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..Dar fhtb die letzten Zuckungen. Denken Sie. jetzt
hat ein deutscher (Christ. Johannes Müller, geschrieben, der
Antisemitismus sei in erster Linie ein deutsches Problem/
eine Schwächeerschemung der deutschen.-Volksseele. NM
ein Voll, schreibt er, dessen nationale- - Ambitionen im
Widerspruch stehen zu seiner Willensstärke in nationalen
Dingen, kynn auf den Gedanken 'verfallen, auf die Juden
dos abzuwälzen, was für jedes gesunde Volk eins ^Sache,
des selbstverständlichen Stolzes ist:, .die Verantwortung
vor der eigenen Tat. , /'
».Sie bemerken zur Zeit eine judenfeindliche Melle"»
fuhr er fort, „das ist richtig. Nachdem die Deutschen
fünf Jahre im Ghetto sind, benehmen sie sich Haltloser
und würdeloser als die Juden Nach' einem . Ghetto von
fünf Jahrhunderten. Aber das nützt mir nichts. Es ist nur
eine akute Erkrankung, ich darf nicht darauf , bauen, und
sowie sie vorbei ist und das Volk den Rervenanfall über¬
wunden hat. wird es sich schämen, daß je hundertzehn
Deutsche vor einem einzigen Juden eine solche Mords¬
angst gehabt haben.
Nein, nein, es ist aus. Es ist endgültig Schluß.
Ich kann einpacken, ich bin ein Gespenst von vorgestern und
höchstens noch auf der Bühne möglich. Ich halte natürlich
aus bis zuletzt, ich bin noch immer das Haupt der
judenfeindlichen Propaganda, ich stelle Flugschriften her
und klebe nachts judenfeindliche Zettel an die Dachrinnen
und in die öffentlichen Aborte. Aber ich habe mich auf
Abbruch eingerichtet. Ich habe mir ein Haus im Isartal
gekauft, und meinen Wanderstab habe ich dem Requi¬
siteur des Nationaltheaters geschenkt."
..Sie sehen ja. die Juden selbst nehmen diese augen¬
blickliche Welle nicht ernst." fügte er nach einer Weile
hinzu. „Sie lamentieren nicht. Cs fällt ihnen nicht ein¬
mal ein. den Bengels im Ernst böse zu sein."
„Was tun sie denn?"
„Sie lachen."
„Sie — ?"
„Ja. Sie amüsieren sich über die Talentlosigkeit und
die sprachlichen Schnitzer der Antisemiten."
Wir waren im Haus des Ehepaares angelangl.
Marbod Timm drückte mir herzlich die Hand. „Ich
war ein Esel." sagte er.
Gertrud zeigte stolz die Zwillinge vor.
„Wie heißen sie?" fragte ich. .
„Das Mädel heißt Marie —"
„Marie! Pfuil" unterbrach der Ewige Jude. „Das .
ist hebräisch und kommt von Mirjam. Sie hätten sie
Frigg nennen sollen."
„Aber der Junge, da werden Sie einverstanden sein,
der Junge heißt Hans."
„Hans! Pfui!" sagte der Ewige, Jude. „Das ist
hebräisch und kommt von Jochanaan. Sie hätten ihn
Teut nennen sollen."
Marbod und Gertrud lachten herzlich. „Wenn das
Jüdische und das Deutsche so ineinander verfilzt ist,"
sagte Gertrud, „wer sollte das auseinander klauben?"
Der Ewige Jude saß in einem Klubsessel, fett, be¬
haglich rauchend, und summte vor sich hin: „Das Wan¬
dern ist des Müllers Lust." Sorgfältig rasiert, wie er
war. mit dem schwarzen Bärtchen auf der Oberlippe,
mochte er einem im Theater. auf dem Rennplatz, im
Restaurant oftmals begegnet sein.
„Sind Sie zufrieden?" fragte ich
./Zufrieden!" knurrte er. „Was heißt zufrieden?"
Er wandte mir den Blick zu und das merkwürdig tiefe
Licht in seinen Augen strahlte auf. Er räkelte sich und
atmete wohlig.
.^Zufrieden?" wiederholte er.' Und indem er auf
«me nicht zu verkennende, sicherlich einmalige Art die
Hände bewegte, lächelte er: „No. warum nichts
Ende
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J?) vpn fiomtzaus
habe oft nachher in trüben Stunden feine Klugheit und
- Beharrlichkeit bewundert und- mich selber einen Dümm-.
EM gescholten. Erst, viel, vielFpäter ging mir die Ahnung auf.'
daß-sein Tun im-ketzten'Grunde doch'nicht Las wünschenswerte
. Ergebnis.Wtte. . 7- . ' - . ; . ; y-
Oie erste ÄeutzsruM seiner vpn dem Althergebrachten ab¬
weichenden Lehensansichten und Absichten- war die unerhörte,
- in aller Augen ungeheuerliche Bitte: deutsch lesen und schreiben
lernen zu dürfen. Mein.Vater war entsetzt über diesen frevel¬
haften Wunsch,- - : .*• - ^
„Ein trefu pvsyl willst du in die Hand nehmen?" "rief et
dem Sohne zu. „Weißt du, was das ist? Das ist der Ver¬
sucher, der Verführer! . Gib ihm den kleinen Finger, und er
zieht dich bald ganz in die Sünde, in die Hölle, du bist bald
kein Jude mehr!
Zum Guten braucht man es nicht, dazu braucht man nur
die heilige Thora, vor dem Bösen aber möge der Ewige, gelobt
sein Name, dich bewahren, wie ich. dein Vater, dich davor be¬
hüten will."
Und um ihn recht wirksam davor zu schützen, verlobte'er
den 14jährigen. mit der Bestimmung, daß nach raum Jahres-
frist Hochzeit gehalten werde.
Nun kam der zweite schreckliche Tag im Leben meiner schwer¬
geprüften Eltern! Noch schrecklicher als jener, der ihnen den
heißgeliebten Sohn durch den Tod entriß! Ihr Zweitgeborener
verließ heimlich das Vaterhaus, um .in der Welt ein besseres
Los zu suchen, als es den Juden in Galizien beschieden ist', wie
er in einem hinterlassenen, zärtlich aber entschieden gehaltenen
B.riefe äußerte. Ja, ungleich schmerzlicher war den Eltern,
diese Flucht, als selbst der Tod. Jener war fromm und rein,
iy Jüdischkeit zu Gott, ins Reich der Gerechten eingegangen,
dieser ging der Sünde, vielleicht dem gänzlichen Verderben ent¬
gegen. Er häufte Schmach und Schande auf die gottes-
fürchtige Familie! Sein Name durfte nie wieder genannt
werden.
Diesen zweiten Schlag vermochte das Herz der treuen
Mutter nicht auszuhalten; es brach, und ich, der Jüngste und
Einzige im Hause, blieb verwaist.
Ich verlebte jetzt die traurigsten Jahre meines freudearmen
Lebens.
Mein Vater, der nun alle Liebe und Zärtlichkeit, deren
leine Seele fähig war, auf mich übertrug, empfand, was mir
fehlte. Er suchte mjr die Oede und Einsamkeit, die trostlose
Monotonie der Tage durch dasjenige zu verschönen und gleich¬
sam zu vergüten, was ihm selber das Köstlichste im Leben
war: durch das Thora-Studium. Nicht nur jede freie Stunde
widmete er mir, auch dem Unterrichte seiner älteren Schüler
mußte ich stets beiwohnen. Ich wuchs an Gelehrsamkeit; mein
Ruf drang weit über das kleine Städtchen hinaus, und kaum
war nh dreizehn Jahre alt geworden, da warb um mich ein
wohlhabender Wirtshauspächter aus der Umgegend für feine
ebenso alte Tochter. Rach weiteren zwei Jahren könnte end¬
lich mein Vater den heißesten, ja einzigen Wunsch seines
Herzens, einen Sohn unter die Chuppe zu führen, erfüllt sehen.
Als ob seine Augen nur diesen Freudenstrahl erwartet hätten,
schlossen sie sich bald zu ewigem Schlummer. Ich war zu ihm
geeilt aus dem stillen Dorfe, wo ich bei meinem Schwieger¬
vater lebte. Vor seinem Hinscheiden erzählte mir der Vater,
daß Kunde von .ihm' gekommen sei — er meinte den fernen
Bruder, mochte aber seinen Namen nicht nennen. Zn Deutsch¬
land ist er, in Leipzig', erzählte der Bater mit düsterem Blick,
,er schreibt, es ginge ihm gut, nun. Gott möge ihm helfen; er
soll ein guter Jude bleiben. Aber ich Hab' keine Hoffnung
drauf, fügte er tief seufzend hinzu, und nach einer Weile:
.mein Kind, du sollst an ihn nicht schreiben, versprich mir das.'
Ich reichte ihm stumm die Hand.
. ,Gut, er wird dich nicht auch noch verführen können',
flüsterte er für sich, gleichsam beruhigt. Den Brief hatte der
Vater verbrannt. Mir wurde um's Herz so schwer. Nun hatte
ich auf der weiten Welt Niemanden mehr. Und ein Gefühl
unendlicher Erbitterung stieg in mir auf gegen diejenigen, die