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In dieser Beilage sollen fremde Urteile
über jüdische and antijüdische Probleme *o
Worte kommen. Unsere eigene Ansicht deckt
■.ich mit Jen hier wiedergegebenen nur da,
wo wir dies ausdrücklich bemerken.
Die Redaktion
Es ist gar nicht so uninteressant, über
die Ereignisse des Monats einmal mit
fremden Augen Rückschau zu halten. Man
erinnert sich dann nicht nur der Gescheh¬
nisse selbst, sondern auch der Gesichtspunkte,
die von „den Andern" aller Schattierun¬
gen eingenommen werden, man lernt
etwas von den Wellen kennen, die uns
speziell interessierende Dinge außerhalb
der jüdischen Welt schlagen.
Da waren, vor jetzt vier Wochen, die
Berliner Universitätsunruhen.
Vom .»Svensßa Dagbladet" der größten
schwedischen Zeitung her gesehen, „Die
Niederlage deutscher Kultur" schlechtweg.
Sie beschließt längere Ausführungen über
den deutschen Hochschulantisemitismus mit
der Feststellung'
Wenn man mau der zunebinenden Ver-
Wilderung innerhalb der Universitär, die die
skandalösen Vorgänge in Berlin bloßgelegt, mit
dem festen Vorsatz entgegcntritt, ihr ein Ende
zu machen, dann wird diese Universilätsjugcnd
Deutschland Schaden zufügcn, wie sie sic weder
die Fremdherrschaft, gegen die Fichte schrieb,
noch der Betrug, unter dem das iehige Deutsch
land leidet, verursachen konnten.
In München, bei der „Post", spürt
man diesen Schaden schon konkret:
Entrüstet und empört äußerten sich die
Fremden über die Skandale der Hakenkreuz¬
rowdys. Die Gaststüttenbesitzer selbst muhten
sebcn, das; ihre Gäste sich beizeiten in ihre
S otels zurückzogen, um nicht unschuldig in diese
kandale verwickelt zu werde». Man brallcht
sich deshalb nicht mehr zu wundern, lvenn der
Frcindenstrom nicht durch München, sondern
an München vorbei gebt. Wenn nicht die
StaatSautorität sich gegen Empörer und Ge-
sctzesverräter dnrchznsctzen vermag. . . . dann
stent den Münchener Geschäftsleuten ein sehr
schlimmer Sommer bevor.
Aber solche Hinweise helfen ja bekanilt-
lich nicht viel. Selbst nicht, wenn sie von
Gorki kommen, selbst in Rußland nicht,
auch nicht, wenn sie im offiziellen Sowjet¬
organ, der „Prawda“, stehen. Da weift
der Dichter auf Pilniak, einen modernen
russischen Schriftsteller, hin, sagt, daß der,
als Antisemit
ein prinzipienloser Mensch ist, dem die
Knltnrlosigkeit seiner Anfälle nachzuweisen
nutzlos iväre. Aber der Hinweis auf den Nie¬
dergang der deutschen Hochschulei; mus; für die
Oeffcntlichkeit genügen, um Leute abzuurteilen,
die mit ähnlichen antisemitischen Tendenzen
das "ulturelle Prestsge Rußlands gefährden
wollen.
Eigentlich sind also überhaupt alle
gegen das Rowdytum. Sogar die Rowdys
selbst. Auch der „Westdeutsche Beobachter"
ist
empört über die . . . jüo.sch-marxistischen. ...
Mißbräuche der akademischen Freiheit. . . . und
die Stürm,, geordneten L"hrbetricbs.
Aber das wie alles mdere gilt eben
nur für die Rauflustigen auf der Gegen¬
seite . .
In der gleichen Woche verbot Braun-
schweig das Schächten', um die Not¬
wendigkeit der Eigenbrötelei zu beweisen
und gegen den Einheitsstaat zu demon¬
strieren, auch für Geflügel. Ueber das
Thema ist schon genug gesagt worden, —
ohne jeden Nutzen, aber trotzdem geschah
es jetzt zum erstenmal, daß ein nichtjüdi¬
scher Schlachthosleiter von Nus aus eigener
Initiative diesen Anlaß ergriff, um zu
protestieren. Obertierarzt Dr. Max I u -
nak schrieb in der „Bossischen Zeitung":
Am l. Juli tritt ein Schächtverbot in
Braunschweig in Kraft.
Nach meinen vierjährigen Erfahrungen aus
dem Berliner Schlachtvos, an deni jährlich
Tausende erwachsener Rinder geschächtet wer¬
den, verlangte ich im Mai 1927 in der Deut¬
schen Schlachthofzeitung linier eingehender Be¬
gründung „Mehr Wissenschaft tn der Schächt-
1. Wenn die bedeutenden Physiologen der
Welt, darunter der Nobel-Pretsträger Krogh-
Kopenhagen, 1927 erklärten, daß die Schäch-
tung „jede berechtigte Forderung der HumanE
tät erfüllt", kann man nicht agitatorisch Frauen
und Kindern, die von reflektorischen Bewegun¬
gen. s.
wissen,
Schlachthäusern demonstrieren.
2. Nach dem vorschriftsmäsiig ausgeführten
Schächtschnitt tritt sofortige Bewußtlosigkeit,
also Betäubung, ein.
3. Die als Ersatz für den sofort betäuben¬
den Schächtschnitt empfohlene elektrische „Be¬
täubung" i st gar keine Betäubung.
. . . Der vielleicht ungünstige Eindruck der
Vorbereitung zum Schächtschnitt an manchen
Orten ivird restlos durch den Welnbergschen
Apparat beseitigt, der in verwandter Form
schon seit vielen Jahren als Operationstisch
nach Vtnsot erfolgreich in der Tiermedizin ge¬
braucht wird.
selbst enthaupteter ... Tiere, nichts
. die Greuel der Schächtung in den
Aber „Macedonia“ in Saloniki selbst
erklärte:
Das Komitee der nationalen Organisatio¬
nen, zu einer ordentlichen Sitzung zusammen¬
getreten, hat die Lage geprüft und festgestellt,
das; kein Mitglied der ihm angeschlossenen
Bünde sich eiNer Ruhestörung schuldig gemacht
hat.
Das geschieht am gleichen Tage, an dem
„Daily Mall“ berichtet:
... Die gesamte jüdische Bevölkerung der
Stadt wird ausgerottet weiden, wenn die
Regierung nicht sofort einschreitet.
Und die Regierung? — Ihr offizieller
Pressedienst schreibt in Athen:
Die Informationen, die M. Ealobristiana-
kis, der Polizcidirektor von Saloniki, der
Regierung übermittelt hat, ... lauten dahin,
das; . . . zwar kleine Zusammenstöße zwischen
Komitatickns und Juden stattgesunden haben,
. . . das; aber kein Anlas; zu polizeilichen Maß-
navmen daraus entstanden ist. Immerhin bat
der Regierungschef (Venizelos) den Polizeiprä¬
sidenten dazu ermächtigt, wenn ihm das nötig
erscheint, den Belagerungszustand zu ver¬
hängen.
Einerseits also ist nichts passiert, —
andererseits aber wird man den Belage¬
rungszustand verhängen, was man dann
ja auch getan hat und was die einzige
polizeiliche Maßnahme geblieben ist.
Dann hat inan sogar, — obwohl ja
. nichts passiert" war, — 500 000 Drachmen
Entschädigung bewilligt. Und dem..085er-
vatvrekkomano"»der Zeitung des Papstes,
ist offensichtlich eine Unvorsichtigkeit pas¬
siert (oder ist er vor lauter Faschistenfeind¬
lichkeit — judenfrenndlich geworden?), als
er schrieb:
Der Schaden, . . . den die Juden von Salo¬
niki erlitten haben, ... beläuft sich mindestens
auf zlvei Millionen Drachmen. .. . ivelche Per
lüfte sic aber für die Zukunft, ... als Folge
dieser Vorfälle noch zu erleiden haben werden,
... ist gar nicht abzuschätzcn. Demgegenüber
bedeutet es nicht mehr als eine Geste, wenn
man ihnen jetzt 5>00 000 Drachmen zur Ver¬
fügung . . . gestellt hat.
Inzwischen ist, was Griechenland recht
— Mexiko billig, sehr billig geworden.
Die Judenverfolgungen dauern an und
als der mexikanische Expräsidcilt nach
Wien kommt, fragt ihn ein Reporter vom
„Reuen Wiener Journal" nach dem Anti¬
semitismus.
Zunächst malt sich Erstaunen auf den Zügen
von Portes G i l aus, und er fragt noch¬
mals. Dann aber erklärt er dezidiert: „Der
Begriff des Antisemitismus ist dem Mexikaner
völlig fremd, so fremd, >as; er in seinem
Sprachschatz gar nicksi existiert Rassische, völ¬
kische oder gar religiöse Parteinahme fehlt im
Register des Mexikaners. Es ist immer das¬
selbe Lied: man versteht Mexiko falsch, inter¬
pretiert seine Ideologie falsch. Es gibt in
Mexiko Juden, hauptsächlich sind es Arbeiter,
Feldarbciter. Nun haben die U. S. A. unsere
mexikanischen Arbeiter in Massen ausgewiesen,
und es ist klar, das; man ans wirtschaftlichen
Gründen Gegenmasinahnien trifft. Dabei spie¬
len aber irgendwelche politisch - religiösen Be¬
lange nicht die geringste Rolle. Keiner der
Politiker hat den Antisemitismus in seinem
Programm, denn es fehlen dazu alle Grund¬
lagen."
Jemand wirft ein: „Man sagt aber, das;
Ortiz Rnbio selbst Antisemit ist, das; er . . .
Reden vom „Durchbohren der jüdischen
Herzen" gehalten hat . . .?"
Der Expräsident lächelt: „Natürlich, man
seht wieder alle möglichen Dummheiten in die
Welt. Natürlich ist eS weder Ortiz Rnbio, noch
sonst einem Politiker eingefallen, oerartiges zu
sagen; in der Rede, die er hielt, kam ein der¬
artiger PassuS, ja selbst das Wort Jude über¬
haupt nicht vor. Man setzt hauptsächlich Ge¬
rüchte in Umlauf, um Mexiko nun von einer
neuen Seile anzugrcifen. Man hat in Mexiko
eine Reihe wirtschaftlicher Schutzmaßnahmen
getroffen. So schützt man den inländischen
Kaufmann, seitden; die U. S. A. unsere Mit¬
bürger verwiesen haben, gegen den Ausländer.
Durch diese Maßnahme aber werden nicht nur
„die Juden" getroffen.
Aber . . . genau so, wie ich niemals „Katho¬
liken" verfolgt habe, genau so wenig verfolgt
man beute Juden oder überhaupt irgendwen
wegen seiner Religion, Rasse oder Abstam¬
mung — das mögen vielleicht Euro¬
päer tu n."
Dann spricht der Präsident wieder über
gänzlich Unpolitisches, nur eins sagt er noch:
„Ueberhanpt: alle unsere Masircgeln sind nicht
so schwer zu begreifen: wir sind national, und
das sagt alles."
Soweit der übliche Text. Ungewöhn¬
lich wird die Sache erst, als das in Verlag
und Redaktion jüdische „Wiener Journal"
nun seinerseits hinzufügt:
.. . niemand wird es anderseits Mexiko ver¬
denken, lvenn cs gewisse Einlvanderer russi¬
scher Provenienz abweist. Leute, die
versuchen, Mexiko zum Tummelplatz ihrer Ver¬
suche zu machen: Man hat keine Lust, sich der¬
artiges bieten zu lassen. Der Artikel 33 der
Verfassung, de» die Ausweisung misilicbiger
Ausländer vorsieht, mußte letztens öfter ange¬
wendet werden: nicht gegen die Juden, denn
eine „Judensrage" gibt es nicht, sondern gegen
alle mißliebigen Elemente, unter denen sich wie¬
derum auffällig viele Leute slawisch - östlicher
Prwenixn^
befanden.
Dann kamen die ersten Schreckensnach¬
richten aus Saloniki. Die„lTder16“
in Paris meldete,
... die jüdischen Häuser sind mit einem
«roßen K beschmiert. Das bedeutet Ktfplzate.
brennt und zerstört!
, Religiöse Momente
kann es aber dabei schon deshalb nicht geben,
weil die Pässe, Ausweispapiere den Vermerk
„Religion" gar nicht tragen, und also gegen
Angehörige einer Religion als solche nicht ein-
geschritten werden kann.
Trotzdem sind 500 Juden ausgewiesen
worden, und nur Juden. Aber der wahre
Grund liegt nicht etwa im Antisemitis¬
mus, sondern darin, daß w i r, die Juden,
in Mexiko Oberwasser haben. So sehr so»
gar, daß wir die katholische Kirche dort
bekämpfe
in der katholischen Wochenschrift „Schönere
Zukunft":
Wie die spanischen Ereignisse, ebenso geben
uns alle übrigen tttrchenversolgungen der letzten
Zeit zu denken: in Litauen und in Mexiko,
zuvor tn Frankreich und Portugal und noch tn
einer Anzahl von Ländern diesseits und. jen¬
seits des Ozeans. Wie ist das., nur. möglich«
Wenn irgendwo in der Welt einem Juden
ein Haar gekrümmt wird, so schreit die ganze
Welt über Barbarei und Unkultur, aber der
sogenannte WeltkatholtziSmus, der wirklich die
größte Macht auf Erden sein sollte, muß sich
von ihnen alles, rein alles gefallen lassen.
Und die „Deutsche Zeitung" fügt diesen
Auslassungen hinzu:
. .. Die Hauptschuld tragen diejenigen Par¬
teien und Gruppen, die unter der Maske des
Katholizismus ihre unsauberen politischen Ge-
'lhäftc betreiben und den jüdisch-marxistischen
'odfetnden der Kirche Vorschub leisten.
schäfte
Todfeil
So oder so: „Die Juden sind schuld".
Was natürlich nicht etwa besagt, daß, die
das behaupten, Antisemiten sind. . .
Man täte deshalb auch einem anderen
katholischen Organ, dem „Fels"» Kirchen¬
blatt für die nordische Diaspora. Unrecht,
wenn man es etwa der Judenfeindlichkeit
bezichtigte.
Es schreibt nur so, ganz ohne jede
Nebenabsicht:
Der Jude ist bekanntlich überall zu finden,
wo es Geld zu verdienen gibt. Das Geschäft
gebt ibm über alles. Man könnte nur nicht
viel dagegen sagen, >ven» es sich bet ihm nur
um reiueS Geldverdiener; handelte. Aber mit
dem Gcldc erwirbt er sich auch eine gewaltige
Macht, er erhält dadurch größten Einfluß auf
das Leben und Schicksal der Völker. ... Man
sieht sehr deutlich, welche Ziele das Judentum
hat. Vor allem gilt sein Kampf der katholi¬
schen Kirche, die ja stets ein geivaltiges Boll-
lverk gegen jüdische Umtriebe und Ränkesncht
war. Darum haben auf unserer Seite immer
ivieder große und führende Männer auf die
Jndengesahr hingewiescn. Ich nenne da vor
allen; den bekannten Theologe» Hetlinger Es
ist außerordentlich treffend, lvaS er z. B. über
die literarische Tätigkeit der Inden schreibt.
In seinem Buche „Aus Welt und Kirche" heißt
es: „Unsere Sprache, unsere schöne, gedanken¬
volle, ehrliche, keusche, deutsche Sprache verfällt,
wie die Börse, das Kapital, der Handel, dem
Judentum. Jüdischer Witz, jüdische Sinnlich¬
keit, jüdische GauneranSdritcke haben sich lvie
ein ekelhaftes Ungeziefer in den Körper unserer
Sprache eingenistet. Judenwitz und Jndcn-
frivolität fährt sort, . . . alle Ehrfurcht vor dem
Heiligen zu untergraben, .. . alle unsere großen
Männer zu lästern --und viele unserer Ge¬
bildeten lachen mit. ohne zu ahnen, das; der
Jude ihnen nur Possen Vormacht aus Haß
gegen das Ehristenium.
Danach erscheint es wirklich nicht mehr '
als recht und billig, wenn man uns aris
Mexiko verleibt ...
In B a s e l versammelte sich inzwischen
der Z i o n i st e n k o n g r e ß . und die
„Germania"» die Zentrumszeitung, schrieb:
. . . Die außenpolitische Lage des Zionis¬
mus, der ohne nennenswerte Unterstützung
einen Zweifrontenkrieg gegen England und
Araber zu führen hat, ist im Augenblick sehr
kritisch. Diese Gegenwartskrise wird noch sehr
verschärft durch die innere Lage. Im Lause
des vergangenen Jahrzehnts hat sich unter der
Führung Wladimir Jabotinskys eine sehr
aktive Opposition gegen das „System Weiz-
mann" herangebildct. Diese „Revisionisten"
verlangen eine Rückkehr zum klassischen Herzl-
schen Zionismus im Sinne der Jndenstaats-
idee. . .. Die revisionistische Opposition hat in
der letzten Zeit sehr beachtlichen Zuwachs er¬
fahren, insbesondere auch in ostjtidischen Krei¬
sen. Letzteres ist ein wenig erstaunlich,
lvenn man bedenkt, das; der ostjüdischen Seele
der laute, militaristische und robuste Revisio¬
nismus eigentlich gar nicht liegt. Begreiflich
wird diese Tatsache erst dann, lvenn man an
die verzweifelte Lage der Oltjudcn denkt. (Man
denke nur daran, daß allein in der Ukraine in
den Jahren <017—1920 über 31 000 Juden
in viehischer Weise abgeschlachtet lvorden sind!)
Man siebt also, daß augenblicklich die
außen- und innenpolitische Lage des Zionis-
nruö ungewöhnlich ernst ist. Der 17. Kongreß
wird von einer durchgreifenden Bedeutung für
die Weiterentwicklung der Bewegung sein. Der
Kongreß selbst wird gegenüber seinen Vorgän¬
gern in der Zusammensetzung eine wesentlich
andere Physiognomie zeigen: Die Partei der
zionistisch .'ingestellten Orthodoxie (Misrachi),
der im großen und ganzen politisch mit dem
Revisionismus Zusammengehen wird, ist nicht
mehr wie bisher die stärkste Partei; diese ist
vielmehr die Arbeiterpartei, welche zum ersten
Male die marristtsckren und nichtmarxistischen
Elemente auf einen Nenner bringt. Der Revi-
sionismus hat es bis zur zweitstärksten Partei
gebracht.
Als er dann eröffnet wird, in Tasten
schwerer Weltkrise, behandelt die Wiener
»»Arbeiter-Zeitung" dieselbe Frage „Weiz-
mann — Jabotinsky" und meint:
Im Augenblick ist nicht vorausznschen, wie
der Kongreß zwischen Wcizmann und Jabo-
tinsky entscheiden wird.
In schwerster Zeit der Weltkrise der poli¬
tischen Schwierigkeiten in so vielen Ländern,
da die Nerven aller Völker überspannt sind
und die Sorgen überall anivachsen, ist einem
Uber die ganze Erde zerstreuten, schwer ge-
S n und angefeindeten Volke die ungeheure
>be gestelli, sein Heim anfzubauen, die
Mittel aufzubringen, das Interesse seiner
nichtjüdischen Freunde, der großen Diplomaten
des Völkerbundes, wach zu halten.
Es ist selbstverständlich, daß diese Schwierig¬
keiten auf die Verhandlungen und geistigen
Kämpfe des diesjährigen Baseler Kongresses
absärbcn. Aber als vor dem großartigen Ge¬
bäude der Baseler Mustermesse, in welcher der
Kongreß tagt, auf mächtigen Säulen offene
Flammen lobten, als im flackernden Feuer¬
schein die palästinensische Pionierjugend tanzte
imd Lieder sang, umringt von der gastfreund¬
lichen Baseler Bürgerschaft, wurden alle Hoff¬
nungen auf das Gelingen dieses Werkes;der
Versöhnung und des Friedens bestärkt.
Nachfolger von Weizmann. Die „Bosfische
Zeitung" schildert den neuen Präsidenten:
Sokolow war der nächste Mitarbeiter
Weizmanns. Er führte die außenpolitischen
Verhandlungen tn Paris und Washington, in
Rom und Warschau. Seine Wahl drückt den
Wunsch des Kongresses aus. zwar ein Ende
mit dem „System Wetzrnann" zu machen, dem
allzu große Anpassung an die Wünsche des
englischen Kolonialmintstertums vorgeworfen
wird, aber trotzdem nicht in das andere Extrem
zu verfallen und durch radikale Maßnahmen
die Beziehungen zwischen der zionistischen
Organisation und der englischen Mandatar-
macht abzubrechen. Sokolow wurde als neu¬
traler Fachmann gewählt, als ein Mann, der
durch sein schriftstellerisches Talent, seine
Rednergabe, seinen lauteren Eharakter und
sein Alter — er ist Uber siebzig Jahre alt —
Respekt bei allen Gruppen des Kongresses ge¬
nießt. lind dem man zutrailt, das; er die Mitte
zwischen radikal gestimmten „Revisionisten"
und den zur Nachgiebigkeit neigenden „Sozia¬
listen", die Weizmann gestützt haben, halten
iverde.
Man erwartet also: Beruhigung» Re¬
spekt, überlegene Neutralität anstelle der
bisherigen Aktivität in Politika.
Mittlerweile wird in Köln Kürten,
der „Düsieldorfer Mörder" hingerichtet
und der Redakteur des sonst antisemitischen
„Illusiromemy Kuryer Codzlenny“, oer
polnischen „Berliner Illustrierten" benutzt
den Anlaß zu konfusen Rasse-Studien. Er
bringt nebeneinander die Bilder von Kür¬
ten und Hitler und nachdem er sich in
energischen Ablehnungen des Antisemitis¬
mus der Andern ergangen hat stellt er
fest:
Immer zeigen menschliche Typen eine ge-
lvissc Acynlichkeit, ... eine Rassenähn-
l i ch k e i t, das kann jeder im Falle des
Düsseldorfer Mörders beobachten. Seine Photo¬
graphie zeigt aussalleilde Aehnlichkeit mit der
des nun populärsten und stürmischsten deut¬
schen Politikers Hitler.
So schlägt die Rassentheorie, wenn sie
einmal vom deutschfeindlichen Standpunkt
angewandt wirb, ihre eigenen Erfinder.
Hat ihr vielleicht deshalb Göbbels
„Angriff" überhaupt schon abgeschworen?
— Sonst bleibt unverständlich, wie seinem
Sportberichterstatter folgendes „durch¬
gehen" konnte:
Daß die Hälfte der Zusckrauer beim Tennis-
länderkampf Deutschland gegen Südafrika von
dem „anscrivählten Volk" gestellt wurde, ist
wohl selbstverständlich Man glaubte sich nach
Jernsaler» versetzt und eö »var nur gut, das;
man sich lwn dem sportlichen Geschehen so
gefesselt rvnrde.
So gefesselt bricht der „Angriff" in die
jubelnde Ueberschriftzeile aus:
..Die Revanche für Düsseldorf mit dem
b e st e n Deutschen".
Die Sperrung des Wortes „besten"
rührt nicht von uns, jouvern vom „An¬
griff" her. Er hat damit sagen wollen,
daß diese besten Deutschen auch wirklich
die besten waren. Und wer war der Beste
der Besten? — Das war der jüdische
Spitzenspieler Daniel Prenn ...
Bon allen betrauert, stirbt, um die
Mitte des Monat-
Daß die
Fried rich Eun-
ölnifche Zeitung"
dolf.
meint,
Die Universität Heidelberg und mit ihr das
gesamte literarische Deutschland hat einen
schweren Verlust zu verzeichnen. ... für die
Universität wird es nicht leicht sein, einen
Nachfolger zu finden, der Gundolss Bedeutung
nahekommt,
ist nicht weiter verwunderlich. Aber
daß sogar das „Hamburger Tageblatt",
eine offizielle nationalsozialistische Zei¬
tung Gundolf betrauert, scheint beinahe
wirklich ein Zeichen für seine Bedeutung.
Das Nazi-Organ ist aber, bezeichnender¬
weise auch das einzige, das Gundolfs
Judesein erwähnt. Es schreibt:
Von drei Viertel Jahren ehrte die Stadt
Hamburg den Heidelberger Literaturhistoriker
im Jahre seines 50. Geburtstages durch die
Verleihung des Lessinapretses. Wir waren da¬
mals Gegner dieser Verleihung, weil wir der
Ansicht sind, das; Geldpreise den Sinn haben,
junge und unbekannte Talente zu fördern.
Aus dem Kreise von Stefan George kom¬
mend, brachte Gundolf tn das Gebiet der Lite¬
raturwissenschaft eine Revolutior;, als er die
Georgesche Geistigkeit zum Ausgangspunkt der
Wissenschaft machte. Für ihn galt es, nicht die
Form in philologischer Haarspalterei zu analy¬
sieren, sondern vor allem den Inhalt in mit¬
schwingendem Erleben schöpferisch zu fassen.
Nicht die tote Urkunde, — die lebendige Jntnti-
t;on war für ihn das Wesentliche. Lyriker durch
und durch, gelang ihm am besten das Nach¬
schöpsen verwandter lyrischer Geister, und so
hat er sein Bestes in den Arbeiten Uber
George und die Lyrik Goethes gegeben, wäh¬
rend er dem Dramatiker Goethe und erst recht
dem Dramatiker Kleist nie gerecht werden
konnte. Dies Nicht-Verstehen Kleists beruht
jedoch nicht nur ans der lyrischen Natur
Gundolss. sondern an dieser Stelle tritt das
Jüdische zum Vorschein. Heinrich von
Kleist, der preußische Junker, der glühende
Patriot und Franzosenhasser, — für Gundolf
ist er ein pathologischer Ueberpatriot.
en und verdrängen. So zu lesen kam dann die Wahl Soko
Ueberraschend auch für die große Presse
lows
zum
Im formellen Sinne sind seine Merke keine
theoretischen Abhandlungen. Die Sprache sei¬
ner Bücher ist die eines Dichters — wenn sie
auch manchmal aus der Grenze einer epigonen¬
haften Manieriertheit steht. Ueber Gundolss
Leben standen die fordernden Worte, die vor
wenigen Wochen aus seinen Vorschlag hin über
den Neubau der Heidelberger Universität ge¬
setzt wurden: „Dem lebendigen Geist".
Schade» daß solche Erkenntnisse immer
zu soät kommen. Vom „lebendipen
Geists, besonders an Universitäten, hätte
man oa drüben schon früher profitieren
können...
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