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durch dm rückwärtigen Ausgang des Kaffeehauses in.
» den Hausflur, durch diesen auf die Straße und zum
Nebenhaus, wo ein Bäckerladen war. Dort kaufte er
ein«: halben Laib Brot, verzehrte diesen als Jaule und
Nachtmahl im dunklen Hausflur, und hernach ging er
wieder denselben Weg, wie er gekommen, leise und ver¬
stohlen ins Kaffeehaus zurück. Niemand batte es ge¬
sehen, niemand hatte es gemerkt und niemand konnte ihn
bedauern. So vergingen die acht Tage. Am Morgen
des achten Tages stand er zeitig im Laden des Herrn
Weil, und dieser sprach bedauernd: „Ich macht' Sre ja
aufnehmen; aber die andern sagen: Sie sind Sozialist, und
Sie werden mir die Leut' aufyetzen. Es tut mir leid. Ich
kann nichts machen."
Gustav ging. Achtzehn Kreuzer hatte er noch, in
er: „We
ige .
kerne Vorsätze. Am Nachmittag, zur Zeit der sonstigen
stillen Flucht Gustavs in den Hausflur, war der Hunger
da, und stärker und heftiger als jemals: Es schien Gustav,
als bphre ein lebendiges Wesen in seineml Leih und
nage und wühle und reihe ein Stück Nach dem anderen
heraus. Er trank ein Glas Wasser, Das half, aber nur
- für kurze Zeit, denn bald begann wieder das entsetzliche
Wühlen.
Die Genossen, die mit Gustav an dem großen Mittel-
tisch des. Kaffeehauses sahen, merkten nichts; aber als
er plötzlich aufstand und verzweifelt rief: „Himmel" und
Herrgott!" da fragten die Genossen verwundert)
„Was haben Sie denn, Genosse Mautner?"
„Nichts," sagte er. „Ich muh auf die Luft. Mir
ist nicht gut!" , .
Er verlieh das Kaffeehaus und irrte planlos und
ziellos durch die Strahen der Stadt^ Plötzlich stand
er an dem Ufer der Donau, vor dem Reichstagsgebäude.
Ein neuer Gedanke erwachte in ihm; Ich geh' hinein in
das Parlament und schrei, was ich kaM: „Ich will arbei¬
ten. Ich will Arbeit. Ich will nicht hungern!" Aber sie
werden Mich nicht hiNeimassen. Gut. Setz' ich mich auf
die Stufen des Gebäudes und bleib' dort so lang sitzen,
bis die Abgeordneten kommen, und ich wer' ihnen sagen . .
Was wer' ich ihnen sagen? „Meine Herren!" wer' ich ihnen
sagen. „Ich bin kein Bettler! Ich will nur Arbeit!" Sie
werden mich auslachen. Das kann ich nicht tun. Was
denn?
Und als hätte der Hunger auf diesen Augenblick der
Hoffnungslosigkeit' gewartet, begann es jetzt wieder so
entsetzlich in ihm zu wühlen wie vorher im Kaffeehaus.
Er sah zum Himmel hinauf. Blau und weit glänzte
der Himmel, aber stumm. Gustav wendete seinen Blick
trübe zum Strom hinunter. Das Wasser gluckste' und
plätscherte an den Sternen der Böschung:
„Gute Ruh', gute Ruh'
Tu' die Augen zu."
Er ging die Böschung hinab. Er beugte sich zur
Flut. Dä blickte det Allmächtige aus dem Himmel und
hielt ihn.
Es schaut kein Mensch vergebens zum lieben Vater
lstav richtete sich auf: „Rein! Das nicht!'' sagte
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Sonst ...r
(Eine Wildheit, ein Groll auf alle Menschen ver¬
zerrte sein junges Gesicht, und in, seinem verstörten Sinn
dachte er an Gewalt, Rauh und ...
In dem Laden des Selchers Weil läge« und hingen
hoch aufgeschichtet Würste und Rauchfleisch und Zungen
in allen Formen. Wvhlgerüche, lockend und verwirrend
für dqr Hungrigen. entströmte« diesen Vorräten, und
Gustav, als er m den Laden trat, muhte sich einen
Augenblick att dem Derkaufspult festhalten; dann fragte
er den Verkäufer: . „Kann ich den Herrn Weil sprechen?"
„Der -Herr ist nebenan, in seinem Zimmer. Soll ich
ihn rufen?"
«Nein. Ich geh' hinein. Ich
a«6n sprechen/'
möcht' den Herrn
Herr Weil, ein klerner, alter Mann,, sah ahnungslos
in feigem Zimmer; das an den Verkaufs Laden grenzte,
und speiste.
„Was wollen Sie schon wieder?" fuhr er auf Gustav
los. „Ich Hab' Ihnen ja heut' früh gesagt, dah ich Sie
nicht aufnehmen kann!"
.„Herr Weil, ich will — ich will die Politik lassen,
ich will . .
„Gehen Sie hinaus! Hinaus! Was kommen Sie da
hinein? Warten Sie draußen!" >
Und er erhob stzch wütend und wollte Gustav hin¬
ausführen.
Da sah er Gustavs Augen, die weit aufgerissene»,
Augen. Die dunklen Sterne, sonst so lieb uNd traut,
verschwanden fast, in dem weihen Meer des Hasses. Der'
Alte erschrak, wollte nach dem Verkäufer rufen, aber seine
Lippen bebten und er lallte bloß ängstlich: „Was
wollen — Sie von mir?" - ,
„Arbeit, Herr Weil! Arbeit! Ich muh arbeiten,
ich Hab' . . ."
Hunger wollte er sagen. Mer in dem Augenblick
schoh— wie eine Feuersaule zum Himmel — das Mit-
leib mit sich selbst ihm so heih in den Sinn, dah er vor
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jerr sah
schen, und da sein Herz nicht ganz verstockt war, sprach er:
,„Ist Ihnen mit einer Aushilfe .für einen Tag
gedient?"
„O ja!"
Drei Wochen sind seither vergangen. Die Aushiffe
ist ein Definitivum geworden, und Gustav wäre gebor¬
gen gewesen. Da gab es -eine Wahlrechtsdemonstration:
eine Wahldemonstration auf der Andrassystrahe. und
Gustav, wie er glaubte, durfte nicht fehlen. Sem Ge¬
wissen beruhigte er mit dem kleinen Sophisma, daß
er politische.Enthaltsamkeit bloh innerhalb des Be¬
triebes gelobt hätte und die Demonstration au herhalb
des Betriebes sei.
In geschlossenen Reihen zogen die ungarischen So¬
zialisten, unter ihnen das kleine Häuflein der deutsch
sprechenden Sozialisten, über die Andrassystrahe, als einer
der Führer. Genosse Koloszvary, daherstürmte:
„Genossen!" rief er zu den deutschen Sozialisten mit
weithin schallender Stimme: „Genossen! Jetzt oder nie!
Es geht ihnen an den Kragen!"
' „Wem?" fragte Gustav.
.„Das ist wieder eine Frag'! Der Regierung natürlich.
Militär rückt aus. Sie wissen sich nicht mehr zu helfen!
Aber heut' geben wir nicht nach! Wir erringen es!
Ich sag' Euch: Wir erringen heut' das. Wahlrecht!"
Ein wohlbeleibter, deutscher Genosse, der — innerlich
widerstrebend, nur dem Gebote der Masse gehorchend —
mithumpelte, rief ängstlich fragend:
„Und wenn geschossen wird?"
„Aber woher?" erwiderte Koloszvary. „Sie wollen
uns ja nur schrecken! Hört nur die Begeisterung unserer
Leute!"
Tatsächlich ertönten von allen Seiten Rufe, di« Gustav
zwar nicht verstand, aber „Eijen“ schrie er immer mit.
Fischlein aus dem Teiche. Die Verhafteten' sollten so
gleich abgeführt werden. Dagegen wehrte sich die Masse.
Da zygen die Konstabler die Säbel, und. die Berittene«
lenkten geschickt ihre Röhlein in das .Volk hinein. Da
eilte der Soizalistmführer Pfeiffer — der bei der Wache
das meiste Ansehen genoh — herbei und sprach, heftig
gestikulierend, zu den Polizisten. Gustav.verstand nicht,
was er sprach, aber er merkte, dah er den . Verhafteten
beistehen wolle; dies gefiel ihm und er schrie mit aller Kraft:
„Eisen Pfeiffer!" Aber kaum war ihm der Ruf entfahren,
„wollte er's im Busen gern bewahren", denn plötzlich —
wie aus einer Versenkung heraus standen zwei Kon¬
stabler neben ihm, nahmen ihn freundfchpftlich unter
ahre Arme und führten jbn aus dem Gedränge.
„Warum?" fragte Gustav.
Die beiden Herren schwiegen und führten den Ver¬
hafteten weiter. Da blieb Gustav ste
stemmte sich
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