Seite
I
r
Nttmmtc 1
7 //
Vvn 7 . JanvasTsSL
"OS'W'j't
[£:
;w -y*
]*■
CTtftrtHQftg
Ml
‘Xi
Isra elitische s
m
-s« ?Ü
Bezugspreise:
Tn£ „^SrncMtlfcfie ssamNienblalt" erscheint wöchentlich an, Toninrsiag
in drei Ausgaben, n) der Gesamt-Ausgabe, >y der Ausgabe für virok-
Bcrliu. e) der Ausgabe sUr Frankfurt a. M. u. Umgegend. Abonneiaents
werden bei allen Pofttimtern angenommen. Postbezug NM 1.00
mcnatlich exkl. Bestellgeld. Auslands-Postbezug soiveii fuoc;affcu:
RM. 3.00 pro Quartal. Streifband-Bezug: NM. 1.00 pro M ouat.
Eiuzelnummeru kosten SO Psg., bei jreier Zusendung 40 Psg. Bei
Beiriebsstörunge» iitfolge höherer Gewalt, Aufruhr oder Bcrbc! des
Blaues besteht kein Anspruch auf Nachlieferung des Blattes oder
NUctzablunz des Bezugsgcldes.
SaUlslSrlslleitlW lind -GeWftsMr:
Hamburg 3l», ABC-Ltratze37
si.runvccher. Scuameinummer Hamburg 34f>737
-Postscheckkonto:
S, mitura Nr. 8295unl. „Israelit ischesKamtlienblalt"
l: crluicr Büro: W 15. Pfalzburgec Stc. 10
Iemsp-echcr: Qliva 1785
fcanlsuricr Büro: Schillerstraft.' 1 Z
Fernsprecher: Sauiiiieluumuier Hansa 29444.
Anzeigenprei s e:
Die 9gesp„
ler B«
scgen. .. .. — >in . ^_
Abonnentenpreis fist Stellengesuche und Fanitlienanzeigen: 80 Pfg.
Preis der Jgespalt. 83 >nn> breiten Neklame-Noupareillezeile am Teri:
SiM.S.SO, tr» lokalen Textleil der Berliner bzw.Franksurter Ausgabe:
NM. 2.80 bzw. NM. 1.80. — Die aus Chiffreanzeigen bet der
Geschäftsstelle einlaufcuden Offerten werden erst nach Bezahlung der
Anzeigengebühren au die betreffenden Inserenten wettergeletter. — Bei
LNagen gilt die Zustätidigkeil des Amtsgerichts Hamburg als vereinbarl.
Anzeigenschluh: Montag mittag 12 llhr
Mm Mvgeunde vorbei
Von Dr. Jsmar Freund, Berlin.
Rinn fühlt sich, wie der Reiter über dem Vodenfee.
wenn man den jüngsten Band der Entscheidungen des
Reichsgerichts und die dort veröffentlichte Entscheidung
vom 7. Juli 1931 zur Hand nimmt. Sie ist die bedeutsamste
und folgenschwerste, die je das Reichsgericht in einer jüdi¬
schen Angelegenheit gefällt hat. Denn es geht darin llm
die E x i st e n z der preußischen Synagogen-
gemeinden: Hart am Abgrund vorbei, ohne daß
man die Gefahr auch nur ahnte. Landgericht und Ober¬
landesgericht hatten übereinstimmend entschieden, daß im
Gegensatz zur Entwicklung bei den christlichen Kirchen
innerhalb des Geltungsbereiches des Gesetzes von 183I die
Synagogengeineinden nicht zu den Körper¬
schaften des öffentlichen Rechtes gehören.
Begründet worden war diese Entscheidung mit Artikel 37
des Fudengefetzes, welcher bestimmt, „die einzelnen Sana-
qogengemeinden erhalten in bezug aus ihre V- - -
in ö g e n s v e r h ä l t n i s s e die Rechte juristischer Per¬
sonen". Damit sei ausdrücklich feftgestellt, daß die Rechts¬
persönlichkeit ihnen nur hinsichtlich der Vermögensverhält¬
nisse zukomme, nicht aber auch sonst. Durch das Gesetz von
1847 seien sie also nicht in der Reihe der öffentlich-
rechtlich ausgenommenen Religionsgesellschasten einge¬
gliedert worden. Dieser Rechtszustand sei durch die Reichs¬
verfassung aufrecht erhalten.
Das Reichsgericht hat diesen Standpunkt als
rechtsirrig zurückgewiesen. Es hat nachgewiesew daß
er die Bedeutung des Gesetzes vom 23. Juli isi¥ ver¬
kennt und entschieden, d a ß d i e jüdischen Gemein¬
den A I t p r e u ß e n s als ö f f c .. t l i ch - r e ch t l i ch e
Körperschaften, ihre B e r w a l t u n g s b e a m -
len dementsprechend als B e n m t e i m öffent¬
lich-rechtlichen Sinn n n z u f e h e n sind.
Es ist kaum auszudenken, welches die Folgen gewesen
wären, wenn die Entscheidung anders ausgefallen und das
Reichsgericht sich den beiden Vorinstanzen angeschlossen
hätte. Der Traum von der Emanzipation des Judentums
in Preußen und seiner Gleichstellung mit den .Kirchen
wäre ausgeträumt gewesen. Die Gründung eines öffent¬
lich rechtlichen 12 a n d e s v e r b a n d e s durch Zusammen¬
schluß der einzelnen Gemeinden wäre nicht möglich ge¬
wesen. Die S t a a t s b e i h i I f e n hätten ihre rechtliche
Grundlage-verloren und fallen müssen. All die zahl¬
reichen S t e u e r p r i v i I e g i e n, die die Reichsgesetz¬
gebung den mit den Rechten einer öffentlich-rechtlichen
Körperschaft ausgestatteten Religionsgesellschaften zu¬
erkennt. Härten fiir sie keine Geltung mehr gehabt. Die
A b z u g s f ä h i g k e i t der Kult u.s st e u e r n . die
allein für die jüdische Gemeinde zu Berlin eine indirekte
Reichssubvention von 'durchschnittlich über einer Million
Reichsmark jährlich bedeutet, wäre in Fortfall gekommen.
Desgleichen die Befreiung von der Grunderwerbsfleucr,
dem Reichsnotopfer, der Umsatzsteuer. der Erbschaftssteuer,
der Einkommenssteuer, der Hauszinssteuer. der Kapital-
ertragssteucr und eine Reihe weiterer wesentlicher Steuer¬
vergünstigungen. Die besondere Berücksichti¬
gung. die die Religionsgesellschasten öffentlichen Rechts
auf zahlreichen anderen Gebieten der Gesetzgebung und Ver¬
waltung erfahren: Fn der Rmchsabgabenordnung. in dem
Betriebsrälegesetz. in dem Landessteuergesetz, in dem Woh¬
nungsmangelgesetz, in dem Angestelltenversicherungsgesetz
in dem Anleiheablösungsgesetz, in dem Weinsteuergesetz,
in k > Verordnung über die Strafregister, in dem Gesetz
übe< '. Wohnungsgeldzuschuß. in dem Gesetz zur Be¬
wahr l-g der Fugend vor Schund und Schmutz usw. würde
für sie nicht zu gelten haben. Lebenswichtige Maßnahmen
der Vergangenheit, wie die Gewährung von Steuervor¬
schüssen und die Uebernahme der Beamtengehälter durch
das Reich. Maßnahmen, die in der Fnflationszeit die Ge¬
meinden vor dem finanziellen Zusammenbruch bewahrt
haben, wären unmöglich gewesen, wenn die Gemeinden
nicht Körperschaften des öffentlichen Rechts gewesen
wären. Sie würden die Stellung einer privatrechtlichen
'Aktiengesellschaft oder eines eingetragenen Vereins er¬
halten haben, kurz aus der Sphäre des öffentlichen in die
Privatrechtc zurückgeworfen sein.
Vor diesem Schicksal hat-die Entscheidung des Reichs¬
gerichts die altpreußischen synagogengeineinden bewahrt
Mit seiner Begründung hat sich das Reichsgericht dem von
mir in einer Reihe von Publikationen vertretenen^^tand
punkGzu eigen gemacht, insbesondere den über die Stellung I
der Eynagogen in Preußen, der die Ausführungen de-- j
Reichsgerichts wörtlich entnommen sind. i
In Deutschland:
Neue Frie-hofsfchäir-nnseir
Katvnalfozrallftlfme Zriedvofs-
iMündov ln Samviregl
Fn der tAacht zum Dienstag, den 3. Fa «ar, gelang es
einem Sfutzpolizisten, zwei Männer auf dem alten jüdi¬
schen Friedhof in der Rentzelstraße festzunehmen, als sie ge¬
rade dairit beschäftigt waren, reihenweise Gräb¬
st e i n e u m z u st ü r z e n u n d z u beschädige n. Es
handelt« sich, wie der Polizeibericht angibt, um die
beiden eingeschriebenen Mitglieder der
RSDAP, den 28jährigen Heizungsmonteur Ludwig K.
und bin Msirhrigen Motorenschlosser Franz F.
Dir mitten in der Stadt gelegene alte Friedhof, in
de'Fr Rähe sich das Verkehrslokal der nationalsozialifti-
f\uKii KräsNUyccr oejnioet, w,r lchou. >aehc,ach oas
antisemitischer Anschläge. So wurden vor noch nicht langer
Zeit die Riarern mit roten Hakenkreuzen und den dazu
gehörigen Hctzinschristen beschmiert und auch schon vor
Monaten ein.ge Grabsteine beschädigt. Die jetzt erwischten
Täter haben m der einen Reihe f ü n f s ch w e r e G r a b -
denk m a I. r u m gelegt darunter das Grabdenkmal
des Predig, cs des Fsraelitischen Tempelverbandes Dr.
Salomo Bei einem dieser Denkmäler wurde das
eiserne (if:er vollständig weggerissen und der Granitsockel
des Denkmals heruntergeworfen, so daß kaum anzunehmen
ist, daß di. beiden ertappten Täter allein am Werke ge¬
wesen siro. Fn einer anderen Reihe wurden fünf
K i n d e r g r a b st e i n e u m g e w o r f e n und weitere
Grabsleire durch Steinwürfe beschädigt.
Es v: das erste Rial, daß eingeschriebene Mitglieder
der R'S7AP bei solchem Tun direkt festgenommen wurden,
so daß ein Leugnen und Abschütteln ihre Täterschaft in
Zweifel ziehen kann. 'Nach dem Einwcrfen der Synagogen¬
fenster am Bornplatz, das sich in vergangener Woche i n
nicht w e n i g e r als drei :H ä chten wieder¬
holt,. ist dies eine wahrhaft erschreckende Häufung anti-
semiti'.her Schnndtaten in der sonst io vornehmen Hanse¬
stadt.
Swivetiingen
2l.n eii.ein Rundgang entdeckte der Fricdhofsaufsehcr
des i in, litischen Friedhofs in S ch w c tz i n g e n (Baden)
n e u n u m g e w o r f e n e G r a b m ä I e r. Die Fs-
raelisjche Gemeinde hat für die Ermittlung der Täter eine
Bele.'nung von 2l><> »' h ausgesetzt.
In England und Belgien:
Auszeichnungen für Au-en
Tie am I. Fanuar in der „London Gazette" erschienene
br tische Ehrenliste bringt die Verleihung von ins-
ges.nnt drei neuen Baronet-Titeln, von denen zwei den
beiden jüdischen Parlamentsmitgliedern P e r c y A I f r e d
H,i r r i s flil.ral. früherer Pizevorsitzendcr des Londoner
Ee.miy Council) und Arthur M i ch a e l Samuel
(kniiervutiv, früherer Parlnmentssekretär beim Departe-
m.in für lleberseehandel und Finanzsekretär beim Schatz-
nmn verlielien wurden.
A us Anlaß des Fahreswechjcls hat die b e I g i s ch e Re¬
gier..ng folgenden jüdischen Bürgern den Orden „Ritter
dr Krone" verliehen: Edmond Roos, Vizepräsident
d-r Füdischcn Gemeinde von Antwerpen, Mme. de
N u u e r , Vorsitzende des jüdischen Frauenvereins,
7 eppichfabrikant B e n E s r a und A d v o k a t F a f f e.
Oie vorliegende, om Dienstag, dem 5. ]anuar, ab*
gefeblosiene Dummer entbält 12 Seiten, die aelztseitige
Deilage .Ziidiscize Dibliotbek der dlnterbaltung und
des Wissens" mit den „UMättern für Crsiebunez und
üntcrriibl" und die adit{eitiqe illustrierte Beilage
, Dus alter und neuer Zeit".
D'neon ir,
naunwi
SWIMM*« Ift VftiÜtt »
Als nach dem Weltkriege die antisemitische Bewegung
sich in voller Breite zu entwickeln begann, richtete der
Kampf sich in erster Reihe gegen die in der vordersten
Front von Politik und Wirtschaft, Kunst und Kultur
stehenden Fuden. Mit einer ungemein geschickten Propa¬
ganda verstand es der Antisemitismus, die Aufmerksam¬
keit des Volkes auf die Fuden in wichtigen Aemtern zu
lenken. Der Verfall der deutschen Staatsgeltung, die
Krisenerscheinungen in der DCirtschaft wurden erklärt mit
der Tätigkeit der Fuden an wichtigen Punkten dieser Ge¬
biete. Fmmer wieder klang es aus den Blättern der Anti¬
semiten, daß in Bayern K u r t E i s n e r die Revolution
gemacht, daß H u g o P r e u ß die deutsche Reichsoerfassung
gestaltet, Walther R a t h e n a u die Verhandlungen
mit den auswärtigen Gegnern Deutschlands führte. Feder
Parlamentarier, jeder Publizist jüdischer Abstammung
wurde einzeln aufs Korn genommen, die Bankiers mit
jüdisch kl'nge'dem Namen, die Männer der Wirtschaft,
denen d^^,,vm-hi>rigkeit zum Fudentnw nachgewiesen
werben id . ne, wurden in der öffentlichen Rieinung als
die schuldigen am Niedergänge Deutschlands verfemt.
Und es dauerte gar nicht lange, nur wenige Monate
waren erforderlich, und das Riärchen war fertig, daß die
deutsche Revolution von Fuden inszeniert, die deutsche
Widerstandskraft von Fuden unterhöhlt worden fei. Nichts
nützte der Hinweis, daß füdische Chemiker die wichtigsten
Rohstoffe für die Kriegswirtschaft geliefert hatten, nichts
fruchtete das Argument, daß Fuden auf allen Gebieten
nach dem Zusammenbruch und während des Krieges die
deutsche Wirtschaft vor dem Acrgslen bewahrt haben, nichts
bedeutete die Hervorkehrung der Tatsache, daß Walter
Rathenau die Massen zum letzten Widerstande gegen den
Feind sammeln wollte, daß gerade Fuden es waren, die
gegen das Versailler Diktat sich aufgelehnt hatten. Bcan
mochte die Wahrheit sagen, so oft man wollte, mochte si-'
immer wiederholen , aus taufend Trompeten klang der
Gegenruf. daß der Fude schuldig sei und verbrannt werden
müsse.
Rierkwürdig, diese Verfemung jüdischer Rkänner in
vorderster deutscher Front fing an, uns Fuden selbst
a n z u st e ck e n. Wir begannen zu glauben, daß der Anti¬
semitismus sich entwaffnen lassen würde, wenn wir auf¬
hören würden, uns sichtbar zu machen. Wir selbst predigten
uns die Lehre, daß cs in der Zeit der Fudenfeindschaft
falsch sei, wenn Fuden an vorderster Front dem Staate
und seiner Wirtschaft, in der Kunst und der Kultur
dienten. Und so begann zuerst freiwillig die Zurück¬
ziehung der Fuden aus den w i ch t i g st e n
Stellen. Zuerst war es die Politik, die von Fuden
fluchtartig verlassen wurde. Fmmer seltener begegnete man
im Reichstag und in den anderen deutschen Parlamenten
jüdischen Abgeordneten an führenden Stellen. Bis dann
mit dem Wachsen der judenfeindlichen Propaganda auch
die Parteien ohne judenfeindliche Programme es nicht
mehr wagten, den Wählern jüdische Persönlichkeiten an
vorderen Stellen zu präsentieren. Wo eine in der Politik
bekannte jüdische Persönlichkeit von ihrer Wirkungsstätte
abtrat, wurde sie durch keinen Fuden mehr eri'tzt. D i e
j u d e n s e i n d l i ch e Bew e g un g hatte ihre n
e r-st e n Sieg erfochten. Bis auf ganz wenige
Rcänncr und Frauen sind die Parlamente von Fuden em-
blößt, und fast kaum einer von denen, die noch an der
politischen Front wirken, ist an vorderster Stelle zu sehen.
R'ach der Politik kam die Wirtschaft heran, und
jeder Zeitungsleser weiß, wie da die völkische Presse nach
dem gleichen Rezept verfuhr. Es schien geradezu ein ft rate
gischer Plan zu sein, nach welchem verfahren wurde, in¬
dem begonnen wurde, auch aus der Wirtschaft die führen¬
den Fuden zu vertreiben. Verließ ein jüdischer Croß-
bankdirektor seinen Posten, so konnte man sicher sein, daß
als äcachfolger kein Fude mehr erwählt wurde, und die
wenigen Stellen in der Fnduftrie, die früher van Fuden
besetzt waren, sind nach dein gleichen Rezept ^udenrein
gemacht worden. So setzte sich planmäßig die Bewegung
aus allen Gebieten fort. Es fing das 5t.efseltrciben an
gegen jiidische Hochschullehrer. gegen jüdische
Dichter und S ch r i i 1 st e I I e r . gegen Rk a l e r und
Rc u s i k c r. lind da schließlich auch wissenschaftliche und
künstlerische llntcrnehmungen nicht auf einen gewissen
Grad von geschäftlichem Erfolg verzichten können,
fingen die Unternehmer an. kopfscheu zu werden, versteckten
zuerst die Fuden. daß man sie nicht sehen kennte, und ließen
sie dann vollends fallen.
Heute haben wir in der Tat einen Trümmer¬
haufen vor uns. 2Cenn wir uns umfehen, aus alle«