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Blätter für Oeutfektum
und Judentum
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Verlag und Schrrftlertung: Berlin SW 68, ßinbenftt. m
Berlin, 10. Mai 1930
IX. Jahrgang ♦ Nr. 20
Linzelnummee 20 Pfennig
Organ Oes tentralVereiUsöeutfeiiex^^
LtaatsdüryerMöifrken Glaubens e.v.
All^enneine Zeitung des Dudentums
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^errn Minister Lrick!
Sie haben im ^aushalisausschuß des Thüringischen Landtags auf die Frage
eines Abgeordneten, gegen welche „art- und volksfremden Kräfte" sich die von
Ihnen angeordneten Schulgebete richten, folgendes geantwortet:
„Ich will ganz offen fein. Wir brauchen uns da nichts vorzumachen. Die
Entsittlichung des deutschen Volkes geht aus von rassenfremden Elementen,
nämlich von den Juden."
Es ist Ihnen als Minister eines deutschen Staates bekannt, daß man
keinen schwereren Vorwurf gegen einen Teil der Bevölkerung erheben kann, als
den, er entsittliche das Gesamtvolk. Dem so beschimpften Teile des Volkes
wird vorgeworfen, er selbst habe nicht nur die Grundlage des Zusammenlebens
der Menschheit, das höchste und Erhabenste, was die Menschen in sich ent¬
wickeln können, nämlich das Gefühl für Sittlichkeit, verloren, sondern versuche
es auch anderen zu rauben. sterr Frnck, Sie haben üfunderttausende von
deutschen Staatsbürgern mit Aot beworfen! Sie haben von den Juden ge¬
sprochen, haben also nicht etwa behauptet, daß einzelne unter uns Juden ent¬
sittlichend wirken, sondern Sie haben die Gesamtheit angegriffen. Einzelne
werden unter den Juden und unter den Nichtjuden stets aus dein Nahmen der
Allgemeinheit fallen. Diedeutschen Juden müssen sich aber in
ihrer Gesamtheit dagegen we hren,daßSieih nenim Gegen¬
satz zu ihrem heilig st enreligiösen und menschlichen Sein,-
das ihnen gerade die Förderung der Sittlichkeit zur be¬
sonderen Ausgabe macht, einen so unerhörten Vorwurf
entgegenschleudern.
Wollen Sie, llserr Minister, nicht der Verleumdung geziehen werden, so
geben Sie uns Beweise für Ihre Behauptung, daß die Juden die Entsittlichung
des deutschen Volkes betreiben. Sie geben sich als der deutsche Mann, der die
Wahrheit und die Ehre seiner Mitmenschen nicht beschmutzen will. Gut, bleiben
Sie bei der Wahrheit und antworten Sie uns. Diese Zeitung steht Ihnen
zur Verfügung.
Berlin, den H- Mai 1950.
D r. Ludwig Holländer,
Direktor des Eentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens.
WOllS »M MllllllA.
Non Sr. Hermann Funke.
Seinen drei früheren „Rassenkunden",' der
„Raffenkundedes deutschen Volkes", der „Rassen¬
kunde Europas" und der „Nassenkunde des
hellenischen und römischen Volkes" läßt Günther
jetzt eine vierte folgen — die bei weitem
schwächste von allen: „Die Nassen künde des
jüdischen Volkes" (Verlag I. F. Lehmann,
München). In Günthers älteren Schristen, zum
mindesten in den frühen Auflagen der „Rassen-
kuude des deutschen Volkes", war eine, an sich
Zwar dltrchaus bekämpfenswerte, Grundidee
mit einer gewissen Eindringlichkeit, Konsequenz
und Frische durchgesührt worden —aus seinem
jüngsten Werke springt uns kein irgendwie
lebendiger. Packender Gedanke entgegen, nichts,
was-irgendwie äufhorchen läßt, nichts von dem,
was bei aller Haltlosigkeit-und Anfechtbarkeit
doch irgendwie faszinieren kann. Historisch-
anthropologisches von ermüdender Weit¬
schweifigkeit, dazu in seinen Ergebnissen durch¬
aus nicht neu, und daneben — angeblich aus
diesem ersten rassekundlichen Teil sich folge¬
richtig ergebend, in Wahrheit einfach daran¬
gehängt, ohne jede innere Verbindung — eine
„Lösung der Judenfrage", wie man sie fast täg¬
lich in völkischen Leitartikeln lesen kann: das ist
das Gesicht der „Rassenkunde des jüdischen
Volkes".
Betrachtell wir es ein wenig genauer. Das
Grunddogma, auf dein Günthers ganzes Rassen-
evangelium beruht, ist bekannt: Nur die
Rasse, so lautet es, macht die Weltgeschichte,
nur die Kenntnis der r äffischen Zusammen-
häage verschafft den Schlüssel zu ihrem Ver-
steadnis. Dasselbe gilt darum auch für das
große weltgeschichtliche Phänomen des Juden¬
tums: „Die Judenfrage ist weder eine
Glaubensfrage noch eine wirtschaftliche Frage,
sondern eine Frage der Volkstümer und der
Rassen." So muß „die Grundlage für die Er¬
örterung aller Fragen, die sich aus dem Wesen
des jüdischen Volkes ergeben haben und ergeben
können", die Erkenntnis feiner Rassenzugehörig-
keit sein.
. Zu dieser Erkenntnis iut££ Günther in erster
Linie verhelfen. Er geht dabei recht umständ-
lich zu Werke; von prähistorischen Urzeiten an
verfolgt er - die Rassenschichtung der alt-
palästinensischen Bevölkerung. Und dies ist
das Ergebnis, zu dem er nach nahezu 200 Seiten
schließlich gelangt: Die Juden bilden keine
!!!ii!li!!Ill!l!!llIl!!II!,!i!II-!l!I!IIlII!III!I!!I,I!!!l!!!I!!!!,II,'II,I!!!!,!!I,„!I!II»»!,>Ii!!il!>!!II!!!
Inhaltsangabe dieser Nummer auf
Seite 259 .
e i n h e i t l i ch e R a s s e, sie sind ein R affe n-
gemis ch , und zwar im wesentlichen eine
Mischung aus der „vorderasiatischen" und der
„orientalischen" Rasse, mit geringen hamitischen,
negerischen und nordischen Einschlägen. Aber
entscheidendes Gewicht legt Günther im Grunde
nur aus das eine: Die jüdische Rassenmischung
enthält — bis auf den ganz geringen nordischen
Einschlag — nur -solche Rassen, die sonst i in
A b e n d l a n d n i ch t v e r t r e t e n sind. Um
das festzustellen, sollte man meinen, hätte es
eines solchen Aufgebots nicht bedurft^ Daß
man es sehr vielen Juden schon äußerlich an¬
steht, daß also gewisse „rassische" Unterschiede
im Sinne der herrschenden anthropologischen
Terminologie zwischen den jüdischen und uns
nichtjüdischen Deutschen bestehen, an dieser
Binsenwahrheit würde auch ohne Günthers
Buch kein Mensch Zweifeln.
Aus seiner rassischen Bestimmung des
Judentums, die nichts Neues bringt, zieht
Günther nun seine Folgerungen, die mm leider
erst recht nicht zum erstenmal hört: Weil die
Juden anderen Rassen entstammen als wir
übrigen Deutschen, müsse bei uns in Deutschland
(wie überhaupt im Abendland) stets eine unüber¬
brückbare Kluft Zwischen Juden und Nichtjuden
klaffen. Zwischen „so verschieden gearteten