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Serttn, 17. Vezember 1925
V. Jahrgang ❖ Nr. 51
Einzelnummer 10 GolSpfennig
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Die Kmft, Zriedm zu schließen.
Bon Sr. G. v. Uankenberg, M. b. £. Wmunschweig).
Vorbemerkung. Wir haben in einer der letzten Nummern
der „C. V. - Zeitung" Franz O p p e n h e i rn e r s Aufsatz „Vom
Grupp eng erst" veröffentlicht, zu dem hier noch Stellung ge¬
nommen werden wird. Dieser Aufsatz beschäftigte sich mit dem
Problem, wie die unvermeidlichen Gegensätze weltanschaulicher
Art innerhalb des deutschen Judentums sachlich und würdi-g
behandelt werden müssen. Nicht minder wichtig sind in diesem
Zusammenhänge auch die allgemeinen deutschen innenpolitischen
Auseinandersetzungen. Der Zweck -des folgenden Aufsatzes aus
der Feder des Brannschweiger Landtagsabgeordneten
Dr. G. v. Frankenberg ist, auch dem deutschen politischen
Kampfe eine würdige und dem Vaterlande nützliche Plattform
zu schassen.
Jedes Jahrhundert hat seine große Idee, sein Leitmotiv,
das anfangs wie von ferne ertönt, nur wenigen vernehmbar,
dann immer kühner und voller, um zuletzt gleich einer
Schlachtfansare alle Herzen mitzureißen.
Warum vernehmen heute erst so wenige das Leitmotiv
unseres Jahrhunderts? Sind die Menschen betäubt vom
großen Geschehen? Oder fehlt es an überragenden Ge¬
danken?
Wahrlich nicht! Aber ein Hemmnis ist da. Ein seltsames
— ich möchte sagen: ein propagandistisches Hemmnis.
Ist es nicht auffallend, daß die großen Ideen des Jahr¬
hunderts, die ja im Grunde nur eine sind, fast durchweg
in negativer Fassung ausgesprochen werden? Ob wir
von Krieg und Frieden, von den sozialen Verhältnissen, von
der Staatssorm, von Mängeln der Rechtspflege oder der
Wirtschaft reden, immer steht die Kritik, das Ver¬
neinen im Vordergrund. Es ist, als hätte unsere
Generation verlernt, an das Positive zu denken, oder als sei
sie verurteilt, durch Wegränmung all des Ungesunden und
Ueberlebten Platz zu schaffen für die Aufbauarbeit kommender
Geschlechter. Gewiß sind bei all dem positive Ziele vor¬
handen — aber sie liegen meist tief im Unterbewußtsein. Man
frage doch einen der Menschen, die sich um die Aenderung der
bestehenden Zustände bemühen, was er an ihre Stelle gesetzt
zu sehen wünscht! Die meisten wird die Frage in einige Ver¬
legenheit sehen. Oder sie werden gar nicht merken, daß ihre
Antwort nur immer wieder aufzählt, was a b g e s ch a s s t
werden soll. Der einzelne ist für diese Erscheinung nicht ver¬
antwortlich. Und auch unser Volk ist keineswegs allein in
diese seltsame Anbetung des Negativen verstrickt. In allen
Kulturländern scheint die Entwicklung auf einem ähnlichen
Punkte zu stehen. Ueberall ist man sich darüber einig — oder
vielmehr uneinig —, was abgeschafft, verboten, ausgetilgt
werden soll. Wo aber beschäftigt sich einer mit dem Neuen
und Besseren, das erstehen muß?
Zum guten Teil liegt der Grund in mangelhafter Schu¬
lung des Denkens. Der Mensch, das denkende Tier, hat sich
so. weit von seinen Mitgeschöpsen entfernt, daß er, in Städten
lebend und umgeben von technischen Wundern, seine natür¬
lichen Instinkte, die ihn früher, führten, eingebüßt hat.. Er ist
aber doch wiederum ans dem steilen Pfade der Erkenntnis
noch nicht so weit vorgedrungen, daß er den rechten Weg
ohne diese Hilfe zu finden vermöchte. So irrt er denn an
der Grenze zweier Welten umher, noch unfähig, ans eigener
Kraft zu erkennen, was gut und was böse.
Unsere lebensfremde Einstellung zeigt sich vielleicht anr
besten» in der Art, wie wir streiten und wie wir „Frieden
schließen". Wir schließen ja eigentlich nie Frieden, sondern
tun uns etwas darauf zugute, daß die diplomatische Arbeit
„eine Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln" sei.
Welche ärmliche, kleinlich-hinterhältige Anschauung! Man
begreift/ daß ein Frieden dieser Sorte nicht viel mehr wert
ist als Krieg. Das Positive fehlt! Weise versöhnen sich
nicht aus Furcht, sondern ans Liebe.
Diese Großzügigkeit der Gesinnung, dieser Drang nach vor¬
wärts ist es, was uns gegenwärtig fehlt. Ich habe während
des Krieges öffentlich bedauert, daß nicht Deutschland, das
alte Land der geistigen Führer, es hat sein können, von dem
der Gedanke des Völkerbundes siegreich ausstrahlte. Und daß
die Völker Europas jetzt beginnen, d i e Außenpolitik zu
treiben, die sie vor dem Kriege hätten treiben sollen, geschieht
auch nicht ans Idealismus, sondern ans wirtschaftlichen
Gründen. Aber das wäre noch zu ertragen. Es ist immer¬
hin schon ein Fortschritt, wenn in der Außenpolitik nun über¬
haupt Ideen, wiewohl zunächst nüchternster Art, wirksam
werden. Wahrer Frieden freilich wird unter den europäischen
Nationen erst zustande kommen, wenn die Daseinsnotwendig¬
keit eines neuen Reiches Europa erkannt wird.
Aber sollte es nicht an der Zeit sein, nun auch inner¬
halb unseres Reiches, den eigenen Volksgenossen gegenüber,
nach größeren Gesichtspunkten zu handeln?
Es gibt ein chinesisches Sprichwort: „M a ch e dir
deinen Feind zum Freunde, und du wirst
zehnmal stärker sein!" Wir Deutschen haben ein
ähnliches, das ist freilich etwas dunkel gefaßt, ja, ein echtes
Oxymoron: „Der Klügere gibt nach!" Das soll
doch natürlich nicht heißen, daß er dem Dümmeren gehorcht.
Wohl aber, daß er zuerst die Unsinnigkeit des
Streites erkennt. Man kann Meinungsverschieden¬
heiten vernünftigerweise nicht dadurch schlichten, daß man
fcgmi ItlÜnK* Der Friedenspreis. — Ober-
«illW . VCIII jjUlJUl!. lrhrer Spatz (Rexingcn):
„Volksschullehrer und Beamte". — Kommt ein Schacht-
Verbot in Bayern?" — Johannes Müller: „Was ist eine
Ratio»...?" — Professor Dr. Paul Hildebrandt:
Das Testament des Primaners. — Dr. Graf Montgelas:
„Des »Hammers" Streitfrage". — Fritz Engel: „Sturm-
lanf gegen Jetzner". — C. B. »nd Achdnth. — I. E l b o g e n:
„Znm siebzigsten Geburtstag von Louis Marshall". — Ernst
Lissaner: „Stefan Zweigs neues Rovellcnbuch". —
Dr. Josef Lehmann: „Lesser Ury". — Georg Hermanytz
„Vom deutsche» Juden und seinen Gegnern." (Till),