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Nr. 39
Jüdisch« Bibliothek", Unterhaltung upd Wissen
24. September 1936
Aus der Formenwelt des Jorn Kippur
D ie eingesrhrnmpften Elattrrfliigel breitend
1 i ng >rmarl die l ote dureli den \\ ind
So anl der lel/len dunklen W olke reitend
liraelit er dem \ ater das verlorne Kind.
,,Da* war dein Preis!“ — aufs« Iilng ilim gelles
Farben,
Da er den lialdii vor die-Tote reil.it.
Der aber wie in furchtbarem Erwarben
Ibm abermal.' mit Macht die Seliwelle weist.
Dann aber brüht ein wüslenweites W einen
Alis ihm und schüttelt den erhabnen Mann
l nd in der Sonne erstem vollen Scheinen
Hebt er die Totenklage an.
D ie Engel Gottes wölbten ihr .Gefieder
Daehartig über ihm.
Sie dampften ihre lauten .lubellieder —
Es weinten selbst die Krieger-Cherubim.
Drei chassidische Geschichten
Gedenken und Vergessen
Am Tag des Neuen Jahrs sprach Rabbi-
Jehuda Zwi von Rosdol:
Wir haben heute gebetet: ..Du gedenkst alles
Vergessenen von Ewigkeit her." Was hab.en wir
damit gesagt? Gott will nur dessen gedeutelt, was
der Mensch vergibt. Wenn einer das (Hute tut
und das' (hetane nicht im Sinne hält, sondern
nichts vollbracht zu haben weih, seines Dienstes
ist (hott eingedenk. Redet aber einer zu seinem
erhobenen Herzen: „schein habe ich gebetet, schön
habe ich gelernt", vor (hottes Augen ist nichts
mehr davon da. Ist einer der Sünde verfallen,
und danach besinnt er sich auf sie mit all seiner
Kraft und bereut sie, hat (hott sie vergessen. Die
abgestreiften Sünden aber sind bei ihm verwahrt.
Unwürdigkeit und Erhörung
Man fragte Rabbi Ahron von Karlin: „Zu
Mose Fürbitte, (hott möge dem Volk vergeben,
ergänzt Raschi: .damit sie nicht sagen, ich sei nicht
würdig gewesen, das Erbarmen auf sie herab¬
zuflehen''. (heht dies nicht dem Zeugnis der
Schrift zuwider, die Mose den demütigsten aller
Meitschen nennt?"
„Eben weil er so demütig war", antwortete
der Zaddik. „redete er zu (hott: 'Jiiinni mein Gebet
an. wiewohl ich dessen nicht würdig bin: damit sic
nicht sagen, cs fei an mir die Unwürdigkeit des
Menschen offenbar geworden, und nicht ablassen,
aus der Macht der Herzen dich anzusprechen, son¬
dern erkennen, daß du das Beten alles Mundes
vernimmst."
Vor dem Schofarblasen
Einst sprach Rabbi Pinchas am Tage des
Neuen Jahrs vor dem Blasen der Schofar-
posaune:
„Alle Kreatur erneuert sich im Schlaf, auch
Steine und Gewässer. Und der Mensch, wenn sein
Leben sich ständig erneuern soll, muß er. ehe er
einschläft, seine Gestalt abstrcifen und die ledige
Seele Gott anbefehlen. Heute aber ist der^Tag
der großen Erneuerung, da füllt der tiefe Schlaf
auf alles geistige Wesen^Engcl und heilige 'Na¬
men und die Zeichen der Schrift. Das ist der Sinn
des Allgerichts, darin der Geist erneuert wird.
Daher soll der Mensch heute zunichte werden in
dem tiefen Schlaf, und die erneuernde Hand
Gottes wird ihn anrühren."
Nach diesen Worten hob er den Schofar an die
Lippen.
Aus „Das verborgene Licht ", von Martin Buber.
De» höchste Feiertag unseres religiösen
Jahres ist so kraftgeladen, daß er selbst die ent¬
ferntesten Juden auf eine geheimnisvolle Weife
ergreift. Ein weitgespanntes Netz religiöser For¬
men. gestaltet diesen einzigartigen Tag zu einem
Erlebnis, das auch den unreligiösen Menschen
erschauern läßt. Freilich, wie überhaupt in
unserem Leben, so sind auch die Farmen des Jom
Kippur stark verblaßt und nur noch Schatten
ihrer einstigen naturnahen und magiegeladenen
Bedeutung. Zumindest wird der Ürsinn dieser
Formen uns heute nicht mehr bewußt: wir üben
sie aus der Anhänglichkeit an die Tradition, aber
nicht aus der vollwertigen Erkenntnis ihres
Wesens heraus.
Uns allen ist der Brauch vertraut, am Tage
vor dem Jom Kippur die Gräber unserer An¬
gehörigen aufzusuchcn und kurz vor Beginn von
Kol Nidre Lichter zu ihrem Andenken zu ent¬
zünden. Für uns bedeutet dies heute eine ver¬
innerlichte Art der Totenehrung: in alter Zeit
jedoch bedeutet das vielmehr. Man fühlte sich
mit viel stärkeren Banden mit den verstorbenen
Angehörigen verknüpft. Zum Grabe eines Ange¬
hörigen zu gehen, heißt gleichsam eine Verbin¬
dung mit dem Jenseits Herstellen. Der Tote hat
die Kraft, Wünsche entgegenzunehmen und zu
erfüllen, man hält Zwiesprache mit ihm und
fragt ihn um Rat. Der Tote ist sontit gar nicht
tot. sondern er lebt in einer anderen Welt
weiter, und das Symbol dieses ewigen Lebens
ist die Flamme, die bei allen Völkern jene Ver¬
ehrung genießt, die dieses ledensspendende Ele¬
ment beanspruchen kann. Die Lichter, die wir
für unsere Toten entzünden, sind also Wahr¬
zeichen unseres Klaubens an die Ewigkeit des
Lebens und der Seele. Auch das weiße Toten¬
gewand, das man am Jom Kippur anlegt, gehört
in diesen Zusammenhang. Weiß ist im Alter-
tuin die Farbe der Trauer, das Symbol der Leb¬
losigkeit. und wenn man will, kann »tan die
weißgekleideten Beter als Menschen betrachten,
die sich selbst einen Tag für tot halten, abge¬
schieden von dieser Welt, um allein zu sein mit
ihrem Gotte. Die Tatsache, daß fromme Juden
von Kol Nidre bis Ncila die Synagoe iticht ver¬
lassen, vermag diese Auffassung zu stützen.
Eine sehr eigentümliche und auch heute noch
viel verbreitete Zeremonie ist das „K a p p a -
r o t h - S ch l a g e n". Am Vorabend des Jom
Kippur (zuweilen auch einen oder zwei Tage
früher) nimmt jede männliche Person im Hause
einen Hahn und jede weibliche eine Henne in
die Hand, schwingt das Tier mehrfach über dem
Kopf und spricht dazu ein Gebet mit den An-
fangsworten: „Möge dies mein Stellvertreter
sein". Dann wird das Tier geschlachtet, lieber
die Bedeutung dieser Zeremonie gibt es zahl¬
reiche Gutachten alter Rabbiner. So schreibt ein
palästinensischer Gaon an einige Leute in
Babylonien u. a.: „Ihr habt über uns gelacht
und gesagt, daß wir Zauberei treiben. Es gibt
also Leutke die diese Zeremonie lächerlich finden
und sie als einen magischen Akt betrachten. Aber
diejenigen, die sie vollsühren, sagen: wir tun es
in guter Absicht. Die Zeremonie mag wie ein
magischer Akt erscheinen, aber wir verstehen sie
nicht in diesem Sinn: wir geben ihr eine andere
Bedeutung. So nennt sie z. B. Natronai .magisch
zu einem guten Zweck'." Trotz dieser frühen
Versuche, die magische Grundbedeutung des
Brauches abzuleugncn, kann man es wohl als
sicher betrachten, daß die Zeremonie das Wieder¬
aufleben der alten Idee der Ablenkung des
Satans oder der Dämonen durch die Anbietung
eines Opfers ist, wie es auch zur Zeit des Tem¬
pels geschah, wo man bekanntlich den Siinden-
bock benutzte. Im Bewußtsein der Menschen ge¬
staltete sich dieser Brauch bald als eine Erinne
rung an das Opfer Isaaks um. Daß jedoch der
Zweck die Täuschung des Satans war, ersieht
man daraus, daß man ängstlich darauf achtete,
daß nur ein wertvolles Tier geopfert wurde —
denn je wertvoller, um so wirksamer war es.
Bor allein mußte das Tier gehörnt sein, also dem
Satan und den Dämonen dadurch in gewisser
Weise ähnlich, die ja bekanntlich auch gehörnt
vorgestellt werden. Es ist bekannt, daß sich mit
diesem Brauch die Institution der „Semichah"
verknüpft: die Person, deren Sünden vergeben
werden sollen, stützt die Hand auf den Kopf des
Tieres und wälzt damit die Sünden auf das
Tier symbolisch ab. Daß sich ein Kampf um bie
Erhaltung des Brauches abgespielt hat, zeigt die
Tatsache, daß er vom Jom Kippur auf den Vor¬
abend verdrängt worden ist, weil die Halacha
jede Arbeit am Versöhnungstag außerhalb des
Tempels in Jerusalem verbietet. Vielleicht be¬
trachteten es auch die Menschen als ratsamer, die
Zeremonie möglichst früh zu vollziehen, um den
Satan adzulenkcn und ihn so zu verhindern, sie
■ am Jom Kippur vor Gott anzuklagen. Andere
gingen noch weiter, indem sie die Zeremonie so¬
wohl am Rosch Haschana, als auch am Jom
Kippur vollzogen.
Es ist hier nicht der Ort, um eingehend die
Geschichte des Kapparoth-Brauches darzulegen.
Jedenfalls haben mir es hier ntit einem sehr
interessanten Ueberbleibsel aus sehr früher Zeit
zu tun, und daß der Brauch auch heute noch in
breiten Massen des Judentums, besonders im
Osten, als integrierender Bestandteil der Jom-
Kippur-Zeremonien angesehen wird, beweist, daß
die ihm innewohnenden magischen Ideen noch
immer ihre Wurzeln im Menschen haben, wenn
sie auch längst durch rationalistische und religiöse
Argumente überwtichert sind.
.Auch der ursprünglichen Bedeutung des
Schofar, dessen langgczogener Ton den Jom
Kippur abschließt, mttß in diesem Zusammenhang
gedacht werden. Die Religionswissenschaft hält
das Horn für das Symbol der einstigen Tier¬
gestalt der Totemgötter, und da später die
Propheten die Altkündigung des jüngsten Ge¬
richts durch einen Schofarton weissagten, so ergab
sich allmählich die Jdcenverbindung zum Jom
Kippur. Aber die ursprüngliche Bedeutung des
Schofars ist doch darstellender Art. indem das
Kraftattribut eines Gottes symbolisiert werden
soll. Die psychoanalytische Forschung (ine-
bcsoitdere Reil) hat hierzu wichtige Beitrüge
geliefert.
Nicht immer — um'zu einem anderen Thema
überzugehen hat man sich mit dem ^ständigen
Jom Kippur begnügt. Im Mittelalter hielt man
in Deutschland vielfach einen -18stündigen Jom
Kippur ab, und zwar begegnen wir diesem
Brauch vor allem seit dem 12. Jahrhundert. So
erfahren wir z. B. in einer Entscheidung Rabbi
Ascher ben Jechicls, daß derjenige, der zwei Tage
Jom Kippur zu halten pflegte, aber bloß einen
Tag fasten will, dem gleiche, der ein Gelübde
getan hat und es sich aber wieder aufhcben lassen
will, was erlaubt ist. Man könnte zur Erklärung
an eine Analogie zu den übrigen Festtagen
denken, die ebenfalls doppelt gefeiert werden,
und zwar infolge der damaligen Unsicherheit des
Kalenders. Nach einer alten Quelle scheint jedoch
der Grund darin zu lieget;, daß die Zählung des
Monats Tischri bei den Anhängern des doppelten
Jout Kippur am zweiten Neujahrstag beginnt,
der somit der erste Tischri ist (wie es auch bei
zwei Neumondstagen immer der Fall ist): da»
durch verschiebt sich dann der Jom Kippur um
einen Tag.
Der Vollständigkeit halber ist auch zu er¬
wähnen. daß es einen Jom Kippur katan gibt,
d. h. einen „kleinen Persöhnungstag", der auf
den Rüfttag jedes Neumondstages zu fallen
pflegt, an dem gefastet wird. Es ist wahrschein¬
lich. daß dieses Fasten ein Ersatz für das Mussaf-
opfer sein soll, das bekanntlich als Sühneopfcr
galt. Unter dem Einfluß der Kabbala wurde
der Tag zu einem Bußtag und erhielt die Be¬
zeichnung Jom Kippur katan.
l!IIII»lll!l»llllll!l!»l!ul>lllll>II!l!!!l>l>!l!!!l!!!!!!!!i!!!!!!!!!!!!!!!!!!!iH!!IHi!H!!!i!HIHH!H^l!lIlll
Jüdische Beter
So stehen sie seit tausenden von Jahren
irn Talith hingebeugt und beten
Urväterworte, die Geheimnis offenbaren.
Die Hände flehn, die. Körper reden.
Vor ihren Augen thront die Majestät,
irn Kerzenscliirnmer das verheillne Reich.
Die Lippen flüstern. Durch die Herzen weht
ein Strom von Schmerz und Seligkeit zugleich.
Aus tiefster Inbrunst steigen Himmelsschreie.
Geheimstes Sehnen, tiefstes Klagen.
Aus ihrem Gotte schöpfen sie die Kraft und ff'-eilte,
der Erde schwerstes Leid zu tragen.
* Max Spanier.
Illlll!llllllll!lllllllllllllll!lllll!l
Aus der reichen Welt unseres höchsten Feier¬
tages haben wir einige wenige Formen heraus-
gegriffen und in Uebereins'timmung ntit den
geschichtlichen Erkenntnissen zu bringen versucht.
Vielleicht wird der eine oder andere dies als
eine Art „Entzauberung" empfinden: aber das
umgekehrte ist der Fall. Die Welt, in der wir
leben, ist entzaubert, uitd solche Besinnungen auf
den Ursinn der Diitge, wie sie hier versucht
wurde, sind erst imstande, uns zu dem echten
Glanz und Zauber der Formen zurückzuführen.
Denn so sehr wir auch das primitive Stadium
überwunden haben (oder zu überwinden wün¬
schen), so wissen wir doch, welches der Preis
hierfür war: die Entwirklichung,' die Auflösung
des echten religiösen Gefühls und der natur¬
haften Bindungen: und meint man es ernst mit
der Religion, so muß man sie in ihren Quellen
aufspüren — auch da, wo sie uns heute bitter
schmecken. Meir ben Juakow.
SILBENRÄTSEL
Aus den Silben
£i — a — ehiul — diel — dam — dent —
e — e — ed — er — es — gie — jo —
* li — lo — mo — o — ra — sä -— si —
stu — the — tarn — wan
sind zehn Worte zu bilden, deren Anfangs¬
buchstaben von oben midi unten und. deren
dritte Budistaben von unten midi oben eine
■hebräische Bezeichnung für die Zeit zwischen
Roseli haschana und Jom Kippur ergeben (in
Nr. 9 i --- j).
Die Worte bedeuten:. I. liebriiisdi: Mensdi,
2. Monat des jüdischen Kalenders, 3. Hoch¬
schulangehöriger, 4. hebräisch: einzig, 3. weib¬
licher Vorname, 6. jüdische Sekte, 7. Wissen¬
schaft der Religionen, 8. Sohn Gideons,
9. Prophet, 10. Ordnung, der Mischna über die
Festtage. /. E.
dem sic aber nicht wußte, was es war. Und Ruth sagte: „Sich mal,
Moritz, wie sie sich erschreckt hat, du hättest ihr das ja auch nicht
so zu sagen brauchen."
„Ach was", rief Eva. während ihr die Tränen über die Backen
kugelten, „ich habe mich gar nicht erschreckt, bloß weil Else das
gesagt hat mit dem schiefen Bein."
„Na, mein Papa ist doch wieder ganz gerade geworden, man
sieht auch nicht die Spur mehr davon", versicherte Else.
Und Moritz meinte? „Er hat überhaupt selbst schuld, weil er
doch über unsere Mauer gelaufen ist, da, wo sie so schräg runter¬
geht, und was Papa doch nicht haben will."
„So?!"'fuhr Eva ihn an. „sonst fragt ihr doch auch nichts
danach, was euer Papa nicht haben will! Und überhaupt, Max ist
der Allernetteste von euch allen!"
„Ach. sieh mal an", sagte Moritz beleidigt, „ich dachte immer,
das wäre Hänschen Mohr."
Einen Augenblick sab Ena ihn ganz verdutzt an, dann sagte sie:
„Hänschen Mohr ist ein sehr netter Junge, aber Max ist... Max,
der ist eben anders."
Ruth meinte, sie wolle jetzt lieber nach Hause gehen, und Else
sagte: „Ja, Eva, wenn du dich s o hast, dann geh ich auch."
Und dann gingen sic alle vier auf die Straße hinunter, denn
Eva mar mitgelauscn, sie hätte da oben doch keine Ruhe gehabt.
Und sie band'Moritz auf die Seele, ihr gleich mitzuteilen, wie es
Aiax ginge, ob das Bein auch nicht schief angewachsen wäre und
gebrochen werden müßte, und wann sie ihn besuchen dürfte.
Und Moritz fragte ganz pikiert: „Wenn i ch mir nun das Bein
gebrochen hätte, würdest du dich denn auch so haben?"
Einen Augenblick sah Ena ihn verdutzt an und sagte dann
schnell: „Natürlich", aber sie wurde ganz rot dabei.
Ihre Sorge um das schiefe Bein war tititsonst gewesen, und
bald durste sie Mar besuchen. Sehr blaß lag er in seinem Bett,
als aber Eva dann feine Hand drückte und sich zu ihm setzte,
wurde er plötzlich feuerrot und sagte: „Evchcn, Bcinbrechen ist
gar nicht mal so schlimm, und jetzt, wo du da bist, da ist es
überhaupt sehr nett, das beißt, ich meitte..."
Weiter sagte er nichts. Eva nickte nur ganz ernsthaft: „Fa.
und wo cs doch nicht schief wird-nnd du wieder so lausen kannst
tvic soitft, wenn es ganz heil ist."
Und dann zog sie eine Tüte ans der Tasche: „Himmel, das
habe ich jetzt ganz vergessen, hier sind Sahnebonbons drin, die
du doch so gern magst. Bon meinem Geld", setzte sie stolz hinzu.
Und ?Nar bedankte sich, als habe sie ihm ein Königreich mit
gebracht, schüttelte die Hälfte in seine Hand und ließ die andere
in der Tüte. „Die nimmst du wieder mit, Evchcn, denn ich
weiß doch, du magst sie selbst so gern."
Da war Eva tief beleidigt, was er denn von ihr denke, aber
dann aßen sie beide in stiller llebcrcinlnnst die ganzen Sahne
bonbons gemeinschaftlich aus.
Als sie ihren zwölften (Geburtstag feierte, nbcrbrachte Mar
mit einem grade angcwachsenen Bein unter herzlichen Glück¬
wünschen ein verschnürtes Päckchen, und Aidritz einen Laub¬
frosch im Glas. Er bemerkte hierzu: „Er sitzt grade ans Schön¬
wetter und muß mit Fliegen gefüttert werden.".
Eva freute sich so über den Laubfrosch, daß sie gar nicht
dazu kam, das verschnürte Päckchen von Mar zu öffnen. Als
sie es dann schließlich doch tat, fand sich darin ein hübsches
blaues Buch, in Goldschnitt gebunden, mit lauter leeren Seiten,
auf dessen Deckel stand: Mein Tagebuch. Eva wußte im ersten
Augenblick nicht, was sie sagen sollte, sie dnrchblätterte die
leeren Seiten und meinte dann: „Furchtbar sein, ich danke auch
vielmals, 'Mar!"
Mar ivar flammendrot geworden und fühlte sich ein bißchen
enttäuscht, so standen sie sich einen 'Augenblick beide verlegen
gegenüber. Dann sagte Mar und schluckte dabei, als sei ihm
etwas in die „verkehrte Kehle" gekommen: „Ich habe gedacht...
ich meinte... vielleicht könntest dn da rcinschreiben, was du so
erlebst, weil einem das doch später Spaß macht, wenn man
es lieft."
Das Wort „Spaß" griff Eva auf und sagte: „Ach ja, tvie
nett, ich glaub' auch, daß es mir Spaß macht, wenn ich das
später lese", fügte aber skeptisch hinzu: „Ob ich aber rein
schreiben kann, das weiß ich noch nicht, denn, weißt ja, ich habe
immer so wenig Zeit "
Mar kam sich ein bißchen bereingesallen vor mit seinem
Geschenk, das er sich so schön ausgedacht und machte sich Bor
würfe, daß er Eva nicht lielmr doch die kleine Schildkröte
geschenkt hatte, wie er das zuerst getvollt und die doch
noch viel seiner war als der Laubfrosch von Moritz. Doch das
war ntnt nicht mehr zu ändern, und vor lauter Unmut üher
feinen Fehlgriff aß er soviel Stärkepudding, den er sonst über
hanpt nicht anrührte, daß er kur; daraus verschwinden und ihn
wieder von sich geben mußte Bei dieser Prozedur aber bekam
er einen güten Einfall, den er, znrückgelehrt und noch etwas
blaß, gleich »u die Tat nmietzte. Er sagte zn Eva: „Dn, Evchcn.
wenn dir das Tagebuch vielleicht nicht gefällt, dann kann ich es
in ute Schildkröte Umtauschen oder in Goldfische, was du nun
lieber hast."
Aber Eva sah ihn groß an und sagte entschieden: „Bewahre,
ich finde es riesig fein, und wenn ich auch nichts rcinschreiben
sollte. Und Goldfische finde ich überhaupt sehr dumm." Bon
der Schildkröte sagte sic itichts, und vielleicht hegte sie in einem
Winket ihrer Seele d och den Wunsch, das leere Tagebuch gegen
eine, wenn auch nicht sehr eifrige, so doch immerhin lebendige
Schildkröte cinzntanschen. Aher diesen Z,wiespalt überwand sie
schnell und fügte sogar noch hinzu: „Wenn ich was in das
Tagebuch rcingeschricben habe, dann zeig' ich es dir ganz
bestimmt." Ein Versprechen, das niemals cingelösk wurde,
denn das Tagebuch behielt zeitlebens feine Znngfränlichlcit.
Eines Tages waren Mar und Eva allein >,t Heims Hof, wo
Eva Klimmzüge am Tnrnreck übte. Denn, wenn auch die
Zirknskarriere nicht mehr in Betracht gezogen wurde, turnen
war ja für jede Karriere gut. Rach dem dritten Klimmzng. als
sie mit roten Backen dastand, um für den vierten Atem zn
schöpfen, sagte Mar plötzlich: „Evchcn, ich möckst' dir schrecklich
gern mal 'n Kuß geben", worauf Eva ihm prompt eine Ohr¬
feige gab und meinte: „Die hättest dn gekriegt, wenn dn's getan
hättest."
Er aber sagte tief errötend: „Das war ganz unlogisch."
Mil diesem Wort wußte Eva nichts anznfangcn: „Wenn d u
frech wirst, tverd' ich eben a n ch frech."
Mar aber beschloß, mit seinen Zärtlichkeiten zn warten, bis
Eva einen höheren Grad der Bildung erworben haben würde.
D i e T r a g i s ch e M n s e.
Die unteren Schulklassen hatte Eva nun hinter sich und war
bei Herrn Weck in der dritten Klasse. Herr Weck ivar ein
Sonderling, aber seine Stunden waren recht beliebt, ivcil auch
sie sonderlich waren und zuweilen recht vergnüglich. Er ließ
z. B. das Gedicht „Kolumbus" von Luise Bachmann dramatisch
darstellen. Er selbst, auf dem Katheder sitzend, gab den edlen
Kolumbus, während die Klassenerste den Fernando spielen
mußte. Eine andere Ivar der Sprecher, der den verbindenden
Tert zn den Dialogen zn sprechen hatte. Der Rest war das
„entfesselte Heer". Diesem lag es ob, an gewissen Stellen des
Gedichts „Btntü!" zn schreien, was denn auch ans Leibes¬
kräften ansgcübt wurde. Fm Hinterarnnd des Klassenzimmers
stand ein Schrank, in dem sich physikalische Fnstrnmente be¬
fanden. Bei der Stelle nun, an der die Entfesselten „Blut"
schreien mußten, und der Sprecher sagte: „schrie das entfesselte
Heer", dehnte sich die Blntrünstigkeit oft so weit ans, daß das
Heer mit den Hacken gegen den Plwsikschranl donnerte, so daß
die Leydener Flaschen in die Höhe hüpften und lebhaft anein¬
ander klirrten. Das gab dann einen 'Mordslärm, und Herr
Weck rief in das Ehaos hinein: „Das Heer da hinten soll sich
anständig benehmen!", eine unbillige Forderung, wenn man
bedenkt, daß es doch entfesselt war.
Roch manche ähnliche frohe Stunde halte Eva in dieser
Klasse erlebt. Dann rückte sie höher. Aber auch hier unter¬
richtete Herr Weck, und zwar in der Literaturgeschichte, die sie
als neue Stunde erhielten.
Kolumbus und das eittsessclie Heer hatte man nun längst
hinter sich gelassen und wandte sich der klassischen '.Ruse zu.
„Wir werden uns jetzt mit der .Fnngfratt von Orleans'
von Friedrich von Schiller beschäftigen", hatte Herr Weck ge¬
sagt »nd dann die Frage gestellt: „Weiß eine von. euch etwas
über dieses Themar"
(Fortsetzung folgt.)