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Der Goethepreis der Stadt Frank¬
furt a. M., der größte wissenschaft¬
liche und literarische Preis Deutsch¬
lands, wurde in diesem Jahre dem
berühmten Wiener Psychoanalytiker
Professor Dr. Sigmund Freud ver¬
liehen.
Bei der Freilegung eines zur frü¬
heren Befestigung der Stadt Worms
gehörigen unterirdischen Ganges wur¬
den gut erhaltene alte jüdische Grab-
Bücherschau
Schriften des jiddischen wissen¬
schaftlichen Instituts, Historische
Sektion. Historische Schriften Band I,
Unter der Redaktion von E. Tsche-
rikower (Berlin), 1929, Verlag „Kul¬
tur-Liga". Warschau 828, XLVIII
Sp. 4°.
Die vorliegende Publikation, die
aeben die früheren, hauptsächlich
philologischen und folkloristischen Ver¬
öffentlichungen sowie den 1928 er¬
schienenen ersten Band der „Schriften
für Wirtschaft und Statistik" tritt, ent¬
hält Abhandlungen, Aktenstücke, Mis-
zellen und eine kurze Bibliographie,
über die an dieser Stelle, soweit sie
sich, auf die Geschichte der Juden in
Deutschland beziehen, berichtet werden
kann. Es sind durchweg Arbeiten
bewährter Fachleute; man darf ohne
Uebertreibung sagen, daß in den
letzten Jahren kein historisches Werk
mit so viel neuem urkundlichen und
für die jüdische Geschichtsforschung
bedeutungsvollem Material erschienen
ist. —
N. M. Gelber schreibt über „Die
Erinnerungen von Moses Porges über
den Frankistenhof in Offenbach" (Sp.
"253—296). Der Autor dieses in deut¬
scher Sprache geschriebenen Doku¬
ments, Moses Porges, entstammte einer
Prager Familie. Der Vater Gabriel
Porges, war ein Gelehrter, der
besonders mit der jüdischen Mystik,
aber auch mit den Profanwissen¬
schaften vertraut war. Er gehörte zu
den Prager Kreisen, die sich für die
übrigens auch in Böhmen und Mähren
verbreitete Frankistensekte lebhaft in¬
teressierten und sich ihr anschlössen.
Am Frankistenhof in Offenbach genoß
er großes Ansehen. Gabriel Porges
steine (12., 13., 16. Jahrhundert) auf¬
gefunden, unter ihnen der des Rabbi
Eliaser aus dem Jahre 1305.
Berichtigung. In dem im vorigen Heft dieser
Zeitschrift erschienenen Aufsatz „Die Niederlassung
der Juden in Berlin im Jahre 1671" sind auf Seite
133 die Unterschriften unter dem dem Kurfürsten
eingereichten Entwurf zu einem Edikt über die
Aufnahme der Juden durch einen sinnentstellenden
Druckfehler in Klammern gesetzt worden. Richtig
muß es heißen: ..... unterthenigste trewgehor-
samste Diener
O. F. v. Schwerin. Raban v. Canstein".
wollte auch seine Söhne Moses und
Leopold in diese Umgebung einführen.
Die „Erinnerungen" enthalten zugleich
mit einer Beschreibung der Reise nach
Offenbach eine Schilderung des Le¬
bens der Juden in Süddeutschland. Im
Vordergrund steht die lebendige Dar¬
stellung des Lebens am Frankistenhof
in Offenbach. Das wüste Treiben, das
dort herrschte, erfüllte die Brüder
Porges mit Abscheu, so daß sie gleich
vielen anderen Pilgern, tief enttäuscht
über diesen Betrug, heimkehrten. Sie
gelangten später in der Prager Ge¬
meinde zu hohen Würden. In der
Einleitung gibt Gelber auf Grund des
vorhandenen Materials einen trefflichen
Ueberblick über die Frankisten in
Böhmen und Mähren, besonders in.
Prag, und veröffentlicht zahlreiche
Details über die Familie des Ver¬
fassers der „Erinnerungen". Am
Schlüsse sind drei bereits von Back
in der Monatsschrift für Geschichte
und Wissenschaft des Judentums (1877,
SS. 189—192, 232—240, 410—420), aber
dort unvollständig, d. h. ohne Per¬
sonennamen abgedruckte Protokolle
des Fürther Beth-Din aus dem Jahre
1800, die mit den Brüdern Porges
u. a. über den Frankistenhof in Offen¬
bach aufgenommen wurden, wieder¬
gegeben.
Ch. Borodianski, der Bearbeiter
des Mendelssohnschen Briefwechsels
(Bd. XVI der Gesammelten Schriften
Moses Mendelssohns) liefert — unter
Anführung zahlreicher Proben — einen
Beitrag zu Mendelssohns jiddischen
Briefen, namentlich solchen, die für
seine Persönlichkeit und sein Privat¬
leben besonders charakteristisch sind
(Sp. 297—346). Der deutsche Leser
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