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B«llag*n: Jugendbeflage »Unser famflienblatt«/
»Jüdische Literatur« / Umschichtung und Aus¬
wanderung / Der jüdische Sport / Jüdische Bibliothek
israelitisches
(tnielnummer 25 T/enntg ttxSltZl'JZ’SZÜ
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37. Jahrgang
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Nummtr 24
Donnerstag, den 13. Juni 1935 " n*S*in ]1’D 3 1
Verlagsort: Berlin
Im Zeichen jüdischer Solidarität:
f ülming, wem führung gebührt!
Der innerjüdische Burgfrieden, um den sich
die Verantwortlichen aller unserer Gruppen seit
den Frühjahrstagen des Jahres 1933 redlich
genug bemüht haben, scheint bedroht. Die Parole
vom jüdischen Führungsanspruch, der
zuerst von Vertretern des Berliner jüdischen
Gemeindeliberalismus vor anderthalb Jahren,
im Herbst, erhoben worden war, wurde vor
einigen Wochen jetzt von zionistischer Seite aus¬
genommen.
Eine Arbeitstag un gderZioni st i-
schen Vereinigung für Deutschland,
an der mehrere hundert maßgebende Vertreter
dieser Bewegung aus allen Bezirken des Reiches
teilnahmen, faßte — wie wir unlängst berich¬
teten — eine Entschließung, in der es
heißt:
,JDie deutschen Zionisten jerdern eine
personelle Und o r g n n i s n t o r i •
sehe Umgestaltung der zentralen und
örtlichen Instanzen der deutschen Judenheit,
die den Zionisten den ihnen zu¬
steh e n d e r^, Einfluß auf die Gestal¬
tung der jüdischen Arbeit in Deutschland
verschafft und sichert."
„Muß das fein? Sollten wir in dieser Zeit
nicht alle unsere Bemühungen, statt uns zu be¬
fehden, gerade z u s a m m e n f a s s e n, um der
unsagbar erschwerten Lage Herr zu werden, in
die das deutsche Judentum gestellt ist? Vergeht
DAS WICHTIGSTE
Rabbiner Dr. Leo Baeck (Berlin),
Präsident der Reichsvertretung der deut¬
schen luden, wurde von dem Hebrew
Union College (Cincinnati) zum Ehren¬
doktor ernannt. "
In G r o d n o (Polen) kam es am
ersten Schewuoth - Tage zu schweren
judenfeindlichen Ausschrei¬
tung e n , in deren Verlauf ein jüdischer
Jugendlicher getötet und sechzig
Personen, davon acht schwer, ver¬
letzt wurden. — Die Polizei verhaftete
30 (nichtjüdische) Demonstranten und
8 Juden. — Auch in Warschau und
Tomaszow kam es zu Zusammen¬
stößen.
Eine Konferenz von 600 Vertretern
des polnischen Judentums beschloß,
zum Gedächtnis an den heim-
gegangenen Marschall Pil-
sudski zwei Stiftungen, eine in
Polen und eine in Palästina, zu er¬
richten.
Prof. Dr. Schmarja Lew in, der be¬
rühmte jüdische Gelehrte, Rr dner, Poli¬
tiker und Publizist, verschied,
68 Jahre alt, in Haifa.
Im Mai sind 4 110Personen nach
Palästina einge wandert.
Die endgültige Vereinbarung des
Kampfes zwischen Max B a e r und Max
Schmeling kam für den 16. August
zustande; der Kampf wird in Amster¬
dam stattfinden.
sich, wer mit „Führungsansprüchen" und ähn¬
lichen Kampfparolen heute hervortritt, nicht
gegen das Grundgesetz jüdischer Solidarität,
die uns in dieser Zeit doppelt und dreifach not¬
tut?" So hören wir fragen.
Verletzt der von den Zionisten jetzt geltend
gemachte Führungsanspruch das Gebot jüdischer
Solidarität? Wir beabsichtigen nicht, im ein¬
zelnen Stellung zu den Argumenten zu nehmen,
mit denen sie ihren Anspruch begründen, ebenso¬
wenig, wie wir Punkt für Punkt darstellen
wollen, was gegen ihre Forderung geltend ge¬
macht wird. Gegen die Resolution der Zio¬
nistischen Vereinigung für Deutschland wird —
nur soviel sei gesagt — auf die reichen Erfah¬
rungen der nichtzionistischen, „deutsch-jüdischen"
Persönlichkeifen hingewiesen, die seit altersher
in den L-. -’f&wn unserer Verbände und Ge¬
meinden wirken. Ebenso wird auf die Stimmung
eines großen Teiles der deutschen Juden ver¬
wiesen, der sich — so wird behauptet — bei
aller Würdigung der praktischen Be¬
deutung des Palästinawerkes keineswegs damit
schon zur zionistischen Idee bekenne, und auf
die begrenzte Aufnahmefähigkeit Palästinas.
Allenfalls sollten, so hält man den Zionisten
schließlich entgegen, die mit der Palästina-
Wanderung mittelbar oder unmittelbar ver¬
knüpften Arbeitsgebiete unserer zentralen und
lokalen Körperschaften unter zionistische Füh¬
rung gestellt werden, während die anderen
Arbeitsgebiete von einer solchen Umgestaltung
tunlichst freigehalten werden sollten. Es versteht
sich von allein, d-ch die Zionisten, von ihrem
Standpunkt her, um Antworten auf all solche
Einwände keineswegs verlegen sind.
Aufgabe des „Familienblattes" hat es nicht
zu sein, dieses Für und Wider weit ausholeud
zu erörtern. Stets war es unsere Tradition, ver¬
söhnende Brücken zwischen den Lagern des
deutschen Judentums zu schlagen. Deshalb sei
der Meinungskampf um den zionistischen Füh-
rungsnnspruch an dieser Stelle von der Warte
jüdischer U e b e r P a r t e i l i ch k e i t behandelt,
die unserem Blatt seit jeher die Prägung gibt.
Hinter all jenen Erörterungen, hinter der
umstritteuen Frage, ob es mehr auf organi¬
satorische Erfahrung oder mehr auf Anpassungs¬
vermögen ankomme, ob sich ein größerer oder
kleinerer Teil der deutschen Juden heute zu den
Ideen (und nicht nur z» den Tatsachen) des
Palästiuawerkes bekenne, ob sich Zionisten und
Richtzionisten in die Führung der Arbeiten un¬
serer Organisationen „teilen" sollen, ob unsere
g a u z e Jugend, oder nur ein Teil von ihr zur
Alijnh gehen könne — hinter all dem steht, als
das eigentliche Leitmotiv der Debatte, eine
grundsätzliche Frage von ungleich entscheiden¬
derem, weitertrageudem Rang:
Sind die Persönlichkeiten, die das deutsche
Judentum in Verbänden und Gemeinden
vielerorts auch heute noch repräsentieren,
ihrer jüdischen und allgemeinen Vergangen¬
heit, ihrer in Jahrzehnten eingewurzelten
ehrlichen Ueberzeugung nach fähig, die wert¬
volle Arbeit, die sie leisten, mit dem G e i st e
zu erfüllen, in dem jüdische Arbeit heute ge¬
leistet werden muß?
Haben sie „umgelernt" — wie sie es jetzt manch¬
mal betonen? K ö n n e n sie ü b e r h a u p t
u nt lernen?
Ja, kann mau überhaupt umlernen: das ist
•ctrwmem
Der Verband der jüdischen Jugendvereine
vor neuen Aufgaben
Aufn. Abraham
ln Berlin fand eine Sitzung der erweiterten Verbandsleitung des Verbandes der jüdischen
Jugendvereine Deutschlands statt. Unser Bild zeigt den Leiter des Gesamtverbandes, Dr.
Paul Eppstein (stehend), bei seinen grundsätzlichen Ausführungen vor den aus allen
Teilen des Reiches erschienenen Vertretern der Vereine. Leber die künftige Gestaltung
und Richtung des Verbandes, seine weitere Arbeit sowie die Aufgaben des ihm ange¬
schlossenen B'rith Jehudirn Hazairim (Bund junger Juden) wurde eine Reihe von
Beschlüssen gefaßt.
die Frage. Beileibe kein Vorwurf gegen die, die
es augeht, steckt darin, wenn man sie au sie
richtet. Im Gegenteil! Roch stets ist es ein
Zeichen von Charakterstärke gewesen, wenn es
jemnudem schwer fiel, sich von Idealen abzu-
weudeu, die Dezeuuieii seines Lebens, Wirkens
und Strebeus den Stempel aufgedrückt hatten.
Tie „übergelehrigen Schüler", sie, die sich mit
verdächtiger Fixigkeit jeweils „auf den Boden
der Tatsachen" zu stellen vermögen, legitimieren
sich damit selten alö wahre Führer.
Die Tragik derer, die es mit ihrem Gewissen
nicht vereiubareu können, heute zu verbreuneu,
was sie gestern aubeteten, soll ebensowenig ver¬
kleinert werden wie die Tragik derer, die sich zu
solchen Eanossagängen entschließen. Demagogisch
wäre es, in Bausch und Bogen den Stab über
die vielen „Vertreter alten Geistes" zu brechen,
die schwere, uneigenuützige Arbeit in unseren
Organisationen und Gemeinden leisten — gleich¬
gültig, ob sie es nun, als achtenswerte Gegner
der „Konjunkturreiterei", überhaupt ablehnen,
„umzulernen", ob sie das nur äußerlich getan
haben, oder ob sie — der beste Fall —im tiefsten
Innern so erschüttert wurden, daß sie in der Tat
aufgehört haben, „Vertreter alten Gastes,"
zu sein.
Aber freilich — daß sie die Arbeit mit
denen sreundnachbarlich teilen, die nicht
erst umzulernen brauchten: das ist,
will uns scheinen, im tiefsten ein Gebot
jüdischer Sosidarität!
Warum? Wir, das deutsche Judentum, sind
keine Zwangs gemeinschaft im Sinne etwa
eines Staates. Jüdische Solidarität kann mit
Gewaltmittelu von nientaudem erzwungen, sie
kann nur freiwillig dargeboteu und geleistet
werden. Wäre es recht und billig, Solidarität
dem zuzumuteu, den mau von der Mitverant¬
wortung, von angemessenem Einfluß auf die
Führung unserer Augelegenheiten in einer Zeit
ansschließt, die seine von jeher bekundeten
Auffassungen bestätigt hat? Entspricht es nicht
überall, wo es um die Führung großer Gruppen
geht, besten Gepflogenheiten, daß die bis dahin
Beiseitesteheudeu, wenn die Entwicklung der
Verhältnisse ihnen recht gibt, stärker als bisher
zur Leistung herangezogen werden? Wenn z. B.
der bisherige englische Ministerpräsideut M a c
Donald jetzt seinen Rücktritt erklärt hat, ge¬
schah es ja. weil er, im wahren Geiste der Soli¬
darität, den Weg zur Mitverantwortung denen
öffnen wollte, deren Anschauungen durch die
jetzige politische Situation Englands in besonde¬
rem Maße bestätigt worden sind.
Auf unsere Lage bezogen, bedeutet dies freilich
keineswegs, daß das Pendel jetzt nach der an¬
deren Richtung ausznschlagen habe. Daß neben
denen, die „umlernten", ungleich stärker als
bisher diejenigen znm Wöhle des deutschen Ju-
dentitms wirken mögen, die nicht erst umzulernen
brauchten, darf nicht dazu führen, daß ein
Scherbengericht wahllos und sozusagen hundert¬
prozentig Persönlichkeiten, die zur Leitung
jüdischer Arbeit berufen sind, aus den Vorstat ds-
körperschaften unserer Verbände und Gemein¬
den beseitige, nur, weil sie Nichtzionisten sind.
Gesinnungsschnüffelei jeder Art, gehe sie nun von
zionistischer oder nichtzionistischer Seite aus,
wäre unerträglich.
Wohl glauben wir also, wenn wir jetzt die
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