Seite
— 183 —
bei Jerusalem und in manchen anderen Orten finden wir die Reste
grossartiger Teichanlagen. Auch noch andere, bis heute noch
nicht., wieder entdeckte Wasseranlagen müssen in Jerusalem
gewesen sein, denn ein alter Schriftsteller sagt:
„Ein starker Quell quillt reichlich und fortwährend im
Tempel selbst. Bewunderungswürdig ist die Grösse der unter¬
irdischen Behälter, von denen unter dem Tempel in einem Um¬
fang von fünf Stadien alles voll ist. Durch die Mauern und den
Fussboden des Tempels laufen eine Menge von Röhren und
Schächten hinab. Es sind häufig versteckte Oeffnungen, welche
einzig denen bekannt sind, welche den Opferdienst versehen."
Es ist nun zu begreifen, dass in Jerusalem bei Belage¬
rungen, infolge dieser unterirdischen Wasseranlagen und Zisternen,
nie Wassermangel war, trotzdem wenig Wasserreichtum in jener
Gegend vorhanden ist. Heute noch, wie im Altertum, ist wohl
der Privatmann auf die Zisternen angewiesen, das sind entweder
in Felsen gemeisselte unterirdische Brunnengewölbe oder auch
in Erde gegrabene, zugedeckte und wasserdicht gemachte Höhlen.
Ich selbst hatte Gelegenheit, in der Nähe von Besän, un¬
weit des Dschaludflusses, auf hoher Bergeskuppe bei dem An¬
legen eines Probeloches für die Bahn Haifa—See Genezareth
eine Zisterne besichtigen zu können, welche wohl seit tausend
Jahren kein Mensch mehr betreten hatte und wohl seit Hunderten
von Jahren kein Mensch mehr kannte. Beim Graben eines
Probeloches nämlich in einer Tiefe von ca. 5 m brach auf ein¬
mal der Boden des Probeloches durch, und vier italienische Ar¬
beiter fielen an die 3 m tief in ein Gewölbe hinab, welches
kreisförmig die Bergkuppe umschloss. Dieser unterirdische Gang
war 1,5 m breit und 2,5 m hoch, oben gewölbeförmig abge¬
schlossen und nur im Lehmboden ohne jede Steinmauerung aus¬
geführt. Am gewölbeförmigen Abschluss oben sah man Zu¬
leitungsöffnungen, welche das Regenwasser zuführten, jetzt aber
wohl schon jahrhundertelang . verstopft waren. Diese Zisterne
hatte eine ziemliche Ausdehnung, so dass angenommen werden
muss, dass die Bergkuppe, von welcher man einen prächtigen
Ausblick ins Jordantal und auf die östlichen Berge des Sees
Genezareth genoss, bewohnt und bebaut gewesen sein musste.
Heutzutage ist nicht eine Spur davon zu sehen, und so mögen
wohl noch Dutzende von Plätzen vorhanden sein, auf welchen
früher Burgen und Städte sich befanden, die heute ins Meer der
Vergessenheit versunken sind.