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Aus dem ebenso deutschen wie jüdischen Gedan¬
ken der Solidarität sind die Worte geboren, welche in
der preußischen Thronrede der Hoffnung
Ausdruck gaben, daß der Geist gegenseitigen
Verstehens und Vertrauens auch im Frie¬
den fortwirken werde in der gemeinsamen Arbeit am
Staate. Aus diesem Gedenken ist die Parole gebo¬
ren, welche der deutsche Reichskanzler ausgegeben
aht: Freie Bahn für alle Tüchtigen!
Wie ein greller Mißton mischte sich in diese Har¬
monien des Volkslebens, deshalb desto schwerer und
schmerzhafter von uns empfunden, die ministerielle
Anordnung wegen Aufnahme einer Juden-
st a t i st i k i m H e e r e. An die Stelle der nationa¬
len Solidarität wurde hier plötzlich die völkische Ge¬
samtheit nach dem religiösen Bekenntnis auseinan-
dergerrssen. Nicht Fähigkeiten und persönliche Eig¬
nung sollten allein für die verschiedenen Funktionen
fit der Landesverteidigung maßgebend sein, sondern
die Religion sollte dabei ebenfalls in Betracht kom¬
men. Dieser Reif der Enttäuschung, welcher in die
/I r to# ^ ^ ^Frühlingsblüte der nationalen Einigkeit und Ge-
{fllUHHlCnv Ull| ^^§MLZ8888-^W8,'llä!^winbürgschaft fiel, wirkte um so niederschmetternder,
1. ^ - /als die statistische Erhebung des Kriegsministeriums
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Inland. ^
Im verflossenen Jahre ist viel über
Wesenszusammenhänge von Deutschtum und
I u d e n t u nt gestritten worden. Wie man sich auch
vom historischeit oder völkerpsychologischen Gesichts¬
punkte aus zu diesem Problem stellen mag, an be¬
stimmten Tatsachen rtnd Geschehnissen der letzten Zeit
wird man nicht vorübergehen können und dürfen,
weil sie beachtenswerte Analogien deutschen und
jüdischen Geistes unverkennbar ansiveisen. Bon
Schilderern des jüdischen Charakters — unter den
Freunden wie unter den Gegnern der Inden — wird
immer die Zähigkeit, die unerschütterliche
Energie hervorgehoben, welche die einzelnen Inden
wie die jüdische Gesamtheit bei der Verfolgung ein¬
mal gesteckter Ziele entwickeln. Der gegenwärtige
Weltkrieg hat für diese Eigenschaft den Ansdruck des
„Durchhaltens" geschaffen. Auch dieser bebcntct
nichts anderes, als das durch keinerlei Widerwärtig¬
keiten und Hindernisse ins Wanken zu bringende
Vorhaben des deutschen Volkes, seine nationale
Selbstbehauptung unter allen Umständen eitler Welt
von Feinden gegenüber dnrchzusetzen. Als Mittel zu
diesem Zweck hat die deutsche Gesetzgebung neuer-
dings in dem (besetz über den vaterländischen Hilfs¬
dienst den Weg der Solidarität aller
Volksgenossen beschritten tutb damit einen Ge¬
danken zu verwirklichen begonnen, den auf religiö¬
sem, ethischem und sozialem Gebiete das Judentum
schon von alters her auf sein Panier geschrieben hat.
Strebe nach Frieden und jage dem Frieden nach!
So gebietet weiter die jüdische Moral. Wird sie nicht
auch jetzt betätigt von dem dett tschen Friedens¬
angebot, durch welches das unbesiegte Reich seinen
Feindet: die Hand zur Versöhttung bietet? Wer ver¬
möchte alle diese Uebereinstimmungen zwischen
Deutschtum und Judentum in Abrede zu stellen?
wenigstens für die großeit Massett nicht außer Zu¬
sammenhang zu stehen schien mit anderen Vorgän¬
gen, zum Beispiel mit dem Anträge in der Reichs¬
haushaltskommission des Reichstages, welcher stati¬
stische Untersuchungett über die ^Beteiligung der
Juden an den Kriegsgesellschaften ver¬
langte, oder mit judenfeindlichen Anwürfett aus
studentischen Kreisen, welche aus der angeblichen
Zahl gefallener jüdischer Studenten un¬
günstige Schlüsse auf die jüdische Tapferkeit im all¬
genteinett ztt ziehen sich unterstand. Die offiziellen
militärischen Kreise haben — das müssen wir unern-
geschränkt anerkennen — bald eingesehen, daß sie mit
der Jtldenstatistik einett Mißgriff begangett habett,
dessen politische Tragweite sie von vornherein nicht
erkannt haben. Sie haben eingesehen, daß sie sich
hiertnit ohtte klare Erkentttnis der Konsequenzen
eines solchen Schrittes wenigstens dem äußeren An-
scheiit ttach von Parteien ttttd Richtungen ins Schlepp¬
tau hatten nehmen lassen, welche die allgemeine Re-
gierungspolitik sonst bekätnpfen und für die Forde¬
rungen der nationalen Einigkeit selbst in den jetzi-
gen schweren Kriegszeiten nicht das richtige Ver¬
ständnis zeigen. Das Kriegsmittisteriunt hat, nach¬
dem es die durch fein statistisches Reskript geschaffene
Sachlage klarer durchschaut hatte, Schritte unter¬
nommen, um die unvermeidlichen und im national-
politischen Geiste höchst beklagenswertett üblett Fol¬
gen des begangenen Fehlers, soweit es noch möglich
war, wenn nicht zu beseitigen, so doch zu mildertt.
Das war um so notwendiger, als diese Wirkungen sich
schon bis in die Schützengräben zu erstrecken began¬
nen, wo unsere jüdischett Feldgrauen auch durch die
brüske Ablehnung verletzt waren, welche das preu¬
ßische Ministerium dem vom Deutsch-Jsraeli-
tischetr Gemeindebunde gestellten Ansuchen, durch eine
Notmaßregel ihnen das Wahlrecht in den
Synagogengemeinden zu sichern, hatte zuteil
werden lassen.
Es ist ein glänzendes Zeugnis für die Tapferkeit,
für^bie Vaterlandsliebe und für das unbeirrbare
Pflichtgefühl unserer zum deutschen Heeresdienste ein-
berufenen Glaubensgenossen, daß solche Faktoren der
Depression in keinem Augenblick Eittfluß gewonnen
haben auf ihren Opfermut vor dent Feinde, eine Tat¬
sache, die durch die ttnvermindert fortdauernde Ver-
leihuttg hoher kriegerischer Auszeich¬
nungen und Beförderungen tagtäglich in
die Erscheinung tritt. Und zu gleicher Zeit könnett
wir ztn unserer Genugtuung feststellen, daß das un¬
serer Glaubensgemeinschaft absichtlich oder unabsicht¬
lich zugefügte Unrecht das vaterländische Wirken der
deutschen Juden hinter der Front, in der Kriegs-
fürsorgetätigkeit auf allen Gebieten keilte
Einbuße hat erleiden lassen.
Im Hinblick auf diese Tatsachen können wir ge¬
trost auf unser gutes Recht für die Zukunft vertrauen
und brauchen utts durch demagogische Schlagworte
von antisemitischer Seite, wie dasjenige von den
„Jttden und Sozialdemokraten" oder das von den
angeblichen „jüdischen Gaunereien" beim Kriegs-
wucher in der Wahrnehmung und Forderung unseres
guten Rechtes nicht beirren zu lassen. Wir können
uns darauf beschrätiken, auf eine künftige Abwehr
solcher unbegründet verallgemeinernder Angriffe uns
schon jetzt genügend vorzubereitett, wozu im Laufe
des vergangenen Jahres der Zen tralv er ein
deutscher Staatsbürger jüdischen Glau¬
bens ja eine berechtigte Ausforderung erlassen hat.
Im Rahmen unserer Religionsgemeinschaft haben
wir dentschett Inden während des Jahres 1916 man¬
ches Erfreuliche zu verzeichnen gehabt. Dazu gehört
vor allem die so erfreulich verlaufene Kriegs¬
tag u n g der jüdischen I u g e n d ve r e i ne,
welche bewies, daß der jüdische Geist unserer Jugend¬
lichen auch während der jahrelangen Kriegswirren
aesund und kräftig geblieben ist ttnd für dett Frieden,
wenn er im Rahmen seiner natürlichen Aufgaben
bleibt, zu den schönsten Hoffnungen berechtigt. Wir
konnten auch von manchem jüdischen Liebeswerk
hören, bestimmt, das die Judenheit besonders stark
treffende Kriegselend zu mildertt. Hierher gehören
die Maßnahmen zugunsten der kri e gsn o t lei¬
de nden Iudett in Ostpreußen und in den
R e i ch s l a tt b e tt, der K r i e g s w a i s e n f o n d s
der Agndas I i s r o e l, der sich hauptsächlich den
jüdischett Kriegswaiseu in Galizien widmet, tnjb die
Tätigkeit des Hilfsvereitts der deutschen
Jttdett, der sich die Spezialaufgabe gestellt hat, den
von der Kriegsfnrie heimgesuchten jüdischen Massen
in den von den Heeren der Zentralmächte okkupierten
Gebieten die helfende Hand zu reichen. Für die jüdi¬
schen Notleidenden im Heiligen Lande haben vor¬
nehmlich die orthodoxen tntb zionistischen
Organisationen gewirkt.
Diese Leistungen müssen uns tröstend hinweg¬
helfen über betrübende Erscheinungen im deutschen
Judentum, die uns auch während des vergangenen
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