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„lOdlschcBlblloth* k", Unterhaltung und WIum
Nr. 20
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Seit Tagen war Unruhe im Hause. Keinen
Augenblick konnte der Dackel Jochen ungestört in
einen Winkel kriechen, ohne daß irgendjemand
kam und Jochen der Gefahr ausgesetzt war, wie¬
der vertrieben zu werden. Es waren in der
lebten Woche so viele fremde Beine im Hause,
die auf einen Hund, der bessere Tage gesehen
hatte, nicht die geringste Rücksicht nahmen. Die
meisten Beine hatten furchtbar schwere große
Schaftstiefel an, mit denen sie gefahrdrohend
durch die Wohnung stampften. Und was noch
schlimmer war, alle Dinge, die sonst fest an
ihrem Ort standen, begannen sich zu bewegen.
Lag der Dackel Jochen beispielsweise zusammen-
gekringelt unter dem Tisch in der guten Stube,
wo ihn erfahrungs¬
gemäß niemand stören
konnte, so war es vor¬
gekommen, daß plötzlich
wieder so ein paar
schwerbestiefelte Beine
ankamen und der Tisch
sich mit einemmal über
dem arg verdutzten
Dackel erhob- und aus
dem Zimmer schwebte.
Einmal auch hatte
Jochen nichtsahnend,
den Kopf auf beide
Pfoten gestützt, in der
. <* Küche im Stiefelschrank
'' - gebockt, als er sich plötz¬
lich gehoben fühlte. Er
begann fürchterlich und angstvoll zu bellen, bis
endlich die Schranktür geöffnet wurde und eine
große Hand ihn mit Schwung hinausbeförderte.
Der Dackel Jochen kam sich überflüssig vor.
Ueberall verjagt, nirgends geduldet, irrte er
durch die Zimmer. Das war kein Leben mehr!
Mit sich selbst im Zweifel schnüffelte Jochen an
der Büchse mit Rattengift. Aber schließlich siegte
sein junger Lebensmut. Und so machte sich der
Dackel Jochen auf, zu erkunden, was eigentlich
los war. Die ungewohnte Veränderung im Haus
mußte doch einen tieferen Grund haben. Darum
beschloß Jochen, endlich herauszubekommen, was
die vielen fremden Beine auf den guten Teppi¬
chen zu tun hatten, warum die Zimmer den gan¬
zen Tag vom Lärm unzähliger Hammersch'läge
widerhallten. Der Dackel Jochen ging auf Er¬
kundungsreise.
Jochen hopste einem großen Schreibtisch nach,
der aus Herrchens Arbeitszinnner transportiert
wurde. Acht Beine gingen mit ihm die Treppe
hinunter. Vor der Tür war eine große, große
Kiste. Da hinein wurde der Schreibtisch gepackt,
nachdem viele Matten, und auch ein paar Tep¬
piche und Papier drum herum verstaut worden
waren. Vor der Tür lag eine Menge Holzwolle.
Als Jochen daran schnupperte, mußte er niesen.
Wenn ein Dackel niest, sieht es furchtbar ulkig
aus. Darum kamen plötzlich zu den Schaftstiefel-
Beinen die Gesichter von Männern, die den
Schreibtisch herunter getragen hatten. Sie guck¬
ten sich l en niesenden Dackel an und lachten sehr.
Einer von ihnen wollte Jochen zu fressen geben
und hielt ihm ein Stück Frühstücksbrot vor die
Nase. Aber der Dackel Jochen war den Sitten,
die in Herrchens Hause herrschten, zu sehr ver¬
wachsen, als daß er, sei es auch nur um nicht
beleidigend zu wirken, ein Stück von dem
Schinkenbrot genommen hätte.
Die Freundlichkeit der Schaftstiefel-Männer
hatte Jochen ermutigt. Er hatte längst alle
Rattengiftgedanken gründlich vergessen und um¬
kreiste voll Unternehmungslust die riesige Kiste,
an der schon wieder fleißig gepackt wurde. Wäre
der Vokabelschatz des Dackels Jochen über das
hinausgeganaen, was man nun einmal zu einem
hündischen Leben in Berlin W braucht, so
hätte Jochen gewußt, daß es keine gewöhnliche
Kiste war, die er da beschnupperte. Es war ein
Lift, Nicht so ein Lift, wie wir manchmal einen
Aufzug, einen Fahrstuhl nennen. Mit diesem
Lift hatte es eine besondere Bewandtnis. Und
der erfahrene Leser wird schon wissen, was jener
Dackel nicht ahnen konnte. Daß nämlich ein Lift
eine Kiste ist, die auf Alijah geht. Auch die
Signatur, die man der Kiste auf den Bauch
gemalt hatte, bestätigte das. Dort stand nämlich:
Verlin-Anhalter Vhs. — Jaffa ...
Der Dackel Jochen machte sich darüber einst¬
weilen keine Gedanken. Und wenn er auch nicht
weiter nachsann, so war ihm doch zum Bewußt¬
sein gekommen, daß alle Erlebnisse der letzten
Tage, überdachte man sie einmal gesammelt, ein
großes Geschehen einleiten mußten. Der schwe¬
bende Tisch, die Schaftstiefel-Männer, die große
Kiste — sie alle konnten nur der Auftakt, der
Beginn eines großen Erlebnisses sein. Und so
war es auch!
Seit sie in die neue Schule gingen, hatten
Heinz und Ilse am Sonnabend frei. Der Dackel
Jochen sah diesem Tag mit gemischten Gefühlen
entgegen. Es war ja ganz schön, wenn die
beiden kleinen Menschen, die immer nur ganz
kleine Schuhe trugen, mit dem Dackel spielten.
Und dazu hatten sie Sonnabends am meisten
Zeit.
Doch nicht nur die mannigfachen Verän^-
rungen in Herrchens Wohnung hatten den Dackel
Jochen in Verwunderung gesetzt. Roch erstaun¬
lichere Dinge geschahen.
Es war nun schon das
dritte Mal, daß die
Kinder Heinz und Ilse
ihre Pflicht, mit dem
Dackel Jochen zu spie¬
len, in der beschämend¬
sten Weise vernach¬
lässigt hatten. Die
Sachlage wurde immer
undurchsichtiger, als
Jochen feststellte, daß
die beiden nicht etwa
irgendwelche anderen
Dummheiten anstellten.
Nichts dergleichen!
Heinz und Jl>e saßen
am Tisch, jeder ein
Buch vor sich, die Finger in die Ohren gestopft
und murmelten unverständliche Worte. Es
war offenbar, daß sie lernten. Hatten schon
die Ereignisse der letzten Wochen erhebliche
Ansprüche an Jochens Dackelhirn gestellt, so war
er jetzt dem Verzweifeln nahe. Besonders als sich
heraüsstellte, daß die beiden offensichtlich durch
nichts abzulenken waren. Denn der Dackel Jochen
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gab sich alle erdenkliche Mühe, durch Bellen,
Jaulen und Tischdecke-Wegziehen, ihre Aufmerk¬
samkeit zu erregen.
Der Dackel Jochen konnte sich das Ganze nur
so erklären, daß auch die Lernwut der Heiden
Kinder irgendwie mit Kiste, Schaftstiefel-Män¬
nern und allen anderen wichtigen Wandlungen
Zusammenhängen müsse. Auch der einsichtige
Leser wird an dieser Stelle schon die Fäden
knüpfen können, wenn verraten wird, daß die
Kinder Heinz und Ilse sich mit dem Studium
des Lehrbuches „Iwrith — in zehn Minuten"
beschäftigten. Daran saßen sie nun schon Wochen.
Gingen sie, was jetzt immer öfter geschah, gemein¬
sam artig spazieren, so
bekamen dfe Dinge und
Wesen, denen sie be¬
gegneten, hebräische
Romen, Ilse und Heinz
stellten sich sprachlich
schon auf die neue Hei¬
mat ein. Eine Zeit
lang lebten für die
Kinder in jedem Be¬
griff zwei Bezeichnun¬
gen, eine hebräische
und eine deutsche. Je
weniger aber die Mö¬
bel wurden, die vor¬
dem die Zimmer der
elterlichen Wohnung in
der Prinzregentenstraße füllten, je näber der Tag
der Abreise kam. desto stärker wuchs das Iwrith
in ihren kindlichen Alltag hinein.
All dem stand der Dackel Jochen schwanz¬
wippend verständnislos gegenüber. Er war an¬
scheinend für die Kinder überhaupt nicht mehr
vorhanden. T^s kränkte ihn. Stundenlang
konnte er auf seinem Kissen hocken und trüb¬
sinnig in den Eßnapf starren, ohne daß ihm zum
Bewußtsein kam, ob man ihm Geflügelknochen
oder Gehacktes oufgetischt hatte. Vergebens
wartete er, daß eines der Kinder nach ihm rief.
Und klang das Wort „Jochen" endlich einmal
an sein Ohr, so war er wie verwandelt. Er
kläffte übermütig, sprang durchs Zimmer, daß
alle zerbrechlichen Sachen, die noch in keinem Lift
unt-"gebracht waren, bedenklich klirrten. Man
sao- daß die Dackel, mehr als gut ist, einen
eigt un Willen haben. Und daß sie nur dann
kommen und gehen, wann es ihnen, nicht wann
es Herrchen oder Frauchen paßt. Wer sich jedoch
von dem Wandel, der sich in der Seele eines
Dackels vollziehen kann, überzeugen will, hätte
einmal Jochen sehen sollen, wie er in jenen
Tagen, von denen wir berichten, gar folgsam
und gefällig war. Kaum erklang es, bittend oder
befehlend: Jochen! So witschte unser Dackel schon
eilfertig herbei, um die Wünsche von Herrchen,
Frauchen, Heinz oder Ilse entgegeuzunehmen.
Warum soll man von einem Dackel nicht sagen
können, er sei zuvorkommend? Jochen war zu¬
vorkommend! Stets diensteifrig und bereit. Die
Langeweile muß ein guter Erzieher sein. So
lauschte der Dackel den Tag über gespannt, ob er
wohl gerufen würde. So wurde ihm das Wort
„Jochen", sein eigener Name, gleichgültig, ob er
als Kommando, Ruf, Essengong oder was immer
gebraucht wurde, zum Inbegriff des Lebens über¬
haupt. Jochen — das hieg: Wir gehn in den
Tiergarten! Jochen, das bedeutete: Wer hat die
Kissen auf der Couch so zerwühlt?! Jochen, das
konnte lauten wie: Mein Herr, es ist ungerichtet!
Oder: Was hast du da bloß wieder angerichtet!!
So freute sich der Dackel Jochen seines Namens,
der ein umfassender Begriff geworden war.
Bis! ...
Ja, bis er eines Tages vor einem Rätsel
stand; bis er nach allen'Aufregungen, die fein
Du griffst nach allem,
wähnend, es sei rein...
Du griffst nach allem, wähnend, es sei rein:
Du sahst den morschen Stamm — er schien dir
Säule;
Dich dünkte Glanz der ekle Glast der Fäule.
( nd ntjch im Treber ehrtest du den Wein.
Wie lockte dich der AuÜendinge Schein!
ff ar je ein Held mit Löwenfell und Keule?
Der Götzendiener zuchtloses Geheule
Scholl dir wie Hymnen, und du stimmtest etn -
Und du erdröhntest wie ein schwingend Erz,
IFürst wogender Gesung und wurdest Mund — —
,JSoch mangelt dir das Heiligste — der Schmerz!“
So tat dir eines Gottes Stimme kund. -—
Jäh schlug dich Stummheit bis zum letzten Grund —>
Und du erglühtest tief und wurdest Herz.
Han« Meyerowitz.
kleines Dackelherz in den letzten Wochen hatte
überstehen müssen, einfach nicht mehr weiter
wußte. Und das kam so:
Ohne Zweifel hatte Ilse den Gedanken als
erste gehabt. Dann kam Heinz und machte sich
kraftvoll an die Verwirklichung. Und Herrchen
und Frauchen erklärten sich einverstanden. Es
fing damit an, daß sich Heinz vor Jochen auf¬
pflanzte und mit schulmeisterhafter Miene und
erhobenem Zeigefinger auf den Dackel einredete.
Als es ihm langweilig wurde, ging Jochen ein¬
fach aus dem Zimmer. Von da an war es wie
verhext. Er wurde nie mehr gerufen. Aber
immer öfter kamen die beiden Kinder und rede¬
ten allerhand Zeug auf
ihn ein, von dem sich
ein gewöhnlicher Hund,
der' nicht im Zirkus
Gedankenlesen gelernt
hat, keine Vorstellung
machen kann.
„Chanan!" rief Ilse,
„du heißt jetzt Chanan!
Wir fahren jetzt nach
Palästina. Da' kannst
du nicht mehr Jochen
heißen. Hörst du?
Cha—nan! C—h—a—
n—a—n!!" Und so
redete sie und redete
sie. Heinz versuchte
gleichfalls, dem nun
bald psychisch aufge¬
weichten Dackel Sinn und Zweck der Namens¬
änderung klar zu machen, die sie an ihm
vollziehen wollten. Früher hatten die beiden
Kinder erhobenen Hauptes vor fremden Leuten,
die auf Besuch kamen, von der Klugheit
des Dackels Jochen gesprochen. Jetzt zweifelten
sie daran. Heinz und Ilse wechselten einander
täglich ab, um, wie sie es nannten, „mit Chanan
Iwrith zu üben". Doch sie teilten das Schicksal
so mancher Lehrer, mit ihren Bemühungen auf
einen unüberwindlichen Mangel an Verständnis
zu stoßen. Beide waren schließlich ganz ver¬
zweifelt. Und es muß gesagt werden, daß Heinz
über seinen erzieherischen Versuchen sogar einmal
den Hifiel von „Schomer" in das Notizbüchlein
zu übertragen vergaß. Man sieht also, mit
welchem Eifer die beiden an der Arbeit waren,
/
Zeichnungen.' Frankenthal
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4 ]
Reka suchte nicht wieder die Synagoge aus, noch nahm sie
an Feiertagen das abgegriffene Schulgebctbuch mit^vielmehr
ging sie spazieren und schämte sich insgeheim, ihre SonntagS-
llcidung, die sie auf Geheiß der Vorsteherin anziehcn mußte,
durch das werktägliche Ocrtchen tragen zu »missen. Festtage,
die tveniger tvichtig erschienen, überging man. So wurden die
ivenigen hoben Tage immer zu Stunden der Verlegenlwit,
>veit man sich und den anderen nichts zu sagen hatte. Sie
tvar froh, tvenn sie vorüber tvaren.
Groß tvar der Gegensatz ihrer Feiertage zu denen der
anderen Mädel. Ostern, Pfingsten, alle diese großen Festtage,
besonders aber das Fest der Liebe, Weihnachten, weckten in
Reka eine schier unbezwittgliche Sehnsucht, die sie nicht zu be¬
nennen wußte,
Es war, ihr unbewußt, däS Mystische und Offenbare der
beiden anderen Religionen, die nichts verschweigen und sich
schon erlöst den Menschen als Glaube bieten, förmlich ein
«beschenk, an dem man nichts mehr zu arbeiten braucht, das
fertig dalicgt für den Sinn und die Aufnahmefähigkeit der
Beschenkten. Es tvar das tragische Erkeitnen einer Jüdin in
Reka, das sie zur Empfindung zwang, daß ihre Religion detn
Lande, das sie als Vaterland bezeichnete, fremd bleiben mußte
tvegcn *r. Sprache, die anders tvar, unverständlich und nicht
offenbar, daß vielleicht eben wegen dieser Fremdheit der
Schatten ztvischen den Konfessionen aufgestanden war als
Feindseligkeit.
Für Reka war es doppelt tragisch, ein Mischmasch von
Nichts und Wissen in sich zu haben, tvenn sic an ihre Religion
dachte. Sie gehörte nicht zu deck andersgläubigen Menschen,
aber auch nicht zu den Juden, da sie den einen tvie den
anderen fernstand.
Wie fühlte Reka den Mangel eines gläubigen Elternhauses,
sie vermißte zum erstenmal die eigenen Ettern und dachte an
jene Worte, die sie, wenn sie mit den anderen Verwandten
zusammenkam, hatte zu hören bekommen: du hattest fromme
Ellern.
Arno Rosenblüt und seine Frau hätten den Samen der
Gläubigkeit in ihr junges Kind gesät, aber sie waren tot und
an der Stelle des keimenden Santens war eine Leere, die durch
nichts euszufüllen war.
Denn von selbst konnte das junge Mädchen schiverlich einen
Ausweg aus der Leere finden.
Sie schloß sich den anderen Mädchen an, die sie gutmütig
teilhaben ließen an ihren eigenen Festtagen. Ostern bekam sie
bunte Eier, mit denen sie sich kindlich freute. Nie vergaß man,
ihr Psingstmaien zu bringen und sie den Brauch zu lehren, der
ihr nicht ganz einleuchtete. Gar an Weihnachten überraschte
man sic mit den niedlichsten Gaben, von denen sie sich
beglückt zeigte.
Sie stand mit den anderen vorm großen Lichterbanm, doch
konnte der Funke der gewißen Fremdheit nicht ausgelöscht
werden, der in Reka glühte. Was man ihr gewährte, galt Reka
nur als kleines Almosen, und it>r Stolz lehnte sich auf gegen
etwas, das nicht ihr gehörte, an dem sie eigentlich keinen
Teil haben durfte.
llnter den Mädchen tvaren viele fromme, die Reka zu-
tveilen aufforderten, sich doch mal dazu aufzuraffen und eine
Mitternachtsmessc in der Weihnachtsnacht mitzumachen.
Das schlug Reka ab. Sie nannte auch den Grund, ohne
sich zu scheuen.
„Wenn ich mein eigenes Gotteshaus nicht aufsuchc, ist es
nicht nötig, fremde Kirchen zu betreten ..."
Das gefiel den Mädel besser als eine Heuchelei, man
forderte sie kein zweites Rial auf.
DaS waren alles kleine Nadelstiche, die sich Reka selbst zu
fügte. Ihr unbekümmertes Dasein litt darunter, ohne daß sie
es selbst nierkte. Denn für ihr Leben gern hätte sie einmal
eine katholische oder evangelische Kirche besucht. Daß sie es sich
selbst untersagte, schien ihr wie eine sclbstgewählte Strafe.
Und tvenn sie es trotzdem getan Hütte, was tväre dann ge¬
bessert gewesen?
Sie seufzte, und alles blieb beim alten ...
Es war in den Sommerfcrien. als sich jäh das ein wenig
eintönige Lehen Rekas änderte.
Nur tvenige Mädchen waren in der Peitsion. Reka hatte
keine Sehnsucht empfunden endlich heimzureisen, zumal sie dort
ein leeres Haus getroffen hätte, denn Heimbergs waren auf
dem Land, Frau Ruth heilte eine hartnäckige Erkältung aus.
Sie blieb deshalb in der Pension, um die Ferien nach ihrer
gctvohntcn Art zu verbringen.
Eigentlich kannte sie von den vielen Wanderungen schon die
ganze Umgebung. Nur ein Flecken war ihr noch unbekannt
geblieben, den wollte sie endlich aufsuchen. Es tvar der Wall¬
fahrtsort St. Marien, der in wundervoller Einöde und Schön¬
heit die Gläubigen anlockte.
Sie sah hübsch aus in ihrem neuen Wanderkleid, das sich
der Tracht der Gegend anpaßte. Einen derben Stock hatte sie
zur Stütze und ziim Schutz ntitgenommen. Butterbrot und
einiges Geld hatte sie auch mit, denn sie wollte ihr Mittagmahl
auswärts einnehmen, alles Dinge, die das Mädchen erfreuten
und sie munter ausschreiten ließen. Hoch und teuer versprach
sie Vorsicht.
So ganz allein war sie eigentlich noch nie in der Gegend
herumgctvandert, man begleitete sie meist, und die Stirmnung
tvar immer heiter vom Lachen der Mädel. Diesmal aber
tvatlderte sie ganz allein. ES machte ihr Spaß, beim Gehen
Lieder zu summen, doch verstummte mehr als einmal der
Gesang, tvenn sie die Schönheit der Bergwelt sah.
Nachher wurde es anstrengender, denn der Weff ging steil
bergan und es tvar reichlich warm, wenn auch ein leichter Wind
imiiler Erfrischung brachte.
Endlich war der Boden wieder eben, und nach einem kleinen
Weilchen Atempausc ging es weiter. Der Anblick, den sie von
der Anhöhe genossen hatte, stimmte sie so fröhlich, daß sie das
neue, erst kürzlich einstudierte Liedlein zu singen versuchte und
so versunken in die Welt der Töne war, daß sie alles um sich
vergaß.
Sic schrak auf, als eine Stimme sie freundlich fragte, ob sie
denn immer so fröhlich sei.
Sie fuhr herum und stand vor einem katholischen Pfarrer,
der die Kutte seines Ordens trug.
Sie faßte sich vor seinem freundlichen Gesicht sehr rasch
wieder und lachte. Sie meinte, hier — dabei deutete sie auf die
wunderbare Natur der Umgebung — müßte man fröhlich sein,
ob man nun wollte oder nicht.
Er lächelte gütig und nickte.
_ „Ich lieobachte Sie nämlich schon während einer halben
Stunde. Fünf Schritte nur gebe ich hinter Ihnen und sehe
immer das grüne Käppchen auf einem Haar, das der Sonne
in ihrem schönsten Schimmer gleicht..."
Reka überivand eine leichte Verlegenheit. Sie hatte sich
Pfarrhcrrcn und besonders solche aus dem katholischen Stand
als erstarrt in Frömmigkeit gedacht, was ihr schon der Ent
sagung wegen als sclbiivcrsländlich schien. Nun begegnete sic
dem ersten Priester, und er machte ihr ein Kompliment. Also
galten nicht nur verhutzelte, fromme Frauen etwas, sondern
auch Mädchen in der Blüte des Lebens, lächelte sie insgeheim.
Sic schaute in sein Gesicht, das ebenso licht wie freundlich
auf sie nicderblickte. Ueber dem leichten Lächeln seiner Augen
übersah sie nicht den geheimen Ernst, doch verstand sie diesen
doppelsinnigen Ausdruck eines Augenpaares nicht gleich. Er
s