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Nr. 24. Seite 4.
Israelitisches Fainilieriblatt.
12. Juni 1924.
Familien an anderen Orten in Könner zu treten.
Vor dem Kriege konnten sich die meisten Kaufleute mit
ihren Familien Badereisen gestatten, ans denen man
Bekanntschaften schloß. die häufig zur Eheanbahnung
führten. Es bestand hierbei die Möglichkeit, in unauf¬
fälliger und delikater Weise das vorzunehmen, was man
„corriger la fortune" nennt. Die ineisten kleinen jüdi¬
schen Kaufleute können heutzutage an Badereisen nicht
iin entferntesten mehr denken. Man ist froh, seine Cri¬
sten- im bescheidensten Rahmen fristen zu können.
Das Anwachsen derartiger Anzeigen in der jüdischen Presse
ist darum geradezu ein Betveisfür die ungeheuer ein-
geengte und erschwerte Lebenshaltung weiter
jüdischer Kreise. Will Herr Kunze den jüdischen
Familien in Kreisstädten. Landstädtchen und Dörfern,
die keine oder nur vereinzelte ledige Glaubensgenossen
am Platze haben, vielleicht verraten, wie sie es an¬
fangen sollen, ihre heiratsfähigen Töchter zu versorgen?
Eines ist jedenfalls sicher: neun Zehntel dieser
„scbwel-reichen" Inserenten haben doch ganz andere,
drückendere Sorgen als die plumpen Dema¬
gogen vom Schlage Knüppel-Kunzes, der mit der¬
artigen Mätzchen von der Reichstagstribüne aus Auf¬
merksamkeit zu erwecken versucht.
..Dr. Naumanns politische Verbindungen." Wir
werden zu unserer vorwvchlgen Rouz unter obiger
Spitzmarre, als deren OueUe wir Jacobjohns „Welt-
bünne" nannten, darauf hingewiesen, datz die „Welt-
b ü h n e" 0.*ir. 22) inzwischen einen Brief von Dr.
M a x s Jl a u in a n n verosfentlicht hat. Loyalerweise
geben wir daraus folgendes wieder: „In Rr. 20
bringen Sie die Zuschrift eines Herrn Otto L., die
sich mit den Herren Johannes Häuhler und Erich
Alvrecht beschäftigt. In dem Schreiben werde ich in
meiner Eigenschast als Vorsitzender des Verbandes
nationaldeuticher Juden in Zusammenhang mit den
beiden bezeichneten Herren gebracht. Gestatten Sie
mir um einer Legendenbildung vorzubeugen, hierdurch
Folgendes festzuitellen: Herr Johannes Händler hat
mich einige Male in meiner Eigenschaft als Rechts¬
anwalt beruflich zu Rate gezogen; zu einer dieser Un¬
terredungen hat er einen mir bis dahin unbekannten
Herrn mitgebracht, dessen Namen ich vergessen habe,
der aber möglicherweise mit Herrn Albrecht identisch
ist. Abgesehen von diesen rein beruflichen Unterredun-
gen hat Herr Häuhler einige Male private Unter¬
haltungen mit mir geführt, in denen er mir erklärt hat,
er sei Mitglied deutsch-völkischer Organisationen, habe
sich aber von der ethischen und praktischen Unhaltbar-
keit der in diesen Organisationen gezüchteten verall¬
gemeinernden Judenseindschaft überzeugt und sei bereit,
innerhalb der Organisationen auf eine gerechtere Beur¬
teilung der Iudenfrage und ein verständnisvolles Zu¬
sammenarbeiten zwischen nationalgesinnten Nichtjuden
und Juden hinzuwirken. Ich habe ihm erwidert, dah
ich diese Aufklärungsbestrebungen nur begrüßen könne,
dah ich allerdings an einen baldigen Erfolg mit Rück¬
sicht auf die in den Kreisen des Herrn Häuhler herr¬
schende Verhetztheil nicht glaube, dah ich aber natürlich
gern bereit sei, die Aufklärung zu fördern, indem ich
Drucksachenmaterial unseres Verbandes zur Verfügung
stellte. Mit besonderem Nachdruck habe ich bei diesen
Unterredungen betont, dah eine parteipolitische Betäti¬
gung unseres Verbandes nicht in Frage komme, da
Jökrüii ■ *
b >rn der verschiedensten politischen Parteien einschliehl.
national ge innter Sozialdemokraten zusammensetze. Das
erwähnte Drucksachenmaterial, bestehend in einigen Flug¬
blättern. mehreren Nummern unseres Mitteilungs¬
blattes und einem (ebenfalls in unserem, Mitteilungs¬
blatt abgedruckten) Auszug aus meinem in der öffent¬
lichen Versammlung vom 28. Januar 1924 gehaltenen
Referat habe ich Herrn Häuhler übersandt. Die beiden
einzigen Briese, die ich an ihn geschrieben habe, sind
rein formelle Uebersendungssckreiben: ich stelle Ihnen
die Durchschlage auf Wunsch gern zur Verfügung.
Im April trat dann Herr Häuhler an mich mit der.
Anregung heran, ibm zur Finanzierung einer Zeitung,
die den Titei ..Nationale Freiheit", führen sollte, aus
den Kreisen unserer Verbandsmitglieder Geldmittel zu
beschaffen, Dieses Verlangen ist abgelehnt worden.
Seitdem habe ich von Herrn Häuhler nichts mehr ge¬
hört. Von dem Bestehen einer Freischar „Schill" hat
Jiddische Stenographie.
In Berlin wird der erste Kursus für jüdische
Stenographie beginnen. Leiter des Kursus ist
M. G. S e n i n aus Kiew, der das System einer jid¬
dischen Stenographie selbst erfunden hat und der
ein Lehrbuch erscheinen lassen wird.
Jüdischer Humor.
Ein Mann pflegte täglich zum Abendbrot eine Eier¬
speise zu bekommen. Gegen den Winter zu bekam
er plötzlich keine Eier mehr, sondern Kümmelsuppe.
„Warum gibst du mir keine Eier?" fragte er
seine Frau.
„Die Eier sind sehr selten geworden. Anstatt
zwei Kreuzer kosten sie jetzt fünf."
Darauf erhob der Mann den Blick zum Himmel:
„Gepriesen seist du, o Herr, dah Du auch der Henne
Verstand gegeben hast. Für fünf Kreuzer folgt
Natur, gibt man aber nur zwei Kreuzer,
' ch t."
In Pl'vsr *
und es wird für diese. Friedhofmauer errichtet werden.
Ein Geizhals weigert fck.irn 'Städtchen gesammelt,
und meint: „Ganz unnötige'''ren Beitrag zu leisten
tonnen nicht hinaus, die LebenM- Die Toten
sperren?" 300311 f ° U matt blfo den' Mlen § nicht
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(Tofins Weihnachten.
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Überraschung für die FamilyLS* 0 «, Werhnachts-
lieferung soll der Ma er a f Nach der Ab-
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mir Herr Häuhler wohl einmal im Laufe der erwähnten
Unterhaltungen gesprächsweise Mitteilung gemacht: ich
habe jedoch von der Zusammensetzung und den Ten¬
denzen dieser „Freischar" sowie von den Beziehungen
des Herrn Häuhler zu ihr keine Ahnung, da Herr H.
mir nichts Näheres gesagt hat und ich ihn auch nicht
danach gefragt habe. Eine ideelle oder materielle Un¬
terstützung dieser sogenannten Freischar oder einer an¬
deren ähnlichen Organisation durch mich oder ein an¬
deres Mitglied des Verbandes nationaldeutscher Juden
ist selbstverständlich niemals erfolgt. Wenn Herr Häuh¬
ler wirklich, wie Ihr Gewährsmann angibt, mit meinen
beiden oben erwähnten Uebersendungsschreiben „hau¬
sieren geht" und wenn er sonst irgendwie den An¬
schein hervorzurufen versucht, dah er an mir oder dem
von mir geleiteten Verbände einen ideellen und mate¬
riellen Hintergrund habe, muh er entweder ein Schwind¬
ler oder pathologisch sein; möglicherweise ist er beides."
Selbstverständlich entfallen damit auch die vorige
Woche gezogenen Schluhfolgerungen.
Der Wahlproteft in der Leipziger Gemeinde. Be¬
kanntlich fanden vor etwa sieben Wochen Neuwahlen
m me Leipziger Gemeinde statt, bei welchen zum ersten
Mat deutsche Juden und ausländische Juden in ge¬
trennten Sektoren wählten. Im deutschen Sektor
wurden 923 Stimmen abgegeben und 25 Kandidaten
gewählt: im ausländischen Sektor wurden 2647 Stim¬
men abgegeben und 8 Kandidaten gewählt. Laut dem
Wahlstatul durften die Ausländer nicht mehr als acht
Sitze erhalten. Da aber auf der ausländischen Liste
zwei Reichsdeutsche gewählt worden sind, wurde das
Verlangen gestellt, dah noch zwei Ausländer
als mitgewählt erklärt würden. Die letzte
Sitzung der alten Vertretung der Leipziger Gemeinde
beschäftigte sich mit diesen Wahlprotesten und lehnte
s i e a b. Es wurde den protestierenden Parteien anheim¬
gestellt, den Rechtsweg , zu beschreiten. Da vor¬
läufig noch nicht einmal feststeht, welche Instanz zu¬
ständig ist, dürften Monate vergehen, ehe auf dem
Rechtsweg eine Entscheidung getroffen ist. Wie es
heißt, beabsichtigt die alte Gemeindevertretung, bis
dahin weiter im Amte zu verbleiben und wichtige An¬
gelegenheiten, sogar das Budget, zu erledigen.
Versammlung der Achduth in Leipzig. In Leipzig
fand eine äußerst lebhafte, eindrucksvolle und gut be¬
suchte Versammlung der Achduth- Ortsgruppe statt.
Es referierte zunächst Rechtsanwalt Dr. Wiener,
Berlin über „die Grundgedanken der Ach-
d u t h". Der Redner entwarf in kurzen Strichen, scharf
pointierten Worten ein geschlossenes Bild von der Ent¬
wicklung des jüdischen Gemeindelebens in dem letzten
Jahrhundert, zeigte ausführlich die Tatsachen, die jetzt
eine Einheitsfront aller gesetzestreuen Richtungen als
unbedingte Forderung erheischen so, wie es im Pro¬
gramm der Achduth zum Ausdruck kommt. Rabbiner
Harr.y Levy referierte als zweiter überZ.die gei¬
stigen Grundgedanken der Achduth^ und
gab seiner Hoffnung Ausdruck, dah die Organisation den
Zellkern bilden würde zu einer Erneuerung des gesamten
Judentums. Er wandte sich besonders an die Jugend,
ihr Auge nicht Problemen zu verschließen, die durch¬
gekämpft werden müssen, wenn wir aus dem Stadium
einer Stagnation und aus einer Atmosphäre schwäch¬
licher Kompromisse uns erlösen wollen. Während der
- WAiM - dMcMi - sM" 4n g< i<$
ne m Zug eine Reihe junger Menschen, wie sich heraus¬
stellte die Jugendgruppe der Agudah Jisroel am Orte,
und einige meldeten sich sofort zum Worte, obwohl
sie nichts von den Referaten gehört hatten und auch
sonst über die Bestrebungen der Achduth von keiner
Sachkenntnis getrübt waren. Während die übrigen
Redner, soweit sie in gereiftem Alter standen, die
Achduth. auch wenn sie selbst nicht glaubten, sich ihr
anschließen zu können, dennoch freundschaftlich begrüßten,
oder ihr neutral gegenüberstanden, zeigte diese unreife
Jugend von einem so erschreckenden Fanatismus und so
viel politischer Gehässigkeit, dah lebhafte Zwischenrufe
von Seiten der Versammlung und auch erregte Szenen
nicht vermieden werden konnten. Von Mitglieder^
der Leipziger Agudah selbst wurde dieses Vorgehen
zurückgewiesen und besonders betont, dah die politische
Betätigung einer gewissen Agudahjugend, die doch
lieber hinter der Schulbank sitzen und Thauro lernen,
vor allen Dingen sich aber die elementarsten Grundlagen
der Dereck Erez aneignen sollte, allmählich zu einer
Landplage werde. Moritz Ä. Loeb, Berlin, konnte
mit vollem Recht behaupten, dah, wenn die Achduth
nicht gegründet worden wäre, diese Versammlung die
Notwendigkeit der Gründung gezeigt hätte. Er könne
nicht mit dieser Jugend disputieren, sondern mühte
sich an ihre Einbläser wenden, an die Männer, deren
Geist aus diesen Ausführungen der unreifen Jugend
spräche. Die Achduth werde sich nicht in Kampfstellung
hineinlocken lassen, denn es sei ihre Aufgabe und ihr
Programm, es sei das Ziel ihrer Gründung gewesen,
die Selbstzerfleischung im Lager des gesetzestreuen
Judentums zu überwinden. Auch Gerichtsassesso'r
David sprach als Richtmitglied der Achduth der Be¬
wegung seine Sympathie aus und wies den Radikalis¬
mus der Leipziger orthodoxen Schuljugend in seine
Schranken zurück. Schon in vorgerückter Abendstunde
erhielten die beiden Referenten das Schlußwort, das
mit lebhafteste^ Beifall vou Seiten der Versammlung
ausgenommen wurde. Der Abend, den Rabbiner Dr.
Neu ha us in vorbildlicher Weise leitete, kann als ein
besonderer Erfolg für die Bestrebung der Achduth ge¬
bucht werden, zumal eine größere Anzahl von Mit¬
gliedern, darunter sehr einflußreiche Persönlichkeiten,
gewonnen wurden.
Einweihung des neu hergestellten Jugendheims in
Düsseldorf. Die schon so oft totgesagten neutralen
Iugendvereine sind die ersten, die sich trotz der
grohen Schwierigkeiten, welche sich noch immer dem
<m entgegenstellen, wieder kräftig regen. So
schreibt man uns aus Düsseldorf: Der hiesige
Jugendverein hat unentwegt seine Arbeiten während
Jnslatton und Rnhttampf fortzuführen verstanden und
es letzt fertlggebracht, sein eigenes Heim das
er seit einer Reihe von Jahren besitzt und selbstlos
allen ludychen Vereinen zur Verfügung stellt, in der
geschmackvollsten Weise neu herzurichten. Ausgehend
von dem Gedanken, daß ein schöner Rahmen dazu
beitragt, die Aufnahmefähigkeit für geistige Genüsse
zu erhöhen, hat der Verein seinen Vortragssaal zu
einem wahren Schmuckkasten ausgestalten lassen Be¬
sonderer Dank gebührt Herrn Architekten Rosen¬
dahl. der es verstanden hat, einen stimmungsvollen
Raum zu, schaffen der unserer Kunststadt würdig ist.
Der Verein hat sich mit diesem Werk ein großes'Ver¬
dienst erworben. — Die Einweihung, die am 3. Juni
stattfand, muhte im engeren Rahmen stattfinden, weil
der Saal für besondere Gelegenheiten nicht ausreicht.
Alle jüdischen Organisationen waren vertreten und
lauschten mit Andacht den künstlerischen Darbietungen
(Instrumentalvorträgen, Gesang und Rezitation), die
mit Hingabe von Mitgliedern des Vereins ausgeführt
wurden. Die warmen Begrühungsworte sprach der der¬
zeitige Vorsitzende. Heinr. Simon, den Feftvortrag
hielt in gewohnter Meisterschaft Herr Rabb. Dr.
E/che lba ch er über Immanuel Kant. Am 15. Juni
wird der Raum die Vertreter des B e z i r k s v e r °
»t? a v 8 i ü d i s che n Jugendvereine
Westdeutschlands zu einer Tagung versammelt
sehen.
. Nachbiner Dr. Simon Fkiedmarin-Liiblinitz gestor¬
ben. Rabbiner Dr. Fried mann ist in Wien bei
feinen Angehörigen an einem der letzten Jjartage in die
Ewigkeit abberufen worden. Mit ihm ist eine Persönlich-
„r r ‘)itta>eggegangen, die abhold jeder prunkenden
Äußerlichkeit durch tiefes umfassendes Wissen in allen
Gebieten der jüdischen Wissenschaften stets zu interessieren
wußte. Zu Kempen kn Posen als Nachfahre eines Rabb.
Akiba Eg er 1849 geboren, in einer Zeit als Retz-
fisch und Malbim die hervorragenden Führer der dorti¬
gen Gemeinde waren .hat der Verblichene seinen Fach-
und profanen Studien mit eiserner Willenskraft trotz
vieler Entbehrungen in Berlin obgelegen um im Jahre
1678 das Rabbinat der Synagogengemeinde Lublinitz
O.-S. zu übernehmen. In dieser Gemeinde, die damals
zu den führenden Oberschlesiens gehörte, hat der Ver¬
blichene 43 Jahre segensreich gewirkt und durch die
Deutung des göttlichen Wortes wie durch seine inhalts¬
reichen und formvollendeten Predigten viel zur Ehre
des Judentums beigetragen. Sern besonderes Verdienst
war es auch, daß er stets auf ein harmonisches Zu¬
sammenleben seiner Gemeindemitglieder mit der Bürger¬
schaft anderer Konfessionen sah, indem er selbst mit
deren Geistlichkeit in bestem Einvernehmen stand. Ob¬
wohl die Gemeinde das Los ähnlicher teilen mußte und
beständig kleiner wurde, er auch schließlich einer Gene¬
ration gegenüberstand, die nicht von dem gleichen Thora-
geist beseelt war wie das vorangegangene Geschlecht,
ly konnte er es nicht übers Herz bringen, feine ihm so
lieb gewordene Kehillo im Stich zu lassen. Jo, er brachte
das grohe Opfer auch in den mißlichen Krieg- fahren und
der für jene Gegend besonders schreckensreichen Nach¬
kriegszeit weiter in seinem Amte zu verharren. Erst
die Abtretung seiner Wirkungsstätte an den polnischeil
Nachbar hat seiner Tätigkeit daselbst ein Ziel gesetzt.
Er siedelte zu seiner einzigen Tochter nach Wien über,
von wo er nun in ein besseres Jenseits berufen wurde.
—(Auch wir bedauern den Heimgang Rabbiners Fried¬
manns. dessen gehaltvolle Beiträge für unsere Zeitung
dem Leser noch in Erinnerung sein werden.
50jähriges Jubiläum eines Lehrvereins. Der Ver¬
ein „M e k o r C h a j i m" zu Frankfurt a. M.
sieht am kommenden Sonntag auf ein halbes Jahr¬
hundert seines Bestehens zurück. Der Verein, eine
Gründung von Rabbiner S. R. Hirsch, zählt an¬
nähernd 1000 Mitglieder und entfaltet seit fünfzig
Jahren eine Lehrtätigkeit, die in Deutschland einzig
dastehen dürfte. Die Verwaltung des Vereins hat
aus diesem Anlaß eine Festschrift anfertigcn lassen.
Der Tag wird mit einer Feier begangen, u. z. einen
akademischen Akt am Vormittag und einer geselligen
-^'-an staltunq am Abend. ___
Aus dem Auslände.
Verschiebung der A. C.-Srtzung. Wie aus Lon¬
don telegraphiert wird, wurde die für den 17. Juni
einberufene Sitzung des zionistischen Aktionskomitees
auf den 2 4. Juni verschoben.
Kundgebung der Wiener Kultusgemeinde für
Seipel. In der letzten Plenarsitzung der Wiener israe¬
litischen Kultusgemeinde wurde auf Antrag des Prä¬
sidenten Prof. Dr. Alois P i ck eine Kundgebung für
den durch das Attentat des Arbeiters Iaworek schwer
verletzten Bundeskanzler Dr. Ignaz Seipel be¬
schlossen. In der Kundgebung wird gesagt: Der Vor¬
stand der Kultusgemeinde verurteilt mit innerster Em¬
pörung das Attentat und gibt dem Wunsche Ausdruck,
daß der Bundeskanzler seine dem Frieden und der Wie-
derausrichtung Oesterreichs gewidmete Tätigkeit bald
wieder aufnehmen könne. — Die der christlich-sozialen
Partei nahestehende Frontkämpfer-Vereinigung hat am
Montag nach dem Attentat eine Alarmübung auf
dem Karlsbad abgehalten und dabei ein Flugblatt
„Wer sind die Mörder?" verbreitet, das dem Attentat
eine jüdische Färbung geben soll. In dem Flug¬
blatt wird von den „jüdisch-marxistischen Demagogen"
gesprochen, die „jede christliche und nationale Gesinnung
besudeln."
Neuerliche Unruhen an der Budapester Universität.
An der Budapester Universität haben Erwachende Stu¬
denten neuerlich einen Skandal provoziert. Sie
haben sich unbefugt in den Vorlesungssaal der Mediziner
begeben und nach dem Vortrag des Professors Dr.
Bugarsky die Juden angegriffen. Sie schrien:
„Haut die Juden! Wir wollen jüdische Leichen sehen!"
und warfen sich, mit Gummiknüppeln bewaffnet,
aus die wehrlosen jüdischen Studenten. Pros. Bugarsky
kehrte auf das Gebrüll in den Lehrsaal zurück und er¬
mahnte die Erwachenden zur Ruhe, nahm die jü¬
dischen Hörer in seinen Schutz und verhalf ihnen durch
sein Professorenzimmer und durch eine Hintertür zur
Flucht. i
Die echte Toleranz. Während der Beratung über
die Rechte und Pflichten der Soldaten im Heeresaus¬
schuh des Sej m stellten die polnischen- Radikalen best
Antrag, dah für Religionslose eine beson¬
dere Schwurformel eingeführt wird. Der Antrag
wurde abgelehnt. Es fiel auf. dah der Deputierte Rab¬
biner Brodt für die religiöse Formel ge¬
stimmt hat. Auf Befragen erklärte der Rabbiner, et
als tief religiöser Mensch sei für voilko m m e n «
Gewissensfreiheit. Er halte es aber für eu»
Vergewaltigung des Gewissens, wenn man
einem religionslosen Menschen einen religiösen Schwur
aufdrängt.
Zensur für Synagogenpredigten. In der Sitzung
des polnischen Sejm vom 22. Mai interpellierte der
jüdische Parlamentsklub über den folgenden Fall: Der
Starosta von Dohobricz ordnete an, dah alle Predigten,
die in sämtlichen Synagogen der Dohobriczer jüdischen
Kultusgemeinde gehalten werden, vorher der Zen¬
sur u n t e r b r e i te t werden sollen. Diese Verordnung
wird streng eingehalten. Als der Stellvertreter des
Rabbiners die Forderung Zeine angekündigte Predigt
der Zensur zu unterbreiten, als ungerecht und die Ehre