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Hamburg» 10, Juni 1913*
15. Jahrgang
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Das Regierungsjubiläum des Kaifers.
Am 16. Juni sind 25 Jahre verflossen, seitdem
Wilhelm II. als Nachfolger seines Baters, des unver¬
geßlichen Kaisers Friedrich, den deutschen Kaiser¬
thron bestiegen, die preußische Königskrone ererbt
hat. Ist ein Viertel Jahrhundert schon eine bedeu¬
tungsvolle Spanne Zeit im Leben jedes Privat¬
mannes, um wie viel mehr in dem eines Herrschers
über ein mächtiges Reich, an der Spitze einer euro¬
päischen Großmacht, der einflußreich nicht nur die
Geschicke des eigenen Volkes, sondern auch mittel¬
bar die anderer Nationen mitbestimmt. Jeder
Monarch würde an einem solchen Jubilnnmstage die
offiziellen Glückwünsche befreundeter Höfe und
Negierungen, der Behörden und öffentlichen Korpo¬
rationen aus dem eigenen Lande empfangen. Das
höfische Zeremoniell für solche Festlichkeiten pflegt sich
ja nach einem bestimmten Schenia abzuwickeln. Wenn
sich aber in dem vorliegenden Falle die innig teil¬
nehmende Freude weitester Volkskreise freiwillig und
aus innerstem Herzen den offiziellen Veranstaltungen
anschließt, wenn an diesem Festtage auch der Jubel
des freien Mannes zu den Stufen des Thrones
empordringt, dann ist dieser schönste Lohn eines
pflichtgetreuen Herrschers verdient durch das segens¬
reiche Wirken Kaiser Wilhelms seit dem Tage seines
Regierungsantritts, das er nach der Tradition seiner
Ahnen unermüdlich als „erster Diener des Staates"
vollbrachte. . ,
Die deutschen I u d e n vereinen bei diesem
Anlaß ihre Wünsche für das fernere Glück und Heil
des Kaisers mit denen ihrer andersgläubigen Mit¬
bürger. Loyal dem Monarchen gegenüber sind
überzeugnngstreue Juden immer. In dieser Hinsicht
gibt es unter uns keine Meinungsverschiedenheit,
keine Spaltung der innerjüdischen Parteien und
Richtungen. Selbst in Rußland, das doch wahrlich
im Namen des selbstherrlichen Zaren die Juden in
seinen Grenzen aufs grausamste bedrängt und be¬
drückt, haben die Juden noch letzthin gelegentlich des
Romanow-Jubiläums ihremKaiser starke Loyalitäts¬
beweise und vielfache Huldigungen dargebracht. Wir
deutschen Juden sind hoch erfreut, daß wir
unserem Kaiser über die Grenzen einer nur
pflichtmäßigen Loyalität hinaus aus innerstem Her
zensbedürfnis unsere Glückwünsche zu seinem Regie¬
rungsjubiläum darbringen können. Nicht nur ver¬
ehren wir als Staatsbürger in ihm den mächtigen
Schirmherrn des Friedens, unter dessen Hut wir
wohnen, der während seines langen Regiments
bisher allen Versuchungen zum Trotz es vermieden
hat, cm die Schärfe des Schwertes im Völkerstreit
zu appellieren; nicht nur blicken wir zu ihm auf als
zu dem tatkräftigen Förderer des wirtschaftlichen
Gedeihens Deutschlands, au dem auch die Deutschen
jüdischen Glaubens partizipieren, wir jubeln ihm
auch besonders zu als dem rastlosen Arbeiter am
Werke des inneren sozialen Friedens,
der in Erfüllung dieser seiner hohen Aufgabe als
Landesherr stets bestrebt war, auch seine jüdi scheu
Untertanen gegen Unbill zu schützen, ihnen Gerech¬
tigkeit und kaiserliches Wohlwollen zu beweisen. An
diesen Gefühlen und Erkenntnissen kann auch die
Tatsache nichts ändern, daß wir seinen M i n i -
sterien gegenüber gerechte politische Forderungen
die noch unerfüllt sind, geltend machen mußten und
noch müssen.
Die ganze Entwicklung des hohen Jubilars
mußte ihn persönlich zu einer vorurteilslosen Beur¬
teilung und Behandlung der deutschen Juden führen.
Schon als Knabe und Jüngling in seinem Vater¬
hause wurde er erzogen in einem Geiste, der seinen
Ausdruck fand in der Thronbesteigungsproklamation
Kaiser Friedrichs, daß alle seine Untertanen ohne
Unterschied seinem Herzen gleich nahe stän¬
den, weil alle gleichmäßig sich bewährt hätten in der
Stunde, da das gemeinsame Vaterland in Gefahr
war. Er ist der Sohn desjenigen deutschen Kaisers,
der den Antisemitismus „die Schmach des Jahr¬
hunderts" genannt hat. Dem Willen seines hohen
Vaters gemäß hat der jetzige Kaiser bereits auf der
Schulbank auch mit jüdischen Mitschülern gemein¬
samen Unterricht genossen, hat an ihnen schon in
früher Jugendzeit gesehen und erfahren, wie grund¬
los die von Uebelwollenden gegen alle Juden
gerichteten Angriffe und Beschuldigungen sind. Er
hat auch als Kaiser den jüdischen Gefährten seiner'
Jugend eine treue Gesinnung bewahrt.
Diejenigen sind bitter von ihm enttäuscht worden,
welche während einer kurzen Periode seiner Kron¬
prinzenzeit sich der trügerischen Hoffnung Hingaben,
den künftigen Kaiser für ihre judenfeindlichen Ziele
in Beschlag nehmen zu könnein Zur Regierung
gelangt, hat er bald mit starkem Arm diese Netze von
) geworfen und die antisemitischen Versucher abge¬
schüttelt. Zahlreiche Huldbeweise hat der Monarch
jüdischen Notabilitäten zuteil werden lassen, jüdische
Exzellenzen hat er ernannt, zu seinem engsten Um¬
gangskreis, unbekümmert um deshalb gegen ihn
gerichtete perfide Angriffe der Judenfeinde, hat er
stets eine Anzahl hervorragender Juden heran¬
gezogen, damit vor allem Volke bekundend, daß
böswillige Verläumdungen gegen das Judentum am
Throne keinen Glauben und keinen Rückhalt finden.
Aller dieser Taten gedenken wir dankerfüllt zum Feste
des Kaisers.
Und deshalb blicken wir auch zuversichtlich auf
seine fernere Regierungszeit mit dem altjüdischen
Wunsche für irdische Regenten: Jorum liaudau!
Der Herrscher der Welt erhöhe seinen Ruhm an
Weisheit und Gerechtigkeit, an Stärke und Güte!
* * *
Der D e utsch-Jsraelitische Gemeinde¬
bund hat das nachstehende, von Herrn Rabbiner
Dr. H o ch f e l d - Berlin ausgearbeitete Syna-
g o g e n - G e b e t zum R e g i e r u n g s j u b i l ä u m
Kaiser Wilhelms an sämtliche Bundesgemein¬
den des D. I. G. B., die eines Rabbiners oder
Predigers entbehren, versandt:
Herr der Welt, König aller Könige!
Ein heller Klang des Jubels tönt heute durch die
deutschen Lande; froh bewegt schlägt jedes treuen
Bürgers Herz Dir entgegen, der Du unfern Kaiser
und Herrn fünfundzwanzig Jahre seiner gesegneten
Regierung hast vollenden lassen.
Fünfundzwanzig Jahre im Leben unseres Volkes,
eine Zeit unruhevollen Strebens und erregter
Kämpfe. Fünfundzwanzig Jahre im Leben unseres
Herrschers, eine Zeit hingebendster Arbeit und ge¬
wissenhaftester Pflichterfüllung.
Ja, wir danken Dir, o Gott, daß Du uns einen
Kaiser geschenkt hast, der den Aufgaben der Gegen¬
wart so volles Verständnis entgegenbringt und der
von der Verantwortlichkeit seines Herrscheramtes so
tief durchdrungen ist.
In Waffen starren heute die Völker Europas,
wirkliche und vermeintliche Gegensätze halten die
Nationen in Spannung, ein einziger unbedachter
Vorstoß könnte einen Weltbrand entfachen und uner¬
setzliche Güter vieljähriger emsiger Kulturarbeit mit
eineni Schlage vernichten. Unser Kaiser ist ein
Friedensfürst, sein machtvoller Wille sichert unserm
Vaterlande und seinen Nachbarn die Ruhe und die
Möglichkeit ungestörter Entwicklung. In jungen
Jahren auf den Thron seiner Vater gelangt, hat
Wilhelm der Zweite, der Sproß kriegerischer Ahnen,
nicht nach Waffenruhm gegeizt, sondern unter Wah¬
rung der Größe und Ehre seines Erbes in der
Hebung der inneren Wohlfahrt das Ziel seiner
Mühen erblickt.
Zu neuen Formen der Betätigung drängte heute
der Menschengeist. Erfindungen und Entdeckungen,
der gesteigerte Weltverkehr und der gegenseitige
Austausch der Meinungen und Erfahrungen haben
unseren Blick geweitet und die Arbeitsweise früherer
Geschlechter auf vielen Gebieten überholt. Andere
Ideale erfüllen in unseren Tagen die Jugend, andere
Hoffnungen und Wünsche wollen'Verwirklichung und
Berücksichtigung. Unser Kaiser hat ein williges Ohr
für die Stimmen der Zeit und einen aufgeschlossenen
Sinn für alles echt menschliche Streben und Ringen.
Jede Mehrung unseres.Wissens, jede tiefere Einsicht
in das Wesen der Dinge erfreut sich seiner Förde¬
rung; mit starkem Arm hilft er gebundene Kräfte
lösen und vorwärtsdringendem Fleiß den Weg frei
machen, mag er auch allzu stürmischen Verlangen
oftmals ein mahnendes Halt entgegenrufen.