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Nr. 2 /14. Januar 1932
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Aetfevviefe an -as «.IsvaeUßtfche Famittenvlatt"
9H0(C000Cft von Esricl Carlcbadi
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s, Maria!
Bon Czernowitz war schon die Rede. Es ist eine jüdi-
sche Stadt. Von zwei Bürgern sind anderthalb . . . Juden
und von 100 Geschäftsleuten ... 92. Sie leben in der
Strada Regina Maria.
Strada Maria, — das ist ein Schrank alter Kleider
ohne Türen und init angefaultem „Dach", — einem fahl¬
grauen, wollenzerrissenen Himmel. Strada Maria — da
ragen zu beiden Seiten Stöcke aus den Fronten der Häuser
und treffen einander in der Mitte überm Pflaster, —
Stöcke, an denen die Mäntel und Hosen und Jacken und
Westen der ganzen Bukowina hängen. Strada Maria, —
da hocken hinter den Verstecken dieser alten Kleider wie
hinter expressionistischen Kulissen — Juden.
Ich weiß nicht, wer ihnen das Stichwort gegeben hat,
als ich vor diesen Kulissen auftrat, aber sie sprangen,
aus dem Dunkel und überfielen mich wie einen Sendboten
des Heils. Sie wußten, daß ich nichts kaufen würde.
Juden sind klug, Juden haben dafür einen Blick. Aber sie
sahen ein neues, ein unbekanntes Gesicht und wollten sich
an ihm ... wenigstens versuchen. Es würde ihren Er¬
fahrungsschatz bereichern. Es würde ihre psychologischen
Kenntnisse erweitern.
Denn ich bin ein Einzelgänger. Ich trete nicht, wie
die Bauern, en ma88e auf, ich bin nicht, wie,sie, nach dem
Schenra zu behandeln. Ich bin ein relativ neuartiges
Versuchsobjekt.
Bauern nämlich wagen sich in die Strada Maria nie
allein; immer nur in kleinen Häufchen. Bauern werden mit
Anreden ä la „An mein Volk!" herangelotst. Sie stehen
dichtgedrängt, zwanzig, dreißig um einen Juden herum,
sie hören sich an, was er ihnen von den Qualitäten des
alten Schuhs erzählt, den er da in der Hand herumdreht,
über den er Wasier gießt, umack oculos zu demonstrieren,
daß er fast gar keine Löcher in den Sohlen hat, — sie wer¬
den mit marktschreierischer Pose gezwungen etwas zu
kaufen. Man weiß, wie man es mit ihnen anzustellen
hat. 'Bauerngesichter sind nackt,— man erkennt an ihnen
sofort, ob sie nur jum Zugucken oder mit speziellem Inter¬
esse für eine bestimmte Art Ware gekommen sind. (Ach,
rote nackt sie sind, die Bauerngesichter! Eckige Stirn¬
knochen. klar unter den Brauen liegende Augen, glatte
seifte Backen ... zum Fürchten nackt und deutlich.)
Trotzdem: Einen einzelnen Bauern in Bearbeitung zu
nehmen, wie er zwischen den Kleiderschränken unter freiem
Himmel herumschlendert, — das lohnt nicht. Ihm steht
die Ablehnung, das frostige Nein zu deutlich in den Zügen.
Man muß ihn im Haufen provozieren. Man muß ihn da
packen, wo ein Bauernjunge nun einmal zu packen ist, —
bei seiner Großmannsucht.
Wenn ein paar Frauen, ein paar Mädchen, denen er
imponieren will, mit im Gedränge sind, dann provoziert
man ihn, stichelt ihn freundschaftlich — oder versucht, je
nachdem, seinem Ehrgeiz zu schmeicheln. Dann wird
der Bauer ar.fangeu zu — schimpfen. Er steht inittvu
im Haufen, holt langsam eine sorgsam vergrabene Hand
aus der Pelzjacke, deutet auf den Schuh des Juden und
brüllt: „Schund, Mist, — alles Lüge, was der Jude sagt."
Oder: „Wie dein Bärtchen zappelt, alter Jude." Oder:
„Deine Sara hat dich gerufen, Jüdchen!" Dann lachen die
anderen Bauern. Dann kichern die Mädchen und es bildet
sich um den frechen, den großmännischen, von der Großstadt
gar nicht eingeschüchterten Jungen ein kleiner luftleerer
Raum, — Zeichen der Verehrung,quas, der Distanz, die die
Drape der Zuschauer dem Schauspieler gibt. Und dann ist es
Aufgabe des Juden, den Bauernjungen in seine Rolle
immer weiter hineinzudrängen, immer dümmere Ant¬
worten zu geben, damit es dem Bauern immer leichter
fällt „witzig" zu sein. Wenn seine Spötteleien schließlich
aber ganz roh geworden sind, wenn die Mädchen kreischen
vor Lachen, wenn er der unbestrittene Mittelpunkt des
Haufens geworden ist, und der Jude das unbestritten
traurige Objekt bedauernswerter sturer Schimpfereien, —
dann spielt der Bauer seinen letzten Trumpf aus: Er
kauft.
Er kauft den Schuh, von dem er eine halbe Stunde lang
behauptet hat, der sei aus seinem, bei Gott aus seinem
eigenen Misthaufen he musgezogen, der Jude stinke ja
noch danach, — das sei der Schuh, den schon seine Gro߬
mutter nicht einmal an ihrem Sterbetage habe tragen
wollen, das sei derselbe, den dann die Röchele des dreckigen
uden ein halbes Jahr lang getragen habe, — diesen
"uh kauft er. Nobel wie er ist.
Und er verzieht sich dann mit seiner Familie in eine
Straßenecke und brüstet sich: „Alles Schwindel, —■ ganz
hervorragendes Leder,-habe es ja dem Juden nur
abluchsen wollen, — — er soll mit dem Preis herunter-
gehen müssen,-sind ausgezeichnete Schuhe, — das
Dreifache wert." Er und seine Familie lachen sich ins
Fäustchen.
Aber der Jude von der Strada Maria steht inzwischen
schon wieder in einem Haufen und läßt sich schon wieder
bis zur Sinnlosigkeit beschimpfen. Wahrscheinlich hat er
eine unverheiratete Tochter zu Hause und muß sie ..aus¬
geben" ...
Das sind die Verkaufsmet-hoden der Strada Maria.
Dieselben, von denen der Professor Cuza nachgewiesen hat,
daß sie anmaßend wie sonst keine sind, — ausgeübt im
Bewußtsein der „Auserwühltheit" dieses arroganten
Volkes.
Der eigentliche Preis, mit dem der Bauer bei dir be¬
zahlt, o Maria, sind die Fußtritte, die er dein Juden in
coram publico versetzen darf ...
Stolzes Geschlecht.
Es ist klar, daß so eine ganz besondere Art von jüdi¬
schem Selbstbewußtsein wachsen muß. Die nämlich, all
jene täglichen Erniedrigungen nicht als Erniedrigungen,
sondern als eigene, selbsterfundene „Spitzfindigkeiten"
aufzufassen.
Wenn 70 000 Juden jede Stunde ihres Arbeitstages,
Jahr um Jahr angespien und verspottet werden, dann
können sie entweder, wenn sie geistig dazu fähig sind, sich
vom Alltag ganz und gar distanzieren, sich in die Beth-
Hamidraschwelt flüchten, oder sie miisseit, wenn sie es über¬
haupt überstehen wollen, „hintenherum" ihr eigenes Ich
stützen. Deshalb reden sie sich ein: Was die Bauern uns
antun, geschieht gar nicht aus Judenverachtung und mach'
Ist ein lustiger Kerl. Ein
uns auch nicht verächtlich. Nicht die Bauern, sondern w i r
sind die Erfinder jenes Gesellschaftsspiels: „Juden-
Bespucken". Wir, wir Juden, Haben es aus Freundlichkeit
gegen sie erfunden. Weil es ihnen Spaß macht und wir
daran interessiert sind, sie guter Stimmung zu wissen ...
So erlebe ich da folgendes:
Ich sitze in einem llhrmacherladen an der Strada Maria.
Die beiden Gehilfen im dunklen Hinterraum der Werk¬
statt singen Zoten. Ein jiddisches Theater hat sie aus dem
dunkelsten Amerika importiert. Der alte „Meister"
brummt, wie um sie zu übertönen, eine Jom-Tow-Melodie.
Alle drei arbeiten dabei, die Lupe im Auge, ziemlich flink.
Die Tür geht auf, ein Bauer kommt. Draußen hat er
seinen Wagen stehen und zeigt auf ihn: da liegt eine große
Standuhr. Ob der Alte die reparieren könne. Ja? dann
solle er sie hereinholen lassen.
Die beiden Gehilfen stehen auf, klettern auf den Leiter¬
wagen, schleppen die Uyr heran. Der Bauer sieht ihnen
von der Tür aus zu. Kaum aber überschreiten die beiden
die Schwelle, gerade wollen sie die Uhr im Laden nieder¬
setzen, da faßt der Bauer nach ihr, sagt: „Kaputt ist kaputt"
und rollt sie wie ein Riesenfaß auf den Werkstatt-Tisch zu.
Alles fällt um. Gläser, Uhren, Lupen zerbrechen. Tau¬
send Scherben liegen am Boden. Der Bauer steht breit
davor und lacht, lacht satt und laut.
Mein Alter aber, der „Meister", steht daneben und-
lacht auch. So, als hätte er sein Lebtag noch nichts Lusti¬
geres gesehen. Er hustet und keucht und je heftiger er das
tut, — desto mehr amüsiert sich wieder der Bauer.
Die beiden Gehilfen beißen die Lippen zusammen und
ballen die Fäuste. Aber: sie schweigen.
Dann, der Bauer ist endlich verschwunden, sage ich zum
alten Uhrmacher:
„Ohrfeigen hätte man ihm geben müssen
Und der Alte: „Wieso? — Ist ein lust
sehr feiner Mensch."
„Aber wer bezahlt denn den Schaden, den er da an¬
gerichtet hat?"
„Was heißt das? Er natürlich..." l
„Bei dieser einen Reparatur?"
„Nein, im Lauf der Zeit ... Meinst du, der geht in
seinem Leben noch einmal zu einem anderen Uhrmacher?
Ausgeschlossen. Wo ich kein Wort gesagt und so heftig
dazu gelacht habe ..."
Ein soziattsttfchrr Rabbi.
Spürer, am Nachmittag, erzähle ich diese Geschichte
einem sehr bekannten Rabbi. Ich habe mich, wie ich bei
ihm sitze, noch immer nicht ganz beruhigt über diese würde¬
lose Bereitschaft der Juden von der Strada Maria, den
Clown, den geprügelten Hund der anderen zu spielen.
Aber der Rabbiner sieht nicht ein, warum das schädlich
oder gar schändlich sein soll. Man hat sich eben, seiner Mei¬
nung nach, von vorneherein damit abzufinden, daß Juden
in diesem Land keine Menschenrechte besitzen und nie wer¬
den erwarten dürfen, daß sie ihre Existenz nur dem latenten
Bedürfnis der anderen nach einem Sündenbock und einem
Hofnarren verdankey.
„Ja", sagt der Rabbi dann unvermittelt, — „wenn
wir eine vernünftige, akzeptable Sozialdemokratie
hätten ..."
„Warum gerade Sozialdemokratie?"
s.Dann könnten wir wenigstens demonstrieren. Wie
Rabbi Baruch Meisels ..."
Und er erzählt mir die bekannte, allzubekannte Ge¬
schichte vom ersten Abgeordneten des österreichischen
Reichsrates, der galizische Juden zu vertreten hatte, Rabbi
Meisels. Der setzte sich bei der Eröffnungssitzung auf eine
der linken Parteibänke und als da ein Minister vorbei kam
und erstaunt, einen Geistlichen auf dieser Seite des Hauses
zu sehen, ihn fragte: Nanu, Herr Rabbiner. Sie auf der
Linken? — antwortete er: Ja, Herr Baron, weil wir
Juden ja keine Rechte haben ..."
Es ist das, so versichert mir der Rabbi, augenblicklich, die
populärste Anekdote der jüdischen Bukowina.
Komisch eigentlich: denn sie ist ja wirklich uralt. Aber
gerade diese Tatsache ist bezeichnend dafür, daß die Er¬
kenntnis, wir Juden hätten keine Rechte, dürften sie aber
doch fordern, — etwas für die jüdische Bukowina Neues,
bisher Unentdecktes hat ...
Der Minhag.
Gespräche über „wir und sie" solcher Art, die ich in
Czernowitz zu Dutzenden führe, müssen unweigerlich in
eine Schilderung münden. In eine Schilderung der letzten
Pogrome.
Eines von ihnen hat bestimmt jeder miterlebt, und
wenn nicht er selbst, dann seine Verwandten, von denen
er es so oft hat beschreiben hören, denen er es so bäufig nach-
erzählt hat, daß er selbst schon nicht mehr geirau weiß: ist
es ihm nun wirklich am eigenen Leibe widerfahren oder
nicht. Schließlich ist das ja auch egal.
Pogromschilderungen sind an sich keine vergnügliche
Sache. Nicht einmal lehrreich sind sie. Wenigstens nicht
für jemanden, der dabei keine Parallelen zwischen dein
einen und dem anderen Land ziehen kann.
Ich aber habe schon so oft diese Panik-Stunden aus¬
malen hören, — von Palästinensern und Ukrainern, von
Weißrussen und Polen, — daß ich allmählich lerne: Po¬
grome sind eigentlicher, detaillierter Ausdruck der Vari¬
anten der Judennot in den verschiedenen Ländern.
Es gibt da Bräuche, Moden und Methoden, die be¬
zeichnend sind. In Deutschland - - Friedhofsschändungen
und in Rumänien — Aus-der-Straßenbahn-Werfen. In
Rußland — Melancholisch-abfchlachten, im Orient —
Frauen vergewaltigen. Es hat jedes Land seinen uralten
„Minhag" und hält an ihm fest.
Und es drückt sich in den Methoden des betreffenden
Landes auch etwas ganz Bestimmtes, Spezifisches aus. Bei
aller Gleichartigkeit des traurigen Ergebnisses für uns.
In Rumänien, zum Beispiel, können sie den Juden nicht
... sehen. Sie brauchen nicht, wie in Rußland, irgend¬
einen ärgerlichen Anlaß zum Pogrom, sie stürzen sich nicht,
wie in der Ukraine. — nach dem Ritus Chmelnieki. - nur
geschlossen auf geschlossene Siedlungen — es genügt dem
Rumänen ein einzelner Jude, der ihm, weiß Gott warum,
irgendwie ekelhaft vorkommt.
Es sitzen einander, zum Beispiel, ein Soldat und ein
Jude in der Bahn gegenüber. Stundenlang. Beide
schweigen. Beide scheinen einander gar nicht zu stören.
Plötzlich steht der Soldat auf, öffnet die Waggontür und
wirst den Juden di« Böschung hinunter. Wie um sich
Luft zu machen.
Das wäre in Rußland undenkbar gewesen. Das hätte
der Durcbfchnittskofak für vollkommen überflüssig und
unnütz ge-yalten. Es hätte ihm auch kaum irgendwelchen
Spaß gemacht. Er braucht lange Vorbereitung, er will
das Vergnügen gründlich auskosten, er will den Juden
bitten, schreien, rufen, weinen hören, — fönst kommt er
nicht in rechte Stimmung. (Es sind Hunderte von Fällen
bekannt geworden, in denen Petljura-Soldaten, wenn die
Juden vor Schreck stumm blieben und nicht auf die Knie
sielen, einfach die Lust verloren und fortgingen.) Und
diese »Stimmung", die der Kosak unbedingt braucht, ist bei
weitem keine an sich grausame. Im Gegenteil. Man
müßte sie-rührselig nennen; ähnlich der, die ihn nach
vielem Saufen überkommt. Kosaken haben Juden, mit
deren Schädeln sie „nachher Ball spielten „vorher" „Guter
Bruder!" genannt. Und es vielleicht ganz ehrlich gemeint.
Rumänen dagegen sind beim Pogrom wie in Trance.
Ihr eigentlicher Wille scheint ausgeschaltet. Sie schassen
sich, — wie Kranke, um ins Freie zu gelangen, Bärenkräfte %
bekommen können, — reine Luft. Sie sinken sofort wieder *
zusammen, wenn der Jude, der ihnen im Weg zu stehen
schien, fortgeräumt ist. Sie zünden eine Stadt an und
sind, sobald die Flammen hochschlagen, beruhigt. Sie
halten Versammlungen ab, sehen einen Juden am Presse-
tisch, prügeln den wund, werfen ihn hinaus und-
tagen weiter. Sie denken gar nicyt daran, wie das in
anderen zivilisierten Ländern selbstverständlich wäre, jetzt
animiert auf die Gasse zu ziehen und noch mehr Opfer
zu suchen. Sie haben den Jrcden nicht sehen können und
ihn fortgeschafft. Ihre Seele hat Ruh'.
All das sage ich natürlich nicht, um nun theoretisch zu
untersuchen, welche Art von Pogromen „besser" ist,
wünschenswerter, angenehmer. Es genügt vollkommen
seftzustellen:
Diese Art der latenten rumänischen Pogrombereitschaft
wirkt sich auf die jüdische Siedlung, aus die Psychologie des
Einzelnen und der Maße, deutlich, überdeutlich aus. In
der Bukowina und in Vesiarabien, — vorausgesetzt, daß da
nicht etwa Russen oder Ukrainer sitzen, daß man es mit
Rumänen zu tun hat, — ist unter den Juden st ä n d i g e
Furcht vor dem Pogrom. In Ktschinew und Czernowitz
herrscht eigentlich nie jene Vertrautheit, jene Freundschaft¬
lichkeit der Beziehungen zum Bauern, die in Rußland
schon am Tage nach der Judenschlacht wieder aufkommen
konnte. Man ist immer auf dem Qui vive.
Denn man kann ja hier gar nichts vorausahnen. Es
gtbt nicht einmal die Erscheinung der „Pogromwelle", der
sich fortpflanzenden antisemitischen Stimmung, deren
Herankommen, Ansteigen und Abflauen sich beobachten
läßt. Spontan, vesuvartig bricht es auf und sinkt spurlos
wieder in sich zusarnmen.
Es braucht nichts passiert sein (man verzichtet aus
Ritualmordlegenden, ja sogar die Popen verzichten auf
hetzerische Reden, — überall sonst von Kairo bis Krement-
schüg unerläßliche Eröffnungstoaste), es steht einer plötzlich
unvermittelt auf, erschlägt einen Juden und setzt sich wieder
hin.
Wie sich mir all bas aus den Schilderungen heraus¬
kristallisiert, — verstehe ich mit einem Mal eine Begeg¬
nung, die ich mit einem besiarabischen Juden schon in Buka¬
rest hatte.
Der erzählte:
„Sie sitzen bei uns abends in den Häusern. Niemand
geht auf die Straße. Man wagt nicht zu schlafen. Man
läßt die ganze Nacht das Licht brennen. In manchen Dör¬
fern brennt man große Feuer und versammelt sich rings¬
herum ..."
Ich fragte naiv: „Warum das? Ist denn etwas
passiert? Wird bei Euch so gehetzt, daß Ihr Angst habt?"
Und der Mann aus Beffarabien:
„Gehetzt? Nein. Passiert? Nichts. Aber es sind
Rumänen in die Gegend gekommen. Soldaten. Irgend¬
wann werden sie doch losgehen. Bestimmt. Fragt sich nur:
wann. Und da brennt man eben Feuer, damit man es
wenigstens gleich steht, — wenn es beginnt :.
Und zu alledem: die Armut.
Das schlimmste aber ist: die Bauern, die Rumänen sind
nicht allein schuld an der unwürdigen Haltung der
Juden und daran, daß sich unter solchen Umständen nur
ganz gedämpfte Geistigkeit, nur recht dubioses sittliches
Niveau erreichen lasten. Ebensoviel, noch mehr Schuld
daran trägt: die Armut.
Das sagt sich so hin. Man ineint heute auch in West¬
europa, davon aus eigener Erfahrung einen Begriff zu
haben. Das Wort „Massenelend" ist abgegriffen. Man
wendet es auf Zustände an, die nach rumänischem Maßstab
exakter „paradiesisch" zu nennen wären. Zum Beispiel
aus die deutschen ...
Es sagt sich so leicht: Tausende sterben vor Hunger.
Man behauptet ähnliches auch von Polen. Aber noch
Polen ist, verglichen mit Rumänien, ein reiches Land.
Ein Beispiel dafür, eine Geschichte:
Es ging da vor ein paar Monaten ein Mann durch
Transsilvanien, den hatte die Gemeinde Borscha geschickt,
Geld für die Pogromopser zu sammeln. (Man entsinnt
sich des Falles Borscha. Bauern hatten eine ganze jüdische
Stadt eingeäschert.) tledevall im Lande, wie eigentlich
überall in der ganzen jüdischen Welt, hatte man namen¬
loses Mitleid mit den Obdachlosen, immer noch Gefährde¬
ten. Man hielt Reden für die Opfer von Borscha. inan
sammelte. — aber es kam natürlich nicht viel dabei heraus,
wenn auch alle ihr bestes taten. Kaum, daß der Bote
damit Weiterreisen konnte.
Jakob Riesel hieß der Bote. Er ging von Dorf zu
Dorf und erbettelte Gaben für Borschn. Er bettelte herz-
erweichend. Er wollte nicht leer wieder nach Haus zurück¬
kommen.
Auf der Landstraße nach Himboca hat den Jakob
Riesel ein Bauer erschlagen. Nach rumänischem Minhag
Weil ihm der Jude „zu viel" war, das Panorama störte.
Munteanu hieß der Mörder. Er fand in den Taschen
des Boten von Borscha den ganzen Saininelüberschiv' der
letzten zwei Monate. Er fand 7 Lei.
Sieben Lei, das sind 21 Pfennig.