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Massen durch Gründung von Vorschußkassen, durch Ein¬
führung von Hausindustrien, besonders in Galizien, durch
Zuführung der jüdischen Jugend des Ostens 511 produk¬
tiven Berufen, zu qualifiziertem Handwerkertum.
Die schwersten Aufgaben erwuchsen dem Hilfsverein
vom Jahre 1903 ab. Damals begann eine neue lange
Bette von Pogromen, die mit Kifchinew ihren Anfang
nahm und die leider auch heute noch nicht ganz ab¬
gerissen ist.
Während der revolutionären Wirren in Rußland in
den Jahren 1905—1900 ereigneten sich 6 61 Po¬
grome in allen Teilen Rußlands. Sic kosteten Tausen¬
den von jüdischen Männern und Frauen und Kindern
das Leben, und viele Zehntausende wurden in ihrer
wirtschaftlichen Existenz vernichtet.
Das war vier Jahre nach der Gründung des Hilfs¬
vereins, und schon hatte er durch seine systematische Tätig¬
keit, durch seine Energie und Regsamkeit das Vertrauen
der gesamten jüdischen Welt sich in einem so hohem Maße
erworben, daß dieser junge Verein den Auftrag erhielt,
die gesamtjüdische Hilfsaktion, für die 12 Millionen
Mark zur Verfügung gestellt werden konnten, zu organi¬
sieren und durchzuführen.
Seit dieser Zeit bis zum Kriege blieb der Hilfsverein
der Mandatar der gesamten anderen jüdischen Organi¬
sationen in allen späteren großen Hilfsaktionen.
Leider ergaben sich solche Notwendigkeiten zur Hilfe
in immer steigendem Maße. Die russischen Verfolgungen
hörten nicht auf.
Die Bauernunruhen in Rumänien im Jahre 1907
gaben dem Hilfsverein weitere schwere Aufgaben zu er¬
füllen. Der Balkankrieg 1912—1913 brachte die Juden
des ganzen Balkans in ungeheure Gefahr, der gegenüber
der Verein nicht untätig bleiben konnte. Die Aus¬
schreitungen in Marokko und Persien, 1912, machten ein
Eingreifen des Hilfsvereins zur gebieterischen Pflicht.
Von allergrößter Bedeutung wurden die Leistungen
des Hilfsvereins während des Krieges. Sie haben in
der Geschichte der neueren jüdischen humanitären Tätig
keit nur noch e i n größeres Beispiel, nämlich die Ar¬
beiten der amerikanischen Judenheit während des
Krieges und nach dem Friedensfchluß.
Uninittclbar nach Ausbruch des Krieges nahm der
Hilfsverein, eingedenk seiner humanitären Grundsätze
und ungetrübt von der Kriegspsychose, die Fürsorge¬
arbeit für die in Deutschland befindlichen Ausländer,
ohne Unterschied der Konfession auf, insbesondere für die
Russen, die, etwa 80 000 an der Zahl, vom Kriege in
Deutschland überrascht worden waren. Diese Arbeit hat
dem damals viel verlästerten Namen Deutschlands in der
Welt einen Teil der Achtung wiedergegeben, die man
ihm fälschlicherweise absprach. Selbst Zeitungen wie die
antisemitische „Nowoje Wremia" und das chauvinistische
französische Blatt „Matin" erkannten das humanitäre
Wirken des Hilfsvereins und des von ihm gegründeten
Unterstützungskomitees für bedürftige Russen an, ja, so¬
gar die russische Regierung sandte ihre Hilfsgelder durch
ein Komitee an dessen Spitze die Zarin stand, nach
dem feindlichen Deutschland an diese vom Hilfsverein
eingerichtete Zentralstelle.
Mit Unterstützung der amerikanischen Judenheit, die
auf den Appell des Hilfsvereins Ende 1914 einsetzte, hat
der Hilfsverein ferner in den Kriegsgebieten durch ein
Komitee, in dem die führenden Persönlichkeiten des
Hilfsvereins die Leitung hatten, während aller Kriegs¬
jahre eine ganz gewaltige humanitäre Arbeit durch
geführt. In den von den Truppen der Zentralmächte be¬
setzten Gebieten, in denen mehr als 3 Millionen Juden
sich befanden, herrschte entsetzliche Not. Hunderttauseude
von Flüchtlingen waren zu versorgen, und diejenigen, Ditz
in ihren Wohnstätten bleiben konnten, waren wenig
besser daran. In den Volksküchen, die eingerichtet
wurden, sind zeitweise bis zu 400 000 Menschen verpflegt
worden. Unterkunftsstellen in großer Zahl wurden ge¬
schaffen, die jüdischen Schulen wurden wieder geöffnet,
und für umfangreiche Schulspeisungen wurde gesorgt.
Waisenhäuser wurden errichtet, Krankenhäuser ein¬
gerichtet und eine gerade zur Kriegszeit doppelt not¬
wendige Geundheitsfürsorge wurde organisiert, durch die
der Kampf gegen bestehende und drohende Seuchen ge¬
führt wurde. Daß die jüdischen Massen aus diesem
Kriegselend nicht noch mehr geschwächt und dezimiert
hervorgingcn, wird das dauernde Verdienst des Hilfs-
vercins bleiben.
So groß die materielle Hilfe auch war, so war doch
manchmal noch größer die moralische Unterstützung und
die politische Wirkung, die mit diesen Hilfeleistungen zu¬
sammenhing oder aus ihnen entsprang. Neben der reinen
Unterstützungstätigkeit wurde auf das eifrigste daraus
hingearbeitet, die Juden politisch zu schützen. Es wurde
mit den führenden politischen Persönlichkeiten der Länder,
in denen Exzesse gegen die Juden vorkamen. Fühlung ge¬
nommen. Die zahlreichen Reisen, die Dr. Nathan und
seine Mitarbeiter nach Rußland, Rumänien, dein übrigen
Osten und dem Balkan unternahmen, haben sicherlich
dazu beigetragen, vieles noch schlimmere, als das, was
geschehen war, zu verhüten.
Dem Hilfswerk dieser Art schloß sich ebenbürtig als
zweites Tätigkeitsgebiet die Auswandererfürsorge an.
In einer Konferenz vom Dezember 1904 in Frank¬
furt a. M., an der alle großen jüdischen Organisationen
des In- und Auslandes teilnahinen, wurde dem Hilfs¬
verein der Delltschen Juden, der auch in dieser Arbeit wie
bei den meisten anderen die verständnisvolle Unter¬
stützung der Großloge für Deutschland und des Hilfs¬
komitees fiir die notleidenden osteuropäischen Juden in
Frankfurt a. M. fand, die Aufgabe übertragen, ein
..Zentralbüro für jüdische Auswanderungsangelcgen-
hciten" zu schaffen und alle mit der Auskunftserteilung,
Regelung der Auswanderung und mit der Fürsorge für
die Auswanderer zusammenhängenden Arbeiten zu er¬
ledigen. Vom Jahre 1904 bis zum Ausbruch des Krieges,
ein volles Jahrzehnt, ist diese Tätigkeit von: Hilfsverein,
und zwar durch das von ihm zu diesem Zwecke begründete
„Zentralbüro für jüdische Auswandcrungsangelegen-
heiten" ausgeübt worden.
Dieses Büro stand in engster Verbindung mit der
Jewish Colonization Association und den Auswanderer-
organisationen in Rußland. Es unterhielt mit ihnen auch
gemeinsame Büros in Rußland und an den beider¬
seitigen Grenzübergängcn und arbeitete in innigem
Konnex mit allen amerikanischen Einwanderungsorgani-
sationcn und den Einwanderungsorganisationen anderer
Länder.
An 40 000 bis 50 000 Auswanderer jährlich haben in
der einen oder anderen Weise seine Fürsorgetätigkeit in
Anspruch nehmen können. Hilfe zur Beförderung wurde
in diesen zehn Jahren rund 200 000 Personen zuteil.
Weitere 200 000 Personen wurden beraten und betreut
So wurde vom Hilfsvcrein zum ersten Male für die
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Von Professor Dr. Isaak Markoa-Hamburg.
Im Monat Aw feiert Elkan Adler-London seinen
70. Geburtstag. Elkan Adler ist zweifellos die weitest-
gereiste Persönlichkeit unter allen großen jüdischen Män¬
nern der Jetztzeit. In Aegypten. Palästina, Marokko. Al-
S erien, Tunis, Tripolis, Persien, Buchara und Samarkand,
leppo.in den Balkanländern,
Spanien, Portugal, Indien
und Aden, in den Bereinigten
Staaten und in Rußland
kennt man diese aristokra¬
tische jüdische Erscheinung, in
Gelehrtenkreisen und in den
Kreisen der besten jüdischen
(Gesellschaft, überall, wo sich
Interessenten für Raritäten
und Kostbarkeiten antiker
jüdischer Kunst, für Hand-
jcyrnten und seltene jüdische
Druckwerke finden.
Elkan Adler ist als Sohn
des weltberühmten Chief-
Rabbi von England, Rabbi
NathanAdler.im Jahre
1861 in London geboren. Die Familie Adler gehört einer
der vornehmsten alten Frankfurter Familien an, die ihren
Stammbaum auf Rabbi Simeon Ha-Darschan, den Autor
des „Jalkut Schimeoni“, bis ins 13. Jahrhundert also,
zurückführen kann. Zu dieser Familie gehörte auch die
markante Figur des Rabbi Nathan Adler, des bekannten
Talmudiften und Kabbalisten des 18. Jahrhunderts, der
auch der Lehrer des Rabbi Maufche Schreiber, genannt
„Chasam Sofer", und ein Großonkel des Londoner Chief-
Rabbi gleichen Namens war. Dem Londoner Chief-Rabbi,
Rabbi Nathan Adler, ist das seltene Glück zuteil gewor¬
den, daß sich seine drei Söhne der Wissenschaft des Juden¬
tums widmeten. Bei seinem zweiten Sohn, Hermann,
der sein Nachfolger wurde, ist das gewissermaßen selbstver¬
ständlich. Der älteste Sohn, Markus Adler, war ein
ebenso berühmter wie anerkannter und geschätzter Mathe¬
matiker, und der jüngste, der eben jetzt Gefeierte, ist
eigentlich ein bekannter Rechtsanwalt von Beruf. Aber
auch diese beiden widmeten sich in hervorragendem Maße
der Wissenschaft des Judentums.
Die Verdienste Elkan Adlers um die Wissenschaft des
Judentums übertreffen bei weitem die vieler Fach¬
gelehrter. Auf seinen ausgedehnten Reisen in die fernsten
Länder sammelte er unermüdlich Schätze an Inkunabeln
und Altdrucken, die eine Fundgrube für dir Wissenschaft
wurden. Seine erste berühmte Handschriftensammlung be¬
findet sich seit dem Jahre 1923 im „Jewish theological
seminary" in New Park, eine zweite hervorragende
Sammlung von Handschriften, Inkunabeln und seltenen
Drucken ist noch jetzt in seinem Besitz. Seine Handschriften-
sammlungen sind schon oft von berühmten Gelehrten Ame¬
rikas und Europas benutzt worden. Viele wissenschaftliche
Arbeiten sind auf Grund dieser Sammlungen entstanden,
aber noch ist der Stoff bei weitem nicht- erschöpft, noch
eine ganze Generation von Gelehrten wird in diesen
Sammlungen einen reichen wissenschaftlichen Quell finden.
Aber Elkan Adler ist nicht etwa nur ein Sammler, er
selbst weiß diese Schätze wissenschaftlich auszuwerten. Aus
der Fülle seiner Werke können wir hier nur einige nennen:
„Ginse Mizraim", „Karaitica", „Documents sur les Ma-
ranes", und zusammen mit M. Seligsohn une nouvelle
chronique 8 amaritaine", ferner „juives of Persia", ..Auto
cia Fe and Jew“, „About Hebrew Manuscripts", „A Ga¬
zeteer of Hebrew Printing", „Catalogue of Hebrew Ma-
nucripts in the Collection of E. N. Adler" (Cambridge),
welches eine Beschreibung seiner Sammlung von über 4200
Handschriften ist, und dann endlich Jews in Many Lands",
welches ins Deutfcke übersetzt ist und, unter dem Titel
„Von Ghetto zu Ghetto" bearbeitet, sich einer besonderen
Popularität erfreut. Sein letztes Werk „jewish travellers"
behandelt alle jüdischen bekannten Reisenden'von der Zeit
Karls des Großen bis zur Jetztzeit und trägt besonders
viel bisher unbekanntes Material hierüber zusammen.
Außerdem ist Elkan Adler vublizistisch bekannt durch eine
Reihe inhaltsvoller Artikel in Zeitschriften, Festschriften
und Denkschriften.
Elkan Adler ist überdies Mitglied vieler wissenschaft¬
licher und jüdischer Körperschaften, von denen wir hier
nur die folgenden nennen wollen: „Royal Historical
Society", „Loyal Asiatic Society", er ist Komiteemitglied
der „ MekizeNirdamim“ und korrespondierendes Mitglied
der „Königlich spanischen Akademie für Geschichtswissen¬
schaft". All das zeigt die Anerkennung und Wertschätzung,
die diesem großen Manne von allen Seiten zuteil wird.
Auch am jüdischen öffentlichen Leben nimmt Elkan Adler
regen Anteil, so war er Präsident der jewish Literary
Society in England und gehört dem Vorstande der Anglo
Jewish Association an, war Vizepräsident der beiden
internationalen Konferenzen über die jüdisch-russischen
Fragen, die 1891 und 1903 in Berlin abgehalten wurden,
im Jahre 1913 bereiste er im Aufträge der Brüsseler Kon¬
ferenz, gemeinsam mit Paul Nathan und Bernhard Kahn,
jüdische Auswanderung eine wohldurchdachte systematische
Organisation geschaffen, die vorbildlich für alle spätere
jüdische Auswanderungstätigkeit geblieben ist.
Auch während des Krieges kam diese Tätigkeit nicht
ganz zum Stillstand, trotz der verringerten Emigrntions-
möglichkeiten. Und auch heute noch wird diese Arbeit,
allerdings — da die Einwanderungslünder sich fast alle
verschlossen haben — unter ganz veränderten Verhält¬
nissen, fortgesetzt. Die Arbeit ist kleiner geworden, aber
vielleicht noch mühsamer und stellt itoch immer ein beacht¬
liches Arbeitsfeld des Vereins dar.
Das dritte Tätigkeitsgebiet des Hilfsvereins war ein
kulturelles. Der Hilfsverein unterhielt vom Jahre
1903 bis zur Beendigung des Krieges ein großes Schul¬
werk im Orient und in den Balkanländern, das im Jahre
1914 fünfzig Anstalten mit über 7000 Schülern umfaßte.
Von Kindergärten aufwärts ging dieses Schulwesen
bis zu Seminaren, Realschulen und Gewerbeschulen. Auch
ein Technikum für Palästina war erbaut und harrte der
Eröffnung, die nach 1914 leider vereitelt wurde.
Die Fortführung dieser in langen Jahren mühevoll
und sorgfältig aufgebauten Erziehungsanstalten hat der
Ausbruch oder der Ausgang des Krieges unmöglich ge¬
macht. Ihre nachhaltige Wirkung wird dadurch nicht ge¬
schmälert. Viele junge jüdische Generationen sind heran¬
gebildet worden, die erworbene Bildung wird weiter
dauernden Segen stiften.
Anknüpfend an diese Erziehungstätigkeit hat der
Hilfsverein jetzt wieder begonnen, in Polen und Litauen
eine größere Kinderfürsoraetätigkeit und in
die Kriegszone auf dem Balkan, ferner ist er einer der
Gründer der „Choveve Zion Society" und Mitglied des
„Conioint Committee for foreign Affairs".
Allgemein wird man diesem verdienstvollen Gelehrten
und gutem Juden, dessen Bedeutung wir hier nur in
großen Umrissen andeuten konnten, noch lange Jahrzehnte
reger Wirksamkeit zur Beretcheruna der Wissenschaft des
Judentums und zugunsten der jüdischen Oeffentlichkett
wünschen. ^
Elkan Adler wird seinen Ehrentag bei seinem Freunde
Professor Dr. Fretmann in Frankfurt a. SW., der
am gleichen Tage seinen 60. Geburtstag feiert, verbringen.
Auch Professor Dr. M a r k 0 n - Hamburg hat sich zu diesem
Tage nach Frankfurt a. M. begeben, so daß die drei Ge¬
lehrten und Mitarbeiter zusammen sind.
Dem Kndente« von Ludwig Saas »
Ein Jahr ist es her, daß — am letzten 2 . August — Dr.
Ludwig Haas, der große deutsche Jude, der leiden¬
schaftliche und unerschrockene Vorkämpfer der deutschen
Demokratie, von uns gegangen. Man trug damals, als
er schon ans Krankenlager gefefsellt war, die demokratische
Partei zu Grabe: die Gründung der Staatspartei wurde
in die Wege geleitet. Die Entwicklung dieser Dinge konnte
Haas nicht mehr beeinflussen, obwohl seinen Freunden
gar viel daran gelegen gewesen wäre, seinen bewährten
Rat zu hören. Und darüber weit hinaus: Welche Ver¬
änderungen in den Geschicken des von ihm so heiß geliebten
deutschen Vaterlandes in diesem einen Jahr, da er nicht
mehr zu den Lebenden zählt! In der Außenpolitik
trat seit dem allzu frühen Heimgang Gustav Stresemanns
ein deutlicher Wendepunkt ein. Es will scheinen, daß seit
Ludwig Haas' Tode in der Innenpolitik jener Er¬
starrungszustand kam. der seitdem unserem innenpoliti¬
schen Leben eigentümlich ist. Wenige Wochen nach seinem
Tode brachten die Reichstagswahlen jenen großen
Hitler-Erfolg. Er mochte wie wir alle damals nicht ge¬
glaubt haben, die Zermürbung des deutschen Volkes sei
schon so vorangeschritten, daß ein solch starkes Anschwellen
der nationalsozialistischen Stimmen möglich werde. Er,
der überzeugte Anhänger der parlamentarischen Demo¬
kratie, erlebte es nicht mehr, daß ein in grotesker Zusam¬
mensetzung gewählter, für die praktische Arbeit unmög¬
licher Reichstag sich selber nusschaltet.
Ein langes Leben entsagungsvoller Arbeit, getragen
von höchstem Schwünge
war stets mit der letzten
gewesen, dem deutschen Bürgertum politische Vernunft zu
predigen, es in dem Gefühl selbstverantwortlichen politi¬
schen Handelns zu bestärken und den freiheitlichen Ge¬
danken in Geist und Herz der Menschen hineinzupflanzen.
Aber den großen Rückschlag, der in der Folgezeit eintrat,
mußte Ludwig Haas — vielleicht waltete hier ein gütiges
Geschick — nicht mehr erleben. Obwohl starker, lebens¬
bejahender Optimist, fühlte er immer und sprach es im
engen Freundeskreis aus, daß Deutschland noch düstersten
Tagen entgegengehen müsse. Er kannte die Fehler der
französischen Politik, das Unglück des Versailler Vertrags,
gegen den er in der Nationalversammlung in Weimar
gestimmt hatte, nur zu gut und wußte, wie sehr der
deutsche Nationalismus dadurch großgezüchtet wurde. Der
leidenschaftliche Vorkämpfer der internationalen Verstän¬
digung sah sich oft vor die größten Schwierigkeiten gestellt,
da es galt, Frankreich zu einer maßvollen Haltung zu
bewegen und gleichzeitig nationalistischen Instinkten im
eigenen Volke entgegenzutreten. Fürs erste war solch
heißem Bemühen kein Erfolg beschieden. Die Verhältnisse
waren stärker als die Menschen. Aber: in rnagnis et
volmisse sat est.
Ludwig Haas verkörperte in sich die wunderbare
Synthese des Deutschtums 11 n b des Juden-
t u m s. Beides floß bei ihm zu einer Einheit zusammen,
der gute Jude, der große deutsche Patriot. Vor den
Wählermnssen bekannte er immer und immer wieder:
„Als Jude mache ich mir wegen des Antisemitismus keine
allzugroße Sorge, das Judentum hat schon schlimmere
Zeiten und bösere Widersacher überwunden. Aber als
Deutscher schmerzt mich die antisemitische Krankheit, weil
sie Deutschland in der Welt schadet und sein Ansehen als
Land von Kultur mindert."
Das bezaubernde Bild einer in sich vollendeten Persön¬
lichkeit steht heute wie gestern ganz lebensnahe vor den
Augen der Zeitgenossen. Politiker wie Ludwig Haas sind
selten. Die Sympathie, die er weit über den Kreis seiner
eigenen Partei hinaus in allen Lagern genoß, wurzelte in
seiner unauflöslichen Verbundenheit mit dem deutschen
Volke. Jedermann hatte das Gefühl. Ludwig Haas, dessen
reines Wollen und dessen persönliche Integrität und
Selbstlosigkeit außerhalb jedes Zweifels standen, tue eine
Sache nur um ihrer selbst willen. Ein jederzeit ehrlicher
Politiker, ein sauberer Kämpfer, ein ritterlicher Streiter
im Ringen der Meinungen — so sieht das Bild des
Mannes, dessen aufrechte, knochige Gestalt imponierte, vor
uns, die wir seiner anläßlich des Jahrestags seines Todes
wehmütig gedenken.
Dr . Ernst Cinz-Mannhrim
eines echt deutschen Idealismus.
Faser des Herzens darauf gerichtet
Rumänien eine kulturelle Arbeit mit sehr beachtens¬
werten Resultaten zu entfalten.
Durch den Verein sind in diesen 30 Jahren nahe an
50 Millionen Ml verwendet worden. Selbstverständlich
waren die 50 Millionen nicht allein und nicht einmal zum
größten Teil die materiellen Leistungen der deutschen
Judenheit. Das vermindert aber nicht die gewaltige
Arbeitsleistung des Vereins, im Gegenteil. Vis zum
Jahre 1914 war der Hilfsverein von allen jüdischen Or¬
ganisationen, auch des Auslandes, und von hochherzigen
jüdischen Persönlichkeiten des Auslandes als Zentralstelle
gewählt worden, und ihm waren auch die ausländischen
Gelder zur Verwaltung und zur Verwendung anvertraut
worden.
Der größte Teil der Ausgaben entfiel natürlich auf
die Hilfeleistungen für die Katastrophen und die Kriegs¬
not, über 41 Millionen. — auf die Auswanderung ent¬
fielen zirka 3l4 Millionen Ml und auf das Schul- und
Erzichungswerk über 4 Millionen Ml.
Für 50 Millionen Ml Arbeit ist geleistet, für 50 Mil¬
lionen Ml Hilfe ist gespendet worden.
Die Größe dieser Summe, über die der Hilfsverein
verfügen konnte, zeugt von dem Vertrauen, das ihm von
der Gesaintjudenheit entgegengevracht worden ist. Der
Verein wird dieses Vertrauen auch in Zukunft recht-
fertigen, indem er trotz aller Widrigkeiten, die der Krieg
über die Welt, über die jüdischen Masten, über Deutsch¬
land und über die deutschen Juden gebracht hat, fest
bleiben wird in seinem Bekenntnis zur brüderlichen jüdi¬
schen Solidarität auf dem Gebiete Humanitären Wirkens.