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Nr. 24. Seile 2.
Israel itifches Familirnblatt.
Agudas Iisroel sind." Es scheint also doch an
dem der Agudah gemachten Vorwurf der Trennung
etwas wahres zu sein und es macht den Eindruck,
als ob auch taktische Gründe gegenüber den in der
Ägudah befindlichen „Unionisten" (d. h. den auf
dem Goden der Einheit der jüdischen Gemeindschaft
stehenden) eine Aenderung der ursprünglichen Formel
veranlaßt hätten. Der orthodoxe Rabbinerverein ist
durch sein Verhalten in den Augen aller restlich
Denkenden schwer kompromittiert und kann nun wirklich
nicht mehr den Anspruch erheben, als mitbestimmender
Faktor gewertet zu werden.
Die jüdische Abteilung des Roten
Rreuzes.
Die Ausgaben der zweiten Jüdischen Welthilfskonferenz.
Der Generalsekretär der Iüdischen Welthilfskonfe-
renz hat sich in Berlin über den Plan eines „Jü¬
dischen Weltverbandes für soziale Hilfe" ausgesprochen,
dessen Gründung von der Iüdischen Welthilfskonferenz
vorbereitet wird. Bekanntlich wird am 21. August
d. Js. die Zweite jüdische Welthilfskonferenz inKarls-
b a d zusammentreten. Die Leitung der Welthilfskonfe¬
renz beabsichtigt, den Delegierten vorzuschlagen, daß
die Jüdische Welthilfskonferenz in der bisherigen Form
zu existieren a u f h ö r t und in eine auf eine breitere
Grundlage gestellte, möglichst das ganze Juden¬
tum umfassende Hilfsorganisation in den
von der .Konferenz zu gründenden Weltverband
! ü r soziale Hilfe aufgehl.
Heber die .Konstitution und die Ziele des neuen
Verlaubes sprach sich erwähnter Herr in der folgenden
Weise aus:
Jeder Eingeweihte weih, daß das jüdische Volk die
während des Weltkrieges, ferner während der Po¬
grome, der Bürgerkriege, des Hungers und der Epi-
bemien in Rußland durchgemachten Katastrophen noch
keineswegs überwunden hat. sondern daß diese Kata¬
strophen in ein organisches Stadium getreten sind.
Bei der jetzigen Lage in Osteuropa, zum Teil auch in
Mitteleuropa, kann man
täglich eine neue jüdische Katastrophe erwarten.
Insbesondere aber in Rußland, wo die jüdische Be¬
völkerung als das erste Opfer eines neuen politischen
oder sozialen Zusammenbruchs fallen kann.
Bis jetzt kam die Hilfe immer erst n a ch dem
Ruin. Nunmehr aber soll die Hilfstätigkeit so organi¬
siert werden, daß Katastrophen möglichst vermieden,
oder, wenn sie eingetreten, durch sofort ein¬
setzende Hilfe möglichst paralysiert werden. Es
soll ein jüdischer Rettungsfonds geschaffen
werden, der nicht durch zufällige milde Gaben und
Sammlungen, sondern durch eine ständige Steuer¬
te i st u n g seitens der jüdischen Institutionen, der Ke-
hilloth usw. erhalten wird. Die Summe der jüdischen
Wohlfahrtsaktionen in den verschiedenen Ländern über¬
steigt zuweilen das Budget manches kleinen Staates.
„I o i n t" allein hat
bisher 60 Millionen Dollar ansgegeben.
-In allen Ländern werden ungefähr 200 Millionen
Dollar jährlich für jüdische Wohltätigkeitszwecke ver¬
wendet. Indem sich aber die jüdischen Kehilloth und
philantropischen Vereinigungen in einen interterritori¬
alen jüdischen Verband für soziale Hilfe vereinigen
und demselben, wenn auch nur 1—2 Prozent, ihrer Ein¬
nahmen zuwenden, könnte ein großartiger Fonds für
allgemeine nationale Aufgaben auf dem Gebiet der
sozialen Hilfe geschaffen werden. Die jüdische Wohl¬
tätigkeit wird dadurch auf eine höhere Stufe empor¬
hoben werden.
^vorn ehmste Aufgabe der Zweiten jüdischen
™ WWLLvz wird eben die Schaffung eines
Wel1hüfskockf^>G^»r r jtorialen Verbandes
solchen tn t e und Eemeinde-
f ein »• *L et lu^ch?!V^^WlhLantropischen Gesell-
verbande, sowie alle iüdischen pPfcmjA v« Ge¬
schäften vereinigen soll. Der Verbano^j^L 2 -^WM»M»
rettungsfonds verwalten, einen gewisse,^Prozentsatz
seiner Einnahmen für fortlaufende Hilfe verwenden, in
der Hauptsache aber wird er die Aufgabe haben, im
12. Juni 1024.
Abonnellten die verreisen
können unser Blatt auf kürzere oder
längere Zeit in die Sommerfrische nach¬
gesandt erhalten. Die Nachsendung ist
acht Tage vor der Abreise mit gleich¬
zeitiger Zahlung der Ueberweisungsge-
bühr bei demjenigen Postamt oder Brief¬
träger, bei dem das Abonnement s.Zt. be¬
stellt und bezahlt worden ist, zu beantragen
Falle von Katastrophen sofort mit den größten Mitteln
einzugreifen.
Der Verband wird auch im ständigen Kontakt mit
den internationalen Humanitären Organisationen, wie
Rotes Kreuz, Internationale Vereinigung für Kinder¬
hilfe usw. stehen. Er soll de fakto als die jüdische
Abteilung des Roten Kreuzes anerkannt
werden, um in Zeiten .von Verfolgungen und Un¬
glücksfällen autoritativ auftreten zu können.
==_ (3. T. A.)
Die abgelehnte Universität.
Die Unterkommission des Völkerbundes für Kultur¬
angelegenheiten hatte den Gedanken gefaßt, die Grün¬
dung einer jüdischen Universität zu empfehlen.
Sie sollte den zahllosen jüdischen Studenten eine Zu¬
flucht gewähren, die in ihrem Heimatlande vom Stu¬
dium ausgeschlossen werden. In erster Linie leiden die
Juden in Polen unter dem zwar amtlich nicht be¬
stehenden, dafür aber unamtlich ungeniert angewandten
Numerus clausus. Der jetzige Unterrichtsminister Mikla-
szewsski, der zuvor Rektor der Handelshochschule
in Warschau war, hat in dieser Eigenschaft dem Eintritt
der Juden in dieses Institut nach Kräften zu wehren
gewußt. Andere Hochschulen halten jüdische Studenten
unter dem Vorwand des Platzmangels fern, und zudem
steht die Bewegung zur weiteren Verschärfung
der Einschränkung der jüdischen Studen¬
tenschaft niemals still. Während der Verhandlungen
in Genf hat der spanische Vertreter im Namen seiner
Regierung den Vorschlag gemacht, die neu zu grün¬
dende Universität nach Spanien zu verlegen. Die spa¬
nische Regierung sei bereit, die nötigen Baulichkeiten
herzugeben. Auch Italien ließ eine Einladung er¬
gehen. Die allgemeine Meinung ging jedoch dahin, daß
die Hochschule in deutscher Umgebung entstehen
müsse, was zu verstehen ist, da die Mehrzahl der vom
Studium ausgeschlossenen polnischen Juden durch die
Kenntnis des Jiddisch ohne weiteres auch das Deutsche
beherrscht. Man schlug daher vor. die jüdische Univer¬
sität in Oliva in der Nähe von Danzig, also direkt
vor den Toren Polens zu errichten. In Polen ist man
über diesen Plan wenig erbaut: denn man empfindet
mit Recht, daß der Ort dieser Wahl einen sehr deut¬
lichen Vorwurf für Polen bedeute. — In Danzig
aber findet der Gedanke, eine jüdische Universität auf
eigenem Gebiet zu haben, den lebhaftesten Widerstand.
Man ist dort zum großen Teil stramm nationalistisch
und wünscht keine Juden. In diesem ablehnenden Sinne
bat nun auch d-"- Senat der freien Stadt dem Hohen
Kommi'sar de'> Völkerbundes eine von uns schon wieder¬
gegebene Mitteilung zukommen lassen. Man beruft
sich darauf, daß in Danzig bereits eine Technische Hoch¬
schule bestehe, die auch den Juden in hinreichender Zahl
ZuMm stMh^ - M TslweMuUIr^ «Leinsten Teil
von Danziqer Staatsangehörigen besucht werde.'bSfiir |
aber zum größeren Teil Angehörigen anderer Staaten"'
ein gern gewährtes Gastrscht verleihe. Nun finden wir
aber in dieser Mitteilung folgenden bedauerlichen Satz:
„Wenn in Polen und anderen Oststaaten den Studien-
befliiscnen mosaischen Glaubens nicht das ihnen erforder-
Ilch erscheinende Entgegenkommen bei der Aufnahme
fntgegengebracht worden ist. so wird es ihre Sache
setn, bei diesen Staaten für eine Aenderung die er
Praxis einzutreten!" Gerade aus dem Munde der
Danziger, die doch die polnischen Methoden am eigenen
Leibe erfahren haben, klingen solche Worte wie eine
Verhöhnung.
Palästina auf der Weltausstellung.
., englische Königspaar hat in Begleitung des
italienischen Königspaares bei ihrem Besuch der Bri -
' s ch.- n Reichsaus st ellung auch dem Palästina-
Pavillon einen Besuch abgestattet, wobei ihnen der
Herzog von Deoonshire neben Sir Alfred Mond noch
die Herren Major R. R. Little (Leiter des Pavillons).
Walter S. Eohen. A. Sefi, Digby Solomon und
Joseph Cowen vorstellte. Nach ihrer Eintragung ins
Besucherbuch wurden die Majestäten durch den Pa¬
villon geführt, wobei sie für die Stände der palästi¬
nensischen Regierung und der "Zionistischen Organi¬
sation großes Interesse zeigten. Sie gaben ihrer Be¬
wunderung für einige Proben palästinensischer Kunst
und Kunstgewerbe Ausdruck. Die Königin nahm zwei
Spitzentücher palästinensischer Arbeit als Geschenk der
jüdischen Frauenliga für kulturelle Arbeit in Palästina
in Empfang. Sie besichtigte ^auch die Ausstellung der
Genossenschaft der Orangenzüchter in Jaffa „P a r d e ß"
und lobte die ausgezeichnete Jaffafrucht. Danach be¬
sichtigte die königliche Gesellschaft st>en Anbau, in dem
die Pro-Jerusalem-Gesellschaft ein Modell des Jerusa¬
lemer Tempels ausgestellt hat, und nahm eine kurze
Erklärung der Ausstellungsleitung entgegen. Dem Kö¬
nige wurden Photographien dieses Modells und der
Königin Mary ein Bukett überreicht. Der König von
Italien zeigte sich sehr interessiert für die jemenitischen
Handwerker, die Major Little ihm vorführte. Dis
königliche Gesellschaft nahm im britischen Regierungs¬
pavillon ihren Lunch. Dsa Dessert wurde von der
„Pardeß"-Gesellschaft geliefert und bestand aus Jaffa-
Orangen in einem Silberkorb, den ein palästinensischer
Page überbrachte.
Der Palästina-Pavillon ist inzwischen reorganisiert
worden und in der allgemeinen Gruvpierung der Aus¬
stellung hat man viel verbessert. Besonders auffallend
sind die Stände der Palestine Jewish Colonisation Asso¬
ciation, in dem landwirtschaftliche Gegenstände gezeigt
sind, der „Pardeß"-Stand, dem täglich 1—2000 Jaffa-
Orangen zugeführt werden, der Stand der Palestine
Mine Co. und der der neuen Jerusalemer Druckerei.
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Aus der Reichshauptstadt.
Aus der Repräsentantenversammlung. In der
Sitzung vom 5. Juni wurde neben einigen weniger
bedeutenden Punkten zunächst über eine Anfrage an
den Gemeindevorstand in Bezug auf die Erfahrungen
mit der Steuerveranlagung gesprochen. Dabei
wurde von dem Vertreter des Vorstandes erwähnt,
daß sehr viele reiche Zensiten nur mit ganz minimalen
Steuerbeträgen für die Gemeinde zu erfassen seien, da
der Staat das „prae" habe und wohlhabende Leute,
wenn sie z. B. über Einkünfte als Geschäftsführer
einer Aktiengesellschaft, als Prokuristen usw. bezögen,
vom Staate wohl für den Mehraufwand besonders,
aber nicht von der Gemeinde besteuert wer¬
den könnten. Andererseits führte Magistratsrat
Dr. N e u m a n n Klage darüber, daß die Steuerbela¬
stung der Lohn- und Gehaltsempfänger, der mittleren
und kleinen Beamten viel zu st a rk sei. Es wurde be¬
schlossen, zunächst eine Kommission mit der Durch¬
beratung dieser Dinge zu betrauen. — Die weiteren
"Verhandlungen ainaen aus von einem konservativen
Anträge: „Die vom Gemeindevorstand erlassene Ver-
Lin jüdisch-arabisches Zriedensfest.
Von Sophie Stiedel. Hamburg.
Es sind jetzt drei Jahre her, daß in Palästina die
Araber jüdische Kolonien überfielen. Einer der von
den Eingeborenen angegriffenen Orte war P e t a ch
T i k w a h. eine der ältesten und größten jüdischen Sied¬
lungen. Die Araber wurden aber mit blutigen Köpfen
heimgeschickt, dank der vorzüglichen Selbstwehr der
Kolonisten .der aufopfernden Hilfe der jüdischen Ar¬
beiterschaft, und dank dem energischen Eingreifen der
englischen Truppen. Infolge dieses Kampfes, der die
Araber etwa 80 Tote und Verwundete kostete (auf
jüdischer Seite waren vier Tote zu beklagen.) bestand
selbstverständlich eine feindselige Spmmung zwischen
beiden Parteien, die indessen im Laufe der Monate und
^ahre allmählich wieder normalen, nachbarschaftlichen
r *’' ; Iftt wich. Die Araber sprachen zuerst ihre Bereit-
von dev . ur Versöhnung aus und wurden daraufhin
Fnedensmayt^nien nach landesüblicher Sitte zu einem
Die Juden aber r^dem Das geschah vor zwei Jahren,
erwidert. Anläßlich en.seither den Besuch noch nicht
Ramadan (des FastenmonakeL-rtages nach Ablauf des
holt um Erwiderung des Friedetnn die Araber wieder-
sten von Petach Tikwah und eine Anzä>HS. Die Aelte-
dre sich bei der Verteidigung ausgezeichnet"^ Leute,
schlossen nun als Zeichen der endgültigen Ver'soß. be-
und als Beweis für die Absicht, fortan in Frieden unt
zu^leiste^^ nntemander zu leben, der Einladung Folge
Einem glücklichen Zufall verdankte ich die Möglich-
an der Feier terlzunehmen. Mit der im Orient üb-
W;'V^rsp«tung setzte sich unser Wagen, in dem sich
Mitglieder des Waad der Kolonie befanden, in Be¬
wegung.^ An früchteschweren Mandel- und silbergrauen
O ivenbaumen vorbei, vorbei an Wein- und Tabak
^, 5 ";"" 6 en. an Orangengärten, an Zelten der Chaluzim
und freundlichen Bememtenhauschen. ging die Fahrt
° Trum iu„tV ÄMX'S Dm« «IWrle! e £
em .trupp junger kräftiger Kolon stensölme m Vke^d
U ' er der Flchruun eines statt,ich«, Manne?
ber ,m roeiMcibenen, stlberburchwirkteu Burnus Hol!
onf lemem „ach arabischer Ar, prächtig auLäuuste!.
Vollblut sitzend, ganz das Bild eines beduinischen
Scheichs bot. Dank seiner im Kampf bewiesenen hin¬
reißenden persönlichen Tapferkeit, die ihn sich stets an
die gefährlichsten Punkte stellen ließ, wird er der
Gibeor von Petach Tikwah genannt. Allmählich näher¬
ten wir uns dem Dorfe, unterwegs mit freundlichem
Lächeln begrüßt von Reihen junger Mädchen, die in den
charakteristischen Pumphosen mit bunten Tüchern ge¬
schmückt, längst der Straße spazieren gingen.
Unsere stolze Kavalkade voran, zogen wir in das
Araberdorf ein. Am Eingang wurden wir von den
Würdenträgern, die schon eine zeitlang auf uns ge¬
wartet hatten empfangen und zum Hause des Scheichs
geführt. Rechts und links in den Türöffnungen der
Lehmhäuser hockten die malerischen Gestalten der fest¬
lich gekleideten Araber und riefen uns Schalom, den in
ganz Palästina bekannten Gruß und das arabische
Sayda (sei gegrüßt) zu. Am Hause des Scheichs
ging es eine nicht ganz ungefährliche Treppe hinauf
(vornehme Gäste werden nie zu ebener Erde empfangen)
und wir befanden uns im Festsaal, einem ziemlich großen
Raum mit sehr kleinen Fensteröffnungen. Der ganze
Boden war mit hellen Strohmatten ausgelegt, längs
der Wände lagen niedrige weiche Matratzen mit bun¬
ten Tüchern und farbenprächtigen Kissen geschmückt.
Am Eingang des Raumes zogen sich alle nach orienta¬
lischer Sitte die Schuhe aus. Dann nahmen wir auf
den schwellenden Kissen mit untergeschlagenen Beinen
.. «cium hatten wir es uns in der nicht
behaglichen Steilung einigermaßen bequem gemacht, als
Scharen und immer wieder üeue Scharan von Araberit
um uns zu begrüßen. Das
halbe Dorf stand zu unserer Bewirtung bereit und
hierbel zeigte sich die orientalische Gastfreundlichkeit
nn hellsten Lichte. Was die Eingeborenen nur an
Eenusseil herbeischaffen konnten, besorgten sie. Man
oeutzRusse, Orangen. Bonbons. Ehokolade. ganze
Schachteln ägyptischer Zigaretten wurden in großen
Mengen vor jeden Gast auf den Boden geschüttet.
Zwischendurch gab es süße Limonade in allen
Farben. Tee und echt türkischen Mokka in winzigen
Schälchen. Vor reden Gast wurde eine für den Orient
charakteristische Wasserpfeife (Nargileh) gestellt, wir tran¬
ken und rauchten nt großer Behaglichkeit. Man sah
den Gesichtern unserer Gastgeber, die uils gegenüber
hockten, die lebhafte Freude und die Genugtuung an
diesem endlich erwiderten Besuch an. Es wurde eine
leichte Unterhaltung über allgemeine Gegenstände in
arabischer Sprache geführt, die fast alle ailwesenden
Juden beherrschten. Das, was die Herzen am meisten
bewegte, wurde mit Absicht nicht berührt, man wollte
verhüten, daß ein unbedachtes Wort die Gemüter er¬
regen und der Friedensfeier irgendwie Abbruch tun
könnte, das lebhafte Plaudern wurde unterbrochen,
als der Führer des Aufstandes, ein alter Scheich,
langsam und würdevoll hereintrat und auf unserni
Führer zuging. Die Spaimung war umso größer, als
man wußte, daß der Scheich in dem Kampf zwei
Neffen verloren hatte und infolgedessen den Juden be¬
sonders gram gewesen war, was sich darin geäußert
hatte, daß er seit dem unglücklichen Ereignis bis zu
diesem Tage mit Judeii nicht gesprochen. Er begrüßte
unfern Führer, der sich ihm zu Ehren erhoben hatte,
mit Handschlag und küßte ihn dann auf beide Wangen.
Beide waren sichtlich ergriffen. Diese Begrüßung
ähnelte der zweier Brüder, die durch gemeinsames Leid
geläutert, einander in ehrlicher Bruderliebe wieder zu¬
streben. Hierauf gab er auch den übrigen Gästen die
Hand und setzte sich in unfern Kreis. Einige von uns
machten jetzt im Dorfe bei befreundeten. Arabern Be¬
suche und meinem Mann wurden einige kranke Kinder
zur Behandlung gebracht.
Vor dem Hause des Scheichs stand jetzt eine dicht
gedrängte Menschenmenge. Unsere Freunde stellten sich
im Halbkreis auf und auf dem so geschaffenen, nicht
zu großen Platz, fanden sich etwa 10 junge Eingeborene-
zu einem phantastischen arabischeii Tanz zusammen. Es
waren graziöse, sehnige dunkelbraune Gestalten, in male¬
rische Gewänder aus Sammt und Seide mit Silbev-
stickereien gehüllt. Sie hielten sich mit der rechten
Haiid au dem Gürtel des Nebenmannes fest und die
liiike legten sie auf die Schulter des andern Partners.
So bildeten sie eine geschlossene in sich fest verankerte
Reihe. In ihrer Mitte stünd ein älterer Araber mit
einer langen Flöte uiid blies unaufhörlich dieselbe
arabische Tanzweise. Die Tänzer fingen nun au, sich
erst langsam, dann schiteller und immer schneller in
eigenartigen, rhythmischen Figuren im Kreise zu be¬
wegen. Sie feuerteil sich gegenseitig und durch Zurufe
aus dem Znschauerkreis zu innner wilderen ertatischen