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PALAESTINA UND NACHBAROEBIETE.
Der „Bezalel" in der hl. Stadt.
Wir erhalten von Herrn Dr. Grünhut aus Jerusalem folgende Darstellung
des gegenwärtigen Zustandes dieser Institution:
Eine der grossartigsten Schöpfungen, die Jerusalem in neuerer Zeit erlebt,
ist, man darf es rüchkaltslos schon heute aussprechen, unstreitig die Kunst¬
gewerbeschule, deren Zustandekommen wir in erster Linie dem Verein, dessen
Namen sie führt, in zweiter aber dem rastlosen Eifer ihres Leiters, des Herrn Prof.
Boris Schatz, der von dem bekannten Kunstmaler Herrn Lilien wacker unterstützt
wird, zu verdanken haben. Ich kann deren Leistungen bis heute nur annähernd
schildern; um die Anstalt dem ganzen Umfange nach zu würdigen, muss man sie
mit eigenen Augen gesehen haben. Aber auch das wenige, was ich hier vor¬
bringen werde, dürfte schon genügen, diese unveigleichliche Schöpfung der
öffentlichen Meinung näher zu bringen.
In dem Abessinier- oder Habescher-Gässchen, wie es schlechtweg genannt
wird, nördlich von der hl. Stadt gelegen, das ein Rechteck bildet, erhebt sich
hinter der gleichnamigen Kirche, der gegenüber das deutsch-evangelische archäo¬
logische Institut sich befindet, ein stattliches einstöckiges Gebäude, ein
Neubau, dessen südliche Umfassungsmauer an den Kaiserplatz grenzt. Es hat
einen doppelten Zugang: den einen an der West-, den anderen an der Nordseite.
In der ganzen Umgegend, fernab vom Stadtgetriebe, herrscht eine feier¬
liche Stille. Hier der weite eingefriedete pflanzenlose Hof, aus dessen Mitte die
rundförmige in eine Kuppel auslaufende Kirche mächtig in die Höhe emporragt;
dort weiter das Wohnhaus der „Schwarzen", welche den Tag über auf der
Terrasse kauernd und schweigend den sengenden Strahlen tapfer standhalten,
noch weiter östlich — wie verändert sich mit einem Schlage die ganze Szenerie!
Die Doppelinschrift in hebräischer und deutscher Sprache an der Tafel, welche
über dem Balkon angebracht ist, kündigt uns an, dass wir uns dem „Bezalel"
gegenüber befinden. Wir passieren das Nordtor. Gleich links stossen wir auf
eine Holzbude, in der ein lustiges Feuer unterhalten wird. Ein schweissbedeckter
Peothjude mit aufgestülpten Aermeln rührt emsig in dem siedenden Kessel um,
neben ihm zwei junge Gehilfen, deren Schläfen gleichfalls geschnörkelte Löckchen
zieren, die des Meisters Weisungen schweigend und pünktlich ausführen. Es ist die
Werkstätte der Färberei, in der das Garn und die Wolle zubereitet werden, welche
in der Teppichknüpferei zur Verwendung gelangen. Seitab, hinter einem weit¬
verzweigten Feigenbaum, dem leider einzigen Laubwerk auf dem ganzen Terrain,
eine Gruppe junger Mädchen, welche mit Spinnen und Spulen sich beschäftigen.
Im Souterrain befindet sich die Gipsgiesserei, welche vorläufig fünf Schüler be¬
schäftigt. Wie alle andeien, werden natürlich dieselben im Zeichnen unterrichtet.
Ihr Lehrer im letzteren Fache ist Herr Rothschild.
Auf dem einen Flügel des Erdgeschosses sind Ateliers für Malerei,
Zeichnen, Gipszeichnen und Modellieren eingerichtet, während den anderen Flügel
die Teppichknüpferei einnimmt. Den Unterricht in der Teppichknupferei erteilt
ein gewesener Schüler des Herrn Prof. Schatz, welchen er aus Bulgarien kommen
Hess. Die Dessins der Teppiche sind ausschliesslich jüdischen Motiven entlehnt.
Ein völliges Kunstmuseum stellt das geräumige Vorhaus dar. Die Wände
zieren Glasschränke, die kostbare Antiquitäten, wie alte Münzen und was der¬
gleichen mehr ist, bergen, während über demselben Kunstwerke mannigfachster