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Sind wir im Kriege WWer geworden?
Von Dr. Kurt Alexander, zurzeit Aachen.
Es unterliegt feinem Zweifel, daß der Krieg auch
an der jüdischen Bewegung nicht spurlos oornber-
gegangeu ist. J£)ie Wirkungen, die er dabei ausgelöft
hat, sind ilicht beständig gewesen, sondern sie unter¬
lagen vielfachem Wechsel. Das ist auch nicht ver¬
wunderlich. Trotz aller gegenteiligen Behauptungen
fnnn die jüdische Frage nicht rein für sich genommen
werden; sie ist vielmehr irr lveitestem Maße ben Ein¬
flüssen der Umgebung nnterworfell. Es sei, um nur
eirr Beispiel zu geben, daran erinnert, wie man am
Anfang des Krieges im Jubel der allgemeinen Be¬
geisterung sehr merklich von dem jüdischen
Nationalismus abrückte. Im weiteren Verlauf
der Dinge jedoch, vor allem wohl unter dem Einfluß
der wenig günstigen Behandlung, die uns nach wie
vor widerfuhr, aber auch ilnter dem psychologischen
Druck, den das Leben heute daheim wie draußen ans¬
übt, kehrte man nicht nur zu ihm zurück, sondern
man neigte sich, vornehmlich in der Jugend, bald
eitler solch radikalen jüdisch-nationalistischen Strö¬
mung zu, wie man sie vorher kaum gekannt hat.
Darauf hingewiesen sei auch, welche Bedeutung die
O st j il d e n s r a g e allmählich im jüdischen Leben,
eingenommen hat. Wie dann ferner im politischen
Leben trotz aller Streiterei intmer wieder der Ruf
n a ch innere m F ried e n laut wurde, so übertönt
auch bei uns von Zeit zu Zeit der Gedanke, eine
Verständigung zwischen bcu sich bekämpfenden
Meinungen zu Indien, alles Kampfgeschrei. In sol¬
chen Momenten erinnert man sich eben, daß es für
Gegenwart und Zukunft gut wäre, die Kräfte zu sam¬
meln, statt sie zu zersplittern. Leider dürften diese
Bestrebtitlgen dnrch die Ereignisse, die sich kürzlich in
der B e r s a m m I u n g der jüdrs ch e n Jugend-
organisatio n.e n abgespielt haben, kvenigstens
für den großen Kreis der jüdischen Jugend, ein vor¬
läufiges Ende erreicht haben.
Kann man nun all diese Erscheinungen verhält-
nislnäßig leicht erklären und sowohl ihre Ent-
stehnngsnrsache wie ihre Beziehungen zitr Umwelt
ergründen, so ist Art und Grund eines anderen
Symptoms, das kveit wichtiger erscheint, als alles
zuvor als LKispiel Erwähnte viel schwieriger festzu-
stellen. Wer aufmerksam die Verhandlungen ans
den Kriegstagungen größerer jüdischer Organisatio-
ncit verfolgt oder prinzipielle Erörterungen in den
jüdischen Zeitungen gelesen hat, dem dürfte nicht ent¬
gangen sein, daß da immer und immer wieder ein
Nus' nach Vertiefung llnserer Arbeit, nach
positiver jüdischer Arbeit laut wird. Gewiß sind
ailch vor dem Kriege schon derartige Wünsche bekannt
geworden, aber jedenfalls ilicht in solch starkem Maße,
wie es jetzt geschieht. Hand in Hand mit diesen Be¬
strebungen, die jüdische Arbeit positiver zu gestalten,
geht der Wille, die jüdische Jugend und die
jüdische Frau weit mehr denn je am jüdischen
Kampfe zu beteiligen.
So verworren, wie die ganzen Verhältnisse im
Judentum selbst, sind nun aber auch die letzteren Be¬
strebungen. Ein klares Bild voll dem, was man
eigentlich mit diesen will, kann man sich sehr schwer
machen. Es ist nun zunächst recht interessant, daß
diese Strömung, welche besonderen Endziele sie auch
schließlich verfolgt, gerade jetzt einsetzt. Im An-
fang des Krieges hätte man sich darüber lveniger
gewundert; man hätte unbedenklich eine vertiefte
religiöse Auffassung des Volkes überhaupt
als Ursache angegeben. Heute wird man das in
solcher Allgemeiilheit nicht mehr tun fonnen. Für
uns Inden ist unsere Religion weit mehr eine W e l t-
a n s ch a n n n g als für die Andersgläubigen die
ihrige. Alle Weltanschannngsprobleme werden aber
durch den Krieg, der eine Revolution lmseres Den¬
kens bedeutet, in de.: Vordergrund gedrängt. Da¬
durch kam denn auch die Jndensrage, obwohl ihre
Lösung, soweit mail überhaupt von einer solchen
sprechen kailn, entfernter zu sein scheillt denn je, stär¬
ker ins Rollen. Daß daneben äußere Anlässe, wie
vor allem die Neuregelung der osteuropäischen Ver¬
hältnisse eine besondere Betätigung der Inden er¬
heischten und dadurch jedenfalls das Interesse mit¬
belebten, braucht hier nur nebenbei erwähnt zu wer¬
den. Ebenso kann ohne weiteres angenommen wer¬
den, daß auch reine Gefühlsregungen zahlreiche Be¬
kenner des Jlldelltums mit neu entfachter Liebe zu
ihm erfüllen.
Das regere Interesse für das Juden¬
tum v e r l a ll g t e erhöhte Arbeit. Mall sah
viefach das, lvas bisher geschehen loar, als nicht ge-
nügelid an ltub forderte mehr. Dabei ging man
von der Allnahme alls, die bisherige Arbeit habe sich
einerseits in einer Abwehr gegen den Antisemitis-
mns, andererseits in der Bekämpfnllg jeder gegneri-
scheli Richtung im Jndentnill selbst erschöpft. Das ist
unrichtig. Wir brauchen aber barauf nicht näher
einzngehen, soildern es genügt festznstellen, daß man
henteallgemeineiilvandereTätigkeitverlangt. Wenu
man nun aber von einer Vertiefung der jüdlscheil
Arbeit spricht, so läßt man bamit doch im Unkla¬
ren, ob man eine Vertiefung lediglich der Arbeit,
als der Art lmserer Betätiglilig, oder eine Ver¬
tu n e r l i ch n ll g unserer A n f f a s s ll ll g v o m
Indent n m n berhanpt fordert. Beides stellt
schließlich jüdische Arbeit dar ES gibt viele, die
Angst haben vor der keineslvegs geklärten Frage,
wie lind nach welcher Richtung hin wir unser Be¬
kenntnis zlinl Jiidelltnm verilinerlichen können. Sie
fürchten da den Ansgangspiinkt neuer Streitigkeiten,
wo einzig und allein der Weg zu einer allgelueinen
Verständigung beignnen dürfte. Sie nehmen den
Stalldpnnkt ein, daß nur unsere Arbeit auf andere
Bahn geteuft werden müßte; im übrigen bleibe
nufere Stellung zum Judentum unverändert. Aber
warnnl danll alles Geschrei nach Verinnerlichung?
Kann man ginnten, daß die vielen, die in jüdischen
Versammlungen und in unseren Zeitschriften zu
dieser Frage das Wort nehmen, nur deshalb zu
rebcu sich gedrängt fühlen, weil unsere bisherige
Arbeit ihnen liicht paßt? Wäre das der Fall, dann
wahrlich wäre es ein nicht zu sasscmdes Wunder, daß
gerade in saldier Zeit diese Bewegung sich breit
macht. Die Strömullg ist stärker, als mall vielleicht
heute noch ahnt. Ein derartiges elementares Ver¬
langen kann aber nur von Menschen ansgehell, die
in li erlich sich gewandelt haben oder die
wenigstens fühlen, daß eine Wandlung sich in ihnen
zu vollziehen beginnt. In unserer Anffassulig
müssen llns die Beobachtungen bestärken, die wir bei
der jüdischell Jugend und in der jüdischen Frauen¬
welt machen können. Trotz des Krieges, der an die
Jugend die allerhöchsten seelischen und körperlichen
Anforderuligen stellt, ertönt ans ihrer Mitte der Ruf
nach Verinnerlichung am lantesteli. Tie Jugend
hat auch dnrch zahlreiche Vertreter das Bekenntnis
am klarsten abgegeben, daß sie das B a n b, das
s i e mit dem Judentum verbindet, " nger
geknüpft wissen will. Hier habell wir auch
den Ausgangspunkt der VerständiInngsbestrebnngen.
Daß sie zunächst gescheitert sind, beweist nur, daß man
einen gemeinsamen Weg noch llicht finden konnte.
Wie aber die einzelnen sich bemühen, die Grund¬
lagen ihres Bekenntnisses zum Judentum möglichst
tief anznlegen, zeigte nils jene im übrigen llicht allzu
erfreulich verlaufene Sitzltng der Jngendorganisa-
tivllen. Besonders interessant ist es fernerhin, daß
in letzter Zeit in verschiedenen Zeitschriften von ganz
jungen Leuten eine Verbesserung il n s e r e s
Religionsunterrichtes verlangt wurde. Wie
sollte ein junger Mensch, der womöglich von eigent¬
licher jüdischer Arbeit gar nichts weiß, dazu kommen,
eine derartige Forderung zll erheben, wenn er nicht
mit starker Kraft zum Juderltum sich hingezogen
fühlt? Im Rekigiollsunterricht sieht er mit Recht die
Grundlage eines starken jüdischell Bekenntnisses.
Jugend empfindet unbeeinflußt und tief; wenn sie
eine Idee ersaßt hat, tritt sie mit ganzer Kraft für sie
ciu. Aber es m n ß auch eine Idee sein, die
sich ihr bietet. Der Gedanke, daß unsere jüdische
Arbeit nicht genügend sei, würde ollem sie nicht be¬
geistern. Wohl aber begeistert sie das
Indent n m selb st. Zu ihm strebt sie wieder hin.
„Verjüngung", „Erneuerung", so tönk es uns entgegen.
Ja, auch die jüdische Arbeit soll vertieft werden, aber
nur, weil über sie der Weg führt zier Erneuerung und
Verjüngung unserer Anfsassnng vom Jildentnm.
Unsere Arbeit soll eine tiefere sein, weil unser Be¬
kenntnis ein tieferes geworden ist.
Anders lmd doch ähnlich liegen die Dinge in der
jüdisch e n F r a n e n w e l t. Während die Jngelid
mm jeher den stärksieli Anteil an lmserem Kampfe
genommen hat, hat die jüdische Frau sich alleli politi¬
schen uub religiösen Fragen gegenüber bislang fast
dllrchweg teilnahmslos verhalten. Ihr Gebiet war die
soziale Arbeit, ans dem sie auch nlllengbar Gro-^
ßes geschasfell hat. Wir haben es oft bedauert, daß
wir im übrigeli in itnicren Frauen nicht die Mit-
streiterinnen hatten, die wir so gerne und so nötig in
ihnen gesehen hätten. Nun vollzieht sich aber ailch
da der Umschwung. Auch von hier alls wird
e i il e tief e r e B indn ll g mit de nt I n denk n m
v erla ng t. Wir beobachten, wie in ben letzten
Jahren jüdisckx' Frauen und Mädchen in nflen Rich¬
tungen an leitender Stelle tätig silid. Viele wert¬
volle Allregnngen sind voll ihnen ansgegangen; An¬
sporn zu erhöhter Krafteinsetznng haben sie oft ge¬
geben. Es würde töricht sein, zll behaupten, daß das
nur ciu vorübergehender Zustand sei. „Hu er ft war es
vielleicht wirklich nnr PsBchtbewiißtsein, das die
Frau alif Posten getrieben hat, die sonst verwacht
wären. Aber bann ist jedenfalls bald allstelle des
Pslichtbenmßtseills die alls innerer Ueberzengnng
geborene L i e b e zur Sache getreten. Auch hier
herrscht der Dralig, die eigene Stellung zum Judcn-
tum zu befestigen und zu vertiefen.
Und wie die jüdische Jugend und die jüdische Frau ,
sich ihrerseits bemühen, soviel wie nnr eben mögllch
für das Jndelltllln zll leisten,-so ist man auch ander¬
seits bestrebt, sie in ihrem Begillilen mit allen
Kräften zu nnterstützen. Auch das ist nicht imnler so
gewesen. Nicht immer hat man die Mitarbeit der