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deutschen Hochschulen liegt ja gerade darin, daß sie sowohl Lehranstalten
als auch Forschungsstätten sind; dies ist beste Tradition, an der man
nicht rütteln sollte. Die Hochschulreform kann also nur soweit erfolgen,
als sie im Rahmen des Wesens der Hochschulen möglich ist. Dieser
Rahmen ist weit genug, um darin Ersprießliches zu vollbringen. Wollte
man die Forschung aus den Hochschulen verbannen, so würden sie
zu Fachschulen werden, in denen den Studierenden — ähnlich wie beim
Repetitor — die Ergebnisse fix und fertig mitgeteilt und eingeflößt
werden. Der Student darf sich aber Mt dieser „Rezeptmethode" nicht
begnügen, denn in seinem späteren Beruf treten Fragen an ihn heran,
die er nicht auf der Hochschule bereits beantwortet erhalten hat, so daß
er sie nur bei wissenschaftlicher Durchdringung seiner Vorbildung wird
lösen können. Es ist natürlich nicht erforderlich, daß jeder Student
quasi zum Forscher im kleinen herangezogen wird, er muß aber den
Geist der Forschung gespürt haben, muß selbständig und systematisch
denken gelernt haben. Dies kann aber nicht geschehen, wenn de^
Hochschullehrer selbst nicht forscht, also nicht selbst neue Gebiete erschließt
und vertieft. Der Zweck der Hochschule ist n i ch t allein die Aebermittlung
eines bestimmten Wissensstoffes, sondern die Erziehung zum wissenschaft¬
lichen Erkennen.
Jedoch ist nicht zu leugnen, daß die Forderungen nach Reform des
Hochschulstudiums ihre Berechtigung haben, daß sich Mißstände ein¬
gestellt haben, die beseitigt werden müssen. Die Mißstände haben
mehrere Ursachen. Die Vorbildung der Studierenden hat nachgelassen,
der Andrang zum Hochschulstudium ist zu groß, die wirtschaftliche Lage
drängt die meisten Studenten zum „Brotstudium" und hetzt sie oft
zwischen einem Nebenerwerb und dem Studium hin und her. Die Be¬
rührung der Dozenten mit den Studenten beschränkt sich immer mehr auf
das Kolleg und das Seminar, die beide meist so überfüllt sind, daß es
keinem Dozenten möglich ist, sich näher mit seinen Hörern zu befasseü.
Daneben ist auch nicht jeder große Forscher ein guter Lehrer, und um¬
gekehrt. Dieser Gesichtspunkt ist jedoch nicht sehr schwerwiegend, weil
die größte Zahl der Forscher auch gute Lehrer sind, wie jeder, der in
seiner Arbeit lebt, sie auch meist gut lehren kann. Für bedeutende
Forscher, die keine Neigung zum Lehren haben, besteht ja auch das
Kaiser-Wilhelm-Institut in Dahlem, das Forschung ohne Lehrtätigkeit^
ermöglicht "
Eine große Anzahl Studierender trachtet auch nur danach, so schnell
wie möglich zu promovieren, ohne später einen akademischen Berus zu er¬
greifen. Promovieren sollte nur derjenige, der „Meister" ist, d. h. der¬
jenige, der seine „Gesellenprüfung" bestanden, also das Staatsexamen
abgelegt hat. Bei uns Ingenieuren z. B. kann man nur nach bestandenem
Staatsexamen (Diplom-Ingenieur) promovieren, die Juristen und Philo¬
logen können auch ohne Staatsexamen promovieren. Man beseitige
diese leichteren Bedingungen, dann werden sich auch die Vorlesungen
der niederen Semester leeren. Ein weiterer Weg, die Ueberfüllung
der Hochschulen zu vermeiden, wäre die Einführung eines Aufnahme¬
examens gegebenenfalls unter Beseitigung des Abituriums. Zwar sind