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$ erlitt, 1. Januar 1926
V. Fahrsang ♦ Nr. I
Einzelnummer 1- GslSpfenniz
Plätter sür-eutsrlitum
«nvllnoentum.
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jüdische Kolonisationen in RuKlanö.
von fl. SingaloWfkp.
Das Problem des osteuropäischen Judentums ist seit
kurzem zu einem Gegenstand scharfer Auseinandersetzungen
auch innerhalb des deutschen Judentums geworden.
' Es dringen eben beunruhigende Nachrichten aus dem
Osten her, die die Gemüter in Wallung bringen und tiefe
Zwistigkeiten säen. — Was sind das für Nachrichten? Hat
sich eine neue Pogromwelle über das russische Judentum
exgossen? Werden die Juden in Rußland wiederum massen¬
weise abgeschlachtet? O nein! Und selbst, wenn es der Fall
wäre, so würde es keine Zwietracht ausgelöst haben, denn
für derartige Fälle gibt es, gottlob, eine fertige, in jedem
Programm vorgesehene „Stellungnahme" . . . Die Ursache
der Verwirrung, der Unruhe und des Haders ist ganz
anderer, wenn auch minder tragischer, so doch bei weitem
komplizierterer Natur: Man kolonisiert Inden in
Rußland.
Ist dies in der Tat ein so großes Unglück? Aber nein!
Als Unglück wagt es kein- Mensch zu bezeichnen. Und
dennoch . . .
Da lese ich heute einen längeren Artikel in einer jüdischen
Wochenschrift — die soundsovielte Variante eines sich letztens
in mehreren periodischen Ausgaben wiederholenden Textes
— in dem der Verfasser erklärt, „an sich" kein Feind der jüdischen
Kolonisation zu sein. Ganz im Gegenteil. Mit einem
gewissen Vorbehalte sei er sogar bereit, zuzugeben, daß man
es hier mit einer sympathischen und in. gewissem Sinne auch,
nützlichen Sache zu tun habe . . . Und wenn diese Koloni¬
sierung sich beispielsweise ganz von selber machen würde,
oder wenn die russische Regierung sie ganz auf eigene Faust,
ohne jegliche Zuhilfenahme von auswärts durchführen würde
(wie es seines Erachtens von Rechts wegen auch geschehen sollte)
so hätten der Artikelschreiber und seine Gesinnungsgenossen
nichts dagegen einzuwenden. Nun aber erfordert diese
„Diaspora-Angelegenheit" angestrengte Aufmerksamkeit, ideelle
Hingabe und intensive Mitwirkung seitens des gesamten
Judentums, erfordert moralische, und was noch schlimmer
ist, materielle Hilfsmittel. — Alles Dinge, die nicht zu ver¬
geben feien, weil bereits von seinem Parteiprogramm mit
Beschlag belegt. Hier- meint Verfasser des Aufsatzes überein¬
stimmend mit den Verfassern unzähliger ähnlicher Artikel,
hier trennen sich die Geister. In puncto Hilfsmittel könne
man unmöglich zustimmen. Hier gäbe es keinen „Frieden
in Israel". Es tut uns furchtbar leid
* •
Meine Stellungnahme zur Frage fällt mit keiner' einzigen
von den in Deutschland kämpfenden Wchtvngen. gamzzu---
sammen. Ich gehöre zu keiner von den -am Streite beteiligten
Organisationen und suche immer öffentlicher Polemik- wo¬
möglich auszuweichen, selbst dann, wenn es schwer fällt,
diesem Gelüste standzuhalten. Dementsprechend möchte ich
auch jetzt die freundliche Einladung der geschätzten Redaktion
der „C. V.-Zeitung" nicht dazu verwenden, um polemische
Kümpfe auszufechten, sondern um zur Klärung einer
Frage nach Kräften beizutragen, die durch Un¬
kenntnis oder anderweitige Absichten bereits genügend ver¬
dunkelt wurde.
I.
Der Uebergang der Juden zur Landwirtschaft, der in
letzter Zeit in Rußland den Charakter einer Massenbewegung
angenommen hat, ist an sich keine neue Erscheinung in der
wirtschaftlichen Gefchichte des osteuropäischen Judentums.
Dieser Vorgang bildet nur eine Seite eines allgemeinen
Komplexes von historisch-wirtschaftlichen Prozessen, dessen
zentrale Tendenz da hinausgeht, -die bisherige sozialwirt¬
schaftliche Lebensgestaltung des osteuropäischen Judentums
zu normalisieren und den einseitigen Vermittler ischen
Charakter durch einen allseitigen zu -ersetzen.
Die ersten Anzeichen dieses elementaren Prozesses, der in
-der Folge die mittelalterlichi-wirtschaftliche Starrheit löste
und tief-einschneidende Veränderungen in den bisherigen
Habitus des osteuropäischen Judentums hineintrug, treten
bereits in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts
zutage.
Der Anfang der modernen kapitalistischen Wirtschafts¬
ordnung in Rußland — die Aufhebung der Leibeig-enfchaft,
die Cinsiührun-g der Eisenibahn-en — unterhöhlte die Grund¬
lagen der übervölkerten jüdischen Kleinstadt mit ihren Klein¬
krämern, Vermittlern und allerhand sonstigen haltlosen
Existenzen. Es beginnt notgedrungen die Abwanderung nach
den immer mehr wachsenden großen Städten, wo die Gene¬
rationen hindurch von Schankwirtschaft, Hausiererei und
Kleinkrämerei lebenden Volksmassen sich gezwungen sahen, zu
werktätiger Arbeit zu greifen.
Zu jener Zeit begannen die russischen Juden massenweise
zu Handwerk, Kleingewerbe, Verkehrs- und Fuhrwesen, zu
Die satzungssentSSe
Oarrsivrrrsammltms
des Leytralvereins deutscher Staatsbürger
jüdischen Glaubens E. B.
findet am
7. und S. März 192« in Berlin Mi.
Tagesordnung und offizielle Einladungen folgen später.