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Jüdische Gemeindepolitik.
Von Ben Scholom.
Indem wir diesen Ausführungen Auf
nähme gewähren, möchten mir ausdrücklich
betonen, datz wir uns mit dem Verfasser
durchaus nicht völlig identifizieren. Aber
zur Entpolitisierung der Ge¬
meind estuben wollen auch wir nach
Kräften beitragen. D. Red.
Unsere Väter hatten wohl viele Leiden, aber das
Leid der Politik kannten sie nicht. Im Staate waren sie
Objekt und nicht Subjekt der Gesetzgebung, und in der
Gemeinde, wo sich alle ihre idealen Interessen konzen¬
trierten; ging das ganze Streben dahin, die jüdische Ge¬
meinschaft im jüdischen Geiste zu erhalten. Es gab wohl
verschiedene Meinungen in der Gemeindestube, aber
keine Parteien.
Aber inan kann verschiedene Wege gehen, um zum
Ziele zu gelangen und in einer Zeit, wo bereits die
A-B-C-Schützen Politik treiben, wird man nicht ver¬
langen dürfen, das; die Gemeindestube davon ver¬
schont bleibt. Man wird auch begreifen, das; Gleich¬
gesinnte ,die auf dem Boden einer gemeinschaftlichen
Weltanschauung stehen, sich zu gemeinsamen Kampfe zu-
sammenschlietzen, und ob sie sich Gruppen oder Parteien
nennen, das macht keinen wesentlichen Unterschied.
Das Unglück ist nicht, datz es Parteien innerhalb
der Gemeindevertretungeil gibt, sondern datz »«* " ch
fremde n Ri u st e r n gebildet find und in i t
e n t le hnte n Schablonen arbeite n. Schon die
Namen der Parteien sind unklar und irreführend.
,,Orthodor" ist die offizielle Bezeichnung für die
griechisch katholische Kirche (Prawoslawni heitzt „recht¬
gläubig", also die wörtliche Uebersetzung). Im Juden¬
tum ,das fast dogmenfrei ist, ist dieser Ausdrua so fremd,
datz man dafür keinen kongruenten Ausdruck im Hebräi¬
schen findet, llnd was ist „liberal?" Frei! Ja, wie
weit soll diese Freiheit gehen, wo doch Geschichte und
Lehre auch dem Liberalsten Grenzeil setzen? llnd „Volks-
vartei" ist hellte ein Etikett geworden für alle Rich-
tullgen, die das Volk eiilfailgeil wolleil. Was die Par¬
teien und Richtungen unterscheidet, ist im Grunde nicht
der Glaube, der inl Judentum gar feine so gewaltige
Rolle spielt, sondern die Lebensart, die A u f -
f a s s u n g von d e n K o n s e g u enze n der Le h r c,
die doch eigentlich für alle bindend ist.
Sucht man ilach Prinzipien, so wird man wohl von
Beharrlichkeit und Entwicklung sprechen können. Aber
auch diese Gegensätze sind nicht streilg abgegrenzt, und es
führen Wege von eitlem zum andern.
Beiden Richtungen wird inan, wenn man sich zu
einer objektiven Anschauung durchgerungen hat .die Be¬
rechtigung iil der Geineinde nicht absprechen können,
solallge sie ben geschichtlichen Boden nicht verlassen und
die Einheit der Genleinde nicht stören. Es hat immer
viele Schattierungeil im Judentum gegeben, und gerade
die gegenseitige Duldung hat das Schisnln verhindert.
Von ben Karaiten abgesehen, kennt das Iudentuni der
letzten Jahrhunderte feine Sekteil. Selbst die chassidäi-
sche Bewegung ,die so tief eillschllitt und eine Revo¬
lution gegen das talmudische Judenlum hervorrief .hat
bei allen Kümpfen zu einer Trennung nicht geführt, und
llach der kurzen '^irmischen Epoche ist eine gewisse Ver¬
ständigung eingeireten. und hellte lebeil in den ineisten
Geiileilldeil des Ostens Ehassidim und Misnagdinh wenn
auch nicht mit einander so doch nebeneinander. War¬
um solleil also nicht alich in Deutschland verschiedene
Richtungen in der Gemeinde leben und in der Repräsen¬
tanz und in der Verwaltung vertreten sein? Man wird
freilich, ohne ein Opfer der Ueberzeugung zu fordern,
verlangen müssen ,datz die Parteieil einander nicht das
Judentum absprechen und in bestimmten Fragen Zu¬
sammengehen. Datz dies bei gutem Willen möglich
ist, hat die Entwicklung der letzten Jahre in vielen
großen Gemeinden gezeigt. Die Sturm- nnb Drang¬
periode des Liberalismus ist vorüber uild meistens
sind die Liberalen heute — aus freiem Willen oder der
Rot gehorchend - geneigt, die rituelleil Jilstitutionen
der Gemeinde nach den traditionellen Forderungen
einzurichten. Und auch ein großer Teil der Orthodoxie
sieht heute bereits ein, daß der S e p a r a t i s Nl u s
häufig eine für beide Teile gefährliche Isolierung be¬
deutet, die möglichst vermieden werden sollte.
In den letzten Jahren hielt auch der Zionismus
in vielen Städten den Einzug in die Gemeindestube.
und er bildet neben den Liberalen und Konservativen
die dritte Partei. Jpeute .wo die^Pteirrungen ein wenig
^gekfärt sind, wird j# — von den'jüdischen Hakenfreuzlern
um Naumann abgesehen --- niemand wagen, den Zio¬
nisten die Existenzberechtigung abzusprechen. Wir alle
wissen, welche Verdienste der Zionismus unl die Erhal¬
tung der jüdischen Jugend hat, und bei all den Schatten¬
seiten, die er genall wie jede andere Partei haben mag,
wird mall sagen müssen, datz er häufig ein Gührungs-
elemellt bildet und die drohende Arteriellverkalkung
durch die Zufuhr ileuen Lebens verhindert. Aber —
gehört er in die Gemeiildestube hinein? Das ist die Frage.
Er will eine politisch-nationale Richtung
seiil ulld keine religiöse, und die jüdische Gemeinde
in Westeuropa ist Iw erster Reihe Kultus genleillde.
Max Rordau hat freilich bereits auf dein 3. Zionisten¬
kongretz die Parole ausgegeben: „Eroberir wir die jüdi-
lche Geineinde, bevor wir dBtzZüdische Land erkämpfen!"
Aber gerade datz Nordäu, der Mer Religiosität kalt,
ja feiildlich gegenüber stand, dieses Postulat prägte,
beweist, wie hohl dieses Dogma ist. Wollen die Zio¬
nisteil das Eindrillgen der Assimilatioil in die Religion
und ihre Institutionen verhindern, dann wäre es wohl
richtiger. wenn sie die Reihen der Konservativen stärken
und nicht durch Zersplitterung schwächen würden. Müssen
sie aber schon durchaus eine eigene Fraktion bildeil.
dann wäre jedenfalls im Reprüsentantenkollegium ihr
Platz an der Seite der Konservativen, mit denen sie
vieles, nnb nicht an der der Liberalen, mit denen sie
nichts gemein haben. (? d. R.) Es ist aber eine Parodie
auf ihre Weltanschauung, wenil sie für die Bewilligung
eines zionistischeil Mandats inithelfen. datz radikale
Assiinilanteil, Leute mit christlichen Frauen, in den
Verwaltungskörper einziehen. Es ist weder eine kluge
noch gerechte Taktik, verdienstvolle Mäniler einfach aus
der Verwaltung hinauszuwählen, nur weil die durch
eine Unvernunftehe mit ihr verbundene Partei es so
haben will. Wenn mail so oft von „Klal Jisroel"
spricht .dailn muß man danrit anfangen, datz ,nan die
Interessen der Genreinde höher stellt als die der
Partei.
Eille jüdische Genleindevolitik darf nicht dl« <u.Wa«
einer politischen Partei wandeln, denn sie ist in Wesen
und Form etwas anderes. Sie dnrf nie neraesse,,/
datz sie die r e l i g i o s e )l I n t c r c i \ c u einer Ge
meinschaft vertritt nnb datz dies mit innerer Wahrhaftig¬
keit und Würde gescheheil inutz. Scholl in der Politik
sind Konzessionen nnb Paktierungen von Hebel, bei der
religiöseil Partei können sie geradezu gefährlich wer¬
den .weil sie den Boden auf.dem sie steht, unterwühlt.
Gewitz kanil auch in der Gemeillde alles ilur etappen
weise erreicht werdeil. aber die richtige Bahn darf nicht
verlassen werden. Ist man zu schwach, um aus eignss
Kraft etwas zu erlangen, dann suche man Hilfe bei
wesensverwandten aber nicht bei heterogenen Richtungen.
Wenn man aber mit Richtungen, die man bei der Wahl
als Totfeinde behandelt hat, einen Kuhhandel abschlietzt,
so verhöhnt inan sich selber. Wenn schon das Repräsen-
tantenkollegium in Fraktionen zerrissen ist, so sollte
wenigstens der Vorstand, der eigentliche Träger der
Eemeindegeschäfte, ein einheitliches Bild bieten. In
dieser Körperschaft darf es nur Platz geben für Männer,
die arbeiten können und arbeiten wollen, und die
ernstlich bestrebt sind, dein jüdischen Geiste und der Ein¬
heit der Geineinde gerecht zu werden. Die Mahl in
den Ausschuß ist sicherlich in erster und letzter Reihe
eine Personenfrage, und inan sollte dabei nicht
untersuchen, woher iemanb kommt, sondern was er
ist. Drei Mitglieder gemäßigter Richtung sind hier
— auch vom Standpuiikt einer entgegengesetzten Rich¬
tung — wertvoller als zwei radikale Assimilanten und
ein Zionist. Haben sich Männer im langjährigen Schaf¬
fen als tüchtige Arbeiter und als gerecht denkend be¬
währt. dann ist es weder jüdisch, noch politisch, noch
gerecht, sie auszuschisftzn, um.Mutz zu. schaffen. für neue
Parteimänner. Mit einer solchen Politik wird nur er¬
reicht, datz hervorragende Männer, deren wir sehr be¬
dürfen, überhaupt kein jüdisches Amt mehr annehmen,
weil sie sich von diesem Treiben angewidert fühlen.
Der Mangel an Persönlichkeiten ist heute an sich schon
sehr groß, und er wird durch die verfehlte Taktik ein¬
seitiger Parteien noch großer.
Es ist menschlich begreiflich .daß jede Richtung
danach strebt, die Gemeinde zu erobern. Aber man
erobert die Gemeinde niefjt durch einen- Kandidaten
inehr in der Vertretung oder in der Verwaltung, son¬
dern dadurch, datz man seine Ideale zu den
Idealen der Gemeinde tnacht. Die größte und
wichtigste Beeinflussung ist die, datz die Person ganz
hinter der Sache verschwindet. Das ist natürlich viel
schwieriger als die übliche Schablonenpolitik. Eine
solche zielbewutzte Politik erfordert Opfer, Hingabe und
Klugheit, aber sie trägt gute Früchte, — nicht nur für
den Augenblick .sondern für die Dauer.
Der kompromittierte kabbinerverein.
Wir berichteten in der letzten Nummer von der be¬
vorstehenden Bannbulle des Vereins ortho¬
doxer Rabbiner gegen die A ch d u t h, Vereinigung
gesetzestreuer Juden in Deutschland. "Das avisierte
Edikt ist prompt zu Schowuaus im „Israeli t" er¬
schienen. Es unterscheidet sich aber im Schlußsatz merk¬
würdigerweise von der an die einzelnen Mitglieder des
Vereins mit dem Ersuchen um Unterschrift gesandte^
Erklärung. Dort stand zum Schluß: „Aut Grund
des Religionsgesetzes (!) müssen mir daher vor dem
Eintritt in die Vereinigung „Achduth" warnen." Nu^
mehr lautet die Fassung: „Gegenüber dem VerG-J^;,
Vereinigung „Achduth", den klaren ^ZEnteu
Arewuth-Gedankens umzubiegen und
dessen, was er wirklich besagt. ^otzchev- Oeftenlkch-
wir es für unsere Pflicht, oor.even." — Grlmrer mn
feit entschieden Protest " _ ., , tn : r h
Ems OetinKut . , Moerlässig-- f°lte ber chtet wird
Wie iin S „iics zua°trag-n: Di- LMarmig >>> o«
. "^i? noraussetzt. wenn nicht bis zum 26. Mai
d?'^Ke1t?n den Brief erst am Schabbos. den
eine Geqenäu^zerung erfolgt. Daraufhin
sf ?,«t n hreren Mitgliedern gegen diese eigen-
wurde von mei ^erschrifterschleichung Berwah-
riiuielegt und nunmehr hat, wohl auf eigene
" 'u der Vorstand, in dessen Zusammensetzung son¬
derbarerweise iin letzten Moment auch eine Aenderung
rinaetreteii ist, die Protesterklärung erlassen. 2n weilen
dir ui nt Teil dem Verein nahe stehen, herrscht
'iVK » re