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grossem Bedauern davon Kenntnis, dass das Mitglied des Beirates, Herr
I. Friedländer, aus Gesundheitsrücksichten sein Amt niedergelegt hat; an
seiner Stelle wurde Herr A. Bleichröder neugewählt. Zu Revisoren wurden
wiedergewählt Herr J. Krön heim er und neugewählt Herr J. Marx, in Firma
-Gebr. Marx & Co. Die durch das Los ausgeschiedenen Beiratsmitglieder
D. Wolffsohn-Köln und Dr. L. Kahn-Wien wurden wiedergewählt. Von
-einer vorgeschlagenen Kapitalserhöhung wurde vorläufig Abstand genommen.
Bericht des „Esra", Verein zur Unterstützung ackerbautreibender
Juden in Palästina und Syrien pro 1904 und 1905.
Dem soeben erschienenen Bericht pro 1904/05 entnehmen wir folgende
-uns näher interessierenden Angaben, aus denen zu ersehen ist, dass^ der „Esra"
•den Bedürfnissen der Zeit Verständnis entgegenbringt und sich ihnen anzu¬
passen versteht.
„Mit der vollendeten Installierung der Kolonie Bnejehudah tritt die Kolo¬
nisation Palästina in ein neues zweites Stadium der Entwickelung. Nicht mehr
Philanthropie und Unterstützungen, sondern Selbsthilfe und gegenseitige Hilfe¬
leistung müssen.fortan die Basis jeder Kolonie-Neugründung bilden. Die Kolo¬
nisationsvereine, welche demnach nicht mehr so häufig wie früher schon bei der
•ersten Errichtung einer Kolonie um Hilfe angerufen werden dürften, werden ihre
frei gewordenen Mittel verwenden, um den Gang der gesamten Kolonisation über¬
wachen und fördern zu können. Als erster Schritt auf dieser neuen Bahn muss
•die von sämtlichen Organisationen zugunsten der Kolonisation Palästinas geplante
landwirtschaftliche Versuchsstation in Atlit bei Haifa angesehen werden. Hier
■sollen neue Kulturpflanzen erprobt und die rationelle Verwendung der alten
•erforscht werden. Man hofft, dadurch den bereits bestehenden Kolonien neue
Hilfsquellen eröffnen und die neu zu begründenden von Anfang an auf einen
rationell landwirtschaftlichen Betrieb verweisen zu können. Die Station wird
gegen 90 ha umfassen und ihre Anlegung, abgesehen von dem von anderer
Seite bestrittenen Landkauf, etwa gegen 60 000 Mk. kosten. Unser Verein hat
zu diesem Zwecke 10 000 Mk., zahlbar in zwei Raten, pro 1906/07 bewilligt.
Ein zweiter neuer Schritt zur Hebung der Lage der jüdischen Kolonien
und der Einführung neuer Erwerbszweige in Palästina ist durch die im Jahre 1905
erfolgte Begründang des Vereins „Bezalel" getan. Derselbe hat die Aufgabe, in
Jerusalem eine Kunstgewerbeschule zu errichten, in welcher zunächst eine be¬
schränkte Anzahl begabter Schüler künstlerische Ausbildung erhalten soll,
damit diese dann Lehrer und Leiter von kunstgewerblichen Ateliers werden. Mit
«der Kunstgewerbeschule wird eine Abendschule für Handwerker verknüpft sein,
-damit auch die älteren Handwerker sich vervollkommnen können. Als erstes
-und vorläufig wichtigstes Kunstgewerbe ist die Teppichknüpferei in Aussicht
genommen. Ausserdem soll eine spezielle Ausbildung in Holz-, Metall-, Ton-
und Steinarbeiten, Kunststickerei und Spitzenklöppelei erfolgen. Da der Export
•der Teppiche allein aus Smyrna sich auf 12 Millionen Mark jährlich beläuft, so
hofft man, dadurch zahlreichen Juden in Palästina Brot zu schaffen und auch
den Kolonisten während der arbeitslosen Zeit Arbeit zu gewähren. Der Verein
„Esra" hat zu diesem Zwecke 2000 Mk. bewilligt.