Page
Vor 60 Jahren, im Mai 1872, wurde die Hochschule für dio Wissen¬
schaft des Judentums eröffnet. Der Gedenktag trifft uns in einem
Augenblick schwerster Bedrängnis, es geht um die Frage von Sein
oder Nichtsein. Nicht aus Gründen der inneren Existenz der Hoch¬
schule; ihr Besuch und das Interesse an ihrem Arbeitsgebiet sind
größer als je. Die Bedürfnisfrage stellt außer Zweifel. Höchst ver¬
zweifelt aber stellt sich die Frage ihrer materiellen Existenz dar, das
Problem der Aufbringung der Mittel für ihre Erhallung. Der Hoch¬
schule sind schwierige Situationen nicht unbekannt, sie hat sich wäh¬
rend ihrer Gescliichte wiederholt am Rande der Gefahrenzone befun¬
den. Aber niemals war die Lage so trostlos wie heute, niemals die
Hilfe aller Freunde ihrer Bestrebungen so dringlich wie gegenwärtig!
Was der Hochschule Lebensrecht gibt, ist nicht nur ihre unmittelbare
Leistung für die wissenschaftliche Erforschung des Judentums, für
die Heranbildung von Rabbinern, Rcligionslchrern und Sozialarbeitern,
sondern auch die Idee, welche sie verkörpert.
Ihre Gründung fällt in eine Zeit kraftvollen Aufstrebens. Freiheit¬
liche Gesinnung, idealer Schwung beflügelten das Geistesleben. Da er¬
wachte auch in jüdischen Kreisen das alte Sehnen, das ein Menschen-
alter vorher in den Bemühungen um die Begründung einer Jüdisch-
theologischen Fakultät zum Ausdruck gekommen war. Es sollto jetzt
verwirklicht werden. Was die Hochschule wollte, wich von den Imj-
stehenden jüdischen BUdungsanstallen ab. Sie wollte frei sein, in Un¬
abhängigkeit von Staats- und Gemeindebehörden ihre Tätigkeit aus¬
üben. Sie wollte über allen jüdischen Parteien stehen, ihre Lehrer
ohne Rücksicht auf ihre Stellung zu umstrittenen Problemen des
Judentums berufen, wenn sie nur ihre wissenschaftliche Befähigung
für das Lehramt erwiesen hatten und sich verpflichteten, „ihre Vor¬
lesungen lediglich im reinen Interesse der Wissenschaft des Juden¬
tums, ihrer Erhaltung, Fortbildung und Verbreitung" zu halten. Sic
wollte Studierenden aller Fakultäten und aller Bekenntnisse ihre Pfor¬
ten öffnen, wenn diese nur den Wunsch hatten, sich in der Wissen¬
schaft des Judentums zu unterrichten. Die Lehrfächer sollten nicht
a,uf die Gegenstände der jüdischen Theologie beschränkt bleiben, son¬
dern alles umfassen, was das Leben des Judentums und der Juden in
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft berührt. Die Hochschule
sollte neben, aber in engster Verbindung mit der Universität ihr©
Arbeit leisten, die Universitas litcrarum durch ein Gebiet ergänzen,
das dort nicht vertreten war. In der Zusammensetzung des Kura¬
toriums und des ersten Lehrerkollegiums waj die Überparteilichkeit
3