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Einzelnummer 3 M.
Serlin, 21. September 1922
l. Jahrgang ♦ Nr. 20
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Zum Neujahrstage.
Eine Laienxreöigt von Ludwig Holländer
Ein alter Lehrer des Judentums hat den Ton des Wibder-
horns — das Schofar —, der in Israels Gotteshäusern
an den hohen Feiertagen ertönt, mit der Mahnung verbunden,
sich an Zehn Dinge zu erinnern, welche mit dem
Schofar in Beziehung stehen. Drei von ihnen mögen hier
behandelt werden: die drohende Gefahr, der Tag
des G e u i ch t s u n >d Israels E r l ö s u n g.
Diedrohende Gefahr: Immer schwebte sie über uns
Juden. Das Schicksal der Minderheiten im Staatsleben
hat sich besonders an uns ausgewirkt. Politische,
wirtschaftliche und r e l i g i ö se Krisen fanden ihre
Rückwirkung besonders gegen uns: wir mußten für alles her¬
halten. Unser Vaterland steht im schlimmsten politischen und
wirtschaftlichen -Kampf. Schweres wirb der Winter bringen.
In diesen Blättern wurde unermüdlich gezeigt, wie weite
Kreise des deutschen Volkes dahin beeinflußt werden, in der
Not der Zeit nicht das Abrollen geschichtlicher Ereignisse zu
sehen, sondern im Hadern mit Judentum und Judenheit
den Weg der Rettung zu sehen. Viele Tausende der
deutschen Juden stehen dieser Entwicklung der Dinge g l e i ch -
mütig gegenüber. „Uns wird nichts geschehen! Was geht
das mich an?" Hätten unsere Väter so gedacht,
kein Jude weilte mchr auf Erden. Die neue Zeit fordert neue
Mittel der Bereitschaft. Und der Kern dieser Mittel besteht
allein in dem kraftvollen, zielbewußten und verantwortungs¬
vollen Zusammenschluß, der Organisation. Sie soll
kämpf- und friedensbereit sein. Kampfbereit gegen
alle, die uns verleumden, kampfbereit gegen die Scheinwissen¬
schaft, welche uns Menschen- und Bürgerrechte rauben will,
die Gott und die Lehre des Judentums beschimpft, die im Juden
das Prinzip des Bösen veÄörPert sieht. Friedensbereit
allen gegenüber, welche für Vaterland, Freiheit und wahre
Sittlichkeit kämpfen; denn Vaterland und Freiheit stärken
Gerechtigkeit und Einigkeit, sie fördern den Staat und seine
Bürger. Indem sie die Menschen unter dem Gesichtspunkt
ihres wahren Wertes für die Gemeinschaft betrachten,
ermöglichen sie uns Juden unsere Weiterentwicklung im Sinne
unserer Tradition. Wenn wir wurzelecht bleiben, werden wir
gute Juden und gute Deutsche sein. Darum ziehen
wir die Lehre: Vereinigen wir uns, arbeiten wir an nnS,
bekämpfen wir die Feinde mit allen Waffen, die Ehre und
vornehme Gesinnung gestatten. Seien -wir n i ch t g e i z i g
und kleinlich. Dann können wir hoffen, die drohende
Gefahr zu meistern, aber auch nur dann.
. Der Tag des Gerichts: Er bedeutet die Einkehr.
Er bedeutet die Erkenntnis, daß an sichtbarer Stelle stehende
Menschen — und das ist der DorfjNde genau so wie der Gro߬
stadtjude — sich der Verantwortung in höherem Maße
bewußt werden müssen, als es meist der Fall ist. Und nicht
die an Gütern Armen sind es, die sich an all dies besonders
erinnern sollten. Gerade auf denen, welchen die Wirt«
schaftliche Entwicklung besondere Güter ge¬
währt hat, lastet eine schwere Verantwortung.
Immer wieder wird über Protzerei, auffälliges Verhalten,
Rücksichtslosigkeit geklagt. Gewiß, das sind nicht jüdische Eigen¬
schaften, aber sie eignen auch Juden und bei ihnen fallen sie
besonders auf. Doppelt, ja dreifach ist bas Maß der Verant¬
wortlichkeit des jüdischen Menschen von jeher gewesen,
besonders aber in unseren Tagen. Darum an
den Pranger, an den Schandpfahl mit allen, die nicht sehen
und hören wollen. Schärfste gesellschaftliche Mißachtung
denen,welche Bescheidenheit, vornehme Zurückhaltung, kurz an
gesellschaftlichem Verantwortlichkeitsgefühl fehlen lassen. Sagt
nicht, die Berliner, die Breslauer, die Frankfurter, die Nürn¬
berger Juden sind an allem - schuld. Ueberall sitzen solche
Schädlinge: es ist bequem, sie in bestimmte Gebiete zu ver¬
weisen. Wer dazu in der Lage ist, der zeige es durch Opfer
für die Gemeinschaft. Es ist ein Schmach, daß reiche Leute
keinen Pfifferling für die Ehre der Juden übrig haben, die uns
mit Groschen abspeisen und in Ueberstuß und Tand ihr Geld
vergeuden. Schärft eure Augen, schärft eure
Sinne. Verachtet solche Leute. Sagt nicht, was geht uns
das an; mögen andere sich darum kümmern. Ein jeder ist
berufen. Hütet dieZungen! Eine Bahnfahrt ist rricht
dazu da, Familien- und Geschäftsvertraulichkeiten auszurufen.
Seid achtbar in Handel und Wandel. Der größte Teil der
Menschen darbt. Wucherer und Schieber in allen Berufen
achten solche Not für nichts. Wehe ihnen! Wir Juden kennen
Elend, durch Vergangenheit und Gegenwart. Stoßen wir jeden
zur Seite, der sich am Volke versündigt. Ihr Handelsleute in
kleinen Orten, auf die so viele Augen sehen, glaubt nicht/
nur in den Städten wird gesündigt. Ihr, die ihr so viel
Vorzüge habt, die ihr meist treue Söhne unseres Bundes
seid, haltet auch in euren Reihen Umschau. Fort mit
jedem unlauteren Geschäftsgebaren. Ueber-
laßt das andern. Befleckt nicht unser altes Panier Denkt
an die Pflicht, den göttlichen Namen in jedem Momente zu
heiligen. ^ #
Und zum Letzten: Die Erlösung Israels- Zunächst
wovon. Nicht allein vom Haß der Stunde und der Zeit.
Sondern eine Erlösung von alledem, was unserer Aufgabe
-tzntgegensteht: Ihr sollt mir ein erwähltes Volk
sein,einReichvonPriestern,einheiligesVolk.
Viele wollten sich vom Judentum erlösen. Sie sind abgefallen,
haben alles Jüdische verbannt, zeigen Verachtung gegen die
rückständigen Väter und spotten ihrer Gemeinschaft. Ab er¬
dige G e m e i n s ch a f t l ä ß t sich nicht a b l e u g n e n: sie
kommt hervor, auch wenn man sie nicht will, und Tausende, die