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Ar, SO, Sekte 2.
Serienmimiiß ausgesprochen, moittui) die deutsche
Weflieriiiir, Zeit au* Soldaten l e ichen Her¬
st elleu solle. Kkachdem de- Staatssekretär das „raffi¬
nierte Mißverständnis" besprochen hatte, zu welchem
die Verleumder den Doppelsinn der französischen Be¬
zeichnung cadavrt* als Menschenleiclje uub toten Tier¬
körper aiisbenten, hatte er nur Worte tiefster Verach¬
tung und schärfster Verurteilung für die niederträch¬
tige 0 rklärnng des englischen Ministers 2o ' d
Mo be rt Eeci >, der im Unterlaufe das Tendenz¬
märchen von der deutschen Fettgewiniinng aus Sol-
datenleichen wider besseres Wissen heuchlerisch als
.nicht unglaubwürdig" bezeichnet hat uub damit die
Verbreitung dieser ^üge müer offizieller englischer
Billigung rechtfertigen zu köunen glaubte. Unter dem
Beifall des Reichstages erklärte der deutsche Staats
sekretür, daß in uciitralou Ländern, soweit die ver¬
leumderische Absicht greifbar zutage liegt, eine st r a f-
r e d) 11 i ch e S erfolgntig herbeigeführt werden
N'ird. Er schloß seine Rede: „Die Erklärung Lord
Robert Eecils bezweckte offenbar, den Abscheu imb
die Empörung der gesamteli Menschheit aus uns zu
laden. Vielleicht spielte and) politische Berech -
n n n g mit, namentlich auf die Völker des Orients
und insbesondere Indiens, die wegen Verletzung
ihrer religiösen Empfindungen gegen Deutschland
ausgehetzt werden sollen."
In jüdischen Herzen wird dieser berechtigte
offizielle deutsche Entrnstiingsansbruch volles Ver¬
ständnis und starken Widerhall finden, denn wir
Juden waren bis in die neueste Zeit hinein das Ziel
eines ganz analogen Verlenmdungsfeldzuges. Die
Mi itnalmordl ü g e i st gleiche r Natu r iv i e.
die Lüge von d e r L e i che n f e t t g e w i n n n u g.
Dieselben '„raffinierten Mißverständnisse" bei den
Rechtfertigungsversuchen der Verleumder, dieselbe
heuchlerische Phrase der „nicht nachgewiesenen Un-
glanbwürdigkeit" des Ritnalinordes seitens der Aus¬
beuter der Tendenzlüge, dieselbe Spekulation aus
politische Vorteile durch ihre Verbreitung zeigt sich
bis aufs Haar gleich in beiden Fällen.
Diese nicht zu überschätzende Analogie wird hof¬
fentlich in Zukunft die deutsche Regierung veran¬
lassen, nötigenfalls unter Z u y i l f eil a h m e
d e r Strafjustiz, die Ritnalmordlüge ebenso
nachdrücklich zu bekämpfen, wie jetzt die Fettgewin-
nnngslüge. Wir werden uns erlauben, falls es künf¬
tig notwendig sein sollte, sie an ihr Vorgehen gegen
Lord Ceeil und feine journalistischen Hilfstruppen zu
erinnern.
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MmlentimW ttnö Alltisemitismu;.
In einer Mitgliederversammlung des Vereins
z^n r dl b w ehr des dl n t i s e m i t i s m n s , die am
Sonntag, den l.‘>. Mai, in H a m bürg unter dem
Vorsitze des Herrn Oberlandesgerichtsrats Dr.
N öldecke stattscmd, hielt Herr die ichstagsab geord¬
neter Bergrat löothein einen politisch groß ange-
legten Vortrag über das aktuelle Thema „Neu¬
orientierung n n d A n t i s e miti s m n s".
Nichts hat lins — so führte der Redner ans — im Laufe
des Krieges im neutralen Auslande so sehr geschadet, als die
irrige, stark oerdreitete Ansicht, Deutschland werde nicht vom
modernen (leiste der Gerechtigkeit, sondern von einem macht-
hungrigen Imperialismus regiert, und es wolle keine gerechte
Verteidigung seiner Erislenzmöglichkeiten, sondern eine'Unter¬
drückung der Freiheit der Völker. Dieses falsche Bild vom
Leben und Streben des deutschen Volkes konnte nur entstehen,
17, Mar ioi
w'ül man oor dem Kriege tatsächlich den Umdruck hat re, in
Deutschland bedeuten veraltete Tr-rditioneu und vererbte Bor-
inteile' mehr als moderne Prinzipien, und nicht der Wille
des Volkes und seiner Intelligenz sei maßgebend in allen
Fragen der inneren Politik. Eine Heine Gruppe reaktionär
gesinnter Politiker hatte durch verhältnismäßig viele Beamte,
die zu ihr gehören, den größten Einfluß in Preußen, und
das wirkte auch ungünstig auf die politische Entwickelung des
Reiches. Wie sehr' auch die äußere Politik darunter
gelitten hat, zeigt der Verlaus des Krieges.
I Daß hier eilte Neuorientierung nach der liberalen Rich¬
tung hin für die Gesundung nnsecer Verhältnisse not tut, ist
jetzt'von Kaiser und Regieeung erkannt tvorden. Die süng-
stc n K u n d g e b n n g e lt des Kaisers u n d des
Reichskanzlers bedeuten einen großen Fortschritt, denn
nur, wo der Geist des Volkes uiwersälseht in seiner Kultur
zum Allsdruck kommt, da erscheint die Inkunst des Vater-,
landes gesichert. Diese Neuorientierung muß dahin streben,
alle Hindernisse der natürlichen Entwickelung aus dem Wege
zu räume» und freie Bahn für die Tüchtigen zu >chassen, da¬
mit sie aus dev richtigen Platz gestellt werden und ihr Bestes
für die (R'samtbmk leisten. Daher steht die Neuorientierung
im inneren choommenhang mit der
Bekämpfung des Antisemitismus.
Denn bisher blieben viele der besten Kräfte, nnd darunter
ill erster Reihe jüdische, brach liegen, weil ihnen die Ent¬
faltungsmöglichkeit fehlte. Der Verlauf des Krieges hat die
alle Tatsache bestätigt, daß rvir unter den jüdischen Bürgern
in Deutschland ausgezeichnete Männer auf allen Gebieten des
Lebens und des Wissens besitzen. Biele Juden haben für die
Verteidigungsmittel und die Organisation der Verpflegung
Hervorragendes geleistet. Nur tvo alle Kräfte für die Inter¬
essen des Staates srnchtbar gemacht »verden, lann ein moder¬
nes Staalsioesen gedeihen.
Leider hat die Erfahrung gezeigt, daß wir in der vollen
Gleiehbereehtignng der Juden auch während des Krieges keinen
großen Fortschritt zu verzeichnen haben. Wohl hat uns der
Krieg auch in Preußen viele jüdische Reserveoffiziere gebracht,
nachdem Bayern längst im Frieden in dieser Beziehung vor-
angegangen lvar, aber von einer Beseitigung aller Vorurteile
lann noch nicht die Rede sein. Die Klagen wollen nicht ver¬
stummen, daß auch heute ausgezeichnet gualifizierle jüdische
Aspiranten, die sich sehr bewährt haben, vielfach ziirückgesetzt
tverden lediglich ihres Glaubens ivegen. Selbst die Konserva¬
tiven geben jetzt zu, daß jüdische Aspiranten, die die geistigen
nnd sittlichen 'Qualitäten für die Offizierswürde besitzen, ein
Anrecht auf Beförderung besitzen. Wenn jene aber das gegen¬
wärtige System der Offrzierswahl als demokratisch preisen, so
ist das Selbsttäuschung. In Wirtlichkeit ist dieser Kastengeist
das Gegenteil von Demokratie. Noch im Kriege erklärte der
preußische Kriegsniinister, die Juden könnten nickst in die
Kadeltenanstalten eintreten, toeil diese Institiste einen kon¬
fessionellen Charakter trügen. Das ist falsch, denn sie bilden
sl a n t l i ch e E rzie h n n g s a n st a I t e n , die jedem Bür¬
ger zugänglich sein müssen. Erst später, gedrängt von libera¬
len Einwendungen, sagte er eine Abänderung der betreffenden
Bestimmungen zu.
Gegen diese tonst'ssiouklle Engherzigkeit muß gekämpft
werden, nicht >m Interesse der Jude», sondern zur
Wahrung des Prinzips der Gleichberechtigung,
der Grundsäiile des inodernen Staates. Auch politisch ist das
von größter Bedeutung, denn im Anslande kann man es gar
nicht versiehe», daß kleinliche konfessionelle Gesichtspunkte in
öffentlichen Fragen des Rechtes milsprechen, und man beur¬
teilt das deutsche Volk als freiheitsfeindlich und versagt ihm
die Sympathie.
Wohl ist der Antistmitismus in seinen Wurzelit gesell¬
schaftlicher Natur, aber nur auf politischem Wege
kann mit Erfolg gegen ihn gekämpft tverden. Tie Insam-
menljänge zwischen gesellschaftlichem nnd politischem Anti¬
semitismus sind überall wahrnehmbar, nnd beide beeinflussen
einander. Wenn der christliche Offizier erst beruf!ich mit dem
jüdischen Offizier Verkehren muß, dann wird bald sein Vor¬
urteil schwinden, nnd dieser kameradschaftliche Verkehr kann
auf beide Teile nur günstig tvirken. Nach dem Glauben eines
Bürgers zu fragen, ist ebenso ungerecht loie tatilos. Das muß
atlgeuieine Erkenntnis tverden.
Die reaktionären Elemente empfinden es, daß die erhoffte
Neuorientierung die Grundlage des Antisemitismus erschtit-
tern tvird. Daher kämpfen sie dagegen und möchten die alten
Zustände mit aller Getvall erhalten. Hier tut die Arbeit
der Abtvehr not, denn gegenüber den ertvaehleti niedrigen
Leidenschaften muß man auftlärend tvirken. Wir dürfen uns
lisch: darauf verlassen, baß die Zeit von selber en Fortschritt
bringen ivird. Gerade diese Zeit mit ihrem Drange nach
Freiheit muß ausgenützt tverden, um für die gerechte Sache
der Gleichberechtigung aller Bürger zielbeniußt und energisch
zu kämpfen.
Lebhafter Beifall der zahlreich besuchten Ver¬
sammlung folgte den Darlegungen des Redners, ein
Beifall, dem auch noch der Vorsitzende in kräfti¬
gen Worten Ausdruck gab.
Eiserne ttreuze.
Nach Mitteilungen, die uns in der letzten Woche
ans unserem Leserkreise zugingen, sind
folgende Auszeichnungen imb Beförderungen jüdi¬
schen Kriegern zuteil geworden. Unsere Meldungen
in dieser Rubrik können natürlich der Anforderung
nicht entsprechen, alle bereits erfolgten
A n sz e i ch n u n gen jüdischer Krieger vollständig
zu enthalten.
Das Eiserne Kreuz erster Klasse.
Andernach a. Rh. Hans Kuhn, Leutnanl und Kom-
pagniefnhrer im 18. bayerischen Infanterieregiment, Inhaber
des Eisernen Kreuzes zweiter Klasse nnd des bayerische» Ver¬
dienstordens, vom Kronprinzen Ruprecht persönlich überreicht
bekouiinen, Sohn des Herrn Siegmund Kuhn. — Frankfurt
a. M. llnteroffizier und Flugzeugführer Edgar Rosen-
b a u m , Sohn des Herrn Alex Rosenbaum.
Das Eiserne Kreuz zweiter Klasse.
Aerzcn. Assistenz- und Abtoilungsarzt Dr. med. Heinr.
Herzberg, Sohn des Herrn Herniann Herzberg. -- Ast-
Ijäm bei Mainz. Isidor Strauß, Inhaber der Hessischen
Tapferkeitsmedaille, Sohn des Herrn Joseph Strauß.
Augsburg. Jacob Rafael, im bayerischen 2. Insanterie-
, regiment, Sohn des Herrn Lazarus Rafael. — Barmen. Mus-
fefice F r i tz Elsbach, im Infanterieregiment 41, Sohn
des Kaufmanns Herrn C. Elsbach. --- Bebra. Obergefreiter
Fritz Oppenheim, Sohn des verstorbenen Herrn Salo-
nivit Oppenheim. — Groß-Berlin. Kriegsfreiwilliger Al n x
B n u m a n n, im Infanterieregiment 53, Sohn des Herrn
Will). Banmann; Unteroffizier Edgar Iacoby, Sohn des
Kaufmanns Herrn Louis Iacoby; Telegraphist Walter
O st e r w e i l, Sohn des Kaufmanns Herrn Julius Osteriveil;
Gefreiter Leopold KelIermann, Sohn des Chordirek¬
tors der jüdischen Gemeinde Herrn Mbert Kellermann. Sind,
med. Bizeweldsewebel M. Kuttner, Sohlchd^s'Kutiftnnniis
Herrn Georg Kuttner, Charlotteiibnrg; Lehrer G e o r g
L ö w i n s o h n , Sanitätsnnterosfizier im 394. Infanterie¬
regiment, Sohn des Herrn Michaelis Lötvinsohn; Landsturm-
meinn Alfred Baer, Sohn des Klempnermeisters Herrn
Mar Baer; Landsturm mann Max L e z i n s k i. — Bcuthen,
Oberschl. M a x S ch l e s i n g e r, Kriegsfreiwilliger Gefreiter
in einer Fußartilleriebatterie, Sohn des Herrn Adolf Schlesin¬
ger. - - Bibra. Lehrer Aron Höxter, Gefreiter in einem
sächsischen Infanterieregiment, Sohn der Frau C. Höxter. —
Brilon i. W. M a x Atz i l l o n , Musketier im Infauterieregl-
ment 370, Sohn des Herrn Bernhard Willon. — Briefen,
Westpr. Unteroffizier Robert R i e s e n b n r g e r, in
einem Infanterieregiment; Gefreiter E r n st B e r n st e i n , in
Landwehr-Feldartillerieregiment, Sohn des Herrn Snlly
Bernstein. — Bocholt. Funker F r i tz O st b e r g , Sohn des
Fabrikanten Herrn Hermann Oskberg. — Bopfingen. Gefrei¬
ter M a x S o n d h e i in e r , Sohn des Herrn Julius Eond-
hcimer in Stuttgart.-- Brüssel. Landstiirmmann Hein¬
rich Schirr» kau er, Sohn des Herrn Berthold Sehiro-
knuer. — Buchau a. F. Vizefeldwebel nnd Offiziersaspiraiik
H e r m. M oos, außerdem die Würsttembergische Tapfer¬
leitsmedaille, Sohn des Herrn Richard Moos. — Buchen
lBad). Landstiirmmann Max Sichel, außerdem die Silberne
Badische Verdienstmedaille; Alfred Schwerin, Sohn der
Fra» Wittve Schwerin. — Sommern. Landslurmmanii
A brnha m C a h n, im Insanterieregimeiit 33h, Musketier
Sieg m. C a h n, bei einer Minenw« rferabteilnng, Söhne des
verstorbenen Herrn Ewst Cahn. — Crefeld. Musketier
A r t h u r B a u m , Goön des Herrn Moses Baum. — Dan¬
zig. Sanitätssoldat K'rlintenträger Bernhard Gerson,
KBSXMKH».'«*
soldatenpaffah in Wilna.
Von Franz Sachs, zurzeit im Felde.
Durch dnukle Straßen voll Glätte und Regeu-
jpureu bewegt sich ein langer, langer Zng. Hastig
inarschierend, stolpernd, rennend, zn vieren, strebt die
h^char der jüdischen Svldaten vvrivärts. Hinein geht
es in den riesigen Ban, die Steintreppe hinauf, nnd
in den großen, weißen, mächtigen Saal der Jgnatz-
taierne. In langen Reihen standeit dort iveiße, be¬
deckte Tische, Reihen von Bänkeit, Schüsseln und Be¬
flecke, Gläser, nnd iri der Mitte Tüten voll Mazzvth.
Mlach Divisivtren geordnet, setzt inan sich zn Tische,
vorn ans der Bühne der Offizierstisch, an dein der
Ieldrabbiner Dr. Sonderling seinen Platz hat.
Mit klarer, iveit vernehmbarer Stimme lenkt er die
Feier. Brausend nnd mächtig anschwellend antlvvr-
tet ihm der Ehor der versammelten t a n s e n d S o l -
daten. Ein dlehtzehnjähriger, als Jüngster, fragt
das Mali liisclitannoU. Der gewaltige Ehor rezitiert
als dlnttvvrt: Fluni im liajiim. Ter erste Teil der
Liturgie ivickell sich schnell ab. Das Mahl beginnt.
Jeder ißt fröhlich. Es gibt Bvnillvn mit Mazze,
Hamnie!braten nnd Erb'en, dazu zwei Glas Oster¬
wein liir jeden, dllles ist streng nach dem Ritual,
gut nnd reichlich, nnd die Feier klappt vorzüglich.
Durch die Reihen rennen jüdische Knaben mit den
Schüsseln; sie sind aus der LandwirtschaftSschnle bei
Wilna, die vor kurzem gegründet wurde. Es sind
kräftige, klug entschlossene Jungen, denen städtisches
Elend noch sehr ans den Kleidern sieht. Siebedienen
uns, sind mit Feuereifer dabei. Sie waren es auch,
die den schönen Abschluß des Abends bildeten. Denn
als das Mahl zn Ende ging, rief sie der Rabbiner
nach vorn, es waren etwa dreißig: „Nun singt uns
einmal eines von Euren Liedern vor." Sie stellten
sich eng aneinander, einer trat vor, ein siebzehnjähri¬
ger, wunderschöner, ernster Junge mit seltsam edlen
Zügen, mit geschtvnngenen Augenbrauen. Schlicht
stand er da, sah uns an, nnd Hub an zn singen die
„Haiikwali", das Zivnslied. Eine wunderbare,
sehnsüchtig schtvere Melvdie. Ianchgend, inbrünstig,
vollklingend, fiel der Ehor seiner Kameraden ein, die
Melvdie steigernd und zn brausender Hossnung run¬
dend. Sv sangen sie es. Dann noch ein Lied, ein
hebräisches: „Wir sind Inden und Inden bleiben
wir." Wieder sang jener schönen Ernstes-vor, wie¬
der bestärkte voll nnheim-licher Kraft, voll mächtiger
Frische der Ehor das Gelübde. Man glaubt garnicht,
wie das wirkte: diese ärwlichen Jungen mit den
Schicksalsgesichtern früher Entbehrung nnd frühen
Denkens nnd Wissens, ans denen jetzt die Freude, der
Stolz der dlrbeit und solch herrlicher Gesang anf-
lenchtete. Was sich Wunderbares von diesem Volk
erwarten läßt — hier empfand ich es ganz und voll.
Hier tvurde mir zur Gewißheit, wie viel Kraft,
Schönheit nnd Seelengrvße in diesem Vvlkseleinent
rilht.
9?ach Tisch sprach ich mit den Jungen: prachtvolle,
lebendige Kerle. Sie erzählten von ihrer Arbeit, wie
sie früher nicht Baum noch Strauch gekannt hatten
nnd jetzt ans fremdem Boden freudig arbeiteten. Ich
fragte sie viel nnd erzählte ihnen von den deutschen
Inden. Ans meine Frage, wo sie später eigenes Land
besitzen möchten, erschall es mit frischer Plötzlichkeit:
„I n Palästina!" Aber auch in dinßland denken
sie sich heute den jüdischen Bauer als möglich. Einer
führte uns am zweiten Sederabend in jiddischer
Sprache eine packende Szene vor: „Der Eheder" von
Schot e m dllei ch e in. Er trug die Szene mit der¬
ber Gliederkomik nnd sein charakterisierend im Tem¬
perament nnd Mimik vor.
Am Tische unterhielt man sich über Soldatisches,
dann aber ükier die Juden des Ostens und ihr Wesen.
Das war auch von großem Nutzen. Denn sehr viele
der Kameraden sehen sie noch mit deutschen Augen
an, das heißt, sie sehen nur die Aeußerlichkeiten nnd
dringen nicht in die innere Natur dieser merkwürdi¬
gen Menschen ein. Aian kennt sie nicht, weil man sich
nicht die Muhe dazu gibt. Es fehlt nach die Liebe,
ein liebevolles Eingehen bei den meisten deutschen
Juden, die sich mit ihrem bißchen Zivilisation vor
nehm znrückhalten und erhaben dünken. Studiert sie
da, )vo sie mit ihrem ganzen Leben wurzeln, wo sie
wirken, leben und leiden, und Ihr werdet ein anderes
Bild gewinnen. Verstehen ist hier alles.
Ein Offizier dankte in schöner Rede dein Rabbi¬
ner, dem Leiter dieser Riesenvvrbereitnng. Er wollte
auch der Armen am Feste gedenken, Geld sammeln,
um das furchtbare Elend um uns in Wilna zn mil¬
dern. Aber das Religionsgesetz verbot dies, wie der
Rabbiner sagte. Das schmerzte mich sehr. Denn
gern hätten mir mit liebevollen Taten unser warmes
Interesse bekundet. Am Schlüsse des zweiten Abends
sprach der Rabbiner. Ich hatte ihn schon oft sprechen
hören. An diesem Abend war seine Rede besonders
wirkungsvoll. Er fand kräftige Worte für das, was
uns alle bewegte, und seine Viahnung zur Einigkeit
rief Begeisterung hervor.
Znm Morgengvttesdienst besuchte ich die Syna¬
goge. Man tritt von der Straße durch einen
Flur, über einen Hinterhof, den rings ge-
ivohnlich anssehende Seitenflügel umschließen.
Eine enge Steintreppe führt tief hinab in eine
dieser Seitenwände, kalt weht es entgegen, nnd Platz
lich steht inan in einem riesigen, hachgewölbten Got
teshanse, quadratisch gebaut von mächtiger Höhe
Der Eindruck, den man von der betenden Gemeinde