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„Wärst du nur bei deinem Iudennmgen geblieben,
der dich so schön über deine adlige Abkunst aufgeklärt
Hai", fiel vcm Salland ihr zornig ins Wort. „Bin ich
dafür nach Paris gekommen? Habe, ich dafür meine
schöne Karriere im Stich gelassen — bloß um das Ge¬
quengel anzuhören? Wenn du dich etwas beruhigt hast,
komme ich zurück: ich werde inzwischen auf der Terrasse
eine Zigarre rauchen.
Brüsk war er weggegangen, die Tür knallend hinter
sich zuschlagend. „Verdammt nochmal!" dachte er. „Das
rst der Anfang vom Ende. Der Alte hat recht — Iud
und Christ, Lumpen und Adel passen nicht zusammen.
Muhte ich mir darum soviel Unannehmlichkeiten machen!
Der Alte schickt keinen Cent mehr. Ich wollte ... Aber
-sie ist verflucht hübsch! Hm, was tun? Das Abenteuer
ist nun mal begonnen — jetzt schon Schluß, zu machen,
wäre . . . Aber der Alte besteht darauf. Er schreibt
immer, ich sofl>imich von der Jüdin scheiden lassen ...
Ich glaube sogar, es wäre . . . Aber nur keine Über¬
stürzung. .
Ein Weilchen -später war er steundlich und ver¬
söhnlich zu Mirjam zurückgekommen.
*
Das brausende Leben in den mondänen Theatern,
im Ousino 6e Paris, den Eolies ber^öres, in den , Opern,
die sie besuchten, hatte bald ihren ersten Zwist ver¬
gessen lassen. Die Bilder aus der Vergangenheit: Arthur.
Keile und Selig, begannen, je langer desto mehr, sich
Zu verflüchtigen. Die Gier nach Genuß und Wohl¬
leben hatte auch Mirjam ergriffen . . .
Hendrik van Salland begann «seinen Schritt aber
immer mehr zu bereuen, vor allem, weil fein Merl
Herr sich hartnäckig weigerte, Mm irgendwelche finanzielle
Unterstützung zukommen zu lassen. Und Geld hatte er
nötig wie das liebe Brot. Die teuren Appartements,
die sie auf den Champs Elysees gemietet hatten, ver
schlangen allein das Einkommen eines bürgerlichen Haus¬
halts . . . „Ich pfeife aus dem letzten Loch: keinen
Sou habe ich mehr m der Tasche: die Lieferanten laufen
«sich die Hacken ab um ihr Geld — und der Alte rückt
nichts heraus . . . Nicht dumm von ihm! Wie feine
Vorfahren die Städte durch Hunger zur Uebergabe zwan¬
gen, so will auch er mich in seine Gewalt kriegen. Ein
guter strategischer Zug von dem Alten!" dachte er mit *
Galgenhumor. „Wenn ich Mirjam aufgeben muß, so
ist das nicht meine Schuld — es ist force majeure —
das Weichen vor der Uebermacht — es ist Abzug mit
Trommelschlag und fliegenden Fahnen!"
So -suchte er sein Gewissen in Schlaf zu lullen. Er
war zu faul und zu träge, zu sehr verwöhnt, um auch nur
einen Augenblick daran zu denken, «selbst ihren Lebens¬
unterhalt zu erwerben. „Es ist schade um Mirjam", dachte
er, „aber wenn ich nicht mehr da bin, dann wird sich
«schon leicht ein anderer für sie finden . . . Heute mittag
werde ich sie langsam auf unsere Scheidung vorbereiten.
Der Alte macht den Vorschlag, Mirjam mit hundert¬
tausend Gulden abzusinden — ein hübsches Sümmchen,
damit kann sie gut einen andern und besseren jungen
Mann bekommen als einen entlaufenen Offizier. Hätte ich
nur auf die andern gehört! Doch ich war blöd, när¬
risch . . . Zuerst meinte ich, ich könnte dem Alten trotzen.
Aber mein Vater hat den Geldschrank . . . Bleibe ich
Mirjam treu, dann können wir am Hungertuch nagen,
Armut leiden, bis wir «schwarz sind. Nichts für sie
und auch nicht für mich. Immer langsam voran . . ,.
Erst Vorposten aussetzen — sondieren, wie sie die Schei¬
dung aufnehmen wird . . . Die hunderttausend Gulden
vom Alten sind auch nicht zu verachten . . . Sie wird
vernünftig sein. Es ist ja schade um sie und mich . . .
Verzwickte Situation, wo der Alte solch ein Ultimatum
stellt . . . Wenn fie einen Ur-Urgroßvater gehabt hätte,
der unter Flo.ris V. ein paar Ritter im Turnier in
den Sand gestreckt hätte, dann wäre noch mit meinem
Vater zu reden gewesen — dann wäre sie von acht-
zehnkarätiaem Adel. Der jüdische Adel, von dem sie
faselt — da gibt der Alte keinen Kupsercent drauf ...
Schade — aber es muß fein. Verhungern können wir
nicht. Also Scheidung — der Alte hat recht ..."
So hatte van Salland «sein Gewissen eingeschläs-
fert. Mittags war er zu Mirjam gekommen. Aeußerst
lieb und «sanft hatte er auf sie eingesprochen — Pläne
entworfen, wie «sie den Abend verbringen wollten.
Es war Miriam nicht entgangen, daß feit einiger
Zeit eine gewisse Abkühlung in seiner Haltung ihr gegen¬
über eingetreten war. So hatte sie ihn jetzt in freudigem
Erstaunen angeblickt. Wie schlecht war es von ihr ge¬
wesen, ihn im Verdacht der Untreue zu haben! Erfreut
halle sie seine Hand ergriffen und zärtlich gedrückt. O, es
war «sehr, sehr lieb von ihm, daß er so gut zu ihr
war — aber von Aussehen, von Theaterbesuchen konnte
jetzt keine Rede mehr fern. Erriet er den Grund nicht?.
Van Salland blickte «sie verwundert an. Was war
denn das mit Mirjam — wie seltsam tat sie — warum
toar sie so froh darüber, daß sie nicht mehr ausgehen
würden? —
Da hatte sie ihm etwas ins Ohr geflüstert — hatte
ihm gesagt, daß sie von nun an ernster werden, ruhig
auf ihren Zimmern bleiben würde — daß das gehetzte
Leben in Paris ihr zu 'widerstehen begann — daß
etwas anderes in ihr Leben kommen würde — etwas
Schönes, etwas Zartes . . .
Entsetzt, totenbleich war van Salland aufgesprun¬
gen. Die Augen vor Schreck weit aufgerissen, starrte er sie
an. „Sag*, daß es nicht wahr ist!" schrie er, mit er¬
hobener Faust ihr entgegentretend. „Verteufelt! Sag',
daß du schertest! ,Es darf nicht wahr sein — kann
nicht wahr sein! Das Kind würde uns eine Last, ein
Klotz am Bern «sein. Mein Vater verlangt, daß wir
uns scheiden lassen!"
Entsetzt sah Miriam den. Elenden an. Die Schuppen
fielen ihr von den Äugen . . . Sie sah jetzt van Sal¬
land, seines Flittergolds entkleidet: sie begriff, daß er
mit ihr gespielt hatte. Einen Blick voll Verachtung warf
sie auf ihn — und er schlug beschämt die Augen nieder.
„Vergib mir. Liebste", hatte er gestammelt, „ich
war brutal, war zu übereilt — aber deine Mitteilung
kam gerade im ungeeignetsten Augenblick. Heute früh
habe ich einen Brief von meinem Vater bekommen,
worin er «sich weigert, mir einen Scheck auf armselige
laufend Gulden zu senden, um den ich geschrieben hatte.
Die tausend Gulden hatte ich nötig, um die Miete
für das letzte halbe Jahr, die wir noch schuldig sind,
bezahlen zu können. Diese tausend Gulden würden ein
Tropfen auf den heißen Stein sein. Bitterste Armut
erwartet uns, wenn ich meinem Vater noch länger trotze.
Der Alte weigert «sich, auch nur einen Sou zu geben,
«solange ich — solange ich nicht als reuiger Sünder zu¬
rückkehre. „Sieh mal, Liebste", fetzte er in unsicherem
Ton fort, „es ist «schwer, gegen die Uebermacht zu
kämpfen. Wir müssen vernünftig sein. ' Ohne die Hilfe
meines Vaters können wir nicht leben — werden wir
dem größten Elend überliefert. Gäbe v es nicht diese
Uebermacht — niemals, niemals würde ich dir zur
Scheidung raten: aber wo mein Vater die hundert¬
tausend Gulden in bar und ein festes jährliches Einkommen
von zehntausend Gulden bietet, muß ich dir selbst emp¬
fehlen, dieses fürstliche Angebot anzunehmen. Bleiben
wir zusammen, dann ist unser finanzielles ddbäcle un¬
vermeidlich. Lassen wir uns scheiden, dann ist das für
dich die beste Lösung — bist du für dein ganzes Leben
versorgt, während du an meiner Seite nur Armut
zu gewärtigen hast. Es ist ein Jammer, aber . . ."
Van Salland konnte nicht zu Ende reden. Hoch
aufgerichtet. die Augen von edler Empörung flammend,
wie eine Königin stand Mirjam vor ihm. Abweh>rend,
als wäre er etwas ganz Unreines, streckte fie die Hand
gegen ihn aus.
^Fortsetzung folgt,)
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wird auf Wunsch der bisher erschienene Inhalt des
Romans „Um den alten Glauben" durch die Geschäftsstelle
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