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erklärt, daß er noch nie gehört habe, daß der Tod der zwei frühexen
Gatten einen Grund für die Ablehnung der Schwagerehe abgeben
könnte, und daß in der Praxis darauf nie geachtet
werde. Wenn die Frau sich trotzdem weigern sollte, den Schwager
zu heiraten, so hätte sie dies mit dem Verlust der Ketubba zu büßen 17 ).
Dieso Meinung setzte sich allgemein durch, besonders in Deutsch¬
land, und zwar in den Fällen, wo der Schwager unverheiratet war,
wie dies ein Blick in die reiche Responsenliteratur beweist 18 ). Aber
auch in den letzten Jahrhunderten, wo die Chaliza immer mehr
die Schwagerche verdrängte, kamen solche Ehen vor. Mir sind solche
aus Italien um das Jahr 1572, und eine 1722 vom Rabbiner in Metz
vollzogene Schwagerehe 13 ) bekannt.
Wir sehen also, daß von einer endgültigen Beseitigung der
Schwagcrehe im Mittelalter und der Neuzeit nicht die Rede sein kann.
Theoretisch bestellt nach dem Schulchan Aruch noch jetzt die
Möglichkeit, eine Schwagerehe einzugehen, und zwar dort, wo dies
zum Zweck der Erfüllung des Thoragebotes geschieht, oder wo eine
Chaliza nicht möglich ist 20 ). In der Regel ist aber die Chaliza üblich.
Beides sowohl Jibbum als auch Chaliza abzulehnen, fiel niemandem
unter den Rabbinen ein, so daß auch R. Gerschom es nicht nötig
gehabt hätte, „durch einen Synodalerlaß trotz des Verschwindens der
Schwagerehe die Chaliza aufs neue in vollem Umfange für etwaige
Fälle" anzuordnen, wie fälschlich angegeben wird. Die diesbezügliche
Verordnung, die übrigens nicht von R. Gerschom herrührt, bezog sich
darauf, daß die Chaliza ohne Geldforderungen an die Schwägerin zu
vollziehen ist 21 ). Die Chaliza wird auch jetzt noch von allen kon¬
servativen Juden — und nicht nur von den Orthodoxen „des
Ostens" — vorgenommen.
Aus diesem kurzen Abriß über die Geschichte der Schwagerehe in
talmudischer und nachtalmudischer Zeit ist zu ersehen, daß die Praxis
mit den theoretischen Erwägungen und Annahmen in krassem Wider¬
spruch stand. Sollte dann ähnlichen Erwägungen und Vergleichen
für die altisraelitische Zeit ein größeres Maß von Wahrschein¬
lichkeit innewohnen? Diese Frage würde jeder nach seiner subjek¬
tiven Einstellung beantworten. Die Tatsache aber, daß diese Me¬
thode, auf die talmudische Literatur angewandt, sich als falsch er¬
weist, der Umstand, daß die Durchforschung eines eng begrenzten
Gebietes, wie es die Bibel oder ein Traktat der Mischna und des
Talmuds darstellen, zu falschen Ergebnissen führt, darf von nieman¬
dem unbeachtet bleiben.
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