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Nr. 1 / 7. Januar 1932
Seit« 3
Wann rammt d»v ftnntfdt* 3a»entaa?
Heute nötiger denn je.
Nachdem die Verhandlungen um die Begründung des
Reichsverbandes der deutschen Juden nicht zu dem von der
ganzen deutschen Judenheit erwarteten Ergebnis geführt
haben, fehlt in einer Periode stärkster politischer und geisti¬
ger Erschütterungen ein zentrales Sprachrohr der deutschen
Judenheit. In der Not des Augenblicks wird sich das Ver
säumte nicht mehr nachholen lassen, wohl aber läßt sich ein
Ersatz schaffen, der für das Gebot der Stunde eine prak¬
tische Lösung bedeuten kann.
Viele Fragen beschäftigen die jüdische Oeffentlichkeit.
Die 9fot unserer Gemeinden verlangt dringend nach einer
Linderung. Allen deutschen Gemeinden gemeinsame Steuer¬
fragen heischen Beantwortung. Die Frage der Austritte
und die Mittel, die dagegen anzuwenden sind, bedürfen
einer schleunigen Beratung. Das seelische Gleichgewicht
vieler deutscher Juden ist unter der Wucht der antisemiti¬
schen Angriffe ins Wanken geraten. Daneben gibt es an¬
dere wichtige Probleme, deren Lösung nicht hinaus¬
geschoben werden kann. Die Stimr ' der deutschen Juden¬
heit, einer zentralen Vertretung aller Juden in Deutsch¬
land, mutz gerade in diesen Tagen sich Gehör ver der ge¬
samten Oeffentlichkeit verschaffen.
Für alle diese Dinge gibt es nur eine mögliche Lösung,
die Einberufung eines deutschen Juden¬
tages. Der deutsche Judentag als einmalige Zusammen¬
kunft, als eine Vereinigung der Vertreter aller jiidischen
Gemeinden in Deutschland, aller zentralen Verbände und
.Körperschaften, wird in dem Wirrwarr des Tages die not¬
wendige Resonanz finden. Der deutsche Judentag allein
kann die Tribüne werden, auf der die wirtschaftliche, po¬
litische und seelische Not der deutschen Juden erklingen
kann. Von dieser Tribüne aber kann auch das Wort der
Ermutigung nusgehen, das Wort, das wir alle gern hören
wollen, das uns in dunkler Stunde Wegweiser und Weg¬
bereiter sein soll.
Alle Bedenken und Schwierigkeiten, die sich der Be¬
gründung des Reichsverbandes entgegenstellen, hören auf,
eine Rolle zu spielen, bei einer Einrichtung, die als eine
einmalige gedacht isi. Mag es auch eine Konferenz-,
gemeinschaft der deutschen Juden geben, mag auch die
Reichsarbeitsgemeinschaft schon viele Fragen vor ihr
Forum ziehen, diesen beiden Körperschaften fehlt das
Fluiduin der Oeffentlichkeit und ihnen mangelt die Eigen¬
schaft, für die Gesamtheit der deutschen Juden auftreten zu
können. Worum es beim deutschen Judentag geht, ist ge¬
rade die Erwägung, datz seine Beratungen i in
vollen Lichte der n ichtjlldischen und jüdi¬
schen Oeffentlichkeit sich abspielen sollen,
worum cs weiter bei ihm geht, ist, datz er wirklich eine
Vertretung der gesamten Kräfte im deutschen Judentuin
bilden soll. Um langwierige und kostspielige Wahlen zu
vermeiden, sollen alle jüdischen Gemeinden Deutschlands
und) ihrer Stärke Vertreter zum Deutschen Judentag ab-
ordnen. Zu diesen Vertretern der Gemeinden sollen sich
die Delegierten der zentralen Verbände und Korpo¬
rationen gesellen. Auf diese Weise wird es gelingen, ohne
viel Zeitverlust und in der Stunde, die psychologisch gerade
günstig ist, den deutschen Judentag zu versammeln. Wer
die Führung bei der Einberufung des Judentages über¬
nimmt, ist ohne Bedeutung. Am zweckmätzigften wäre es
wohl, wenn der Preutzische Landesverband die Initiative
ergreifen würde, obwohl es auch möglich ist, datz sich die
Berliner Jüdische Genreinde an die Spitze stellt.
Möge diese kurze Anregung in die jüdische Oeffentlich-
feil hinausgehen und möge sie überall die notwendige
Beachtung finden. Wir behalten uns vor, die Aufgaben
des Judentages noch näher zu umschreiben, das Echo,
welches der Gedanke in der Oeffentlichkeit findet, soll zu¬
nächst abgewartet werden, und erst dann wollen wir zu den
einzelnen Punkten des Problems Stellung nehmen.
im hoMdton Landtag
Der hessische Landtag, der seit der letzten Wahl unter
starkem nationalsozialistischen Einfluß steht, hat einen
nationalsozialistischen Antrag angenommen, der die
Schaffung eines parlamentarischen Untersuchungs¬
ausschusses gegen die sozialdemokratischen Innenminister
L e u s ch n c r und andere hohe hessische Staatsbeamte for¬
dert. Als Grund wird neben der „Amtspflichtverletzung"
wegen der Veröffentlichung und „A ufbauschung des
B o x h e i m e r Dokuments zu einer Hochverrats¬
affäre", die „grobe Amtspflichtverletzung" des sozialdemo¬
kratischen Ministerialdirektors im Justizministerium, Neu-
kaüMBücUec!
" JLM ®
J. Sdieftelomtz: Der Optimismus des
Judentums. . .Broschier 1.35
L. Lazarus: Zur Charakteristik der tal-
mudischen Ethik. . Broschiert 1.05
Adam Röder: Reaktion und Antisemitismus
Zugleich ein Mahnwort an die akademische
Jugend . 2.—
Aime Falliere: Das unbekannte Heiligtum.
Aus dem Französischen . 5.40
Die Beichte eines christlichen Juden. Die Be¬
kehrung eines Katholiken zur jiidischen Lehre.
Heinrich Heines Confessio Judaica. Eine
Auswahl seiner Dichtungen, Schriften und
Briefe. Herausgegeben von Dr. Hugo Bieber. " —
M. R. Ravage: Glanz und Untergang des
Hauses Rothschild.. 6.75
Selma Stern: Jud Süss. Mit einem Bildnis
und einem Faksimile . 8.10
Ein Beitrag zur deutschen und zur jüdischen
Geschichte.
A.Sulzbach: Targum Scheni zum Buch Esther 2.25
Sulzbach macht mit der vorliegenden Ueberset-
zung, die er im schlichten Tone der Erzählung
bietet, dieses Kabinettstück der Midraschliteratur
in seiner bunten Fülle und Mannigfaltigkeit zum
Volksgut.
S. Pick: Die auf Jesus gedeuteten Stellen
im Alten Testament. .
Die christologischcn Deutungen und Auslegungen
des Alten Testaments werden in dieser Schrift
einer wissenschaftlichen Prüfung unterzogen und
widerlegt.
J.Münz: Die jüdischen Ärzte im Mittelalter
Ein Ghetto im Osten. 65 Bilder aus Wilna, mit
einer Einleitung von S. Chneour. Halbleinen
B. Segel: Am Tage des Gerichts. Erzählung
Kurt Münzer: Jude ans Kreuz. ««man
2.25
3.15
2.40
2 —
Sämtliche Preise verstehen sich, soweit anderes nicht aus¬
drücklich bekanntgegeben ist, für gebundene Exemplare.
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Nachnahme unter Berechnung der Versandspesen.
Bucnuersand-nbteiiung des
israelitischen Famiiienblattes
Hamburg 36 / ABC-Sfraße 57
roth, angegeben, der ,,a) gelegentlich Der Ablehnung
desI u d en AmtsgerichtsratDr. Mar; durch
die Strafkammer Darmstadt, sowohl durch nach Form und
Inhalt unerhörte Vorhaltungen gegenüber dem Vorsitzen¬
den der Strafkamnier als auch durch ein Ausschreiben an
die Justizbehörden, in unzulässiger Weise in die Unab¬
hängigkeit der Rechtsprechung einzugreifen versuchte; Ir)
die Strafverfolgung des sozialdemokratischen
Juden Rechtsanwalt Mannheimer in Mainz, der
mehrere Mainzer Staatsanwälte hinsichtlich ihrer Amts¬
führung schwer beleidigt hat, aus parteipolitischen
Gründen unterdrückte."
Der Untersuchungsausschuß trat auch schon zu einer
konstituierenden Sitzung zusammen, in der es recht lebhaft
zuging. An der von Abg. Jung (Nat.-Soz.) geleiteten
Sitzung nahmen auch Regierungsvertreter teil. Von den
sozialdemokratischen Ausschutzmitgliedern wurde eine Be¬
schwerde an den Aeltestenrat angekündigt, der entscheiden
sollte, ob über den nationalsozialistischen Antrag im Wort¬
laut, der zum Teil absichtlich beschimpfenden Charakter
trage, verhandelt werden solle. Es sollen in der nächsten
Sitzung auf die Anträge der verschiedenen Parteien zahl¬
reiche Zeugen vernommen werden.
JUittftftfraii im Silde
Eva Totting
Ist dir Autorin .iser»» heute beginne,«den
'.Xom<in« „“öor den Toren".
Dtabbiner H. £. Tlplnsty,
der besannt« Frankfurter Dtaddinatabeisiher,
ist, 6C Jahre ap, gestorben.
Julius Dtosenrvald, Keyst.
einer der größten amerikanisch-füdisthen
g>hilanthrop«r., ist iebenogefähriich erkrankt.
ttdtfowitftiialifitifctre 3tj&cttfrefVtee!
Während der. „Völkische. Beobachter" zum Neujahrstage
einen im ganzen maßvollen Aufruf von Hitler bringt,
der das Anr
in
verk
scheu „Illustrierten Beobachters" einen antisemiti¬
schen Schmähartikel Hermann Essers, des Mün¬
chener Agitators der Nationalsozialisten, wie er in ähn¬
licher Pöbelhaftigkeit schon lange nicht mehr seinesgleichen
findet. Es ist am besten, diese Probe vom Geist des Dritten
Reiches streck-nweise wörtlich zu zitieren:
„Wir können die Frage, ob der, Jude in Deutschland
weiterhin Staatsbürger bleiben kann und darf, getrost mit
einem „Nein" beantworten, wobei wir nochmals aus¬
drücklich bemerken, datz wir unter „I u d e" den
Hebräer in und außerhalb der Religions¬
gemeinschaft verstanden wissen wollen. In der
Rasse liegt die Schweinerei . . . Der Jude
bleibt, wer er ist, genau wie der Hering, der zehn Stunden
in der laufenden Wasserleitung gelagert wird, sich dadurch
nicht zum Backhendl entwickeln kann. Es bleibt also nichts
anderes übrig, als das Staatsbürgerrecht der
Juden in Deutschland aufzuhebe n."
„Ja, sagt man da, die Juden sind doch auch Menschen,
sie tragen doch auch Menschenantlitz und haben ein Recht
auf Gleichberechtigung. Dem kann man entgegenhalten,
daß ja schließlich auch der Wolf ein Tier ist und es deshalb
noch lange niemand einfällt, ihn mit anderen Tieren, näm¬
lich Schafen, zusammen in einen Pferch zu sperren. Uebri-
gens find die Indianer und die Hottentotten einschließlich
der Menschenfresser auf den Inseln des Stillen Ozeans
auch Menschen und Doch fällt es niemand ein, einen von
ihnen ernstlich zum Minister des Innern oder vielleicht
zum Bürgermeister vorzuschlagen, wobei die Menschen¬
fresser und die Hottentotten, gar nicht zu sprechen von den
Indianern, immer noch tausendmal sympathischere Men¬
schen sind als jene Mißgeburt der Weltge¬
schichte, die sich allen Ernstes berufen fühlt, gleich die
Völker der ganzen Erde aufzufressen oder zum mindesten
sie für alle Zeiten sich dienstbar zu machen."
Einmal so in Fahrt geraten, schließt Esser seinen Artikel
mit einer Serie von Schimpfworten, wie „Gaunerei",
„Ausbeutung", „jüdische Pest" usw. Sein Artikel bewertet
wieder einmal, so bemerkt hierzu die „Vossische Zeitung",
datz man im nationalsozialistischen Hinterhaus noch immer
den alten Gassenjargon spricht, obwohl man sich im Vorder¬
haus feit einiger Zeit bemüht, den „Umgang mit Men¬
schen" einigermaßen zu erlernen. Der feinere Ton der
„Offenen Briefe" und „Kundgebungen" Hitlers bleibt aber
eine Maskerade, solange man Leuten vom Schlage Essers
gestattet, die Ausdrucksweise der Hooligans unter Be¬
rufung auf Hitler anzuwenden.
In dem soeben erschienenen Wunme'vand „Krisis, Ein
politisches Manifest" (herausgegeben von O. Müller), der
durch ein Vorwort des Reichskanzlers Dr. Brüning einge¬
leitet wird und in dem eine Anzahl bedeutender Vertreter
aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, unabhängig von
parteipolitischer Bindung zu Worte kommen, befaßt sich
eine Abhandlung von O. H e r tz , Rassenfrage und Politik,
mit der dutch das Programm der NSDAP.'so „aktuell"
gewordenen R a s s e n f r a g e. Der Verfasser zitiert dabei
einige in der Oeffentlichkeit weniger bekannt gewordene
Sätze aus dem offiziellen Parteiprogramm
der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, die
ein bezeichnendes Licht auf Mentalität, Takt und Selbst¬
achtung der rassischen „Erneuerer" Deutschlands wirft. In
Feders Programm der NSDAP, heißt es (S. 30), datz
„auch nach einer Austreibung der Juden sich genug Juden-
bastarde oder auch N o r m a l d e u t s ch e in ihrer elen¬
den R a s s e m i s ch u n g finden würden, die an die Stelle
der Juden treten und nicht geringer gegen das eigene Volk
wüten würden, als es die ortsfremden Juden
tun" (!). Und weiter (S. -14): „Wir alle müssen uns
darüber klar fein, d a tz mit dem so st a r k v e r b a st a r -
dierten deutschen Volk auf die Dauer nicht
v i e l z u m a ch e n i st" (!).
Dem Ausruf von Hertz, welche Gemeinschaft sich eine
solche Beleidigung, wie die des deutschen Volkes durch diese
völkischen ..Erneuerer" gefallen lassen würde, ist nichts
mehr hinzuzufügen.
3üOif dte Seeßfovgo au dt in ZMfdtvhenr
Bei der zahlenmäßigen Bedeutung der Mischehen im
Verhältnis zu den rein jüdischen Ehen ist die Erwägung
nicht ohne Interesse, wie man wenigstens die den
Mischehen entstam wenden Kinder dem
Judentum erhalten kann. Sicherlich ist eine
rationelle jüdische Bevölkerungspolitik bei der rapiden
Verminderung der jüdischen Seelenzahl darauf angewiesen,
jede Möglichkeit zu erspähen, die gegenwärtige jüdische
Bevölkerung in ihrem Bestände mindestens zu erhalten.
Datz aus Mischehen Heroorgegangene Kinder dauernd der
Gefahr ausgesetzt sind, dem Judentum verlorenzugehen, ist
zweifellos unbestreitbar. Fraglich ist nur, oh und was
von jüdischer Seite geschehen kann, um diese Kinder dem
Judentum zurückzugewinnen. Denn in den meisten
Fällen wird es sich um eine Wiedergewinnung
drehen, weil von vornherein nicht angenommen werden
kann, datz die Kinder aus solchen Ehen jüdisch erzogen
werden. Wenn für eine solche Arbeit der Wiedergewin¬
nung Aussicht überhaupt bestehen soll, dann nur. wenn die
Rabbiner der Gemeinde in der Lage sind, ihren Einfluß
in solchen Familien entsprechend geltend zu machen.
Von vornherein müßte jede Mischehe unter eine
besondere rabbinische Einflußsphäre gesetzt
werden. Das kann nur geschehen, indem dem Rabbiner
von jeder in seinen! Bezirke geschlossenen Mischehe Mit¬
teilung gemacht wird und der Rabbiner fürs erste prüft,
ob es für ihn einen Sinn hat. einen religiösen Einfluß
auszuüben und wie weit ein solcher möglich ist. Ist der
Fall aussichtslos, dann wird auch von einer späteren Be¬
einflussung ein praktisches Ergebnis nicht zu erwarten sein.
Anders liegt die Frage, wenn der jüdische Teil der Ehe sich
der Tätigkeit des Rabbiners tzegenüber nicht absolut ab¬
lehnend gegenüberstellt. In diesen Fällen wird der Rab¬
biner durch Besuche von Zeit zu Zeit den Einfluß stärken
müssen, er wird für ein Erhalten der Verbindung mit der
bezüglichen Familie sargen müssen, um dadurch eintreten¬
denfalls seinen Rat auch bei der religiösen Erziehung der
Kinder angcdeihen zu lassen. Bei einer solchen Arbeits¬
methode werden praktische Erfolge zu erzielen sein. Keine
Aussicht auf Erfolg versprechen gelegentliche Maßnahmen,
insbesondere dann, wenn diese erst so spät einsetzen, datz
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