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Hamburg» 7. Januar 1VL8
28. Jahrgang
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Diese Nummer enthält 16 Seiten.
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* Die vorliegende Nummer ist abgeschlossen am
Dienstag, den 5. Januar.
Die Lage der türkischen Juden.
Wer aus der Ferne heule in die Türkei kommt
und nach dem Wohle seiner jüdischen Brüder fragt,
dem wird nur ängstlich Antwort gegeben. Man ist
verwundert, aber man begreift bald. Die^Lage ist
unsicher, drohend, man fühlt sich belauscht ,JPäm glaubt
kündig, von Spionen unrgeben zu sein nuÄWWMdarum.
eine Zunge zu hüten. Wie die BürgerMAr Konstan-
inopel von her nach Asien tendierenden Regierung in
Angora mit argwöhnischen mißtrauischen Augen be¬
trachtet werden^so fühlt der Jude; — un^ zwar tausend-
« JMe Per spitzen Stachel des Verdachts. Vor-
* jie Zeiten, in denen der Geist jenes Sultans
herrschte, der mit weisem Herzen die aus Spanien
flüchtenden 2uden freudig in seinem Lande aufnahm
und den frömmelnden spanischen König Ferdinand, der
sie vertrieb, einen Toren schalt. Verblaßt ist der Ge¬
danke. der einst zündend gewirkt, daß die Juden doch
Brüder aus dem Osten seien. Fort ist jede Achtung,
die der Jude in den Jahrhunderten genoß, dank der
Wirksamkeit von Männern. wie Don Josef Nassi, Her¬
zog von Naros, dessen Grab die asiatische Höhe von
Kuskundschuk ziert. Der türkische Jude ist heimatlos
geworden. Die Türkei ist nicht mehr das Land, das
den verfolgten Brüdern gern eine Zuflucht schenkt.
Die Vorrechte, die die Juden sich erworben haben,
sind aufgehoben. -
Fragen wir nach den Gründen, die zu diesem Um¬
schwung führten, so können wir die Juden der Türkei
nicht ganz frei von Schuld sprechen. Sie haben im
Wechsel der Geschicke des Landes sich, gegen ihr natür¬
liches Empfinden, in die Irre führen lassen. Gro߬
rabbiner Ehajim Nachum, der Franzosenfreund, der
s. Zt. in Konstantinopel wie heute m Kairo gegen
die Stimme des Volkes, nur mit Hilfe einiger Allianz-
Größen und der französischen Legation zum Unheil dieser
jüdischen Volksteile seinen hohen Rabbinatsposten er¬
hielt, hatte die Pforte seines Hauses allen fremden
Gesandten und Offizieren geöffnet und den Juden Kon¬
stantinopels damit eine falsche Parole gegeben. Hier¬
für haben nun die Juden der Türkei zu büßen. Wie
viel weiser und reiner hatte Rabbi Jakob Meir. der
heutige Oberrabbiner der sephardischen Juden in Je¬
rusalem, damals in Saloniki, gehandelt! Als die Fran¬
zosen dort einzogen und in nicht mißzuverstehender Form
Zeichen der Sympathie und Freude von den Juden
forderten, da erklärte Rabbi Jakob Meir dem führenden
französischen General: „Wir Juden können und werden
unsere patriotischen Gefühle zur Türkei nicht ändern!"
Es nützte wenig, daß die Juden ihren falschen
Führer Ehajim Nachum vertrieben. Gerade das Groß-
rabbinat der Türkei sollte den ersten Schlag verspüren.
Seit der Konstitution im Jahre 1922, seitdem die
Türken über die Griechen siegten, ist das Großrabbinat
^zur völligen Bedeutungslosigkeit herabgesunken. Was
das sagen will, ist allein an seiner früheren Stellung
zu ermessen. Das Großrabbinat der Türkei war eine
wirkliche M acht. Der Großrabbiner fühlte sich wie
ein Resch Galutha, ein Fürst des Erils. Er war nicht
nur das religiöse Oberhaupt, er war der Herrscher der
1 Juden. Er war hochgeehrt bei der türkischen Regierung
L und stand dem königlichen Hofe nahe. Eine besondere
Polizei stand ihm zur Verfügung. Wenn er ausfuhr,
wurde er von zwei Kawafsen (türkischen Gendarmen)
begleitet. Er hatte die Macht. Gefängnisstrafen zu
verhängen. Er konnte den Juden, die am Sabbath
'hre Läden öffneten, und denen, die rituell verbotene,
refene Maren verkauften, ohne weiteres die Läden
chließen lassen. Seinem Worte beugte sich alles. Er
mite eine unumschränkte Gewalt.
Heute ist das Großrabbinat zu einem Schatten
geworden. Aller Glanz ist geschwunden. Der über
80 Jahre alte Raboi Ehaim Bedjarano. der heute —
wie es so unschön heißt — als locum tensns dieses
g* Kerwaltet, hat nur noch Schreiberarbeit zu leisten,
erzeichnet Geburis- und Trauungsurkunden und
n der türkischen Regierung höchstens noch damit
die jungen jüdischen Männer zu suchen, die sich
halten oder längst über die Grenze sind, um
Dr. Gehler Anlisemil?
Der in der Tagespresse weit ausgesponnene Konflikt
Geßler—Emil Ludwig hat verschiedentlich den E «druck er»
/j/^Voecft, der Reichswehrminister sei gegen antisemitpche An-
yv , 'P , y Wandlungen nicht gefeit. Eine vielbeachtete Wochenschrift
a ^ brachte sogar ein satirisches Gedicht, in dem Dr. Geßler als
fl ■> Kakenkreuzler aana phraao konterfeit wurde. Wir halten es
' -! das Beste, durch eine autoritative Erklärung über diese
Z ^ Angelegenheit Klarheit zu schaffen, und erteilen hierzu
... Herrn Dr. Ludwig Haas, dem demokratischen Führer, das
Wort, dessen Kompetenz gewiß von keiner Sette bestritten
werden wird. Die Redaktion.
Das „Israelitische Familienblatt" teilt mir mit,
daß bei einem großen Teil seiner Leser der Eindruck ent¬
standen sei, Reichswehrminister Dr. Geßler sei Anti¬
semit. Die Redaktion bittet mich, daß ich zu der
Frage, ob diese Auffassung berechtigt sei, Stellung
nehme. Ich komme dieser Aufforderung umso lieber
nach, weil ich auch sonst gelegentlich im Zusammen¬
hang mit den Erklärungen Geßler—Emil Ludwig Aeuße-
rungen gehört habe, die irrig sind.
Was war geschehen? In dem Streite Luppe-
Geßler-Ludwig hatte der Schriftsteller Emil Ludwig
mit seinem richtigen Namen Emil Ludwig eine Er¬
klärung abgegeben, durch die der Reichswehrminister
sich sachlich verletzt fühlte. Da der Vater Ludwigs
Cohn geheißen hatte, war Dr. Geßler der irrigen
Meinung, daß Ludwig seinen wahren Namen ver¬
schweige, und hat, wie ich glaube, mit bewußter Ten¬
denz in der Gegenerklärung von Emil Ludwig Cohn
gesprochen.
Ist das ein Verbrechen oder ein Beweis von
Antisemitismus? Ich habe mein Judentum immer frei
und offen bekannt. Gerade deshalb liebe ick die
Juden nicht, die -- bei Ludwig ist das nicht der
Fall — ihren Namen ändern und ihre Abstammung
verstecken wollen. Wer den Namen seines Vaters
verleugnet, ist ein Mensch ohne Stolz und Würde.
Auch ich würde mich nicht scheuen, die kleine Bosheit
zu begehen und den „Flüchtling" bei seinein alten
Namen zu nennen.
Es gibt zwei liebenswürdige Anekdoten, die das
Problem besser beleuchten, als alle langen Erörte¬
rungen. Ein Bankier Cohn soll den Kaiser um eine
Namensänderung gebeten haben: Baron von Cohn
klinge so schlecht. Zu einem Vorschlag uufgefordert,
sagte er, er habe an den Namen eines ausgestorbenen
Adelsgeschlechtes — vielleicht Mastenstem — gedacht.
Da sagte der Kaiser lächelnd: „Gegen Wallenstein habe
ich gewisse Bedenken. Wie wäre es mit Friedländer?"
Wer über diese alte Anekdote sich schon gefreut
hat. soll jetzt nicht den Dr. Geßler schelten.
Die andere aber ist die:
Cs war ein persischer Generalkonsul. Das war
seine eine Eigenschaft. Seine andere war die, daß
er nicht gerne an seine jüdische Abstammung erinnert
war. Nun bekam er nach einiger Zeit einen per¬
sischen Orden. Da sagte die boshafte Welt: „Er
hat einen hohen persischen Orden bekommen. Der
Orden ist so hoch, daß mit ihm das Recht verbun¬
den ist, sich Chan zu nennen."
Und wer sich darüber gefreut hat, soll wieder
nicht den Dr. Geßler schellen.
Der hat so gut. wie wir. das Recht, seine eigenen
Gedanken über Namensänderungen zu haben.
Er sagte nachträglich, daß er geglaubt habe, Ehril
Ludwig sei nur der Schriftstellername, und er habe
nicht nötig, öffentliche Auseinandersetzungen unter dem
Pseudonym des andern auszufechteN. Ganz so harm¬
los wird die Erwägung nicht gewesen sein. Eine kleine
freundlicke Bosheit war schon dabei. Wer aher selber
Vieser Bosheit fähig iß - i ch bin's — soll ruhig sein.
Das Peck für den Reichswehrminister aber war,
daß er dieses Mal an den Falschen gekommen war.
Der Vater des Emil Ludwig — seine Motive unter¬
suche ich nicht - hatte den Namen des Sohnes ge¬
ändert ivergl. den Artikel „Der „unzeitgemäße" Name
Cohn" in Nr. 48 d. Bl.), und jetzt hat der Sohn sich
so stolz zu seinem Vater und dessen guten Namen be¬
kannt, daß der Reichswehrminister vielleicht im stillen
Kämmerlein sich gesagt hat:. Hut ab vor der Er¬
klärung. Und dann tat er das, was ein anständiger
Mensch tut. wenn er ßch geirrt hat: er gab loyal und
ohne Einschränkung 'einen Irrtum zu.
Ich verstehe die Aufregung nicht. Ich stand schon,
oft in einzelnen Fragen in scharfem Gegensatz zu
Dr. Geßler. Es wurde manchesmal hart gekämpft.
Nie habe ick antisemitische Auffassungen bei ihm währ-
genommen.
Vielleicht wird seine Auffassung am klarsten, wenn
man an den Brief erinnert, den er über das Buch:
„Jüdische Flieger im Weltkrieg" geschrieben hat. Dort
sagt er:
„Ich habe das Werk mit dem größten Interesse
durchgelesen und bin überzeugt, daß es seinen Zweck
wohl erfüllt, dem deutschen Volke zu zeigen, in
welch hervorragender LBeise zahlreiche jüdische Sol¬
daten im Weltkriege ihre Pflicht erfüllt haben.
Ich wünsche dem Buch von Herzen Verbreitung."
So schreibt ein Mann nicht, der auf dem Boden
des Rassenhasses steht.
Dr. Ludwig Haas,
Mitglied des Reichstages.
dem Militärdienst und dem Tod in den fiebrigen Ge¬
genden Anatoliens, wohin jüdische Soldaten mit Vor¬
liebe geschickt werden, zu entfliehen. Natürlich weist
der ehrwürdige Rabbr Bedjarano solche Aufträge von
sich. Wenn er auch als Großrabbiner keine Kraft mehr
besitzt, s o mißbrauchen läßt er sich nicht. Selbstver¬
ständlich sind auch die einzelnen Kreisrabbinate der
Türkei, die im Grunde nur als Bevollmächtigte des
Großrabbittats handeln, zum wesenlosen Schein herab¬
gesunken. Die Rabbiner sind Beamte geworden, die
nur noch zu fungieren haben.
Mit dem Verfall des Rabbinats, aber ohne inneren
Könner damit, sank auch das geistige jüdische Leben.
„Türkisch" ist Parole geworden. In früheren Zeilen
bat man deutsche oder französische Kulturarbeit in den
Schulen geleistet, der Staatsangehörigkeit der jeweiligen
Gründer entsprechend. >Die jüdische Kultur, der Wein¬
berg Gottes, blieb dabei meist unbebaut, ungehütet.
Die deutschen oder französischen Geldgeber verfolgten
nicht immer vorwiegend züdrsche Ideale. Aber auch
Zionisten und Agudesten haben zum unendlichen Schaden
der Judenheit es nur zu oft an Initiative und gro߬
zügiger, fundamentaler Entfaltung ihrer Ideen unter
den orientalischen Brüdern fehlen lassen. Was da durch
die westliche Judenheit gesündigt wurde, ist nicht wieder
gutzumachen. Der Boden ist reif geworden für den
Schnitter von frekndem Geist.
Mit dem politischen Erstarken der Türkei ist
merkwürdig harmonisch auch ein g e i st i g e s Erwachen
Hand in Hand gegangen. Die türkische Innenpolitik
zeigt eine scharfe nationale Linie und arbeitet skrupellos.
Die freie kulturelle Entwicklung, die den Minoritätr-
völkern bisher eingeräumt war, wird zerbrochen. Die
Unterrichtssprache des Landes muß in allen Schulen
des Landes türkisch sein. Dem Hebräischen sind
im Wochenplan zwei Stunden eingeräumt. Der Unter¬
richt in jüdischer Geschichte ist verboten. Sie darf nur
in dem Rahmen, in dem die Geschichte aller Weltvölker
im Geschichtsunterricht gestreift wird, vermittelt werden.
Im Hause findet man jedes jüdische Leben sehr
häufig so gut wie erloschen. Große intellektuelle Kreise
fülleil ihr Leben mit Pariser Modenachäffung und der
Lektüre französischer Romane aus. Religion ist ihnen
oft nur noch die Anwendung kabbalistischer und aber¬
gläubischer Mittel. Man kann zuweilen schöne Sephar-
oinnen finden, die, sich zwar mit dem Raffinement
Pariser Mondänen schninkcn, dabei aber ihre Amulette
unter der dekolletierter Bluse tragen, innerlich sind
leer wie eine hoble Nuß. Es ist ein Genuß, lie^F^Mk
Viertelstunde lang zu betrachten, aber
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