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25. Dezelnber 1913.
Israelitisches Familienblatt.
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m Das letzte Debet.
Novelle von Clemens Berg.
„Mer wenn wir zufällig „von Faber" hießen, tvür-
best Du uns den Vorzug Deines Umgangs entzogen
Haben!"
„Dos kann schon sein!" lochte Isaak.
„Unerhörte Anmaßung! Denke einmal an von Glas-
neck, wie nett er gegen Dich war!"
„Ueberaus nett. Ich hege die wärmsten und herz¬
lichsten (Gefühle gegen von (glasneck. Dennoch würde
eS mir nie einfallen, in seinem Hause einen Besuch zu
machen."
„Und wenn er Dich aufsorderle?!"
„Das wird er sich und mir ersparen!"
„(gräßlicher Dickkvpf! Und was soll ich Evelina be¬
stellen, die Dir ihren Dank abstatten uiifl?"
„Sage ihr, sie sei mir keinerlei Dank schuldig," sagte
Isaak sehr schnell. „Sage ihr — Pardon! — sage Fräu¬
lein von Rupprecht, ich wäre ihr ergeben mit Herz und
mit Hand."
„Du, ich werde eifersüchtig."
„Mer," fuhr Säckel unbeirrt fort, „meine wenige
freie Zeit müßte ich Dir und noch mehr meinem Vater
widmen."
„Weißt Du," nahm (gotthard das Wort, „ich segne
den GlaubenSuntersehied zwischen Dir und mir . . . .
Evelina spricht sehr oft und viel von Dir; ich glaube,
wenn Du ein Christ wärst, sie hätte Dich mir vor¬
gezogen."
Säckel meinte, das wäre ein dummer Wist, aber er
konnte es nicht verhindern, daß ihm das Blut stärker
wallte, und als am nächsten Nachmittag Evelina in Be¬
gleitung (gotthards in der Bibliothek erschien, ward er
so rot und verlegen, daß Gotthard ein Licht aufging und
er die Wahrheit ahnend bei sich dachte: „Armer Junge!
Er ist in das schöne (geschöpf beinahe noch mehr ver-,
schossen wie ich!" Und Gotthend bekam eine große Ach-/
tung vor der Tapferkeit und der Entsagungskraft, mitj
der der Freund seine Neigung bezwang. Ja, diese sos
schweigsame und doch immer wache, zu jedem Opfer bej
reite Liebe machte ihm Säckel noch teurer, als zuvor!
Evelina sprach wenig, nur das Allernotwendigste; sii
ließ Gotthard das Wort führen, der sich über ihren Ges
schmack belustigte und ihr die närrischsten und seltsamstes
Bücher empfahl. Nur als sie ging, bot sie Säckel herj
lich die Hand und sagte leise: „Ich wünschte, ich könnt
Ihnen jemals eine Freude bereiten." \
„Sie sind selbst die verkörperte Freude!" antworte
Isaak. Er wußte gar nicht, wie ihm das herausgefahrl
war, und er ärgerte sich dann noch Wochen und Mona
lang über seine herzlich unvorsichtige Dreistigkeit.
„Kommen wir!" lachte Gotthard, „dieser Duckmäus
entwickelt sich zum Dou Jüan!" j
Aber unter dem Scherz verbarg sich eine tiefe Rill
ruug, und Gotthard nahm sich vor, dem Freunde ds
Kampf leicht zu machen und ihn nie wieder zu eincji
ferneren Verkehr mit Evelina anzuregen. j
Bald verdrängten auch ernste Sorgen all diese stk
leiser Wehmut überhauchten zarten Empfindungen, j
Der 1. April stand vor der Tür. Diesmal war Säch
weder zu leicht, noch zu dünn befunden worden; jr
mußte hinein in des Königs Rock, und Gotthard stefe
sich bei demselben Reginiente. S. O. Prager hielt stu
Wort: Säckel konnte bei der Sparsamkeit, die ihm ir
zweiten Natur geworden war, recht gut allen Aufom-
ruugen des neuen Standes gerecht werden, und alÄer
zum ersteu.ual die Extrauuiform trug, sah er so schmck
aus, daß sein Vater vor Freude weinte. Der alte L^y
schob alle Tage in seine Gebete ein neues ein. Und wiiu
in diesem Jahre alle schwarzen Wolken von dem pohi-
schen Horizont verscheucht wurden, so war das entsckie-
deu nur Vater Lewys Verdienst, der mit immer ueter,
starker Innigkeit um die Erhaltung des europäisoen
Gleichgewichtes und des Weltfriedens betete.
Jetzt saß er wieder stundenlang mit Mutter Filier
zusammen, und sie tauschten ihre Sorgen und Kümuer-
nisse aus: Wie oft die armen Jungen auf Wache zit-en
mußten, was der Feldwebel für ein rauhbeiniger Pirron
und seine erlaiuhte Gemahlin für ein habgieriges, Utes
Ungeheuer sei; alt im allerbuchstäblichsten Sinne; lenn
dieses merkwürdige Femininum feierte im Jahr füirmal
seinen Geburtstag!
Und dann freuten sich die beiden alten Leute weder
und staunten über den Heidenappetit, den die kaperen
Krieger mitheimbrachten. Gotthard, der sich sousi vor
Milch voller Grausen schüttelte, hatte jüngst, da kein
anderes Getränk im Hause zufällig aufzutreiben ge¬
wesen, einen ganzen Topf voll ausgetrunken und Siickel,
der immer nur wie ein Spatz aß, hatte erst ein halbes
Brot, daun ein recht»reichliches Nachtmahl verzehrt und
sich darauf noch einmal gründlich unter den Speisevor¬
räten nach einem kleinen Nachimbis umgesehen. Aenn-
chen behauptete, sie äßen nächstens noch die Kücheu-
schräuke mit, wenn sie ihnen nicht Widerstand leisten.
Und müde waren sie! Der starke Gotthard freute sich
alilbend wie ein Kind auf sein Bett, und Isaak, der es
m einen religiösen Pflichten sehr streng nahm, war
F ag abend, mit dem letzten Bissen im Mund, noch
v, dem Benschen eingeschlasen, nicht alle Posaunen
J hos hätten ihn mehr erweckt. „Geseres Ha-Mal-
ck '' sagte der Vater mitleidig und sprach sein Gebet
n gedämpfter Stimme - zu Ende.
cs waren trotz aller Plage und Mühsal doch glück-
if Tage: einige süße, heimliche Rosen blühten in den
Dueuhecken, die rauh und spitzig die Wege jedes
Kgsmanns umgeben. Einmal da an einem schönen
£ iabeud Isaak am Schloß auf Wache stand, kamen
S i in Arm Evelina von Rupprecht und Elärchen
ü isuß den schmalen Steg hinauf, erfüllten mit ihrem
sllichen Gelächter die Luft, waren dreist wie die
(itzeu und stellten sich au, als wollten sie dem Posten
(sehr und Patronentasche rauben. Da er drohte, sie
i Schilderhaus zu sperren, schlichen die mutwilligen
Hdchi.'U von selbst himln. Da ward Säckel sehr kühn
P haschte nacyElärchens dicken, schwarzen Pracht-
f>fcn; die Kleine riß sich los und rannte davon, den
jhloßberg hinab, Evelina ihr nach in ftiiifcn Sätzen,
süde dachten offenbar gar nicht daran, daß sie vor jeder
prfolgung sicher waren; denn das Opfer ihrer Necke-
jicn durfte keinesfalls seine Stelle verlassen. Hernach
ind Isaak im Schilderhaus ein Paket mit Kuchen und
chokolade, sowie ein Gedicht, das in lächerlicher Weise
sine ungeheure Tapferkeit und seine soldatische Pflicht¬
teile verherrlichte.
„Vater Lew," sagte Gotthard, „Ihr Sohn hat bei
Leibern ein ganz unerhörtes Glück. Meine Evelina,
>ie kleine Cläre, meine Mutter, Anna, alle sind in ihn
lerschossen."
„Nu, warum sollen sie nichts" fragte der Alte. Er
fand nichts natürlicher, als daß alle Welt seinen Sohn
bewunderte.
Aber auch bei den Kameraden war der stille freund¬
liche Mensch beliebt. Pflichttreu von Natur, war er ein
sehr guter Soldat, und der Feldwebel sagte von ihm:
„Er ist zwar ein Jude, über ein sehr anständiger Mensch.
Wenn es nach nur ullein ginge, würde er die Knöpfe
bekommen!"
Aber der Hauptmann war nicht recht einverstanden.
Es lag gegen Lewy persönlich nichts vor; das Kerlchen
gab alles her, was seine Knochen leisten konnten. Er
war nicht wehleidig und zeigte immer ein offenes, for¬
sches Gesicht. Aber da waren noch zwei jüidsche Medi¬
ziner bei der Kompagnie, die man wohl oder übel avan¬
cieren lassen mußte, außer ihnen noch ein schwer reicher
Fabrikanteusohn mit besonders guten gesellschaftlichen
Beziehungen, und vier Juden zu befördern, das mußte
jeder Unbefangene einsehen, das war einfach nicht zu
machen!
Isaak sah das auch ein und sein Avancement machll
ihm herzlich wenig Sorge. Wenn man Isaak Lewy
heißt und der Sohn eines armen Hausierers ist, trägt
man sich nicht mit so ehrgeizigen Plänen, eine Rolle in
der deutschen Armee zu spielen.
„Tröste Dich!" sagte Gotthard. „Ich fürchte, wir wer¬
den auch hier Schicksalsgenossen sein. Wenn ihnen Un¬
glück! icheilveise jemals etwas von meiner Schauspieler
episode erzählt wird, dann bin ich viel übler daran
als Du."
Die Brüder und Vettern Evelinas waren meist
Offiziere und Gotthard grämte sich ernstlicher, als man
von ihm erwartet hätte, über öl' Aussicht, vor den Ver¬
wandten seiner Braut zurückstehen zu müssen.
„Unsinn," sagte Jsnak, „die Geschichte ist tot und be¬
graben. Wer weiß, wer Karl Keß war, der dort auf
den Brettern stand? Glasneck nnd ich — höchstens noch
der alte Hoffmann."
„Das sind schon drei Mitwisser," seufzte Gotthard,
„hwerot de deux, seeret de dien, — seeret de
trois, sec rot du tous.“
„Das Sprichwort lügt diesmal," ries Säckel, „von
uns dreien wird keiner eine Silbe verraten. Die Sorge
schlag Dir ans dem Sinne."
Aber die Freunde sollten gewahr werden, daß die
Vergangenheit eines Menschen ein schlimmes Untier ist:
es läuft wie ein böser Hnnd mit langen, flinken Bei¬
nen neben uns her, und ehe wir uns versehen, hat uns
die Bestie mit ihrem Gift und Geifer die reinsten Stun¬
den besudelt und verdorben.
Am 2. September feierte das Regiment sein hundert
jähriges Bestehen. Das sollte nun hoch hergehen au die¬
sem, durch den glorreichsten Sieg deutscher Waffen ohne¬
hin geweihten Tage: Fahnenweihe, Parade usw. Fest
Vorstellung, Liebesmahl, Frühschoppen mit Grazie in
inkinitnm. Ein Leutuant von der Bergen, der eim?
recht bemerkenswerte poetische Begabung besaß,
ein hübsches Festspiel ans der Geschichte des Regj
geschrieben, und wer halbwegs von den Man'
ein paar Gesangbnchverse tadellos hersagen
wurde zum Mitmimen kommandiert. Natürlich
die Herren Einjährigen auch scharf heran: GotthlO
Säckel hielten sich in respektvoller Reserve; die i
rollen waren gh ; , r-^ts
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Gotthard schwie ,, .
seinem getreuen Sf/. 1 . tUl Worein j
ganze Festspielerei / 'E^st, daß i
Wunsch, dem sich wäre.' (y
arg drangsalierten ^
schlossen.
Es gab auch c„
Wesen, die den Sed^
darunter waren nii
der Stadt, sondern
Spitze Mutter Fabi
hatten beiden mitge!
Gesang, Feuerwerk
Loge aus ivürden
Balls, dem offizielles
beiwohnen können, u
die Regimentskame:
große Fa.
V'
,niI 'ifaint
Herzen
schm
bleiben. ^
buben und Räuber,
Mann.
Der Alte lachte ihn m?
Zucker, daß ich zergehen wer
ich nicht tverden, als bis auf die"
ivird aufhören!"
Aber es ließ nicht nach zu gi^
Himmelthrone, es schien ein
holte sich heimlich Annch?n
einen großen Respekt hatte, m
nnrklich schon im Ballstaat zu de^
fahl: „Herr Lewy, in diesenn Pla^
heut mit Ihrem Husten Glicht
mal hübsch in Ihren vier Pfühls
Aber diesmal versagte Armckl
Pater, der in seinem Leben
hatte, am allrewenigstens e!
seinem Willen: er wollte seiil
Herren^ Offizieren allen unkst
Rausch der Uniformen hatte es
Leute hatten ihm-mit ihren Ers
Pracht des Abends den Mund vect
allem: er wollte seinen Isaak K.^
Gotthard und den anderen So;
er sich nicht nehmen; eii'^al
er auch seinen AnU
Annchen soll!
Wind und^