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liche Schichtung und dnrch ihr sorgesetztes Hineinzerren in die
Gefahrenquellen der Zeit als Minderheit zu einem Bevölke¬
rungsteil geworden, dein man in schlechten Stunden den Ball
der Verantwortlichkeit zuwirst. Gerade der Umstand, daß sie
die Kraft besaßen, in veränderten Zeiten die Stimme des
Schicksals zu verstehen und den Glauben an die Zukunft nicht
auftugeben, jener von Schopenhauer als verrucht bezeichneter
Optimismus, hat aus der anderen Seite ihre Gemeinschaft
und ihr Wesen zum Angriffsziel einer nnverständigen und
leicht irregesührten Masse gemacht. Aber wenn man auch die
große Masse der Volksgenossen als schlecht unterrichtet, als
durch Fälschungen umnebelt betrachten muß, so kann man
dies von den im Hintergrund stehenden maßgeblichen Per¬
sönlichkeiten nicht sagen. Wir haben nach der Revolution
inuner wieder gesehen, daß diejenigen, die einen erneuten Um-
sturz wünschten, die zum Putsch rüsteten und rüsten, Feinde
der Juden gewesen sind. Ost standen sie sogar, allerdings in
vertarnter Gestalt, aus ersten Führerposten der judenseind-
lichen Bewegung. Auch nach dem Kapp-Putsch, bei dem die
Pogromelemente der ersten Nachkriegsjahre eine erhebliche
Rolle gespielt haben, ist die Putschgefahr unter unverändert
judenseindlichen Begleiterscheinungen bis auf den heutigen
Tag bestehen geblieben. Und wenn wir heute namentlich den
Haß der Führer der Nationalsozialisten und deren Presse auf
uns gerichtet sehen, lvenn wir täglich von dieser Seite in un¬
erhörtester Weise verdächtigt werden, so kennen wir den
Grund»' jene wissen, daß wir vieles wissen, was ihnen nicht
angenehm ist. Alle Putschanhänger, lvie sie in den verschiede¬
nen Vereinigungen, die in diesen Blättern oft genug behandelt
worden sind, zu finden sind, stehen im Gegensatz zu uns. Wir
haben guten Grund, ihnen zu mißtrauen, auch wenn sic ab
und zu ans politischen Gründen so tun, als ob sie sich mit der
Judenheit, die so gern von ihnen in Ruhe gelassen werden
möchte, nicht beschäftigten.
Geht es politisch nicht, so sucht man die Juden gesellschaft¬
lich und wirtschaftlich in den Hintergrund zu drängen. Es
liegt heute klar zutage, daß die Verarmung weiter Schichten
der deutschen Judenheit in außerordentlichem Maße vor¬
geschritten ist, ja sicherlich relativ stärker als die der nicht-
jüdischen Bevölkerung. Es ist vollkommen irreführend, immer
nur aus die wenigen Reichen hinzuweisen, ans einzelne große
Geschäfte, die sich in jüdischen Händen befinden. Man ver¬
kennt dabei die ungeheure Not des Mittelstandes, die in jüdi¬
schen Kreisen teilweise gerade dnrch die großen Unternehmungen
entstanden ist. Wir haben über den Ausschluß von jüdischen
Kräften im Wirtschaftsleben zu oft gesprochen und geschrieben,
als daß es notwendig wäre, in diesem Rückblick mit Besonder¬
heiten aufzuwarten. Diese Auswirkung ist zu einem großen
Teile die Folge der völkischen Bewegung. Wir mußten beob¬
achten, wie ein starker Asemitismus, um diesen häßlichen Aus¬
druck zu gebrauchen, immer mehr und mehr den trockenen
Pogrom vorbereitet hat. Dabei soll gar nicht einmal von
Uebersällen, von Friedhossschändungen und von sonstigen in
die Augen fallenden Roheiten gesprochen werden. Sie sind
auch den Führern unserer Gegner unangenehm, weil sie Mil¬
lionen vornehm gesinnter Menschen abstoßen. Die geistigen
Führer der Völkischen bereiten durch ihre Propaganda den
Boden für die Tat, aber sie weisen die Täter von fidS.
II.
Die betrüblichen Folgen dieser im Laufe der Jahre in der
verschiedensten Weise, aber mit dem gleichen Ziele einer er¬
neuten politischen Umwälzung hervortretenden Bewegung
liegt zunächst in einer ungeahnten Vergiftung der Volksseele.
Man bedenke, daß allwöchentlich in Hunderttausenden von
Exemplaren sich Giftquellen über das Volk ergießen, die in
ihrer Wirkung nicht ungeheuerlicher gedacht werden können.
Wer sich z. B. einmal einen Jahrgang des nationalsozialisti¬
schen Wochenblattes „Stürmer" durchlieft, wird dort Dinge
antreffen, die eigentlich in einem Knlturstaat unmöglich sein
sollten. Es gibt keine Schändlichkeit, die sich der verworfenste
Mensch auch nur ausdenken könnte, welche nicht dort irgend¬
einer jüdischen Religionsquelle zugeschrieben wird. Alles soll
angeblich im Talmud stehen, und jede Niedertracht, die je alls¬
gedacht werden kann, wird als jüdisches Gebot hingestellt.
Es braucht nicht bemerkt zu werden, daß alle diese angeblichen
Quellenstellen in Wahrheit entweder überhaupt nicht vor¬
handen oder entstellt oder aus dem Zusammenhang gerissen
wiedergegeben werden; kurz: eine solche Masse von Fälschnn-
gen, wie sie dort verzeichnet werden, wird wohl in der heutigen
Welt sonst kaum feststellbar sein. Und nach der Vorschrift,
Karner
Lebensversicbeningitranii A.-6.
Ursprung 1855
Lebens-, Aussteuer- und Studiengeid
Versicherungen.
Mitarbeiter überall gesucht.
die in dieser Hexenküche der Volksversührung angewandt wird,
arbeiten auch die übrigen gestnnungsverwandten Blätter.
Mann imd Frau aus dem Volk sagen sich: „Wenn so etwas
gedruckt werden darf, muß es wahr sein; denn, wie wäre es
denkbar, daß jemand über einen Bevölkerungsteil so un¬
geheuer schwere Beschuldigungen anssprechen kann, lvenn
nichts daran wäre?!" Und hier zeigt sich der schärfste Mi߬
brauch der Preßfreiheit. Sie ist gedacht als Gewähr für freie
Meinungsäußerung, als das Recht, die Wahrheit aus¬
zusprechen, als die Möglichkeit, jedem edlen Geiste seine Aus¬
wirkung zu lassen, ailch wenn sie von der Meinung weiter und
maßgeblicher Kreise abweicht. Daß man aber die Preßfreiheit
dazu benutzen könnte, um fortgesetzt Lügen zu verbreiten, um
imnler wieder falsches Zeugnis wider den Nächsten abzulegen,
daran haben die Schöpfer der Preßfreiheit nicht gedacht, und
das sollte sie auch nicht bedeuten. P r e ß f r e i h e i t w o l l t e n
sie, aber n i ch t Verleumd ungs-freiheit! Hier
wird die Gesetzgebung schützend eintreten müffen. Immer
lvieder muß die Frage gestellt werden, was die deutsche
Oeffentlichkeit sagen würde, wenn etwa ein jüdisches Blatt
über Nichtjnden, über die Einrichtungen der christlichen
Religion und über deren Quellen auch nur annähernd solche
Unwahrheiten verbreiten würde, lvie sie hier gang und gäbe
sind. Mir werden in nächste'- Zeit der wellen Oesftnilichrett
Zusammenstellungen übergeben, die den Beweis dafür liefern
werden, was man heute der Oeffentlichkeit an Verhetzung
und Verleumdung vorsetzen kann, ohne zu fürchten, zur'Ver¬
antwortung gezogen zu werden. Gewiß ist die Rechtsprechung
in dieser Beziehung weil besser geworden; gewiß sehen wir,
daß der Schutz durch die Behörden allenthalben sich verstärkt
hat. Aber in sehr lveiten Kreisen gilt eben unsere Ehre als
vogc'lfrei, lind infolgedessen ist die Bewertung einer der jüdi¬
schen Gemeinschaft zngefügten Kränkung ungenügend. Wer
sich das ausgezeichnete Werk des Rechtsanwalts Dr. B r a u n
in Magdeburg: „Am Justizmord vorbei'") durchliest, in dem
der berühmte Fall Haas aktenmäßig dargestellt wird, wird
mit Erschrecken erkennen, in welcher Weise direkt und indirekt
diese Vvlksverhetznng gewirkt hat. Ebenso wird, wer in den
letzten Wochen die Berichte über den Prozeß Halsmann
in Innsbruck gelesen hat, sehen, wie sich, gleichviel, ob cs sich
um einen Fehlspruch handelt oder nicht, eine gegen die Inden
allgemein erregte Volksstimmung bemerkbar nracht, die die
Freiheit der Volksrichter in hohem Maße zu beeinslnjsen ge¬
eignet ist. Es liegen Jahre eines zähen Rechtskampses hinter
uns, und die juristischen Mitarbeiter im Centrälverem wissen,
wie sehr die geschilderten Volksstimmungen eine wirklich un¬
parteiische Rechtsfindung erschweren.
III.
Diese Erfahrungen haben uns eins gelehrt: Gewiß ist die
Rechtsgleichheit von ungeheurer Bedeutung; gewiß ist die
Stellungnahme der Behörden zu uns von wesentlichem Ein¬
fluß; aber entscheidend ist die Arbeit, die sich
aus die Gestattung der Volks sti mmwng als
s o l ch e e i n st ei l t. Im heutigen, im demokratischen Staats¬
wesen kann die Volksstimmung alles erreichen. Die Stim¬
mung nach unten ist wichtiger als die Stimmung nach oben.
Mit dieser Beeinflussung nach unten arbeiten unsere Gegner.
Der Nationalsozialismus bietet kein e unmittelbare Gefahr für
den Staat, aber er sucht die Stimmung im Volke systematisch
zu unterhöhlen. Er wird am Ende an seiner inneren Un¬
wahrheit zugrundegehen. Eine Bewegung, die im wesentlichen
mit Lügen arbeitet und die den Juden den Besuch ihrer /Ver¬
sammlungen sperrt, aus Furcht, es könnte dort einmal
1) Druck und V-'.vlag vou Pfaunkuch u. Co., Magdeburgs