e r e ch t i g u n g ohne
Unterschied des religiöser: Bekennt-
rrisses ansprechen müssen, wie ja auch bisher nur
auf der Linken Abgeordnete jüdischen
G l a u b e n s Platz gefunden haben.
(&
Die neue Militärvorlage.
Noch steht es "'ch^ fest, uw K-ievic- MvunschüsKn
das deutsche Heer vermehrt werden soll. Die Militär¬
vorlage liegt den gesetzgebenden Körperschaften noch
nicht vor. Aber was aus der: Zeitungen bisher
über die Zahl der zn vermehrender: Truppen ver¬
lautet: es handelt sich um mehr als 100 000 Mann.
An sich würde eine solche Heeresvermehrnngsvorlage
das besondere j üd i s ch e Interesse nicht tangieren,
ebensowenig wie die Frage der Aufbringung der aitf
eine Milliarde beziehungsweise 200 Millionen Mark
berechneter: einmaligen und dauernder: Ansgaben
für diese Heeresverrnehrung. Aber wir wisse::, daß
gerade die Militärverwaltung, die jetzt mit so erheb¬
licher: Ansprüchen an die Opferwilligkeit der breite¬
sten Schichter: der Bevölkerung herantritt, an: aller-
zäheste n den Satz der Verfassung, der von der
Gleichberechtigung aller K o n f e s s i o n e n
bei der Besetzung von öffentlicher: Aemtern
handelt, derart interpretiert, daß er für diejenigen
unserer Glaube::s gen offen, die sich in irgend
einer Weise zu militärischen Aemtern eignen, direkt ,
illusorisch wird. Abgesehen von der bayerischer:)
Armee ist im deutschen Heere seit 30 Jahren kein
Jude zun: Reserveoffizier ernannt worden, geschweige
beim daß ein Jnde je Aussicht hätte, der: Militär¬
dienst als Leberrsberuf ausüber: zu dürfen. Wir
wissen auch, daß trotz des großen Mangels an
M i l i t ä r ä r z t e r: das preußische Militär-Sani-
tätskorps r:ur für der: Fall eines Krieges die jüdischen
Militärärzte zum aktiver: Dierrst heranzieht. Es
karn: gar keinem Zweifel unterliegen, daß die Zurück¬
setzung 'der Staatsbürger jüdischen Glaubeus am
eklatantesten beim Militär in die Erscheinung tritt.
Wenn jetzt dieselbe Militärverwaltung an die Opfer¬
willigkeit der Natior: wahrlich keine kleiner: Ansprüche
stellt, dar::: darf mar: wohl auch erwarte::, daß sie
bereit sein sollte, auch dem jüdischer: Teile der Be¬
völkerung, der ja in gleicher Weise, wenn nicht in
stärkeren: Maße zu den Opfern an Gut und Blut
herangezogen wird, das Recht unverkümmert zuteil
werden zu lasten, das ihm nach der Verfassung
zusteht und das ihm von der Militärverwaltung trotz
aller Proteste immer noch vorenthalten wird. Es
wäre dringend wü::schenswert, daß bei de: Beraturrg
der neuen Mtlitärvorlage im Reichstage alle die¬
jenigen Parteien, denen die tatsächliche Durchführung
der verfastungsmäßigen Gleichberechtigung aller
Staatsbürger am Herzen liegt, an diesem Verhalte::
der Militärbehörden 'den Juden gegenüber nicht
achtlos vorübergehen. Es kommt hinzu, daß lvie
der Bedarf an Mannschaster:, so auch derjenige an
aktiven und Reserveoffizier er: sowie an
Militärärzten eine entsprechende Steige¬
rung erfahren wird. Ist es da nicht berechtigt, daß
man auch geeignete, tüchtige und von: besten Wollen
beseelte jüdische Kräfte zu diesen militärischer:
Aemtern zuläßt? Wenn je, so ist jetzt die Gelegen¬
heit gegeben, daß alle nichtarltisemitischen Parteierr
des Reichstages mit größter Energie der: Herrer: der
Militärverwaltung anenrpfehlen, hier endlich
Remedur zu schaffe:: und eine offenbare Ungerechtig¬
keit gegenüber den: jüdischen Bevölkerurrgsteile
gut zu machen. Wir wissen, daß vor hundert
Jahren — in diesen Tagen der patriotischer: Eriune-
runger: darf darauf hingewiesen werden — die Inder:
in verhältnismäßig großer Zahl zr: der: Fahrun:
eilten, um teilzunehmen an der Befreirrng des Vater¬
landes, und es ist historisch festgestellt, daß schon in
jenen Taaen da die Inden e^st r?:t J^hr
Bürger geworden waren, eine ganze Anzahl unserer
Glaubensgenosten sich als tüchtige Offiziere
bewährt haben, denen die „achtunggebietende Per¬
sönlichkeit" von amtlicher Stelle attestiert worden
ist. Die neue Militärvorlage wird ja in einem
gewissen Zusammenhang mit jener großen Zeit ge¬
bracht, und darum darf n:an wohl der: Wunsch hegen
und ausfprechen, daß das Deutschland von 1013 sich
nicht rückständiger zeige als das von 1813; daß die
Militärverwaltung nun endlich sich auf die Suche
begeber: uröge, „achtunggebietende Persönlichkeiten"
unter der: jüdischen Einjährigen zu sinder:. Es gilt
auch dabei wirklich das Wort: „Suchet, so werdet ihr
finden."
Der eckte Kongreß
der ost-jüdischen Studenten-Uereine.
Von Joseph Krnk.
Es entftanben in den letzter: Jahren fast ir: allen
westeuropäischer: Städter:, rvo es eine russisch-jüdische
„Kolonie" gibt, jüdische Studenteuklubs, Vereine
für jüdische Literatur und Kunst, jüdische Kultur-
Vereine usw. Es sind das meisterrs unparteiische
Institutionen, welcher: Liebe und Juteresse für das
Judentum inuewohnt. Die Vereine Haber: eige'ue
Bibliotheken, Lesehalle:: usw. Sie bilden aber auch
„ein Stück Heim" für unsere Akademiker, dem: sie
fühlen sich dort „zu Hause", mar: singt jüdische
Lieder, man lieft gemeinsam die jüdische Literatur,
man hört jüdische Musik.
Um diese Vereine im blühender: Zustande zu
erhalten, ist eine gegenseitige Unterstützung durchaus
notwendig. Am 7. März ist nun in Zürich der erste
Kongreß aller dieser jüdischer: Studeuten-Vereiue in
Zwangsbekehrung nach mittelalterlichem Muster voll¬
zogen worden. Serbische und montenegrinische Sol¬
daten mit fanatischer: orthodoxer: Geistlicher: Haber: die
teils katholische, teils mohammedanische Bevölkerung in
Djakova und Umgebung zmn Uebertritt zum orthodoxen
Glaube:: gezwurrgen. Dreihundert Personen, Männer,
Frauer: und Kinder, unter diesen der Franziskanerpater
Angela Palie, wurden an Stricker: gefesselt und unter
Todesdrohungen zum Uebertritt aufgefordert. Ein
orthodoxer Priester zeigte ans die Soldaten, die mit
ihrer: Geroehren bereitstanden, und sagte: „Errtweder
Ihr unterschreibt, daß Ihr Übertreter: werdet, oder diese
militärischen Gottesstreiter Werder: Eure Seelen ir: die
Hölle befördern." Darauf unterschriebei: die Gefarrgenen.
Als letzter kan: Palic an die Reihe. Er war der einzige,
der sich ruhig und würdevoll weigerte. Nach dreimaliger
Aufforderung beharrte er auf seiner Weigerung, und nun
fiele:: auf der: Wink eines orthodoxer: Popen die
Soldaten über ihn her, rissen ihn: die geistlicher: Ge-
rvänder von: Körper und begannen mit der: Gewehr¬
kolben ans ihr: eiuznschlagerr. Palic stürzte mit meh¬
reren Knochen- und Rippeubrüchen zu Boden. Darauf
richtete man ar: der: Schrververletzten die Frage, ob er
unterschreiben wolle. Er antwortete: Nein, ich verlasse
meinen Glauben iricht. Er erhielt neuerlich zahlreiche
Kolbeuschläge, bis ein Bajonettstich durch die Lmrge
seinen: Leben ein Ende urachte.
Dieser Vorfall berührt in uns Juden eine Gedächt¬
niszelle, in der sich Erinnerungen mancherlei auftun,
vor: Trauer und Schauer erfüllt. Die Geschichte ist nicht
alleirr ein ewig wiederkäuendes Ungeheuer, sie ist ein
nnverschämt fleißiger Plagiator. Ir: Albanien hat sie
jetzt ein Kapitel, cht schaurig-trauriges Kapitel aus den
jüdischen Annalen wortwörtlich' abgeschrieben. Sie hat
es nur aus dem Jüdischer: ir:s Albanesische übersetzt.
Das Judentum ist überreich an Glanbensmärtyrern. die
I gleich dem Priester Palic es vorzogen, das Leben als
die religiöse Ueberzeugnng zu opfern. Und die
Marannen glichen auf ein Haar der: zum Uebertritt
gezwungenen Albanesen.
Nur mit wenigen Variante,: wiederholt die Geschichte
ihr altes Lied. „Entweder Ihr unterschreibt, daß Ihr
übertreten werdet, oder diese militärischer: Gottesstreiter
Werder: Eure Seele,: in die Hölle beförderw" Ur:s
Juden klir:gt dieser Text nicht r:eir. Einst sagten dies
die katholischen Priester zu den Juden und wiesen dabei
auf die lohender: Flammen der Scheiterhairfer:; heute
sagen dies christliche orthodoxe Priester zu Katholiken
und zeige,: dabei auf die Bajonette der Soldaten. Aller¬
dings — die Zwangsbekehrnugen der Inder: vollzogen
sich in der: finstern Zeiten des Mittelalters. Damals
gab es noch kein Europa (im heutigen Sinne); aber eine
Menschheit gab es auch damals schon. Und diese Mensch¬
heit ging damals an dieser: Scher:ßlichkeiter: ebenso
achtlos vorüber wie herrte Europa au den Greneltaten
in Albanier:.
Europa! Man hat sich nachgerade gewöhick, Europa
als moralische Person zu betrachten, die gegen jedes
Unrecht und geger: jede Gewalttat Protest einzulegen
verpflichtet sei. Als die Zwangsbekehrungen in Albanien
bekarnck wurde::, konnte mar: überall die Frage lese:::
was sagt Europa dazu, das zivilisierte Europa des
zwanzigster: Jahrhurckrerts? Europa aber sah zu und —
schwieg; es scheiick andere Sorger: zu haben, scheirtt
andern Aufgabe:: seine Aufmerksamkeit zuzuwerrden.
Pogrome in Rußlarw, mittelalterlicher J::der:haß in
Rumänien, Zwangsbekchrungen in Albanien — was
tut Eilropa? Europa nimmts zur Kenntnis.