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9fttmmer HO
Hamburg, 29. Zull 1926
28. Jahrgang
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Diese Nummer enthält 16 Seiten.
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Die vorliegende Nummer ist abgeschlossen am
Dienstag, den 27. Juli.
Die Deutschen aus dem Londoner
Kongretz.
Persönliche Eindrücke eines Teilnehmers.
Von Rabbiner Dr. Samuel-Essen.
An 'anderer Stelle dieser Ausgabe berichten wir ab¬
schließend über den Verlauf des jüdisch-liberalen Welt¬
kongresses (vergl. Nr. 28 u. 29 d. Bl.). Natürlich können
stundenlange Referate ans einer mehrtägigen internationalen
Konferenz im Rahmen dieses Blattes nur eine ganz sum¬
marische Wiedergabe finden. Wesentlicher für die Be¬
urteilung der Tagung als das Studium langer Vortrags-
Wiedergaben scheint uns die Lektüre der hcer folgenden
persönlichen Eindrücke eines deutschen Rabbiners. D. Red.
Wenn irgendeine Delegation aus der Londoner Welt¬
konferenz eine besondere Stellung einnahm, so war es die
deutsche. Nachdem England die Sammlung der liberal ge¬
richteten Juden aller Kulturländer in die Wege geleitet
und den Kongreß mit außerordentlichem Geschick vorbe¬
reitet hatte, durften die Deutschen nicht fehlen. Denn die
Ursprünge der Bewegung weisen nach unserm Vaterlande
hin,' jede rückblickende Betrachtung mußte der grundlegen¬
den und bahnbrechenden Leistungen gedenken, die deutsche
Juden, Gelehrte wie Gemeinden, Rabbiner wie Laien für
ein entwicklungsfreudiges Judentum vollbracht haben. So
hatten die deutschen Männer und Frauen jetzt in London
Rechenschaft darüber abzulegen, wie sie dieses Erbe der
Vergangenheit gehütet irnd verwaltet hatten.
Es zeigte sich zweierlei: Einmal, daß sie auf den
rechten Flügel des Liberalismus gekommen sind, während
die amerikanischen Reformgemeinden den linken bilden,
und die englische Jewish Religious Union for the
Advancement of Liberal Judaism • (die jüdisch-religiöse
Vereinigung zur Förderung des liberalen Judentums) die
Mitte hält. Alsdann aber, daß die deutschen rabbinischen
Theologen wie Seligmann, Vaeck, Wiener, Dienemann,
Vogclstein, Goldmann, Professor Elbogen u. a. immer
noch das meiste zur Vertiefung und Vergeistigung des
religiösen Liberalismus beizutragen imstande sind und
ihre Ausführungen die größte Aufmerksamkeit verdienten
und fanden. Dadurch wurde die Tatsache wettgemacht,
daß die äußere Lage des jüdischen Liberalismus in
Deutschland keine rosige ist, daß er zwar viel mehr Ge¬
sinnungsgenossen als organisierte Mitglieder haben mag,
aber in der Stunde der Entscheidung wenig offene Be¬
kenner; und daß er durch den Jndifferentismus seiner
Mitläufer aufs schwerste kompromittiert wird.
So war denn auch deutlich, daß die Deutschen sich
stärker vom englischen als vom amerikanischen Liberalis¬
mus angezogen fühlten, welch' letzterer auf der Konferenz
wohl 50 und mehr Vertreter hatte und leicht ein Ueber-
gewicht hätte gewinnen können. Die englischen Wort¬
führer waren zudem Träger von Namen, die der ganzen
Judenheit teuer sind: Mr. Claude Montefiore und Lady
Lily Montagu. Ihr Wirken ist von ienem Geiste wahr¬
haft religiösen, liberalen und praktischen Judentums er¬
füllt, dem auch bei uns die Träger solcher Namen huldi¬
gen, die über die Grenzen der Religionsgemeinschaft
hinaus einen besonderen Ruf haben. Es gibt auch Unter¬
schiede. Claude Montefiore weiß selbst am besten, daß
seine Ausgleichsversuche von jüdischer und christlicher
Ethik bei uns Bedenken ausgelöst haben; ähnlich wie
Rabbi Stefen Wises Kanzelreden über neutestamentliche
c^lhik. Was aber Claude Montefiore und Lady Montagu
n c.r uns so wertvoll machl, das ist ihr Blick für die Er-
ni-'rdcrnisse des einfachen Mannes, die Ausprägung wissen¬
schaftlicher Erkenntnisse in Kleinmünze (ganze Serien von
Broschüren und Flugblättern über alle brennenden reli¬
giösen Fragen lagen im Vorraum der Synagoge aus)'
ferner das großzügige Erziehungswerk an der Jugend,
nicht zuletzt die soziale Arbeit an den wirtschaftlich
Schwachen. Zweifellos besitzt dies alles auch das ameri¬
kanische Judentum. Und dennoch — als europäischer
Staat steht uns England näher.
Es ging schon durch die Blätter, mit welcher Ent¬
schiedenheit die Engländer Montefiore rznd Mattuk De¬
batten über die Berechtigung oder Nichtberechtigung des
Zionismus vom Kongresse fernhielten. Doch konnten sie
nicht verhindern, daß, für uns Deutsche als vollkommne
Ueberraschung, Zionisten von ausgesprochen religiös libe¬
raler Gesinnung auftraten. Dahin gehörte nicht nur R.
Stefen Wise, der dadurch in scharfen Disput mit R.
Samuel Schulman zu geraten drohte, s> ndern auch der
beliebte zweite Rabbiner der Londoner liberalen Syn¬
agoge, Dr. Perlzweig. In Deutschland steht der Zionist
im Gefolge des Konservativismus,' liberal will er erst in
Palästina sein. Man erkannte deutlich, daß in England
die Parteigruppen ganz anders gelagert sind wie bei
uns. Die Jugendführer der Liberalen Gruppe, besonders
ein Cyril Henriques, begeben sich in London mitten unter
die Massen ihrer ostjüdischen Brüder in Whitechapel und
suchen sie da mit Erfolg für religiösen Fortschritt im Ver¬
ein mit weltlicher Bildung und sozialer Hebung zu ge¬
winnen. In Deutschland sucht der osteuropäische Nach¬
wuchs an sich selbst zu arbeiten; der Westjude dagegen ge¬
winnt keine rechte Fühlung mit ihm.
Daß die Dominions (Kanada, Indien) stark von Eng¬
land beeinflußt sind, soweit sie eine jüdisch-liberale Be¬
wegung haben, ist verständlich. Das gleiche gilt aber von
kleineren Ländern, die vertreten waren, wie Schweden
und Holland.
Frankreich hatte seine Hauptredner, Theodore Reinach
und Germain Levy, zurückgezogen. Ob diese mit der ziem¬
lich starken deutschen Gruppe (die wohl 25 Vertreter hatte)
nicht Zusammentreffen wollten, entzieht sich unserer Kennt¬
nis. Die (übrigens ältere) Rede von Reinach, die von
einem Stellvertreter verlesen wurde, fand schon wegen
ihrer Länge nicht besondere Aufmerksamkeit. Sie arbeitete
viel mit dem genie religieux des Judentums, der Mission
des Monotheismus im Sinne Ränans; doch müssen wir
unser Urteil zurückstellen, bis wir die Rede im Drucke
vor uns haben.
Die Amerikaner sprachen pointiert, vielfach mit leb¬
haften Gesten und gaben der Konferenz ein gutes Bild
der religiösen Lage des Judentums in den Vereinigten-
Staaten. Wer die Protokolle der Central-Conference of
American Rabbis verfolgt hatte, war nicht erstaunt,
mancye widerstreitenden Bewegungen in den Geistern zu
entdecken, von denen die einen vorwärts drängen, die an¬
dern zur Besonnenheit mahnen. Was es für uns Euro¬
päer bedeutete, Männern wie Louis Wolsey, Samuel
H Die heutige Ausgabe der illustrierten Beilage W
8 „Aus aller und neuer Zeit“ §
jjÜ enthält u. a. folgende Beiträge: =
| Der Maler Joseph Oppenheimer 1
W (Zu seinem SO. Geburtstage). ü
J /Iltpaläftinensische Kultur. |
§§ Von Dr. Alfred Gradenwitz. W
1 Geschichte der portugiesischen Juden jj
1 in Amsterdam. §§
Ü Von Dr. Heinz Caspari. (Fortsetzung). jj|
Schulman, Julian Morgenstern, Maurice Harris, William
Rosenau und Stefen Wise diesseits des Ozeans zu be¬
gegnen, bedarf kaum der Erläuterung.
Gegen Ende der Konferenz, bevor die Gründung der
„Weltunion für liberales Judentum" beschlossen wurde,
kamen noch einmal die mancherlei Schattierungen der
großen, fortschrittlichen Richtung deutlich zum Ausdruck.
Die Worte liberal, reformiert, modern, zeitgemäß, fort¬
schrittlich waren zur Wahl gestellt und fanden Liebhaber
und Gegner; das Wort „Liberalismus" fand aber den
meisten Anklang. Die Verschiedenheit der Sprachen er¬
schwerte gewiß die Verständigung; aber liebenswürdige
Kenner mehrerer Weltsprachen traten immer wieder in
die Schranken, wenn es galt, den Dolmetsch für eine Rede
zu machen. Unsere Deutschen, Professor Elbog'n und Frau
Justizrat Ollendorf, waren darin unermüdli .
Erwähnen möchten wir noch die rührende, fürsorgliche
Gastlichkeit, die sämtliche Delegierten in London genossen,
und die nicht wohl zu überbieten war. Auch -daß neben
den drei zugelassenen Kongreßsprachen (englisch, fran¬
zösisch und deutsch) auch als vierte Weltsprache unsere
heilige hebräische zur Geltung kam, deren sich die deutschen
Rabbiner beim Gebet bedienten. Daß endlich „Un
kelauheinu“, stehend von der Versammlung gesungen, den
Beschluß bildete, wird auch diejenigen versöhnlich
stimmen, die der neuen Gründung ablehnend oder doch
abwartend gegenüberstehen.
Rechlsvvlkische Kerrenmoral.
Von Dr. Kurt Zielenziger-Berlin.
Man muß gleichsam einen Hebel an das eigene Ge¬
hirn ansetzen, um es so umzustellen, daß es die Möglich¬
keit besitzt, sich in die Gedankenwelt unserer völkischen
Apostel zu vertiefen. Alle Erscheinungen Kultur, aus
denen unser modernes politisches und wissenschaftliches
Leben beruht, müssen wir dann sortdenken, wenn wir die
Bücher der Männer verstehen wollen, die von ihrem
Standpunkt aus die Welt zu reformieren beabsichtigen.
Das gilt besonders für das soeben erschienene Buch des
Oesterreichers Franz Haiser: „Die Judenfrage
vom Standpunkt der Herrenmoral. Rechts¬
völkische u n d chü n k s v ö l k i s ch e W e l tau¬
sch a u u n g." (Leipzig, Theodor Weicher, 1926.)
Haiser, der mit Stolz bekennt, daß er schon acht ähn¬
liche Bücher geschrieben habe, will einen „Kanon der
R e ch t s k u l t u r" schaffen, scheint sich auch für den einzi¬
gen rechtsstehenden Philosophen zu hallen, muß aber
selbst zugeben, daß „die Wege des einsamen Psadsuchers
zumeist sehr verworren" sind, und sein ganzes System
„vorläufig erst Skizze ist und des Ausbaues bedarf." Was
Haiser gibt, ist ein s a l s ch v e r st a n d e n e r Nietzsche.
Immer wieder zitiert er den Ausspruch Nietzsches: „Der
Mensch ist etwas, das überwunden werden muß." Und aus
Nietzsches Werk folgert er eine Herren moral, als
deren Vorbild ihm das alte Germanentum vor¬
schwebt, obwohl er bekennen muß: „Was wißen wir von
den Germanen unserer Vorzeit?" Trotz dieser Ein¬
schränkung erklärt er die Germanen für „rechtsvölkisch".
Dieses „Rechtsvölkisch-Sein" erscheint ihm als das Ideal
des nordischen Menschen. Seit den letzten Publikarionen
eines Günther und anderer Völkischer über Rassenzu-
sammenhänge der Deutschen spukt in den Köpfen dieser
Leute andauernd die Gestalt des nordischen Edelmenschen,
der im Gegensatz zum ostischen oder gar noch verwerfliche¬
ren Elementen steht. Kein Wunder also, daß Haiser in
diesem Norden den einzig wahren Menschen erblickt,
warum gerade nur der nordische Mensch der Herr der
Welt sein soll, das vergißt'er allerdings zu begründen.
Die Entwicklung von Jahrhunderten, ja Jahrtausenden,
gilt Leuten vom Schlage Haisers nichts: der alte Ger¬
mane, der auf der Bärenhaut liegt, ist der Typ des
Adelsmenschen.
Von solchem Horizont aus nimmt Haiser Stellung zur
I u d e n f r a g e , die er ja als Kernpunkt seines Buches
betrachtet. Man 'wird an Lessings Wort erinnert: „Tut
nichts, der Jude wird verbrannt", wenn inan vergeblich
ans dem Wust der Haiserschen Ausführuugcn zu ergrün
den versucht, was eigentlich die Juden verbrochen haben,
um von ihm als größte Schädlinge der Menschheit de
kämpft zu werden. Er betrachtet den Juden als Fremd
körpcr und „mit allen überhaupt zu Gebote stehenden
j