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ölätttt' für -eutfklitum
und Judentum
Serlin, S. Januar 1-SS
IX. Jahrgang * Ar. I
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Staatsbürger M-ifeken ölaubens e.V.
Allgemeine Zeifung desDudenfums
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öilanz -er Wirtschaft.
Große Arbeitslosigkeit. — Das Gnöe alter Zirmen. — Danken unö
Textilhan-el leiöen am schwersten. - Der jü-ifche Naufmanns-
sianö hart betroffen.
Arie-Hofsschändung
in Gunzenhausen.
Wer sin- -ie Täter!
In der Zeit Zwischen dem 20. und 23. Dezem¬
ber wurden auf dem israelitischen Friedhof in
Günzenhausen (Bayern) 18 Grabsteine
böswillig nmgeworfen und dadurch teil¬
weise zertrümmert. Die Ortspolizeibehörde
hat die Verfolgung sofort ausgenommen. In
der Bekanntmachung des 1. Bürgermeisters
heißt es: „Die Tat ist für jeden, der nur noch
'einen Funken von Moral besitzt, gemein und
niederträchtig. Die israelitische Kultus¬
gemeinde hat für die Ermittlung der Täter eine
Belohnung von 500 Reichsmark ausgesetzt. Auch
die Stadt Gunzenhausen als solche hat ein sehr
lebhaftes Interesse daran, die nichts-würdigen
Täter baldmöglichst festgestellt zu wissen."
Leider war es bis heute noch nicht möglich,
-der Täter habhaft zu werden. H i t l e r ist vor
wenigen Tagen in seiner Zeugenaussage vor
dem Schweidnitzer Gericht von Roheitsver¬
brechen wie Friedhofsschändungen energisch ab¬
gerückt. Wie wir hören, versuchen die National¬
sozialisten in Gunzenhausen, die Schuld auf ihre
Gegner abzuwälzen. Es liegt uns fern, irgend¬
eine Partei zu verdächtigen, aber die Annahme,
daß die Tat zum mindesten ungewollt eine
Frucht nationalsozialistischer Hetzpropaganda,
wie sie in Günzenhausen von Mund zu Mund
stark betrieben wird, ist, liegt natürlich sehr-
nahe. Es liegt also tatsächlich im Interesse aller-
anständigen Menschen, gleichgültig, ob Juden
oder Christen, daß die Uebeltüter gefaßt werden.
'AUS DEM INHALT:
Paul Kampffmeyer: Eduard
Bernstein, 8. 6. Dr. Siegfried
Weinberg: Persönlidikeit über
Partei; der deutsche Jude Franz
Rosenzweig, S. 7. Wilhelm
Michel (Darmstadt): Kritik muss
frei von Hass sein! Bemerkungen
zu Wilhelm Stapels „Literaten¬
wäsche“, S. 8. Ludwig Hol¬
länder: Zeitgemässe Geschichts¬
schreibung, S. 9.
Wenn wir jetzt am Beginn des neuen
Jahres auf die Entwicklung derWirt -
schaft in Deutschland im letzten
Jahr zurückblicken, zeigt sich uns ein t r ü b e s
Bi ld. Die Ziffern der Arbeitslosen haben die
Millionengrenze mehrfach überschritten, die
Konkurse und Zusammenbrüche häufen sich in
erschreckender Zahl, der Absatz aller Wirt¬
schaftszweige scheint Zurückzugehen, und aus
allen Lagern ertönen die bittersten Klagen. Die
Bilanz des Jahres 1929, die wir
jetzt an der Jahreswende ziehen können, spiegelt
uns die Situation der deutschen Wirtschaft in
einem Zustand tiefer Nieder¬
geschlagenheit. Kein Wunder, daß eine
Körperschaft von der Bedeutung der Jndustrie-
und Handelskammer zu Berlin in der Ein¬
leitung ihres soeben veröffentlichten Jahres¬
berichtes .die Lage mit folgenden Worten
schildert:
„Seitdem mit der Stabilisierung der
Währung gegen Ende 1923 der deutschen
Wirtschaft die Voraussetzungen einer ge¬
ordneten Betätigung wiedergegeben waren,
hat sie noch kein Jahr von gleicher
N n g u n st erlebt, wie das nun ablaufende.
Daß trotz Einsatz aller Mittel und Kräfte in
hingehender Arbeit von Industrie und Han¬
del nur durchaus unbefriedigende Ergebnisse
erzielt wurden, darüber besteht eine nur
allzu große Einmütigkeit der Klage. Ver¬
schiedenheiten treten zutage hinsichtlich des
Grades, der Erscheinungsformen, der Ur¬
sachen der Mißerfolge; diese selbst aber
werden so gut wie allgemein gemeldet."
Dabei muß aber die Berliner Handels¬
kammer zugeben- daß die . wirtschaftlichen
Vorgänge, die man als objektive Anhaltspunkte
für das Ergehen der Wirtschaft zu benutzen
pflegt, durchaus nicht auf einen derartigen Tief¬
stand Hinweisen, wie er sich im Urteil des
rückblickenden Kaufmanns oder Industriellen
spiegelt. Der Pessimismus, der zurzeit fast
alle Schichten des deutschen Volkes beherrscht,
trübt den Blick vielfach. Man übersieht dabei,
daß sich die deutsche Produktion, und zwar ge¬
rade die Erzeugung der wichtigsten Rohstoffe,
der Kohle und des Eisens, aus einem bemerkend
wert hohen Stande hält. Man vergißt, daß
der Kohlenbergbau mehr Kohle gefördert hat
als im vorigen Jahre, daß auch die Eisen- und
Stahlgewinnung eine höhere war als 1928.
Man beachtet auch nicht, daß der Export in den
letzten Monaten einen starken Aufschwung ge¬
nommen hat und vorläufig mit einem Aktiv¬
saldo für Deutschland abschließt. Bis Ende
November hatte die Ausfuhr aus Deutschland
die Einfuhr übertroffen. Auch eine Nebersicht
über die Steuereingänge ergibt bisher be¬
friedigende Ergebnisse. Es wäre also falsch,
von einer Wirtschafts k r i s i s zu sprechen.
Die vielen Insolvenzen haben mit
Recht stark zur Entmutigung beigetragen, be¬
sonders durch den Umstand, daß altangesehene
Firmen vernichtet sind, und daß es sich um
Zusammenbrüche von oft stärkstem Ausmaße
handelt. Denn wenn man nur die Zahlen
der Konkurse und Vergleichsverfahren mit
denen der früheren Jahre vergleicht, dann wird
man feststellen, daß das Jahr 1929 auch in
dieser Hinsicht nicht das schlimmste war. Bis
Ende November zählte man 8963 Konkurse,
1928, also in einem Jahre mit günstigerer
Konjunktur, bezifferten sich die Konkurse
auf 10 595, und die Vergleichsverfahren
oder Geschäftsaufsichten auf 3147. Selbst wenn
man also für den Monat Dezember
1929 noch die monatliche Durchschnittsziffer
der bisherigen Konkurse hinzurechnet,
würde ihre Zahl die des Jahres
1928 nicht erreichen. Sie bleibt
bestimmt tief unter den Ziffern der
Jahre 1925 und 1926, denn damals gab es
' 14 805 bezw. 15 829 Konkurse. Aber das waren
vielfach Zusammenbrüche von Jnflations-
erscheinungen. Jetzt handelt es sich oft u m
dasFallissementjahrzehntealter
Häuser!
Wenn wir es aber trotz allen Ernstes der
wirtschaftlichen , Verhältnisse nicht für an¬
gebracht halten, auf das düstere Bild von der
deutschen Wirtschaft noch schwärzere Farben