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Nr. 31. Seite 2.
Israelitisches Familienblatt. ___ 1. August 1918.
Jugend und der Frau als eine Lebensfrage des
Judentums angesehen. Heute verschließt sich kaum
einer der Erkenntnis, daß ohne intensive Mithilfe
aller nichts erreicht werden kann, wohin auch immer
wir im Judentum zu steuern suchen. Wenn das Alter
die Jugend heranzieht, wenn alle das Interesse der
Frau wachzurufen trachten, so ist auch das ein Be¬
weis dafür, daß man heute die jüdische Sache mit
ganz anderen Augen ansieht als früher.
Wir sind im Kriege jüdischer gewor¬
den. Stolz dürfen wir sein, die Frage, die wir ge¬
stellt haben, so beantworten zu können. Allerdings
wer die Dinge nur von» religiösen Standpunkt aus
betrachtet, wird uns nicht unbedingt zustimmen kön¬
nen. lind anderseits, wem das Judentum nur ein
politisches Gebilde gleichviel welcher Art ist, wird
ebensowenig zufrieden sein. Dem einen sind die
Inden zu sehr jüdisck)e Politiker, dem anderen sind sie
zu religiös geworden. Aber ein jeder muß zugeben,
daß durchweg das Interesse, das die einzelnen dem
Judentum gegenüber empfinden, ein erheblich tiefe¬
res geworden ist, als es vordem war. Wir stehen
noch in einer Periode der Entwickelung. Ein jeder
sucht erst sein Verhältnis zum Judentum zu regeln.
Worte genügen nicht mehr,, sondern wir wollen uns
innerlich mit unserer Gemeinschaft ganz verwachsen
fühlen. Wir wissen noch nicht, umhin die Entwicke¬
lung drängt. Aber »vir dürfen beruhigt sein: eine
unter solchen Vorzeichen begonnene Aera kann nur
dem Judentum zum Nullen werden. Daher aber
auch die erhöhte Arbeit. In ihr und durch sie wollen
»vir die Wahrheit finde»», die unser Bekenntnis zuin
Indent»»»»» darstellen »vird. Wohl si»»d »vir heilte
schon im Hinblick ans das, »vas vorder»» »var, jüdischer
geivorden. Aber erst da»»»», tvenn »vir alle eins sind
»irrt unsere»»» Glauben, dürfen »vir mit vollem Recht
sagen, daß »vir jüdisch sirid.
Sin notwendiges Gespräch.
Von Militans.
11 nb »nieder einmal wußten etliche zu erzählen: „Ach, »nir
batten übrigens reizenden Verkehr in Tinrbaden, ■— christliche
Herrschaste»», eine Falwikantensainilie, — sie habe»» »ms natür-
lich gar nicht für Inden gehalten, und »vir »varcn doch
cigen'tlich jeden Tag zusammen, bis »vir cibfnhren, — s o
nette Leute, sicher gar kein Risches, denken Cie, im Gespräch
hat die Frau erzählt, das nnd das halte sie „beim Jude»»
gekauft, aber »virklich ein reelles Geschäft," n»id so, nnd —"
„Erlauben Cie mal, das „aber" sagt doch eigentlich
genug. Haben Cie ihr das nicht klar gemacht?"
„Nun, sie haben »i»»s doch gar nicht für Juden gehalten,
Doktor."
„Da hätte ich »»»ich eben zu erkennen gegeben, lieber
Freund, nn» ihnen das klar zu machen."
„Gott, dabei hulwn sie sich sicher garnichts gedacht; das
sagen sie so — aus Gewohnheit."
„Und meinen Cie nicht, Verehrte, das» es a»» der Zeit
wäre, daß solche christlichen „Herrschaften" solche Glvvhuheit
ausgeben? Cie solle»» sich eben „»vas dabei denken" u»id
nicht alleiveil die Zugehörigkeit irgend eines Mensche»»" znm
Jndenknm hervorkehren — entweder mit einer Spitze gegen,
i h n oder gegen das Indentn »»», aus den» sie ihn wohl-
tvollend als rühmliche Ausnahme herausheben. Ich weiß:
was ich hier sage, ist hundertemale gesagt »vorden und geschrie¬
ben »vorder» — nute r und f ü r Juden, aber so lange intmer
noch vergeblich, »me Juden in Ihrem Fall es »»ich! den
a »» d e r e n sage»»."
„Nun, soll man »virklich inrmer gleich Risches machen?"
„Risclws machen? Neil», bester Herr, aber beseili-
g e n. Sehen Sie mal, über die andere Seite, über die des
Persönlichen Selbstgefühls und des Gemeinschastsgefühls »vill
ich mir nicht erlauben, Ihnen eine Vorlesung zu halten. Da
muß jeder tun, was ihm f ü r uird v o r sich selber gut genug
ist. Ich meine allerdings — Sie sind ja wohl auch Berliner,
nichts —: tvenn irgendwer, ohne zu tvissen, daß Sie es sind,
Ihnen von einen» Berliner redete, der „aber garnicht so
großmäulig >var", lvürden Sie »vohl loslegen, und mit Recht:
Erlauben Sie malJ Aber als Jude, der Sie sind, und Sie
halten ffch doch für einen ganz guten Juden — und tvenn
irgendwer, ohi»e zu »vissen, daß Sie es si»»d, Jh»»en von einem
Juden redet, „der aber ein anständiger Mensch" sei, schwei¬
gen Sie still, um nn» Gottes »villen „keinen Risches zu
»nache»»", »vem» Sie Farbe bekennen? Aber das »vollte ich
I Ihnen ja garnicht Vorhalte»», nein, sehen Sie denn garnicht,
eine wie schöne Gelegenheit „zur Bekämpfung des Antiseini-
tisnrus" Sie versäuint habe»», eine Gelege»»heit, Judengegner
zu entwaffnen oder aus Juden f r e n» b e Juden freunde
zu machen? Jene „reizenden Leute" da in Dinxbaden kennen
vielleicht Juden aus eigener Beziehung wei»ig, — wahr¬
scheinlich, denn sonst (Sie nehmen mir das hoffentlich nicht
übel, meine Herrschaften!) hätten sie vielleicht auch Sie nicht
verkannt — ja, vielleicht gelten ihnen auch nach einer Einzel-
ersahrung oder lediglich aus dem Erbgut ihrer Erzieherweis-
heit krnmmnasige Korpulenz oder auffallendes Gebaren oder
allbereite Profitgier oder gar nur all das 'zusammen als not¬
wendige und zuverlässige Merkmale von Inden, und sie haben
schon so manche Juden „nicht dafür gehalten", »veil sie
eben so n i a» t waren. Nnd Sie waren nun auch in dieser,
Ihnen in gewissem Grade schmeichelnden Lage, und —"
„Sie brauchen garnicht zu spötteln, Herr. Doktor!"
„Will ich ja garnicht, liebe, gnädige Frau."
„Als wenn wir uns unseres Judentums schärnten!"
„Aber nicht doch; »vie sollte es Ihnen unlieb »eii», das» man
Sie nicht nach den Merkmale»» unserer uns selber unerfreu¬
lichsten Erscheinungen etikettieren kann. Aber Sie konnten
doch gerade, indem Sie sich zu erkennen gaben und sich
jenem vermeintlichen anderen Ausnahmejuden mit dem
„aber"-reellen Geschäft an die Seite stellten, Ihren christ-
lichen Bekannten die Augen dafür austu»», daß ihre Verallge¬
meinerung Vorurteil ist, und dast die Mehrheit ihrer jüdischen
Landsleute von ihnen unbeachtet bleibt, eben »veil sie ihrem
Vorurteil nicht entspricht und damit ihr Vorurteil widerlegt!
Ich habe noch säst immer gefunden, dast sie mir Recht gaben,
wenn ich ihnen nakwlegte, aus ihrem persönlichen Ersah-
rungskreis die angeblichen „Ausnahme"juden gegen die an¬
geblich „echtjüdischen" auszustellen, und ihnen vorhielt, dast
sie sich ihr Vorurteil, oft ohne böse Absicht, bloß dadurch weiter
vorlüaen, dast sie eben in Jngriinm über Hinz und Kunz und
Krause diese „der Schweinehund!" und über Cohn diesen „der
Jude!" schimpfen."
„Nun, so ist es doch »virklich."
„Ja, Bester, »vas habe»» wir davon, dast Sie n»»r das
zugeben, >v i r »vissen es ja. Warum haben Sie es aber Ihren
Badebekannten nicht gesagt? Die sollen es doch einsehen!
Und »vürden es, gerade, »venn Sie in Jkp'er friedfertig
unaggressiv konzilianten Art es ihnen zeigten, lieber zngeben,
als zun» Beispiel mir mit meiner C'Rirfe."
„Sie haben ja vielleicht Recht, Dr »or, aber — es kann
auch nicht jeder so reden." '
„Lieber Herr, wenn Cie ein si ilchen von der Ueber-
zcugungskrast, mit der ich Sie voriges Jahr die große Trans¬
aktion mit P. & Eo. habe zustande bringen hören, auf diese
jüdische, gewiß in anderem Sinne, aber, wie Sig mir doch
zngeben, nicht minder »nichtige Sache, wendeten, so »var Ihre
Ihre nette christliche Fabrikantenfamilie glatt überzeugt nnd
gewonnen. Aber ich bin noch nicht mal se-rtig. Sie haben
nicht nur die Gelegenhet versäumt, Risches zu bekämpfen,
sondern Sie. können gerade damit Risches geinacht haben,
nnd dann, was das Traurigste ist, berechtigten, den berech¬
tigten."
„Nein, Doktor, das können Sie m'r nicht vormachen."
„So? Das »vill ich Ihnen gleich „vormachen". Kommt
meinethalben au» Tage nach Ihrer Abreise einer mit Ihrem
netten Fabrikanten ins Gespräch und memj belüufig: „Ich
habe »»»ich eejendlich gewundert, dast Sie mit den Beersenjuden
innner zesamm' sain gönnten. Ich verkehre mit geen' Juden.
Was, das »varen geene? Na, hären Se mal, Sie sin aber
naiv. Wo war er hör? Berlin? Un die Frau aus Breslau
kebirtij? Un — na ich genn mich doch ans. Ja, »venn Sie
auch »lischt kemerlt Ham! Die gen»»' ooch kanz gnsch dnn,
wenn sie »»ich kcnng unter „unsre Lait" sind; das sin de
Schlimmsten!" „Aber »vir haben doch auch mal über Juden
geredet, und da haben sie auch nicht gesagt, dast sie jüdisch
sind." „Die »värn sich hieteul Das is ja äbn; da sin se fain
stille und denken: last dän mair »lischt mergen; da gen' mer
um so besser unfern Rebbach an ihm machen."
„Nu hören Sie aber auf, Doktor!"
„Das bin ja auch »licht i ch der so redet, Bester, sondern
der Antisemit in Dinxbaden; aber »venn selbst Ihr Fabrikant
Sie in Schutz niinmt: so sei der Mann nicht, dazu halbe er
ihn zu gut kennen gelernt, um so »ovs zu glauben,— dann
antwortet ihm der andere immer noch: „Na, dann »vär er '»»
»veister Rabe! Aber denn blieb's ooch immer noch »>e Faij-
heet, nischt ze sayen und stille ze hocken, »venn eener »vas
über saine Laite redt. Aber so sin se, haimdickisch und saije,
— so sin se alle!" — sagt der Mann in Dinxbaoen, Verehrter,'
und Ihre netten Leute, denen Sie i»n anderen Fall von» ersten
Worte an Waffen für das Jndentum geliehen hätten,
müssen ihm Recht geben. Ist es nicht so?"
„Ja, Verehrter-, das Leben i st nicht „gemütlich". Es ist
auch »oohl nicht gut; noch lange nicht. Aber es »vüre
sicher schon besser, »venn nicht eben die »neisten so ängllich
darauf hielten, daß es nur ja „gemütlich" bleibe. —' Also
Prost, seien »vir gemütlich!"
„Gott, »veistt Du, mußtest Du denn wieder mal die Leute
brüskieren und schulmeistern? Last doch jeden auf seinen
Grund —"
„Ja, es ging aber um unser aller gemeinsamen Grund,
ager piiblicus."
„Aber mußt D u Dich denn »vieder als öffentlicher Pcirk-
»vächter auspflanze»»?"
„D i e Anlagen si»»d dein Schutze des Publikums empfoh¬
len. Und übrigens: Hatte er denn Recht, als er schmieg?"
„Nein, gewiß nicht, aber —"
„Und da sollte ich schtveigen?"
Line Vertretung der Juden der Mittelmächte
beim Lrotzwesir.
Bei seiner Anwesenheit in Berlin zu Beginn dieses
Jahres sprach der türkische G r o st »v e j i r einer jüdischen
Abordnung gegenülwr den Wunsch aus, mit einer Vertretung
der Inden der Mittelinächte in Konstantinopel über . die
jüdische Einwanderung in die Türkei und andere hiermit
zusammenhängende Fragen zu verhandeln. Jii'der Tal liest
die ottomanische Negierung »in Frühjahr Einladungen
zu einer solche»» Konferenz an einige Organisntiv-
nei» ergehen, die sich mit der jüdischen "Kolonisierung der
Türkei, insbesoichere Palästinas, beschäftigen, so an die
„Freie Vereinigung des gesetzestreuen Judentums", die „Zio¬
nistische Organisation", die „Viod" (Vereinigung jüdischer
Organisationen Deutschlands) u»»d das „Oesterreichische
Ko.nitee für den Orierrt". Von der „Freien Vereinigung"
traf in Konstantinopel eine fünfgliedrige Delegation unter
Führung des Herrn Rosenbaum aus Frankfurt a. M.
ein, die „Zionistische Organisation" vertrat ein Viererkomitee,
das zu.seinein Sprecher Herrn Dr. Jacobsohn gewählt
hatte, die „Viod" hatte Herrn Dr. Kahn, das „Oester¬
reichische Komitee für den Orient" Herrn Rabbiner Dr.
Gruntvald entsandt. Einige Delegierte »varen im letzter
Stunde am Erscheinen verhindert worden, so Dr. Nathan
und Dr. Hantke von der „Viod" durch eine von uns
bereits gemeldete Reise nach Bukarest, Dr. Bruno Pollock
von Pari» au (Wien) von» „Oesterreichische»» Komitee"
durch sein militärisches Dienstverhältnis, kgl. Rat Dr. F.
Mezet» (Budapest) durch eine Verzögerung in der Pa߬
erteilung.
Im Schoße dieser Delegation fanden zunächst eingehende
Beratungen statt, um der ottomanischen Regierung, die in
ihrer Einladung ausdrücklich von der Schaffung eines
jüdischen Zentrums in P a l ä st i n a 3 gesprochen
hatte, ein einheitliches Programm vorlegen zu können. Diese
von allen Billigten mit dem ernsten Streben nach gegen¬
seitiger Verständigung geführten Erörterungen zeitigten schon
an uird für sich wertvolle Ergebnisse. Mitten in diese Bespre¬
chungen drangen höchst beunruhigende Nachrichten über ver¬
schiedene an Inden in Palästina und sonst in der Türkei
verübte G e >o a l t t a t e n. Die Unterdrückung dieser Aus¬
schreitungen bei der Hohen Pforte mit Nachdruck durchzn-
setzen, erklärte die Delegation für eine unaufschiebbare Pflicht.
Am Sonntag, den (4. dieses Monats, fand der feier¬
liche Empfang beim G r o st w e s i r statt. In geivohnt
Iiel>enstvürdiger Form sprach T a l a a t Pascha seine
Bereitwilligkeit aus, in» Sinne der von »hm an die Dele¬
gierten gerichteten Einladung dem Problein der jüdischen
Einrvand'erung und der Kolonisation in die Türkei, insbeson¬
dere in Palästina, näherzutreten. Die Prüfung der Einzel¬
heiten soll die Aufgabe eines Komitees bilden, in das die
Hohe Pforte bereits zwei Regierungsbeamte und drei Nota¬
bel»» der türkischen Judenheit zu entsenden gedenkt. Der von
„Der Herr Kantor tut mer oft loben," sagte"das Kind halb
verlegen, halb selbstgefällig, „ich kann auch schon sagen das
„Schma jisroel", setzte es hinzu u»»>d begann die hebräische»»
Worte zu sprechen, die schwere, uralte, dunkle Sprache lang¬
sam und feierlich betonend, die nun doppelt abgründig so aus
jungem .Kindesmunde klang.
Noch ganz im Rauschen und Wogen dieser Sprache ging
Ruth von David fort, und auf der abenddunklen Straße hin
bis nach Hause.
Es »nährte heute nicht lange, bis sie dann ihr Lager cins-
snchte, zu _ früh fast für die prächtige Sonimerlichkeit da
draußen, die noch immer ein »veiüg von ganz ferner Taghelle
nmschimmert vor dem Fenster lag. Aber nicht an jenem
letzten Lichtdämmerschein lag es, dast Ruth noch lange offene
Augen behielt, über die der Schlaf vergebens hintasiete. Als
er dann endlich sein Recht gefunden hatte, »nustte er sich »vohl
entschließen, alle wunderlichen Gestalten, die vor den gevsfne-
ten Augen gezittert, geirrlichtert hatten, mit unter den decken¬
den Lidern zu behalten:
Kleine, schtvarzköpfige Judenkinder standen in langer
Reihe da nnd sagte»» gemeinsam und in seltsamer Tciktmäßig-
kcit das Schma Jisroel, und iuinier dazrvisclp.'»» rief eine hohe
gelle Stimme: „Nächstes Jahr in Jerusalem — nächstes Jahr
in Jerusalem." Plötzlich »nieder streckte sich eine Straße —
aber gleichsam ins Unendliche vervielfältigt und verlängert
hin — ein Mensch im Mantel, bis zu den Füßen sich senkend,
in »vildem, langem Haar ums graue Antlitz, stand allein, ein¬
sam in der verödeten Straße. Er hob die Hände gegen den
.Himmel, und wieder plötzlich, als hätte sie aus jener Gestalt
her sich entivickelt, strömte die Straße auf und nieder eine
Menschenmasse. Sie »vogte vorüber, lebhaft uird bewegt, aber
dabei mit jener Eintönigkeit der Beivegungen, die im Traum
oft über den lebhaftesten Vorgang.»» zu liegen pflegt. Der
seidene Gebetsmanlel wehte von den Schultern aller. Alle
diese Inden gingen liebreich grüßend aneinander vorbei, nnd
reichte»» sich im Vorübergehen brüderhaft die Hände. Dann,
auf einmal lagen sie in getrennten Reihen zu Boden, und
bunte Uniformen leuchteten an den Gestalten, Helme blitzten
aus de»» Häuptern, die Gewehre sausten und zischten und
knatterten Kugel»» und Feuerspritzer gegeneinander, und über
alle die mannigfachen Uniformen, um alle Schulter!» der sich
Bekämpfenden hüllte fiel) der glänzende seidene Gebetmantel.
Ganz allein, gesondert von den Käntpsenden, hockte David an»
Boden, er hob seine»» Gebeismantel airf und sagte zuversicht¬
lich u»»Ä beruhigend: ,/Nächstes Jahr in Jerusalem."
Ne»»», Moritz, er hat teider Recht.
12 ]
hei!
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■imin.
Gertrud Epstein.
»mb mehr brauchte sie
— das »var wohl die
Sie »vußte es nicht mehr weiter,
auch nicht. Wunder, längst vorbei,
letzte Wahrheit nnd alles Ende.
Der jüdischen Zeitschrift wegen, die er ihr noch heute zeigen
wollte, stieg Ruth jetzt mit David die Treppe z»'' Wohnung
seiner Eltern empor. Seit ihrer Kindheit »varen ihr diese
ärmlichen Stuben bekannt, die immer die gleichen Räume
blieben, »venn sie sich anci» von Zeit zu Zeit immer einmal in
einem anderen Hanse befanden. In der jetzigen Wohnung
»var insofern ein«' kl.ine Aenderung den anderen gegenüber
vorgegangen, als David hier als Weitester nnd als bereits
Verdienender einen winzigen, zellenartigen Raun» für sich zu
eigen halte, in den» sein Bett stand und zu den» die allgemeine
Familienstnbe noch einen'Stuhl nnd einen kleinen Tisch her-
gegeben batte, mährend ein kleiner eiserner Waschständer, von
David selber angeschafst, funkelnagelneu nnd leuchtend blau
»md golden geslrictzen, inmitten aller Verbrauchtheit glänzte.
Das braune, morsche Tischchen schien jeden Augenblick unter
der Biicherlait, die darauf lag, geknickt zu »verden. Auf einen
.Haufen übereinander gestapelt lag allerlei oft schon elrvas
schadhafte Büchccware, billig vom Antianar znsttmmengeknnft,
dazwischen einige der gelben Rellameheste, zu denen sich jetzt
das neuerworbene gesellte. Trotz aller Zusälliakeit, Gelegen-
heilskauses nnd Tiödelhandliing, die diese Bücher atmeten,
»var inhaltlich kein Cchundbnch, lein eigentlicher Schmöker
darunter, wenn auch die meist naturn issenscha'llichen Abhand¬
lungen und einige belletristische Bücher nicht immer von den
besten Versasiern herrühren mochten. Neben dieser Bücherei
türmte sich eine andere, die, gut gebunden und sorgfältig
gehalten, dem Bücherschrank des jungen Jonas Stern ent¬
stammte. Es »varen ausschließlich Werke über das Indent»»»»,
»md ans ihm hervorgogangene. Oben ans diese»» festen, oft
»nnfangceichen Bänden lagen einige der dünnen, dunkel¬
blauen Hefte, die die Ursache geworden »varen, daß der ganze
Bücher schätz unter ihne-Z jetzt hier ans dem zerbrecküichen
Tisch in dem Kämn»erchen lag. David suchte zwischen ihnen.
„In einem .Heft," > ,che er, hastig vor Glück nnd Eifer, „sind
ganz besonders seine Bilder zu setzen, von e jüdischen Maler
gemalt. Ist. ein Bild dabei, >vo ist darauf zu sehen e aller
frommer Jud, der umlegt de Gebetriemen un» seine Hand,
»mb e anderes, »vo ei»»er hat im Talmud gelesen, n»»d spricht
mit e anderen darüber, nnd das Buch liegt vor ihm, n»»d er
zeigt ans de Stelle, die er meint. Wieder auf e anderes Bild
ist gemalt e C»»nagoge, »vo der Rabbi hält Gottesdienst nnd
de Männer sitze»» ans de Bänke in ihre Gebetsmanlel, genau
»vie in Wahrheit." Er hatte das Heft gefunden und legte
es vor Ruth hin. Die neigte ihr Gesicht halb hastig halb
scheu hinein. Sie schaute auf die Judenbilder, die David
genannt hatte — den Israeliten mit dem Gebetsriemen, den
Rabbi uud auf die anderen. Die Trauer und Verlorenheit
ihres Stammes lag ein wenig aus den Menschen all dieser
Bilder, nnd vielleicht »in» so mehr, als der Maler selber es
»vohl nickjt gerade beabsichtigt hatte, sie kundzntnn, sondern
seine Inden in der freien Äusübnng ihrer heiligen Branche
und ihre Lebensart recht glänzend, sicher nnd geborgen hatte
darstellen wollen. Verfolgtheil nnd Versunkenheit glomm
dennoch ans Gestalten nnd Antlitzen, trotzdem sie in Freiheit
und Ungehemmtheit heimatlicher Art nachgehen durften. Es
»var schauerlich nnd rührend zugleich, daß dieser Jude, der
keine Bilder vom Jndenelend gemalt hatte, sondern seine
Inden im Stolze der Berechtigung, der Freudigkeit ihrer
»Kasse und Religion darstellen »vollte, dennoch in allen Glanz
nnd alle Sick-erheit das Ghetto mit halte hineinmnlen müssen.
Ruth mit ihrem von Kindheit an geschärften nnd vom Juden¬
tum znrückgeschenchten Blick empfand diese Verlorenheit im
äußerlich Sichern. Sie sah, und dazwischen sprach es immer
leise in '^r hin: „Wunder, längst vorbei". Aber seltsam —
sie tonnt, jetzt nicht, »vie früher stets, die Dunkelheit Judas
von sich »verfen nnd »veisen, und sich entschieden .anderem,
lichterem Volke znwenden, sondern sie fühlte, wie ihre Seele
sanft jener Dunkelheit sich znneigte, und wnnderlich! in ihr
ein HeimatSlönen vernahm.
„Jüdin" sprach es in ihr — ich hin ja Jüdin — das Blut
Israels dnrchjickert meine Adern — das fühle ich jetzt — ich
bin Jüdin, aber »vas »var ich bisher? Sie legte das blaue
Heft »vieder zu den Büchern, nnd als David sie fragend ansah,
nickte sie srenndlich nnd bejahend, ein wenig abivesend zwar
— aber er war es zufrieden. Dann ging Ruth nach zu
kurzer Begrüßung in die andere Stube nebenan, wo sie die
jüngeren Geschwister Davids vorsand. Mit einer ganz beson¬
deren Rührung, ja Hingegebenheit strich Ruth heule den
kleinen, dnnkelköpfigen Jndenkindern über Haar und Wangen,
ihr »var, als hätte sie bisher etivas an ihnen versäumt.
„Lernst du auch immer gut für die hebräische Stunde?"
fragte sie das zehnjährige krausköpfige Mädchen, und »vußte
selber nicht, »vie ihr diese Frage kam.