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Zöllner schätzt die Ware ein. In diesem Verfahren liegt der Krebsschaden des
ganzen Vorganges. Die Ware hat laut der Rechnung der liefernden Firma einen
Wert von ■ 1000 Francs. Der Zöllner beharrt darauf, diese Ware mit dieser
Farbe usw. habe einen Wert von 1800 Francs. Kein Einspruch hilft;, vergebens
zeigt der Kaufmann die Rechnungen vor. Der Zöllner diktiert dem Schreiber, er
solle den Zoll auf Waren im Werte von 1800 Francs eintragen. Plötzlich hält
der Schreiber inne. Der Zöllner hat sich anders besonnen. Seine Denkübung
wurde nach einer anderen Richtung gelenkt durch ein Goldstück — auch zwei;
der Schreiber hat einen Medschid, 4 Francs, eingesteckt. Der Beamte prüft die
Ware noch einmal und sagt: „Die Farbe ist ja doch eine andere als ich meinte.
Also schreibe: für Waren im Werte von 500 Francs ....** So kommen
Sendungen von vielen Tausenden im Werte herein, von denen die türkische Zoll-
kasse nur einen lächerlichen Betrag erhält, und der Staat wird auf diese Weise
jährlich um viele Millionen bestohlen. Die Verwaltung trägt aber selbst die
Schuld, da sie ihre Beamten so schlecht oder gar nicht bezahlt. Der Beamte
sucht sich daher auf solche betrügerische Weise Einkünfte zu schaffen und tut es
gleich gründlich. In der rücksichtslosesten Weise werden diese Erpressungen
ausgeführt. Erscheint das Trinkgeld, vielmehr das Bestechungsgeld zu gering,
so werden die Waren empörend zugerichtet. Eine Firma erhielt aus Wien eine
Sendung Porzellangeschirr. Unglücklicherweise hatte der Packer sämtliche Dinge
in alte Zeitungen gewickelt. Der Zöllner, nicht genügend bestochen, Hess die
alten Blätter — politische Zeitungen — herunterreissen. Die ganze Sendung kam
in Scherben an. Staunenswert ist der vielseitige Gebrauch, den die türkischen
Zöllner von dem Befehle machen, scharf nach Dynamit zu forschen. Bulgaren
und Armenier werden aufs lästigste untersucht, es geht aber auch anderen nicht
besser. Eine grosse Bank liess sich einen Geldschrank kommen. Der Zöllner
behauptete, er müsse den Schrank auseinandernehmen. In der Tat liess er die
Stahltüre ausheben — und anbohren. Der Schrank wurde übel zugerichtet und
blieb unbenutzt stehen, bis die Bank einen auf derartige Arbeiten eingeübten
Mann hatte vom Ausland kommen lassen, welcher die Ausbesserung besorgte.
Mit der Dynamitfurcht hat auch ein deutscher Verein im letzten Jahre schlimme
Erfahrungen gemacht. Ein Satz neuer Kegelkugeln kam an. „Das können
Bomben sein**, meinte der Zollbeamte. In der Tat wurden die Kugeln ebenfalls
angebohrt. Ich hätte sehr gewünscht, sie wären wirklich Dynamitbomben gewesen,
damit die Zolldirektion etwas mehr praktische Eifahrungen über Dynamitbohrung
hätte sammeln können. Noch schmerzhafter war — jeder Deutsche wird das
nachfühlen — die Dynamitbohrung an sechs Fässern Pilsener Bieres. Obwohl
die Fässer die Plombe der Brauerei zeigten, wurde eines ganz aufgedeckt, die
anderen angebohrt. Natürlich entwich die Kohlensäure, das Bier war fad und
schlecht. Die Entrüstung über eine so blödsinnige Behandlung von Gütern kann
man sich denken. Wie Bierfässer, so werden auch Konservenbüchsen geöffnet,
der Inhalt verdirbt. Will man dergleichen kommen lassen, so bleibt einem nichts
übrig, als sie im Hafen vom Schiffe zu schmuggeln, indem man zu mehreren das
Schiff besucht und die Waren in kleinen Päckchen verbirgt und mitnimmt. Es
ist kläglich und empörend, denn im Grunde genommen gehen diese dreisten
Plackereien nur auf Erpressung hinaus.
Die Türkei kann also bei solchen unerhörten Zuständen gar nicht darauf
rechnen, dass ihren Kassen die Erhöhung von 3 % etwas einbringen werde; der
Zöllner hat ja schon jahrelang ganz nach Willkür weniger oder mehr als 8 °/ 0
gefordert, oft so unverschämt viel mehr gefordert, dass der Kaufmann die Ware