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Kr. 1 . Hamburg, S. lanuar 1922 . 2 H. Jahrgang.
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Rückblicke auf dar Fahr 1921.
, Daß die Nachwirkungen des Weltkrieges noch lange
Zeit nach seiner Beendigung allen, Siegern wie Be¬
siegten, schwer fühlbar sein würden,, konnte man sich
von vornherein an -en fünf Fingern abzählen. Von
dem Ausmaß dieser Schwere, von de-t Mannigfaltigkeit
und der Bedeutung der Probleme, die daraus hervor¬
gingen, konnte man sich viel weniger eine zutreffende
Vorstellung machen, weil ihre Ursache zu gigantisch
war und darin bisher noch keine geschichtliche Analogie
statt«. Die g?i«je,laröße der intmer ireu zu Tage tre¬
tenden Aufgaben, eine aus den Fugen gegangeire Welt
wieder einzurenken, prägte dem abgelaufenen Jahre
seine Signatur auf. Sie offenbarte sich auch im Ge¬
meinschaftsleben der Juden des In- und
Auslandes.
Für die deutsche Judenheit war die endgültige
Losreißung eines erheblichen Teiles von O b e r s ch l e -
s i e n vom Deutschen Reiche und der damit verbundene
Verlust einer großen Aitzahl blühender jüdischer Ge¬
meinden eine der tragischsten Folgeerscheinungen des
Krieges, die unsere Trauer um das schon früher zer¬
rissene äußere Band mit unseren unter polnische
Herrschaft geratenen Glaubensgenossen in Posen und
Westpreußen erneute und vergrößerte. Mit verstärkter
Dringlichkeit erhob sich aus diesen betrübenden Er¬
eignissen fiir uns deutsche Juden das schwierige Pro¬
blem der Fürsorge für diejenigen unserer Glau¬
bensgenossen, welche deutsche Reichsbürger bleiben und
deshalb lieber ihre bisherige Heimat verlassen wollten,
speziell auch die Fürsorge für deren eristenzlos ge¬
wordene auswandernde K u l t u s b e a m t e n. Eng
mit dieser Aufgabe verknüpft ist die Ausgabe, Mittel
und Wege zu finden, um die bisherige konfessio¬
nelle Kulturgemeinschaft mit unseren dort
zurückbleibenden Glaubensgenossen auch für die Zukunft
aufrecht zu erhalten.
In erweiterter Gestalt trat dieses territorial be¬
grenzte Problem uns in der Aufgabe der Ostjuden-
1 ü r s o r g e überhaupt entgegen. Die während des Krie¬
ges von den damaligen deutschen, in Feindesland ge¬
bietenden Autoritäten zwangsweise in die deutsche Pro¬
duktion eingegliederten, ebenso wie die aus ihren bis¬
herigen östlichen Heimatländern vor Pogromen und an¬
deren Verfolgungen nach Deutschland meist nur zu vor¬
übergehendem Durchgangsaufenthalt geflüchteten Ost¬
juden erheischten in ihrer Heimat- und Hilflosigkeit jüdi¬
sche Hilfe und Unterstützung. Um die Lösung dieser Auf¬
gabe hat sich das Arbeiterfürsorgeamt der
jüdischen Organisationen Deutschlands
fortgesetzt eifrig bemüht und manchen Erfolg erreicht.
Der Hilfsverein der deutschen Juden hat
auf diesem Gebiete Ersatz für sein durch die verän-
derten politischeii Verhältnisse im nahen Orient dort
verlorenes Arbeitsfeld gefunden.
Die Ostjudenfürsorge war aber nur ein Teil der
sozialen und chantativen Aufgaben, welche in verstärk¬
tem Maße wäl.reid des abegelaufenen Jahres den
deutschen Juden oolagen. Der Gesamtkreis dieser Auf¬
gaben wurde auf einer Wohlfahrtstagung der
deutschen Juden erweitert und schärfer umgrenzt.
Die Zusammenfassung aller diesen Zwecken dienenden
Institutionen der deutschen Judenheit in einer Zentral¬
stelle soll eine rationellere und damit erfolgreichere Ver¬
wertung der hierfür zu Gebote stehenden Mittel und
Kräfte durchsetzen.
Namentlich die Großloge der Bnei Briß
und der Jüdische Frauenbund haben auf beson¬
deren Tagungen den ihnen nahe liegenden Sonder¬
gebieten aus diesem großen Aufgabenkreis ihre spezielle
Fürsorge angedeihen lassen. Die erstere hat ihr Augen¬
merk besonders auf die notleidende jüdische
Wissenschaft gerichtet, während
wie der Kriegs waisenfonds
der letztere ebenso
der Agudas
Jlsroel die Versorgung der zahlreichen durch die
Pogrome in der Ukraine verwaisten jüdischen Kin¬
der sich angelegen sein ließen.
Die jüdische Jugendbewegung war in
Deutschland im vergangenen Jahre eine sehr lebhafte.
Die Streitfragen, besonders diejenigen über den Zio¬
nismus, seine Berechtigung und seine Betätigung,
fanden in ihren Reihen einen starken Widerhall. Die
Beschlüsse des Casseler Führertages des Ver¬
bandes der neutralen Jugendvereine
Deutschlands trugen die Keime der Spaltung nach
f arteien in ihre Reihen, indessen mehrten sich in letzter
eit die Symptome, daß dieser bedauerlichen Erschei¬
nung ein Damm entgegengesetzt werden und wenig¬
stens unsere Jugend vor den trennenden Wirkungen
des Pa.teilebens bewah7t bleiben soll.
Als der stärkste Faktor einer einigenden Zusammen-
fassung der deutschen Judenheit ist jedenfalls die im
vorigen Jahre auf dem Deutsch-Israelitischen
G e m e i n d e t a g e zustande gekommene Gesamt-
Organisation anzusprechen. Ihr Statut ist ein
Menschenwerk und daher besonders in seinen Anfangs¬
stadien nicht ganz alle Ansprüche befriedigend,- manche
Fragen wird erst eine kommende fortschreitende Ent¬
wicklung zuf^ckdenstellend Vb^tr Das mI -
von den Ausstellungen, welche die jüdischen Kul¬
tusbeamten dagegen erheben, ebenso von den¬
jenigen, welche aus orthodoxen Kreisen dagegen
geltend gemacht werden. Zum Teil sind sie ja schon
von den Satzungen der jüdischen Cemeindeverbände,
welche im vorigen Jahre für die Gemeinden Bay¬
erns und Württembergs vereinbart wurden, be¬
seitigt.
Auch im vergangenen Jahre waren wir leider
nicht in der Lage, unsere ganze Energie auf die posi¬
tiven Aufgaben der jüdischen Gemeinschaft richten m
können. Än sehr erheblicher Teil unseres Kräfteaus-
wandes wurde verbraucht zur Abwehr des immer
aggressiver werdenden Antisemitismus.
Immer skrupelloser in der Wahl ihrer Mittel wurden
ihre Führer. Wir brauchen nur an das pseudowissen¬
schaftliche Buch von Delitzsch „Die große Täuschung",
an die maßlose Agitation mit dem Fälscherprodukt
„Die Weisen von Z i o n", dessen sich selbst Gene¬
ral Ludendorff bei seinen falschen Beschuldigungen
der Juden zu bedienen nicht scheute, an die vielen
Gerichtsverhandlungen mit demselben Hintergrund, an
die M e m m i n g e r Krawalle und sehr zahlreiche ähn¬
liche Somptome des Judenhasses, die wir im vorigen
Jahre zu beklagen hatten, zu erinnern. Freilich konnten
wir auch dagegen einzelne schwache Anzeichen wieder-
kehrender gerechter Beurteilung der Juden selbst bei
einzelnen Politikern der Deutsch natio¬
nalen N olkspart ei registneren, welche die Ver¬
dienste Einsteins und R a t h e n a u s uni die deutsche
Wissenschaft Uüd Wirtschaft nicht verkannten: aber diese
vereinzelten Schwalben machen noch keinen Sommer.
Unsere Abwehrarbeit mußte sich immer intensiver ge¬
stalten und auf ihren Hauptversammlungen haben so¬
wohl der Centralverein deutscher Staats¬
bürger jüdischen Glaubens wie der V e r --
ein zur Abwehr des Antisemitismus von
dem Umfange und der Wichtigkeit ihrer Betätigung
auf diesem Gebiete aller Welt Kunde gegeben. Leider
wurde diese notwendige Abwehrarbeit gestört durch
den neu gegründeten Naumann schen Verband
deutsch nationaler Juden, der durch eine Ver¬
dächtigung der deutschuationalen Gesinnung der großen
Mehrheit der deutschen Juden, Wasser auf die Mühlen
der Antisemiten lieferte.
Bei der Beweisführung für feine falschen Behaup¬
tungen berief sich der Naumannsche Verband haupt¬
sächlich auf die jüdisch-nationalen Kundgebungen der
Z i o n i st e n, welche auf dem Karlsbader Kon¬
greß dieser Partei erlassen wurden und in denen
die zionistische Parteileitung für sich gewissermaßen eine
politische Oberkontrolle auch über die Landespolitik
der Juden aller Länder m Anspruch nahm, ohne
zu bedenken, daß die Zionisten nur eine verhältnis¬
mäßig kleine Minderheit der Gesamtjudenheit umfassen.
Selbst das Werk des wirtschaftlichen Aufbaus
P a l ä st i n a s unter englischem Mandat und die Be¬
teiligung aller Juden an dem für diesen Zweck be¬
stimmten Keren Hajessod wurde durch diese natio¬
nalistischen Ansprüche der Zionisten wenigstens stark
beeinträchtigt, obwohl die noch immer sehr trübe Lage
der Juden in den meisten Ländern Osteuropasein
neues Siedlungsland so nötig braucht wie das liebe
Brot. Rußland, Rumänien. Polen ent¬
sandten immer neue jüdische Auswandererströme, gegen
welche die Abschließungspraris der westeuropäischen
Staaten und die Jmmigrationspolitik der Vereinigten
Staaten sich immer schärfer kehrten, wenn auch die
interterritorialen humanitären jüdischen Vereinigungen,
wie die Jewish Colonization Association
f2ca) und die Jüdische Welthilfskonferenz
die Leiden der Auswanderer und Flüchtlinge nach
Kräften zu lindern sich redlich abmühten.
So gewähren unsere Erfahrungen aus der jüngsten
Vergangenheit wahrlich keinen allzu rosigen Ausblick
ln die Zukunft, aber sie begründen doch auch die tröst¬
liche Zuversicht, daß die wieder hervortretende un-
versiegliche Lebenskraft Israels in jüdischem Gottver¬
trauen wie schon so oft in früheren Tagen auch jetzt
wieder der Nöte der Zeit Herr werden wird.
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Höarn Röders Streitschrift gegen den
Antisemitismus.
In letzter Zeit sind mehrfach wirklich tonjervative
Männer gegen die antisemitische Radaupolitik des
Dcutschvölkischeii Schutz- und Trutzbundes und der
Knüppel-Kuntze-Gefolgschaft in der Oeffentlichkeit auf-
&airai£-n fznrxrt nun 1 --^
von Heydebrand. ein anerkannter konservativ
gefolgt. Als Dritter im Bunde gesellt sich jetzt zu
ihiren Adam Roeder. der bekannte Herausgeber
der „Südd. Kons. Korr.", der in oer ulte-,; kon¬
servativen Partei früher eine ganz hervorragende Rolle
gespielt hat, was sich schon aus der Tatsache ergibt,
daß er einst zum Chefredakteur der „Kreuzztg." aus¬
ersehen war. Roeder hat bereits in früheren Schriften
den Hergt und Genossen gründlich die Wahrheit ge¬
sagt, er tut dies noch deutlicher und entschiedener in
seinem soeben erschienenen neuen Buche „Reaktion
und Antisemitismus, zugleich ein Mahnwort
an die akademische Jugend" (Berlin, E. A. Schwetschke
u. Sohn). Roeder ist in manchen Punkten der alte
Konservative geblieben, er hat sich aber seinen freien
Blick gewahrt, er hat aufmerksam die Entwicklung der
Dinge verfolgt und so manche seiner früheren Anschau¬
ungen-revidiert, was er offen und unumwunden zugibt.
Er hat vor allem das Demagogentum der
deutsch nationalen Politik erkannt, sowie den
verderblichen Einfluß, den der Antisemitismus
in der Partei ausübt, gründlich durchschaut, und er
sagt den Führern der Partei gründlich die Wahrheit.
In dem Vorwort weist Roeder ganz besonders
darauf hin, daß sein Buch ein Mahn- und Weck¬
ruf an die deutsche akademische Iugend
sein soll und er begründet dies u. a. mit folgenden
Ausführungen: „Ich wende mich an die akademische
Jugend, weil ich trotz der Veräußerlichung, die der
Leutnantsgeist und die Geste des ostelbischen und groß-
industrialistischen Eroberertums über sie gebracht hat,
an ihren Idealismus glaube. Ihr wird insbesondere die
schwere sittliche Gefahr des Antisenritis-
m u s darzulegen sein, der, idealistisch drapiert, dem
Mammonismus dient."
Schon hieraus ist deutlich zu erkennen, welche große
Bedeutung Roeder der antisemitischen Frage beilegt.
In dem dem Antisemitismus ausschließlich ge¬
widmeten dritten Kapitel legt er zunächst die Ursachen
dar, aus welchen die Revolution von 1918 eine starke
Reaktion im Gefolge hatte, und er weist darauf hin.
daß mit der „Rechtsorientierung" der Bourgeoisie der
ungezügelte Raslenantisemitismus mäch¬
tig in die Halme schoß. Der „Zug nach rechts" sei
lediglich den egoistischen Gründen der besitzenden Klasse
(der Großagrarier. Schwerindustriellen usw.) entsprun¬
gen, denselben Instinkten einer gewalttätigen, rohen
politischen Auffassung, die auch die antisemitische Welle
erzeugte. Dann fährt er fort: „Es gibt einen Anti¬
semitismus. dem man ideale Beweggründe unterlegen
kann: ideal insofern, als seine Vertreter nicht ge¬
schichtliche und wirtschaftspolitische Bildung genug be¬
sitzen. um den Grundirrtum ihrer Anschauung zu er¬
kennen. Wer gewisse Erscheinungen im literarischen,
künstlerischen, wissenschaftlichen Leben mit Momentphoto¬
graphien in Zusammenhang bringt, die in einer ge¬
wissen Presse reklamemäßrg erzeugt werden, kanll
immerhin auf den Gedanken kommen, daß es einen
„spezifisch jüdischen Einfluß" gibt, der die christliche
Volksseele verdirbt. In dieser Lage befinden sich manche
vornehme Charaktere, denen die Zusammenhänge nicht
klar sind. Rechnet man noch hinzu, daß eine skrupel¬
lose und verlogene Agitation den jüdischen Voltsteil
als den stärksten Kriegsgewinnler bezeichnet, so ist schon
zu erklären, daß auch vornehme Smnesart dem anti¬
semitischen Trugbild zum Opfer fällt. Der Anti»